Dienstag | 20. Februar 2018  |  18:32 Uhr
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Snowboard: Innovationen treiben den Markt wieder an!

Beste Stimmung in der Snowboardhalle auf der ISPO: „Unsere Händler sind alle gekommen“, freuten sich die Vertreter nahezu aller Aussteller. Dabei war nicht nur Party angesagt, sondern auch Business bis zum letzten Tag. Das tut einem seit Jahren auf Kante fahrenden Markt gut, zumal es der Messe gelang, diesmal endlich wieder für einen sinnvollen und zusammenhängenden Auftritt der Snowboard-Marken zu sorgen.

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Der Snowboard-Spaß zieht wieder jüngere Kunden an. Es gibt Chancen für ein gesundes Wachstum.
© Johannes Schnitzer, Petra Schwarz, Andermatt-Sedrun

Die Zersplitterung in den letzten Jahren hat keinem Anbieter gefallen und auch der Handel war eher verwirrt als orientiert. „Das war diesmal deutlich besser und hat viel mehr gebracht“, war einhellig die Meinung der Aussteller. Und: „Burton hat keiner vermisst“, war überall zu hören. Nachdem sich der Weltmarktführer von der ISPO mit hoher Nase verabschiedet hatte, ist die Snowboardwelt nicht zusammengebrochen. Im Gegenteil: Der Markt weiß sich zu wehren. Um die anderen Branchenpioniere Nitro und Nidecker herum gesellten sich dieses Jahr zahlreiche weitere Insidermarken, Newcomer und europäische Trendsetter, die alle für die Wiedererstarkung des Snowboardsektors kämpfen.

Der Handel weiß dies zu schätzen: So präsentierte Nidecker zahlreiche junge Marken mit erweiterten Modellpaletten von Boards und Bindungen rund um Now und Slash sowie Jones Snowboards. Die Produkte wurden heiß umworben, wie Stephan Guettinger vom deutschen Nidecker-Vertreiber Element Sports zu berichten wusste. Nitro hatte sein komplettes Programm von Hartwaren, Bindungen und Schuhen ausgepackt bis zu Kleidung und Accessoires. „Wir brauchen die ISPO als Schaufenster“, erklärt Nitro-Sprecher und Marktkenner Alexander Konz. Der Saisonverlauf war sehr vielversprechend, der Reinverkauf sollte wieder Freude bereiten.

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Die Herstellung von exzellenten Snowboards in Europa ist aufwendig.
© Archiv

Impulsgeber sind einmal mehr Innovationen: „Generell sind die Innovationen auf der Boardseite immer fortlaufend, wir verbessern unsere Beläge, Topsheets und Holzkerne ständig“, erklärt Konz. Wirkliche Neuheiten im Boardbereich würde man daher eher im Bereich der Diversifizierung der Shapes sehen. „Gerade mit der Quiver Linie, aber auch mit der Carver Crüe Serie haben wir viele sehr spezielle Shapes im Angebot, die sehr gut im Powder funktionieren oder carvingtechnisch optimiert sind – oft auch beides in einem Board verpackt. Bei den Bindungen ist sicher die größte Errungenschaft, dass wir den Vibram Toe Stap auf mehr Modellen als jemals zuvor einsetzen.“ Ein großartiges Comeback im Boot-Bindungs-Bereich feiert außerdem das Clicker Step-In System. Gemeinsam mit anderen Marken führt Nitro das altbekannte und von vielen geliebte Step-In-System kommende Saison in gleichartiger Weise wieder ein. Natürlich sind die Schuhe über die Jahre deutlich verbessert worden, aber prinzipiell basiert die Plattform noch immer auf derselben Bauweise.

Der Handel dankt diesem Engagement mit Treue. „Nach dem Absacken des Marktes haben die Anbieter Zeit, wieder durchzustarten“, sagt ein langjähriger Top-Verkäufer aus dem Ski- und Snowboardbereich von Karstadt Sports. Das beruhige den Markt nicht nur auf der Preisseite und verhindere den Verhau, sondern eröffnet auch Chancen für ein Wiedererstarken mit gesundem Wachstums. In der Tat verzeichnen die Skivereine im Voralpenland, zum Beispiel rund um Rosenheim, aber auch in der Schweiz und in Österreich, einen erfreulichen Nachfrageschub an Snowboardkursen. Die heutigen Twens, die zehn Jahre lang mehr oder weniger nur auf Ski standen, sind wieder fasziniert vom Snowboardsport und wollen es unbedingt ausprobieren, berichten junge Verkäufer von Sport Scheck. Und insbesondere junge Frauen würden den Snowboardspaß gerade für sich entdecken. „Die Leute kommen wieder, auch der Nachwuchs“, freut sich ein Verkäufer von Münchens Trend-Boardsportladen Santo Loco. Es werde auch nicht groß über VK-Preise von 599 Euro und mehr debattiert, die Kunden wollten einfach gutes Material sowohl beim Board als auch bei Schuhen und Bindungen haben. Daher muss die Auswahl und die Kompetenz der Berater stimmen.

Die Branche rappelt sich also wieder auf, es ist zwar noch ein weiter Weg bis hin zu den einstigen Topzahlen, als gut 7,2 Mio. Snowboardfans rund 55 Mio. Skifahren gegenüberstanden. Doch gelungene Messeauftritte mit einem spannenden Ausblick auf die kommende Saison 2019 festigen den Trend, sind sich alle Beteiligten sicher. Neben den Ständen der großen Player verzeichneten auch die kleineren Anbieter auf der ISPO Erfolge, wie der deutsche Durchstarter Korua aus dem süddeutschen Brannenburg nahe Traunstein (GF: Christian Niedermaier). Der kleine Stand wurde vier Tage lang von heimischen und internationalen Kunden regelrecht belagert. „Die wichtigen Händler sind alle gekommen“, berichtet auch einer der „alten Hasen“ der Branche, Josef Holub von Goodboards. „Jetzt müssen wir den Markt sauber halten und eine vernünftige Vertriebspolitk fahren.“ „Hilfreich wäre es, wenn auch Schulen das Ganze wieder mehr fördern würden“, ergänzt Uwe Schlager, General Manager des Deutschland-Ablegers von Northwave.

Fakt ist: Im DACH-Raum gibt es noch genügend freie und versierte Snowboardhändler, Italien kämpft sich zurück, während in Frankreich allerdings der freie Snowboardhandel leider ausgestorben sei – nicht zuletzt durch die aggressive Markmacht von Discounterriese Décathlon. Ob dem Schweizer Markt nach der aktuellen Übernahme aller Athleticum-Filialen (von Kaufhaus-Konzern Manor) durch Décathlon ein ähnliches Schicksal beschert sein wird, ist die bange Frage der eidgenössischen Snowboardszene. Nach knapp zwanzig Jahren Anlauf jedenfalls ist Décathlon mit diesem kurz vor ISPO-Start überraschenden Coup die Schweiz-Invasion gelungen.

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner

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