Sonntag | 05. Februar 2017  |  10:12 Uhr

City-Report: Die Münchener Mischung funktioniert

Seit der Olympiade 1972 gilt München als heimliche Sporthauptstadt Deutschlands. Das Megaevent führte nicht nur zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, sondern zu einem wachsenden Sportbewusstsein überhaupt. Eine tragende Rolle spielten und spielen dabei auch die Münchner Händler.

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Text: Nicolas Kellner

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Globetrotter in München – vom Outdoor-Schreck zum Ansporner
© npk

Schuster, Bittl und Sport Scheck zählen bis heute zu den wichtigsten Playern in der Bundesrepublik. Daneben setzten sich zahlreiche kleinere Sporthändler sowie Spezialisten in Sachen Outdoor, Running und Spezialdisziplinen durch. Denn auch die potentiellen kaufkräftigen Kunden und Käufer sind da. Der breite Mix aus Unternehmen unterschiedlichster Größe und Branchenzugehörigkeit und die enge Vernetzung von Hightech-Unternehmen und Betrieben des verarbeitenden Gewerbes ist als „Münchner Mischung“ bekannt. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass München zu den wirtschaftlich stabilsten Standorten in Deutschland zählt. Als Wachstumsmotoren gelten besonders die Informations- und Kommunikationstechnologie, Dienstleistungen, Forschungs- und wissensintensive Branchen – speziell Life Sciences, Medizin- und Umwelttechnologien. München ist Versicherungsstandort Nummer eins in Deutschland und nach Frankfurt am Main der zweitwichtigste deutsche Bankenplatz. Der Erhalt der „Münchner Mischung“ ist erklärtes Ziel der Münchner Wirtschaftspolitik. Die Stadt München unterstützt ansässige Handwerks- und Produktionsbetriebe durch das Münchner Gewerbehof-Programm und berücksichtigt kleine und mittlere Betriebe (KMUs) und Verarbeitendes Gewerbe bei der Flächenvergabe. Die multipolare Wirtschaftsstruktur vermindert die Abhängigkeit von einzelnen Branchenentwicklungen und trägt zur Krisenfestigkeit der Münchner Wirtschaft bei. Die „Münchner Mischung“ gilt auch in Sachen Sporthandel. Traditionalisten existieren gut neben Newcomern, Spezialisten und Monomarkenstores. Deren Auftritt nahm in den vergangenen Jahren sehr zu.

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Sport Schuster: Münchens ältestes und renommiertestes Sportgeschäft
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Krisenfest zeigt sich auch Intersport Lang in München (GF: Sporthändler Georg Veiel). Im vergangenen Jahr feierte das Sportgeschäft 60-Jähriges Bestehen. Seit gut 17 Jahren ist der Münchner Händler Mitglied im Einkaufsverband Intersport. Im süddeutschen Ehningen unterhält der Händler noch ein größeres Sportgeschäft nach dem Profimarkt-Konzept von Intersport. Auch dort ist das Winterbusiness schon früh eingeläutet worden. Nach Sport Schuster in München gehört das Geschäft, welches einst mit Kajaks und Booten startete, zu den ältesten der Stadt. Die zentrale Lage an der Schwabinger Freiheit bringt dem Händler seit je her einen hohen Kundenstrom. „Wir haben viele Stammkunden aus der Stadt, aber auch aus der Umgebung“, erzählt der erfahrene Verkäufer bei Sport Lang, Manfred Hofmann, seit 40 über Jahren in der Sportbranche. Starke Bereiche sind Teamsport und auch Wintersport. „Wir gehören im Winter zu den Geschäften, die immer noch skilastig sind“, erzählt Hofmann stolz. Im Sommer zählen Fitness, Gymnastik und Teamsport zu den Hauptumsatzträgern. „Tennis ist noch stark, da machen wir viel Bespannung und Servicearbeiten.“ Das spricht sich herum, es gibt nicht mehr viele Händler in München, die sich mit dem Ballsport seit dem Becker-Graf-Boom beschäftigen.

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Schecks Eingang im Münchner Hauptgeschäft zieren riesige Bildschirme
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Alle freuen sich über den Schnee in diesem Jahr, die Stammkundschaft deckt sich schon früh ein. Gesucht werden Skijacken, Handschuhe und warme, funktionelle Strümpfe. Die Hartware steht zu regulären Preisen bereit. München ist eine Wintersportstadt, eigentlich ganz Bayern bis an den Rand der Alpen. Es gibt Tagestouren ab München von Schuster oder Scheck organisiert, die Tradition haben. Dazu gehören auch Angebote von Kinderkursen. Händler wie Bergzeit oder Conrad in Penzberg profitieren ebenfalls davon. Und auch die Geschäfte von Sport Fundgrube von Branchen-Pionier Willy Kühme hatten ihre stärksten Umsätze in und um München.

Bei Intersport Lang brummt vor allem das Kinderskigeschäft. Im Untergeschoß, wo sich die Service-Abteilung befindet, stapeln sich bereits Kinderski, die ausgetauscht oder aufgepeppt werde. Dazu hat der Münchner Händler einen besonderen Service und Austauschprogramm für die Nachwuchsski ausgerufen, das sehr gut angenommen wird. „Wer glaube, es gäbe keine Begeisterung bei dem Nachwuchs für Wintersport, der irrt gewaltig“, meint Verkäufer und Skiexperte Hofmann. Allerdings sei der Wettbewerb härter geworden, meint der Händler. „Wir leben hauptsächlich von der Stammkundschaft.“ Alleine fast 6000 Kunden haben sich in der Kundendatei angesammelt. „Der Münchner Norden ist zu 90 Prozent unser Einzugsgebiet. Wem es bei uns gefällt, der kommt auch wieder.“ Hofmann ist der Überzeugung, in Zukunft werde es nur noch über Größe und Preis gehen oder um total nur noch über Service. Die über 40-Jährigen Kunden würden wieder verstärkt den Kontakt zum Verkäufer, zum Produkt und zur Beratung suchen. Hofmann ist zuversichtlich, dass das Business auch in Zukunft Bestand haben und Freude bereiten wird. „Der Bedarf ist da, das höre ich immer wieder, weil in den großen Läden oft keiner richtig Zeit für die Kunden hätte.“ Das sei die Richtung, in die sich der Sporthandel in den nächsten Jahren entwickeln werde, die „goldene Mitte“ werde wegbrechen. Aufgeschreckt hat natürlich die Münchner Szene, als der Schweizer Sportfilialist (und Deichmann-Ableger) Ochsner Sport den ebenfalls traditionsreichen Münchner Sporthändler Sperk übernahm. Aus „Sport Sperk“ wurde zum 1. Januar 2016 „Ochsner Sport“: Der Konzern aus der Schweiz schluckte die 1970 in München-Ottobrunn gegründete Sportfachhandelskette mit bundesweit 13 Filialen. Die Standorte, im Landkreis München mit dem Hauptgeschäftssitz sowie Fahrrad Sperk gleich zwei Filialen in Ottobrunn, blieben bestehen, auch der umfangreiche Warenbestand wurde von Ochsner Sport übernommen. Der große Preisverriss blieb bislang jedoch aus.

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Intersport Lang setzt voll auf Wintersport
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München lebt also von Wintersport und Outdoor. „Im Sommer sind wir im Outdorbereich total stark“, sagt Hofmann. Das sei immerhin der zweitstärkste Umsatzbereich. Trotz starker Konkurrenz. Über das Thema Passform und Schuhvermessung könne man eine hohe Kundenbindung erzielen. "Wer viel in die Berge geht, der legt auch Wert auf sehr gutes Schuhwerk." Also seien hier auch ordentliche Preise erzielbar. Diese Zielgruppe sei in den letzten Jahren immer stärker geworden, derzeit stagniere es ein wenig. Das jedoch auf hohem Niveau. „Es ist ein beständiger Umsatz.“

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Auch in diesem Segment war der Schreck groß, als vor fünf Jahren der Hamburger Filialist Globetrotter in der Stadt, fast in Citylage (4500 Quadratmeter), eröffnete. Doch Globetrotter wird mittlerweile vielmehr als Bereicherung und Ansporn gesehen. Jack Wolfskin kann auch in dessen Schatten überleben und vor nicht allzu langer Zeit kehrte Salewa mit einem Monobrandstore an seine Münchner Unternehmenswurzeln zurück. Der neue Markenstore „Salewa World“ (400 Quadratmeter) unter der Leitung von Frank Keßler vertreibt die Oberalp-Marken Salewa und Dynafit sowie Wild Country und Pomoca. Der Salewa-Store in der Münchner City war Anfang 2014 an den Start gegangen und wurde zunächst von der Oberalp-Tochter Bergzeit betrieben und ausgestattet. Der süddeutsche Outdoorhändler Bergzeit wurde unlängst von der Sportler-Gruppe geschluckt, die zur Oberalp-Gruppe gehört. Jetzt steht ein neues Team im Laden, sieben Mitarbeiter, Handelsprofi Keßler selber war zehn Jahre bei Sport Bittl, zuletzt als Filialleiter im Einsatz. „Wir sind parat und warten auf Schnee“, sagt der Salewa-Storeleiter Keßler aktuell. Tourenfans gehen übrigens immer noch gerne zu Bergzeit vor den Toren Münchens. Einige zieht es sogar bis zu Sport Conrad in Penzberg, ebenfalls einem bayerischen Traditionshändler gleich Richtung Alpen.

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Manfred Hofmann, seit 40 Jahren in der Branche und Verkäufer bei Intersport Lang
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Interessanterweise bauen viele Händler in der Stadt ihre Kindersortimente aus. So umfasst das Salewa-Geschäft mit klaren Warenstrukturen über mehreren Etagen ein ausgebautes Kindersortiment, berichtet Keßler. Auch bei Bergsport Schuster gibt es starke Sortimentsbereiche für Kinder. Dazu gehört auch ein Kletterfelsen mitten im Haus. Der Münchner Händler erweitert übrigens gerade mächtig, ein Haus direkt angrenzend wurde abgerissen, mehrere zusätzliche Stockwerksflächen sollen noch dazukommen. Ein unerwartet aufgetretener Wasserschaden verzögert nun allerdings den Ausbau, verrät Schuster-Geschäftsführer Rainer Angstl gegenüber sportFACHHANDEL. Sehr zum Leidwesen von Inhaber Flori Schuster, der die Wintersaison gerne noch in vollem Umfang mitgenommen hätte. Kämpfen muss auch gerade Sport Scheck in der Stadt. Scheck bezeichnet sich gerne als führender Sportfachhändler in Deutschland. Wie bei Schuster galt auch lange Zeit der Scheck-Katalog als Bibel der Branche. Das Münchner Hauptgeschäft des 1946 von Otto Scheck gegründeten und seit 1991 zum Hamburger Otto-Versand gehörenden Filialhändlers muss mit immer weniger Personal auskommen. Der Umsatz schmolz auf unter 300 Mio. Euro, eine Neuausrichtung hinsichtlich Sortiment und Kundenansprache soll die Kehrtwende bringen. Die berühmten Outdoor- und Gletscher-Testivals sowie die Stadtläufe vom Scheck sind und bleiben jedoch Klassiker.

München ist aber auch Stadt der Markenstores. Peak Performance (in der Innenstadt) und Patagonia waren die ersten Vertreter. Inzwischen tummeln sich Adidas, The North Face, Jack Wolfskin, Quiksilver, X-Bionic, Napapijri und seit einem Jahr auch Oakley auf engstem Raum an der Isar. Das Zusammenleben funktioniert, trotzdem auch die großen Händler der Stadt inklusive Karstadt Sports über zahlreiche Shop-in-Shop-Systeme der Marken verfügen. Kein Problem, man tausche sich auch aus und schicke Kunden von einem zum anderen Laden, verrät beispielsweise James Litttlejohn, Geschäftsleiter des neuen Oakley-Ablegers in der Stadt. Oakley will über Händler und Endkunden eine Community rund um das Thema Sportbrille aufbauen, sagt Littlejohn. Dazu gibt es immer mehr Events für Händler und Kunden, meist junge Freaks aus der Wintersport- und Funsportszene. Die wachsende Anzahl von Touristen in der Stadt freut und dankt es ebenfalls, berichten Händler.Darüber hinaus wächst die Zahl der Händlerfilialisten von neuerdings 21run bis Planetsports, Runners Point und Foot Locker. Da bleiben sogar noch Nischen für neue Ideen, wie etwa von Wolfgang Wagner, der vor einem Jahr erst seinen eigenen Fitness- und Boxshop (Sportplatz, 80 Quadratmeter) in München eröffnete. Und weiter bedienen mehrere Trendshops rund ums Thema Skaten und Surfen eine sehr lebendige junge Trendsportszene in München, die vor allem das Thema Snowboard am Leben erhält, von dem sich einige große Sporthändler in der Stadt leider fast verabschiedet haben. Fazit: Die „Münchner Mischung“ funktioniert nicht nur in Sachen Wirtschaft und Kultur, sondern auch im Bereich Sporthandel.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2017