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Vorteil Tennis

  • Nicolas Kellner
  • Montag | 15. Februar 2016  |  11:13 Uhr
Die Talsohle scheint durchschritten. Händler, die dem weißen Sport über die letzten mageren Jahre die Stange gehalten haben, werden nun belohnt. Zwar stagniert der Markt insgesamt noch, doch weisen deutlich steigende Durchschnittspreise bei Tennisschuhen beispielsweise auf eine Trendwende hin, die Mut macht.
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Text: Nicolas Kellner

Sowohl Vollsortimenter als auch Spezialisten im Tennisbereich haben derzeit den richtigen Aufschlag erwischt. „Wir führen in allen 19 Fillialen eine Tennisabteilung mitsamt Bespannungsservice“, berichtet Sport Scheck Pressechef Mathias Krenski. Je nach Stadt und Filialgröße sei die Nachfrage in der Ausprägung unterschiedlich, aber Tennis werde von den Kunden nachgefragt. „Deswegen geben wir mit unserer Präsenz auch ein Statement für diesen Sport ab“, unterstreicht der Sport-Scheck-Sprecher.

Der Handel beschäftigt sich also wieder mit dem Racketsport, den einst Steffi Graf und Boris Becker vor dreißig Jahren so richtig in Schwung gebracht hatten. Und waren es lange Zeit vor allem die älteren Spieler, die den Sport am Leben hielten, so drängt jetzt der Nachwuchs wieder in die Geschäfte. „Zu mir kommen Eltern mit ihren zehnjährigen Kindern, die unbedingt Tennis spielen wollen“, erzählt etwa Olaf Zachrau (Berlin), Tennisspezialist und einer von nur sechs Platin-Händlern von Asics bundesweit. Neben der richtigen Racketberatung kommt dem Sortimentsteil Schuhe eine ganz besondere Bedeutung zu. Das bestätigen Händler und es wird von den Erkenntnissen der Nürnberger Marktforscher von Sports Tracking Europe untermauert: sportFACHHANDEL liegen die aktuellen Trendzahlen der Handelsexperten vor (siehe Grafik), nach denen die Durchschnittspreise für Tennisschuhe im ersten Halbjahr 2015 (im Vergleich zum Vorjahr) spürbar angestiegen sind und die größten Zuwächse (bis zu 44 Prozent) auch ganz klar im oberen Preissegment (zwischen 120 und 150 Euro) zu verzeichnen sind.

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© NPD Group

Eine hochinteressante Tendenz ermittelten die Analysten von Sports Tracking Europe bei der Entwicklung der Preisklassen: Zwar sei in den ersten sechs Monaten diesen Jahres die Entwicklung wertmäßig mehr oder weniger konstant im Vergleich zum Vorjahr (ca. 9,5 Millionen Euro, -0,5 Prozent im Vergleich zu Januar bis Juli 2014), erläutert der Marktexperte aus Nürnberg, Dietmar Brandl. „Es wurden zwar weniger Schuhe verkauft (134.00 Paar, -8,5 Prozent), aber der Durchschnittspreis ist nach oben gegangen.“ Schuhe unter 70 Euro seien rückläufig, alles über 70 Euro deutlich positiv: „Man kann also sagen, der Markt hat an Masse verloren, aber an Qualität gewonnen“, so Brandl.

Die Daten der Handelsforscher decken den Sportfachhandel, Warenhäuser und Versender ab – jeweils ohne die reinen Tennis-Spezialisten. Fazit: Tennis ist wieder da! Verkäufer in Karstadts Sporthäusern in Hamburg und Berlin bestätigen den Trend. Der Warenhauskonzern zeigte sich traditionell immer schon stark in dem Segment. Aber auch in den Sportabteilungen von Kaufhof sowie in dessen Ableger Sport Arena wurde Tennis nie aufgegeben. Ebenso in den Filialen von Intersport Krumholz (Mülheim-Kärlich) heißt es Vorteil Tennis. Neben den gängigen Marken wird insbesondere die Intersport-Eigenmarke Tecnopro im Kindersektor beworben. Krumholz zielt damit bewusst auf den Nachwuchs, der sich wieder neu auf den Platz traut. Unter den Versendern sticht Tennis Peters aus Lübeck hervor, der sein Angebot mit Markenartikeln noch ausgebaut hat.

Wie eng das Tennisbusiness für Händler allerdings auch immer noch mit dem direktem Zusammenspiel der Verbände verknüpft ist, zeigt das Beispiel Westfälischer Tennisverbund (WTV), der als Plattform und Sprungbrett für den europaweit stärksten Versender, Tennis Point, agiert.

Gründer und Kopf dahinter ist Christian Miele, der in Herzebrock-Clarholz auf 8.000 Quadratmetern mit 150 Mitarbeitern über 150.000 Produkte zum Versand bereit hält. Der WTV sei Türöffner für ihn gewesen, sagt der Tennisverkäufer und leidenschaftliche Spieler, der erst 2007 mit der Idee für Tennis Point an den Start ging. Im Tennishandel aktiv ist Miele allerdings schon seit 1998, damals während der Studienzeit mit einem kleinen Laden. 2013 sorgte Mieles Tennis Point mit der kompletten Übernahme des größten Tennisversenders in der Schweiz, MRS Tennis AG, für Furore und sicherte sich damit nach eigenen Angaben einen zusätzlich großen und wichtigen Markt. Außer dem starken Online-Geschäft unterhält Tennis Point aber auch weitere stationäre Geschäfte in Hamburg, Berlin, Münster, München und Graz sowie nun auch in Zürich. Die Website gibt es in zwölf Sprachen und rund 50 Prozent des Umsatzes mache der Händler mittlerweile im Ausland.

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Hersteller bauen Tennis europaweit auf: Kein Wunder, dass also auch manche Hersteller zurück auf den Centre Court kommen: „Unser Ziel ist, weltweit die Nummer 3 im Sport zu sein. In einer umfassenden Zielgruppenansprache müssen dafür sämtliche global wie regional relevanten Sportarten von New Balance belegt sein – und natürlich gehört dazu auch Tennis“, erklärt Tobias Zingel, Senior Head of Marketing and Product bei New Balance in Deutschland. „Analog zu unserer Fußballstrategie werden wir auch dieses Segment Schritt für Schritt erweitern. Und Teil der Strategie ist auch, frühzeitig Nachwuchssportler unter Vertrag zu nehmen, wie es schon mit Milos Raonic erfolgreich funktioniert hat.“

Laut Asics verzeichnet der Anbieter jährlich zweistellige Zuwächse im Tennisschuh- und Tennisbekleidungs-Segment. In Deutschland und Italien gelte man als die am schnellsten wachsende Tennisschuh-Marke, in Spanien und Frankreich ist Asics eigenen Angaben zufolge Marktführer in dem Bereich, berichtet Asics´ Europachef Alistair Cameron. Für Michael Schwarz, Sales & Marketing Manager DACH für Babolat, ist Tennis „eine der Grundsportarten und zeitgleich auch eine weltweit relevante Sportart. Unser Partner ist der Fachhandel und Babolat steht zu dieser seit 1875 gepflegten Partnerschaft“.

Der japanische Sportgigant Mizuno will europaweit in Sachen Tennis ebenfalls Gas geben. Schuhe stehen ab nächstem Jahr im Mittelpunkt: „Das Interesse an Tennis hat in den letzten Jahren merklich abgenommen, wobei nun ein gewisses konstantes Level erreicht ist. Gegenwärtig hat man sogar ein wenig das Gefühl, das Tennis wieder ein wenig populärer wird. Im Gegensatz zu Deutschland ist Tennis in den anderen europäischen Ländern aber noch wesentlich stärker“, erklärt Mizuno-Marketing-Manager Bernd Reishofer. „Wir starten im Frühjahr/Sommer 2016 mit Schuhen und vor allem hier sehen wir uns als absoluten Experten. Die Schuhe sind neben dem Schläger das wichtigste Accessoire eines Tennisspielers – sprich Eigenschaften wie Komfort, Dämpfung und Stabilität sind entscheidende Faktoren. Hier bedarf es dann durchaus einer gewissen Beratung, um den richtigen Schuh zu finden und damit dann die optimale Leistung.“

Dem Fachhandel sollten also demnächst genügend Top-Ware sowie exzellente Verkaufsargumente im Bereich Tennis zur Verfügung stehen. Die Hersteller jedenfalls stehen - wie auch die aktuelle Umfrage von sportFACHHANDEL unter führenden Anbietern auf den Folgeseiten zeigt – voll hinter dem weißen Sport, den manche wohl schon zu früh abgeschrieben haben.

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 12 / 2015