• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Leipzig: Boomtown des Ostens

  • Nicolas Kellner
  • Freitag | 19. Januar 2018  |  14:07 Uhr
Leipzig gilt derzeit als Boomstadt im Osten der Bundesrepublik. In der Stadtmitte, aber auch am Speckgürtel der deutschen Trendmetropole buhlen daher nicht von ungefähr zahlreiche kleinere und größere Sportfachgeschäfte um die Kundschaft. Trotzdem bleibt Raum für Einzelkämpfer - so etwa im Teamsportbereich, wie sportFACHHANDEL erfuhr.

Text: Nicolas Kellner

Leipzig zieht an: Bachstadt, Messestadt, Stadt der Gründerzeit, der Kunst und Musik. Und natürlich Stadt der sportlichen Erfolge. Wachstumsträchtige und in ihren Wachstumsstrukturen hinreichend entwickelte Bereiche erhalten besondere Unterstützung seitens der Stadt. Leipzig setzt mit seiner Wirtschaftsstrategie auf ausgewählte Zukunftsbranchen wie IT und Hochtechnologie. Die Knotenpunkte einer Reihe von Netzwerken bilden arbeitsteilig verflochtene Unternehmen mit kurzen Wegen zu Ideenfabriken in Forschung und Entwicklung sowie zur Universität. Um die wirtschaftliche Leistungskraft der Stadt Leipzig mittelfristig effektiv zu steigern, bündelt die Wirtschaftspolitik vielfältige Aktivitäten in Richtung Clusterentwicklung. Genau das fördert auch zahlreiche sportliche Aktivitäten und Vereinsstrukturen. Daraus folgt eine anspruchsvolle und wachsende sportliche Käuferschicht.

neuer_name
Outdoor-Urgestein in Leipzig: Tapir am Georgiring gehört bundesweit zu den renommiertesten Fachhandelsadressen in Sachen Outdoor.
© sFH

Für viele Menschen in Leipzig ist Sport ein selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil des Alltags. So gilt Leipzig seit Beginn der modernen Sportbewegung als eine Hauptstadt des Sports. In wohl kaum einer anderen ostdeutschen Stadt gab es nach der Wende einen derart großen Aufschwung und Pioniergeist in Sachen Sporthandel wie in Leipzig. Bikehändler Clemens Wittwer war einer der ersten Trendsetter Anfang der Neunziger Jahre, die mit Trendsport rund ums Bike und alle Rollen loslegten. Erfolgreich bis heute. "Die wilden Zeiten sind natürlich vorbei", resümiert der Sportfachhändler, Leipzig sei und bleibe trotzdem ein spannendes Pflaster. Der Fahrradspezialist hat sich seitdem in der Leipziger Gottschedstraße, junge Ausgehmeile seit jeher und noch fußläufig in Innenstadtlage gut erreichbar, mit einem kleinen, aber feinen Spezialgeschäft für Custom-made-Bikes etabliert. Das Business läuft, Clemens Wittwer hat sich in der Nische zielgruppenbewusst durchgesetzt. Auch Gerd May (Bike Department Ost) besetzte schon Mitte der Neunziger Jahre in Leipzig eine Nische: Im Hinterhof als Szeneladen und Insidertip für MTB-Fans. "Klein anfangen und Vertrauen aufbauen", lautete sein Motto. Und May setzt vom Start weg auf Qualitätsangebote und ein starkes Zubehörsortiment. 2005 folgte der große Sprung aus dem Osten Leipzigs in die Südvorstadt, Karl-Liebknecht-Straße. Ein größerer Laden, beste Beratung und hochwertige Produkte blieben sein Steckenpferd. May verzichtet bewusst auf einen Onlineshop. Die Kunden kommen ins Geschäft und suchen das stationäre Einkaufserlebnis.

neuer_name
Auch der Sportladen Leipzig von Martin Klaus hat seine Nische gefunden und kann sie sogar ausbauen.
© sFH

Dabei verfügt gerade Leipzig in Sachen Bike und Outdoor über eine große Angebotsdichte. Der Wettbewerb ist groß. Fahrradfilialisten wie Lucky Bike und Little John sind aus ostdeutschen Fahrrad- und Handelsstrukturen erwachsen und wie im Fall Little John Bikes (25 Filialen) in den ostdeutschen Bundesländern sesshaft geblieben. In Leipzig führt Little John drei Ableger. Der ebenfalls einst reine ostdeutsche Fahrradhändler Lucky Bike ist nach der Fusion mit dem Münchner Bikefilialisten Radlbauer mittlerweile bundesweit mit insgesamt 21 Filialen vertreten. Gründer von Lucky Bike waren 1994 die beiden Studenten und heutigen Geschäftsführer Christian Morgenroth und Thomas Böttner. Wo? In Leipzig. Die Idee war zunächst der Verkauf von hochwertigen Markenfahrrädern mit Tiefpreisgarantie zu begrenzten Öffnungszeiten, ausschließlich an Samstagen und in der Sommerzeit. Die Geschäftsidee ging auf, dazu übernahm Thomas Böttner später sieben Radlbauer-Fachmärkte von seinem Vater Klaus Böttner im Raum München. Lucky Bike unterhält in Leipzig zwei Geschäfte, am Hauptbahnhof und an der Messe.

neuer_name
ZU den Pionieren der Stadt zählt auch Bike Department Ost. Der Händler sponsert seit über zehn Jahren MTB-Events.
© sFH

Markenmäßig und zielgruppenbedingt überschneiden sich Outdoor- und Bikeläden in der Stadt. MTB und Radtouren bedeuten für viele Kunden und Händler Outdoor. Spezielle Fahrradläden und Bikeketten ziehen aber auch immer mehr Multisportler und Triathleten an. Die Klientel ist aber allemal sportlich und man empfiehlt auch andere Läden, erklären Verkäufer. "Wir kommen gut miteinander aus", sagt Clemens Wittwer. So zählt beispielsweise auch Fahrrad Preisser (Gründer und Inhaber Leander Naumann) zu einem der ganz frühen Sporthandels-Pioniere Leipzigs. Dabei hat sich der Händler stets weiterentwickelt. Das Thema Ski und Snowboard spielte in der Stadt (trotz aller Saisonturbulenzen) immer schon eine große Rolle. Naumann jedenfalls hat sich neben dem Schwerpunktbereich Rad längst auf Wintersportausrüstung und -service (u.a. Burton, Salomon, Head, Tyrolia) spezialisiert.

Die Stadt bietet also viel Raum für Spezialisten, Vollsortimenter und auch Sportfilialisten. Wie Joachim Hübner beispielsweise. Intersport Hübner ist am Rande der Stadt (in Leipzig-Leuna sowie in Leipzig-Großpösna) mit zwei erfolgreichen Märkten vertreten. In beiden großflächigen Märkten präsentiert sich der Händler als Vollsortimenter für Winter und Sommer und deckt dabei selbstverständlich auch die Segmente Outdoor und Rad- bzw. Rollsport ab. Überhaupt ist Intersport seit zwei Jahrzehnten prominent und filialstark vertreten in Leipzig. So zählen dazu auch zwei Voswinkel-Häuser (Paunsdorf-Center am Stadtrand und Höfe am Brühl mitten in der City) und eine weitere Sportpoint-Filiale zur Intersport-Riege. Sportpoint war 2014 aus dem ehemaligen Filialnetz von Wolfgang Rossow übernommen worden, der ebenfalls zu einem der ganz frühen ostdeutschen Sporthandelsgrößen zählt. Eine Umwandlung der Voswinkel-Häuser in von Intersport so getaufte "Future Stores" "würde doch schon einen Einschnitt in die bestehenden, über 20 Jahre gewachsenen Sporthandelsstrukturen der Stadt bedeuten", meint ein Händler in Leipzig. Denn demgegenüber stehen eine Vielzahl von Spezialisten (Laufen, Trekking, Indoorsport), die meist dem Sport 200o-Verbund angehören. So ist etwa der Leipziger Laufladen von Jörg Matthé und Uwe Förster seit über 20 Jahren eine feste Institution in der Stadt und vor allem prominent, seit 13 Jahren in den Brühl-Arcaden, gelegen. "Ob New-York-Marathon oder eine gemütliche Laufstrecke in Leipzig", am Laufladen kommt keiner vorbei, meint ein langjähriger Fachverkäufer.

neuer_name
Auch Outdoor-Filialist McTrek möchte vom Wachstum der ostdeutschen Metropole profitieren und sucht seine Chance.
© sFH

Ebensowenig an Tapir, dem vor beinahe vor 28 Jahren von Rando Steinbach mitgegründeten ersten Outdoorladen in Leipzig. Von Steinbach stammt der legendäre Satz: "Wir brauchen kein Marketinggerede von den Herstellern, sondern mehr Produkt- und Hintergrundinfos, wenn wir als Fachhändler auch gut verkaufen sollen." An klaren Worten und deutlichem Selbstverständnis fehlte es unter Leipziger Händlern noch nie, was vielleicht ein Teil des Erfolgsrezepts in der Stadt ist. Wohl nicht umsonst zog es auch weitere westdeutsche Outdoor-Händler wie Unterwegs oder McTrek in die Stadt. Und Sport Tiedje expandiert nicht nur massiv im Ausland (77 Geschäfte europaweit), sondern auch in Leipzig: Jedenfalls wurde soeben innerhalb der Stadt, am Gutenbergpaltz, ein neues größeres Ladengeschäft bezogen. Komplett renoviert und neu ausgestattet mit mehr Platz, freut sich Filialleiter Mathias Hellmuth über die neuen Möglichkeiten, die das Sportgeschäft in der Sportstadt bietet.

neuer_name
Internet-Riese Amazon hat in der Nähe von Leipzig eines seiner größten Lage- und Verteilender aufgebaut.
© sFH

Und so kann jeder seine Chance suchen in Leipzig. Ebenfalls in der Nische hat diese Martin Klaus (Sportladen Leipzig) gefunden. Der Sporthändler ist Spezialist für Teamsport und Vereinsbedarf. Vor allem Fußball und Handball sind seine Steckenpferde. Aber auch die Ausrüstung für Kinder sei sehr wichtig. Manch anderes Sportgeschäft muss hier passen. "Die Stadt wächst, überall wird gebaut", bestätigt der Händler, das bringt neue Nachfrage. Kinder und Jugendliche würden wieder vermehrt in die Vereine strömen. Leipzig darf daher mehr denn je als Sportstadt gelten. Auch das Vereinsleben ist sehr vielversprechend. Im Jahr 2015 gab es in den 401 Leipziger Vereinen 94.202 Mitglieder, das ist beinahe jeder sechste Leipziger. Mit 25 Prozent den größten Anteil an den Leipziger Vereinsmitgliedern hat die Gruppe der über 60jährigen, gefolgt von der Altersgruppe 40 bis 60 mit 22 Prozent. Mit 18 Prozent folgt bereits der Kindersport der 6- bis 14-Jährigen auf dem dritten Platz. Und die Palette der angebotenen Sportarten in den Leipziger Vereinen ist sehr groß. Von Aerobic bis Zumba scheint für jeden Geschmack etwas dabei zu sein. Die Sportart mit den meisten Mitgliedern ist dabei allerdings nicht Fußball, der sich mit Platz 2 zufrieden geben muss. An erster Stelle steht der Rehasport. Weiter sehr beliebt sind allgemeine Sportgruppen, Schwimmen, Gesundheitssport und für eine eher flache Stadt wie Leipzig vielleicht so nicht vermutet, das Bergsteigen.

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 01 / 2018