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Ortlieb-CEO Jürgen Siegwarth: „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“

  • Andreas Mayer
  • Sonntag | 17. Juni 2018  |  18:42 Uhr
Dieses berühmte Zitat von Oscar Wilde passt auch zu Ortlieb. Und trotzdem führt für Jürgen Siegwarth kein Weg daran vorbei, auch weiterhin den Fokus auf das Produkt und den Nutzen für den Kunden zu legen. Wachstumschancen sieht er dabei insbesondere im Bereich „Active Travelling“.
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Seit Januar Ortlieb-CEO: Jürgen Siegwarth
© Ortlieb

sportFACHHANDEL: Herr Siegwarth, die Messelandschaft, ja die gesamte Outdoorbranche ist im Wandel. Wie steht Ortlieb dazu?

Jürgen Siegwarth: Wir schauen, wie viele andere sicherlich auch, mit einem weinenden und auch lachenden Auge nach Friedrichshafen. Die OutDoor-Messe hat seit 1994 ihren Teil zum Erfolg der Outdoorbranche beigetragen. Für uns wird die OutDoor dieses Jahr noch einmal ein absolutes Highlight werden, da wir eine Produktinnovation im Rucksackbereich vorstellen werden, von der wir viel erwarten und daher natürlich auch sehr gespannt auf die Reaktionen sind. Diese Neuheit passt in den wachsenden Trend „Active Traveling“, der sicherlich auch dem Outdoor-Fachhandel bei der entsprechenden richtigen Positionierung wieder ein Wachstumsegment bescheren kann.

sportFACHHANDEL: Wie relevant ist der Outdoorbereich für Ortlieb neben dem Bikesegment?

Jürgen Siegwarth: Das Bikesegment ist und bleibt unsere Kernkompetenz, aber natürlich wird auch durch den Trend der Verschmelzung von Outdoor und Urban das Thema Outdoor für uns zunehmend wichtiger. Vor allem da das Rad im urbanen Raum als Fortbewegungsmittel immer relevanter wird. Aber es wird nach wie vor eine klare Fokussierung auf unseren Markenkern und die damit verbundenen Produkte geben, genauso wie es natürlich beim „Made in Germany“ und den fünf Jahren Garantie bleibt. Wir beobachten aber zudem im Markt, beispielweise auch durch Trends wie Active Traveling, Micro-Adventures und Bike-Packing forciert, eine zunehmende Fokussierung von Outdoorhändlern auf das Thema Bike.

sportFACHHANDEL: Ortlieb gilt bei vielen als „Hidden Champion“. Warum?

Jürgen Siegwarth: Für uns sind viele Dinge, wie unser hauseigener Reparatur- und Umrüstservice oder auch das gesamte Thema „Made in Germany“ eine Selbstverständlichkeit, da es einfach schon seit 35 Jahren bei uns so ist, auch wenn wir uns jeden Tag den damit verbundenen Herausforderungen stellen müssen. Zudem geht das oft einher mit einem Ortlieb-typischem Understatement; wir betonen diese Punkte, die uns sicherlich in vielen Bereichen unique machen, nicht oft genug. Für uns stehen die Produkte im Fokus und der Nutzen für den Kunden. Aber natürlich merken wir, dass auch Marktbegleiter sich an uns, unseren Produkten und auch den USPs, wie beispielsweise dem „Made in Germany“ orientieren und diese oftmals lauter in die Welt schreien, als wir das tun. „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“, hat schon Oscar Wilde gesagt. Sicherlich gilt es für Ortlieb, in Zukunft verstärkt einen Fokus in der Kommunikation auf unsere authentische Erfolgsstory zu legen.

sportFACHHANDEL: Wie ist Ortlieb generell im und gegenüber dem Fachhandel aufgestellt? Und wie passt da ein Verkauf über den eigenen Onlineshop zu?

Jürgen Siegwarth: Wir sind mit den kleinen, inhabergeführten Outdoor- und Bike-Fachhändlern groß geworden und diese bilden auch nach wie vor das Rückgrat unserer Fachhandelslandschaft. Es sind auch gerade diese, denen unser, nicht Plattformengetriebenes System zu Gute kommt. Aber natürlich bedarf ein Qualitätsprodukt auch eines gewissen Qualitätsumfeldes, welches der Fachhändler sicherstellen muss. Der Endkunde erwartet heute zunehmend auch von Marken und deren Webseiten alle Shopping-Funktionen, die er bei etablierten Online-Shops und Plattformen heutzutage angeboten bekommt wie Click & Collect, Dropshipping, Prüfung der Warenverfügbarkeit vor Ort u.v.m. Dieser Entwicklung tragen wir bei Ortlieb seit 2003 schon mit einer Click & Collect-Funktion Rechnung und werden das Angebot dieses Jahr um die Dropshipping-Möglichkeit ausbauen. In einem weiteren Schritt werden wir die Anzeige der Warenverfügbarkeit bei unseren autorisierten Händlern vor Ort ausbauen. Dabei gilt bei Ortlieb aber weiterhin die Prämisse der hundertprozentigen Fachhandelsbindung, sprich jeder Verkauf wird im Hintergrund über den vom Endverbraucher ausgewählten Fachhändler abgewickelt.

sportFACHHANDEL: Ortlieb setzt auf einen selektiven Vertrieb und kämpft seit Jahren dafür. Warum?

Jürgen Siegwarth: Der Charakter der Ortlieb-Produkte erfordert eine besondere Kompetenz unserer Fachhändler, da es beratungsintensive Produkte sind. Ortlieb stärkt zudem dadurch natürlich auch die Marke und die Stellung im Markt. Weitere Vorteile sind die Gewährleistung des entsprechenden Kundenservices, vor allem auch im Aftermarket, beispielsweise die entsprechenden Reparaturen und die Garantieabwicklung. Zudem ein transparentes und faires Wettbewerbsumfeld basierend auf klaren Regeln für den Fachhandel, verbunden mit dem Prinzip der Firmenklarheit und -wahrheit. Diese Prinzipien sind für den Händler ein großes Plus, helfen sie doch bei der Abgrenzung gegenüber zahlreichen Kooperationsangeboten, die via Internet angeboten werden, mit undurchschaubaren Verantwortlichkeiten und unklaren Lieferketten.

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Bewährte Ortlieb-Qualität auch beim Wandern und Trekking.
© Ortlieb

sportFACHHANDEL: Wie ist der aktuelle Stand in Ihrem Streit mit Amazon?

Jürgen Siegwarth: Das OLG in München muss nun den Fall nochmals aufrollen und entscheiden, ob im Falle der Suchergebnisse bei Eingabe von „Ortlieb“ das Angebot von Wettbewerbsprodukten ausreichend gekennzeichnet worden ist. Es ist auch wichtig nochmals zu betonen, dass das Urteil des BGH zwar nicht wie von uns erwartet ausgefallen ist, jedoch auch nicht gegen uns entschieden wurde, wie im Nachgang teilweise berichtet wurde. Zum einen stärkt das BGH-Urteil Marken grundsätzlich den Rücken, da es deutlich gemacht hat, dass Wettbewerbsprodukte ausreichend gekennzeichnet werden müssen im Hinblick auf die Anzeige von Suchergebnissen zu einer bestimmten Marke. Und zum anderen wurde das Verfahren an das OLG in München zurücküberwiesen, um zu klären, ob dies im Falle von Ortlieb gewährleistet war.

sportFACHHANDEL: Was sind die Zukunftsthemen für die Firma Ortlieb?

Jürgen Siegwarth: Drei wichtige Punkte sind da zu nennen, einerseits werden wir weiterhin intensiv an dem Thema Entwicklung und Forschung arbeiten und damit verbunden natürlich auch entsprechende Investitionen tätigen. Andererseits ist die personelle Entwicklung für uns eine absolute Herausforderung. Durch die unmittelbare Nähe zum Ballungsraum Nürnberg/ Erlangen/ Fürth und die dort ansässigen Unternehmen wie Adidas, Puma, Schäffler, um nur mal ein paar zu nennen, müssen wir uns als kleines, mittelständisches Unternehmen besonders auf das Thema „Attraktivität als Arbeitgeber“ konzentrieren. Einerseits natürlich, um weiterhin gutes Fachpersonal für Ortlieb gewinnen zu können, andererseits geht es auch um die Weiterqualifizierung von jungen Mitarbeitern, der Entwicklung dieser innerhalb der Firma bis hin zu Führungskräften. Zudem müssen und wollen wir die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Teams berücksichtigen. Als dritter wichtiger Punkt, der bereits in den letzten Jahren angegangen worden ist, aber uns natürlich noch weiter beschäftigen wird, ist das Thema Markenverjüngung. Unsere Kernzielgruppe ist mit uns älter geworden, daher schauen wir in allen Segmenten, angefangen beim Produkt bis hin zur Kommunikation, dass eine entsprechende Anpassung erfolgt. Wichtig dabei ist natürlich, die bestehenden und loyal zur Marke stehenden Zielgruppen nicht zu verlieren.

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 08 / 2018