Mittwoch | 10. Mai 2017  |  13:40 Uhr

Quo Vadis Ausbildung? Personalsorgen im Sportfachhandel

Viele Sportfachhändler klagen darüber, keine geeigneten Auszubildenden mehr zu finden. Die Entwicklungen am Ausbildungsmarkt sind gerade für den Sportfachhandel alarmierend. Der Handel hat nicht länger die Qual der Wahl bei den Azubis, sondern muss aktiv um den Nachwuchs werben.

Text: Marcel Rotzoll

Nur wenige Branchen sind emotional so aufgeladen wie die Sportbranche. Freizeit, Gesundheit und Sport stehen permanent im Fokus der Öffentlichkeit. Da sollte man meinen, die Branche habe keine Probleme bei der Mitarbeitergewinnung. Doch weit gefehlt. Händler, die beklagen, angebotene Ausbildungsplätze zum Einzelhandelskaufmann/-frau oder Verkäufer/in nicht besetzen zu können, sind keine Einzelfälle. So kommentiert Markus Britsch, Leiter der Intersport Akademie: "Gerade in den vergangenen ein bis zwei Jahren kommen immer mehr Händler auf uns zu, die sich Hilfe bei der Mitarbeitergewinnung wünschen. Händler haben, insbesondere in Ballungszentren und wirtschaftlich starken Regionen, immer häufiger Probleme, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Bewerbungen gibt es durchaus noch, allerdings passt häufig die Qualifikation nicht mehr." Michael Fanck, bei der Sport 2000 Bereichsleiter Partner/Markt, fügt hinzu: "Die Nachwuchs- und Mitarbeitergewinnung ist aus unserer Sicht eine der größten Herausforderungen im Sportfachhandel. Unsere Partner haben vor allem Schwierigkeiten das richtige Personal zu finden, zu viele Ausbildungsplätze und Stellen bleiben dadurch unbesetzt. Aus unserer Sicht ist das eine dramatische Entwicklung, denn die kompetente und persönliche Beratung ist das Alleinstellungsmerkmal des Fachhandels und der ausschlaggebende Erfolgsfaktor am Point of Sale."

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Azubis händeringend gesucht: Azubi- und Mitarbeitergewinnung ist im Sportfachhandel zu einem ernst zu nehmenden Problem geworden.
© Johnwoodcock /istockphoto.com

Woran also liegt es, dass Sportfachhändler die angebotenen Ausbildungsplätze immer häufiger nicht besetzen können? Liegen die Ursachen rein in gesellschaftlichen Gründen? Oder gibt es Faktoren, die junge Menschen vor einer Ausbildung im Sportfachhandel abschrecken? Und welche Möglichkeiten hat der Sportfachhandel, um geeignetes Personal zu finden?

"Meiner Meinung nach hilft es nicht, sich nur über die Probleme zu beklagen. Es würde helfen, auch mal den eigenen Fokus zu verändern. Die Frage muss doch lauten: Was kann ich als Sportfachhändler meinen Auszubildenden bieten. Immerhin entscheiden sich letztlich die Bewerber für den Betrieb, nicht umgekehrt", konstatiert sportsella-Inhaber Gerd Bittl-Fröhlich. "Warum sollte ein Hauptschüler generell unterqualifiziert sein? Warum ein Abiturient immer überqualifiziert? Jeder Bewerber ist zunächst einmal ein ungeschliffener Rohdiamant. Ob aus einem Bewerber letztlich ein guter oder sehr guter Verkäufer und Mitarbeiter wird, hat auch immer der ausbildende Sportfachhändler selbst in der Hand! Ausbildung heißt immer auch, die Menschen und ihre Interessen zu erkennen. Nur dann können die Auszubildenden richtig gefördert werden. Dazu gehören stetige Fort- und Weiterbildung." Dieses Plädoyer dafür, aktiv um Auszubildende zu werben und hinter den schlichten Noten eines Zeugnisses und den gestelzten Sätzen einer Bewerbung immer auch den sich noch in der Entwicklung befindlichen jungen Menschen zu sehen, findet in der Branche breite Unterstützung. So weist Markus Britsch darauf hin, dass bei den Investitionen für die Mitarbeiterqualifizierung noch Luft nach oben ist: "Die Sportbranche gibt im Allgemeinen viel Geld für Marketing und Werbung aus. Aber nur wenig für die Mitarbeiterqualifizierung. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, pro Jahr zwischen 0,3 und 0,5 Prozent des Bruttojahresumsatzes in die Weiterbildung der Mitarbeiter zu investieren. Von diesen Zahlen sind wir in Deutschland und Österreich jedoch ein gutes Stück entfernt." Mit Blick auf die Zukunft fügt er hinzu: "Was nützen der beste Ladenbau und die angesagtesten Sortimente, wenn die Mitarbeiter auf der Fläche gar nicht umsetzen können, was der Kunde vom Mitarbeiter erwartet? Dieses Problem müssen wir alle gemeinsam angehen, sonst wird der Sportfachhandel auf Dauer der Verlierer sein." Auch für die Sport 2000 hält Michael Fanck fest, dass es darum gehen müsse, "sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren". Denn derjenige Händler, der gutes Personal auf der Fläche hat, "rückt auch seinem wirtschaftlichen Erfolg ein ganzes Stück näher".

Doch das ist gar nicht so einfach. Obwohl es insgesamt genügend Ausbildungsplätze gibt, bleiben viele Bewerbungen erfolglos und immer mehr Ausbildungsstellen unbesetzt. Das Phänomen dieser so bezeichneten Passungsprobleme hat längst die Sportbranche erreicht. "Diese Passungsprobleme können wir bestätigen", erklärt Sport 2000-Mann Michael Fanck. "Doch die Vorkenntnisse der Bewerber sind aus unserer Sicht nicht immer ausschlaggebend, um die "richtige" Qualifikation mitzubringen. Denn diese ist vor allem bei Dienstleistungen abhängig von der persönlichen Einstellung und der Motivation des Mitarbeiters. Wir raten unseren Partnern deshalb grundsätzlich dazu, Personal mit Leidenschaft für den Sport und der Kompetenz und Lust im Umgang mit Menschen zu akquirieren. Die Vermittlung der ebenso wichtigen fachlichen Qualifikationen geht so deutlich fließender und authentischer in die Gesamtkompetenz des Mitarbeiters über."

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Immer mehr Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt: Die Zahl der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsstellen hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt. Die Folge: Gerade kleinere Unternehmen ziehen sich aus der Ausbildung zurück.
© Grafik: sportFACHHANDEL

Der Sportfachhandel verkauft Emotionen. Soll ein Verkäufer diese erfolgreich im Kundengespräch transportieren, muss er selbst von seinem Arbeitgeber und seinem Beruf überzeugt sein. Es gilt also, die richtigen Bewerber zu finden, nicht auf ihn zu warten. Dazu bieten die beiden großen Verbundgruppen ihren Mitgliedern recht umfangreiche und teils bereits langjährig erprobte Instrumente an. Die Intersport empfiehlt ihren Mitgliedern, sich auf Bildungsmessen vor Ort in Sachen Mitarbeiterfindung besser aufzustellen. Dafür stellt die Zentrale den Mitgliedern unter anderem eine Azubi-Messewand zur Verfügung. Zudem wird angeregt, aktiv in die Schulen zu gehen und sich und sein Unternehmen dort zu präsentieren. Darüber hinaus hält die Akademie entsprechende Angebote für Ausbildungsbetriebe bereit: "Zum Beispiel das Tagesseminar "Mitarbeiter finden und fördern". Hier wollen wir einerseits darstellen, was ein Händler im Vorfeld unternehmen muss, damit sich die richtigen Mitarbeiter bewerben. Andererseits geben wir Tipps für das Bewerbungsgespräch." Die Sport 2000 bietet den Mitgliedern umfangreiche Personalchecks an. Unternehmer sollen so wichtige Informationen und individuelle Handlungsempfehlungen zu den relevanten Fragestellungen der Personalarbeit erhalten. Michael Fanck erläutert: "Der Personalcheck deckt u.a. Fragestellungen in den Bereichen Personalgewinnung, -vergütung, -weiterbildung und Nachfolgeregelung ab. Wir unterstützen unsere Partner hier sowohl bei der Auswertung der Ergebnisse, als auch bei der Umsetzung der empfohlenen individuellen Maßnahmen." In von der Mainhausener Zentrale organisierten Erfa-Netzwerktreffen soll zudem der Erfahrungsaustausch unter Kollegen gefördert werden. Beide Verbundgruppen berichten aber auch, dass obwohl die Schwierigkeiten der Mitarbeitergewinnung für die Händler immer größer werden, die Resonanz auf diese Angebote seitens der Partner nicht hoch genug sei.

Die Perspektiven des gewählten Ausbildungsberufes werden darüber hinaus für junge Menschen immer wichtiger. Sport 2000 und Intersport bieten mit ihren Schulungsprogrammen bereits heute vielfältige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Michael Fanck weiß: "Die berufliche Perspektive ist enorm wichtig, um das Interesse bei potenziellen Azubis zu wecken. Grundsätzlich scheinen Berufe in der Sporthandelsbranche attraktiv zu sein, denn diese sind bei den Sportmarken extrem gefragt. Die beruflichen Perspektiven im Einzelhandel gelten hingegen als sehr begrenzt, bei zugleich gestiegenen Anforderungen an die Mitarbeiter." Die Berufe im Fachhandel erforderten heute viel mehr Facetten "als deren Image suggeriert". Beispielsweise würden sich im Zuge der Digitalisierung gerade für den Nachwuchs spannende Einsatzmöglichkeiten ergeben, die auch die Attraktivität der beruflichen Perspektive steigern. Generell bietet die Sport 2000 für Azubis viertägige Seminare zur Vorbereitung auf die Prüfung zum Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel oder als Verkäufer/innen an. Aktuell habe man sich in diesem Jahr dabei auf Angebote fokussiert, die Azubis dabei unterstützen, die Digitalisierung gewinnbringend für ihr Geschäft zu nutzen. So werden aktuell folgende Seminare angeboten: Meine Rolle als Verkäufer/in in Zeiten des Internets, Social Media Marketing, Facebook Marketing, E-Mail Marketing, SEO – Suchmaschinenoptimierung oder Online Werbung. Die Intersport setzt auf das so bezeichnete Azubi-College. Markus Britsch erklärt: "Unser Azubi-College ist modular aufgebaut. In Österreich besteht es aus fünf jeweils fünftägigen Modulen, in Deutschland aus vier fünftägigen Modulen und ist ein Mix aus Persönlichkeitsschulung, Verkaufstechniken und warenkundlichen Themen. Darüber hinaus ist die berufliche Perspektive für Auszubildende heute sehr wichtig. Für die Azubis und Mitarbeiter selbst versuchen wir deshalb mit unserer Intersport Akademie aufzuzeigen, welche Karrieremöglichkeiten es gibt und welche Schritte nötig sind, um Karriere zu machen. Vom Azubi bis hin zur Führungskraft bieten wir für alle Mitarbeiter im Sportfachhandel entsprechende Seminare."

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Weniger Hauptschüler, immer mehr Abiturienten: Immer häufiger sind Bewerber entweder unter- oder überqualifiziert. Auch ein Grund für die so bezeichneten Passungsprobleme, denn obwohl theoretisch genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, bleiben viele unbesetzt.
© Grafik: sportFACHHANDEL

Wenn der Wille zu Fortbildung bei den Azubis und Mitarbeitern noch stärker ausgeprägt ist, kommen freie Bildungseinrichtungen wie beispielweise das Düsseldorfer IST-Studieninstitut in Betracht, das unter anderem die akademischen Studiengänge Master Sportbusiness Management sowie Bachelor Sportbusiness Management anbietet. Benjamin Willems aus dem Fachbereich Sport & Management erläutert: "Der Sportfachhandel bietet zweifelsfrei sehr spannende Einstiegsmöglichkeiten, sollte aber auch hinterfragen, wer wie intensiv ausgebildet werden muss. Es besteht beispielsweise die Möglichkeit sich über ein Bachelor-Studium Sportbusiness Management an der IST-Hochschule kaufmännisch sowie gleichermaßen auf die Sportbranche spezialisiert ausbilden zu lassen. So wird das notwendige kaufmännische und sportspezifische Know-how vermittelt und im Falle des Sportfachhandels über ein Wahlmodul Sporthandel die notwendige wissenschaftliche Ausbildung gewährleistet. Über den praktischen Teil des dualen Studiums wird dann vom Arbeitgeber das notwendige Spezialwissen für den Sportfachhandel vermittelt."

Die Personaldecke im Sportfachhandel ist häufig dünn. Azubis werden deshalb öfter nahezu ausschließlich im Verkauf eingesetzt, als es für eine qualifizierte Ausbildung gut ist. Gerade weil sich viele Bewerber beispielsweise durch vergleichsweise geringere Entlohnung und unattraktive Arbeitszeiten von der Ausbildung im Sportfachhandel abwenden, ist es aber umso entscheidender, den Azubis Perspektiven zu bieten. Dazu gehört neben der bestmöglichen Ausbildung auch die Möglichkeit zur stetigen Fort- und Weiterbildung. Immerhin – und das sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden – spricht sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda schnell herum, welcher Ausbildungsbetrieb weiter zu empfehlen ist und welcher nicht. Nur wenn es dem Sportfachhandel gelingt, trotz aller Probleme als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, können die Herausforderungen der Zukunft auch gemeistert werden.

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

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Mag. Germanistik & Philosophie (Universität Düsseldorf) +++ zuvor Verantw. Redakteuer Sport-Fachhandel (markt intern Verlagsgruppe), Redakteur Augenoptik/Optometrie & Pharmazie (markt intern Verlagsgruppe) +++ Persönliche Interessen: Wandern, Fußball +++ Mein liebster Sportplatz: Derzeit die Wanderwege rund um das Ahrtal +++ Da geht mir das Herz auf: Beim Torjubel der Südtribüne im Westfalenstadion

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 06 / 2017