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E-Scooter: Trend mit Fragezeichen

  • Dienstag | 23. Juli 2019  |  11:10 Uhr
Spätestens seit die Politik den Weg frei gemacht hat, sind E-Scooter in aller Munde. Nach dem Willen der Befürworter werden sie in naher Zukunft den Stadtverkehr mitprägen. Erwächst daraus ein neuer Trend, von dem auch der Sportfachhandel profitieren kann? Oder fällt der Hype bald wieder in sich zusammen? sportFACHHANDEL geht auf Spurensuche.
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Die deutschen Großstädte richten sich auf den E-Scooter-Boom ein. Aber profitiert davon auch der Sportfachhandel?
© Metz-Mecatech

E-Scooter sollen das Auto als Verkehrsmittel der Wahl für Kurzstrecken ersetzen – das ist zumindest die immer wieder propagierte Hoffnung derjenigen, die im E-Scooter ein Fortbewegungsmittel der Zukunft sehen. Der Hype um das Thema ist verblüffend. Selten wurde in den vergangenen Monaten mehr über ein Gesetzgebungsvorhaben diskutiert als über die so bezeichnete Elektrokleinstfahrzeug-Verordnung (eKFV), die im Mai den Bundesrat passiert hat. Die Verordnung, die wohl im Juli in Kraft tritt, legt fest, unter welchen Voraussetzungen E-Scooter im Straßenverkehr bewegt werden dürfen. Glaubt man dem Hype, werden die deutschen Städte bald geflutet von E-Scootern. Ein veritables Geschäftsfeld also – insbesondere auch für den Sportfachhandel. Oder doch nicht?

Der Sportfachhandel – so viel ist klar – könnte dringend ein Boom-Sortiment gebrauchen. Gerade der Rollsport war in der Vergangenheit immer wieder für attraktive Umsätze gut – Inliner, Scooter oder auch Longboards lassen grüßen. Gleichwohl folgte dem Boom meist der jähe Absturz. Im vergangenen Jahr blieben viele Händler beispielsweise auf großen Mengen Longboards sitzen. Und auch „der Boom bei Scootern und Inlinern ist leider längst vorbei. Das Segment ist herausfordernd“, kommentiert Udo Matenaar von Intersport Matenaar in Nordhorn. Händler würden sich mittlerweile, sekundiert Uwe Poppe, Senior Einkäufer Strategischer Einkauf Intersport, „auf ausgewählte Marken und Modelle“ konzentrieren. „Insgesamt sind Scooter noch ein Nischenthema.“

Allerdings, fügt Udo Matenaar hinzu, könnten E-Scooter für Belebung sorgen. Aus den USA und ersten europäischen Metropolen schwappt der Trend E-Scooter seit einigen Monaten nach Deutschland über. Die Zeit scheint günstig: E-Bikes beispielsweise sind längst etabliert und haben sich im Markt breit durchgesetzt. Ganz neue Zielgruppen konnten durch den E-Bike-Boom für das Fahrrad gewonnen werden – und zwar sowohl im Bereich Touren als auch im innerstädtischen Verkehr. Generell ist der Boden also bereitet, das Schlagwort E-Mobility ist in aller Munde. Und längst hat auch der Handel reagiert. Erste Elektro- und Zweiradfilialisten und Online-Shops haben E-Scooter bereits im Angebot. Der Sportfachhandel steht in den Startlöchern. Beispielsweise hatte die Intersport zur Juni-Messe den Händlern E-Scooter präsentiert.

Bisher jedoch sind nur die wenigsten E-Scooter nach den Bestimmungen des eKFV auch für den Straßenverkehr zugelassen. Dazu nämlich müssen die Hersteller zunächst einmal eine Allgemeine Betriebserlaubnis beim Kraftfahrtbundesamt beantragen. Heißt im Umkehrschluss: E-Scooter, die nicht über diese Betriebserlaubnis verfügen, könnten den Besitzer bei Kontrollen im Zweifelsfall vor Probleme stellen. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Kunde verärgert darüber ist, ein nicht straßentaugliches Produkt erworben zu haben und dafür seinen Händler verantwortlich macht.

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Und dem Handel droht weitere Konkurrenz: Mit Anbietern wie beispielsweise Lime, Circ, Tier oder Bird stehen E-Scooter-Verleiher in den Startlöchern. Ausgestattet mit Unsummen an Fremdkapital spekulieren sie auf den Boom und werden Großstädte mit Verleih-Geräten fluten. In der Regel werden die E-Scooter dann per App freigeschaltet und bezahlt und nach Gebrauch am Standort zurückgelassen, wo die Anbieter die Scooter einsammeln, warten und aufladen.

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Noch dazu, erklärt Udo Matenaar, werden die Kunden vom Kauf im Handel von den derzeit hohen Preisen abgeschreckt. „Sobald E-Scooter in guter Qualität auch zu marktgerechten Preisen erhältlich sind, dürfte das Segment anziehen.“ „Ich denke“, weist der erfolgreiche Händler schließlich auf das Gefälle zwischen Stadt und Land hin, „E-Scooter werden vor allem in größeren Städten an Bedeutung gewinnen – Stichwort E-Mobility. Im ländlichen Raum hingegen, wo Fahrrad und Auto auch zukünftig wichtig bleiben werden, sehe ich für E-Scooter derzeit keinen erhöhten Bedarf.“

Zu guter Letzt gibt es bei allem Hype um die E-Scooter mittlerweile auch kritische Stimmen. Gewarnt wird beispielsweise vor erhöhter Unfallgefahr. Bemängelt wird aber auch, dass E-Scooter keineswegs wie beabsichtigt das Auto auf Kurzstrecken ersetzen werden. Vielmehr würden Scooter eher für solche Wege genutzt, die bisher zu Fuß zurückgelegt wurden. Zudem sei auch die Infrastruktur nicht für einen E-Scooter-Boom ausgelegt. Fahrradwege – auf denen sie künftig fahren müssen – sind mancherorts gar nicht ausreichend vorhanden, anderenorts bereits heillos überlastet. Umweltexperten werfen schließlich die Frage der Nachhaltigkeit auf. Denn gerade im Verleih sei die Lebenszyklus der Scooter sehr begrenzt, nach wenigen Monaten müssten die Geräte bereits entsorgt werden. Insofern könnte sich die Hoffnung, dass E-Scooter in Städten eine umweltfreundliche Alternative zum Auto seien, als falsch erweisen.

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Trend bleibt Trend. Probleme und Chancen im Hinterkopf können E-Scooter deshalb trotzdem ein spannendes Segment für den Sportfachhandel sein. „E-Scooter sind beratungsintensive Produkte, da einige sicherheitsrelevante Eigenschaften beachtet werden müssen. Der Sportfachhandel sollte mit kompetenter Beratung und Service der erste Anlaufpunkt für Kunden sein“, rät Uwe Poppe. Zum Service, soviel ist klar, gehört beispielsweise die Ersatzteilversorgung oder gegebenenfalls die Reparatur. Uwe Poppe rät deshalb, nur mit seriösen Lieferanten zu arbeiten, die einen After Sales Service bieten.

Marcel Rotzoll

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 10 / 2019