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ANWR-Chef Günter Althaus: Deswegen überlebt der stationäre Handel

  • Andreas Mayer
  • Freitag | 27. Juli 2018  |  14:51 Uhr
„Totgesagte leben länger“, warnt ANWR-Chef Günter Althaus die versammelte Digital-Community auf dem „Digitize“-Summit der ISPO in München. Und das, obwohl der Sportfachhandel zuvor in einem so genannten „Digital Readiness Check“ noch äußerst katastrophal abgeschnitten hat. Es gehe aber darum, beide Welten miteinander zu verbinden, glaubt Althaus. Und dabei seien vor allem Investitionen in Mitarbeiter gefragt!

„Es ist nicht rosig um die Sportbranche bestellt. Besonders krass ist der Handel“, urteilte Karl Peter Fischer auf dem ISPO Digitize Summit. Der Universitätsprofessor und Inhaber einer Agentur hat den 20-Minuten-Online-Check in Zusammenarbeit mit ISPO entwickelt. Über 500 Player aus der Sportbranche haben ihn bisher ausgefüllt. Der aktuelle Stand: Auf einer Skala von null bis hundert Prozent liegt die „Digital Readiness“ bei den Händlern bei gerade mal 48 Prozent. Für Fischer bedeutet das, dass viele Unternehmen die Digitalisierung entweder gerade erst planen oder erst vor kurzem damit begonnen haben ...

„Wie viele Jahre brennt denn die Hütte schon in der Sportbranche? Und jetzt wird im Handel erst damit begonnen“, fragt Fischer kopfschüttelnd. „Das erschreckt mich. Die Händler kennen ihren Kunden nicht. Sie wissen nicht, was Kunden wollen. Also können sie auch keine Lösungen für ihre Wünsche bieten!“ Entweder sei der Handel so schmerzbefreit oder der Kunde sei ihm egal, rätselt Fischer. Selbst in der öffentlichen Verwaltung sei man in Sachen Digital Readiness schon weiter als in der Sportindustrie. „Wenn das so weitergeht, sind zwei Drittel der Händler in ein paar Jahren nicht mehr da.“

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Selbstbewusst: Günter Althaus auf dem ISPO Digitize Summit in München.
© Messe München

Der stationäre Handel überlebe aufgrund seines ureigenen USPs: der Möglichkeit, die Sinne der Konsumenten zu bedienen, entgegnet Günter Althaus, Vorstandsvorsitzender der ANWR-Group, zu der auch die Sport 2000 gehört. „Er überlebt nicht aufgrund seines Sortiments – damit alleine ist es heutzutage schwer, sich abzugrenzen,“ erklärt er. Denn: „Das Netz kann das kopieren.“ Das Netz könne aber nicht riechen, fühlen, tasten. Und selbst beim Sehen gäbe es Unterschiede zwischen der Betrachtung eines Produkts auf dem Bildschirm und dem vor Ort im Ladengeschäft: „Studien zeigen, dass bestimmte Farben beim Menschen eine emotionale Wirkung auslösen. Das geht aber nicht im Internet, weil es dabei auf die Einflüsse natürlichen Lichts ankommt,“ erklärt Althaus. Insbesondere die stationären Spezialisten könnten darüber hinaus „Geschichten erzählen, Communities aufbauen und somit tief in den Markt eindringen“. Dies sickere dann auch zu den Generalisten durch: „Das Zusammenspiel aus Spezialisten und Generalisten hilft uns und macht unsere Stärke aus.“ Die kleinen Fachhändler könnten so frühzeitig Trends aufspüren, von denen dann auch die Generalisten profitieren. „Gemeinsam haben wir eine unschlagbare Power“, meint Althaus.

Man habe es sich im Sportfachhandel allerdings zu lange geleistet, nur Mittelmaß zu sein – beispielsweise bei den Themen Verfügbarkeit und Kundenservice. Der wichtigste Faktor seien aber stets die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Sportgeschäft. Hier liegt für Althaus auch die größte Herausforderung der kommenden Jahre: „Es sind die Mitarbeiter, die über die Zukunft des stationären Handels entscheiden werden. Sie haben die Fähigkeit, auf emotionaler Basis zu verkaufen. Die Mitarbeiterführung wurde aber zu lange vernachlässigt und es wurde zu lange auf Produkt-Know-how gesetzt. Wir haben unsere Mitarbeiter auf Fachschulungen geschickt, da haben sie viele Details über die Produkte gelernt. Aber das kannst du ja auch alles im Internet nachlesen ...“ Althaus sieht hier für die Zukunft einen immensen Veränderungsbedarf: „Unternehmen müssen lernen, sich bei Arbeitskräften zu bewerben, nicht mehr andersrum. Das größte Investment in den kommenden Jahren wird in das Personal sein, nicht in die Digitalisierung, nicht in den Ladenbau.“

Es geht darum, die beiden Welten online und stationär zu verbinden, zum Beispiel, indem stationäre Verfügbarkeiten digitalisiert werden, wie es der ANWR-Group beispielsweise bei Schuhe.de gelungen ist: „Wir müssen nicht zu Amazon, die kommen zu uns,“ ruft er selbstbewusst. Oder durch orts- und anlassbasierte Push-Nachrichten, die per Smartphone Konsumenten in einen Shop locken können. Mit Click & Collect Services, die – geschickt gemacht – Zusatzerlebnisse schaffen können, die der reine Online-Verkauf nicht bieten kann. Oder mit Fuß-Scans im Shop, die in ein Online-Profil überführt werden und damit jederzeit abrufbar gemacht können. Ziel sei es, so Althaus, den Konsumenten nachhaltig auf seinem Weg zu begleiten – offline und online. „Wir kennen den stationären und den Online-Handel“, erklärt Althaus. „Wir verbinden beide Welten. Und deswegen überleben wir!“

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Nicht unbedingt Roboter, wie hier auf dem Ausstellungsgelände des ISPO Digitize Summt, sondern „echte“ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die emotional und kompetent verkaufen können sind in Zukunft gefragt!
© Messe München

ISPO Digitize Summit

Der erste ISPO Digitize Summit fand am 28.–29. Juni 2018 im ICM München statt. Das Ziel: Unternehmern aus der Sport- sowie aus angrenzenden Branchen die Möglichkeit zu geben, die Chancen der Digitalisierung nachhaltig nutzen zu können. In Vorträgen und Workshops konnten wertvolle Insider-Informationen gesammelt und auf einer Ausstellungsfläche direkte B2B-Kontakte geknüpft werden. 2019 wird die Veranstaltung in die bestehenden Plattformen ISPO Munich (3. bis 6. Februar 2019) sowie in die OutDoor by ISPO (30. Juni bis 3. Juli 2019) integriert.

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 10 / 2018