• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Softies treten gegen die Hartschalen an

  • Nicolas Kellner
  • Mittwoch | 02. Februar 2011  |  08:09 Uhr
Der Aufschwung bei Körper-Protektoren folgt jetzt dem Helm-Boom: Body-Protection auf der Piste soll der nächste Renner werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den so genannten Soft-Protektoren. Einige Anbieter verzichten in der nächsten Saison bereits komplett auf Hartschalen-Protektoren. Das bedeutet nun aber nicht, dass an Helmen nicht weitergetüftelt wird – im Gegenteil: Die Detailarbeit in punkto Passform und Komfort wird auch für den kommenden Winter stark vorangetrieben.

Die Hersteller arbeiten im Helmbereich an speziellen Verschluss-funktionen und wollen das aus dem Skischuh-Sektor bekannte Thema Thermo-Anpassung auch in den Helm integrieren. An Bedeutung gewinnen zudem spezielle Kinder-Linien, die den Wintersport-Nachwuchs von Kopf bis Fuß neuerdings auch mit Protektor-Hosen schützen.

Fast könnte man meinen, dass das Protektoren-Business für die Hersteller in Zukunft noch wichtiger wird als das Geschäft mit Ski und Snowboards selbst, würde man die schwungvollen Aussagen der Anbieter dazu überinterpretierten. Was verlockend bei der Euphorie ist, die mitschwingt, wenn man mit ihnen über Entwicklungsmöglichkeiten im Protektoren-Geschäft spricht. Fest steht wohl nicht nur für Head: „Protection ist ein Core-Business“, betont Walter Zehrer, Verkaufs- und Marketingleiter bei Head Germany.

Der Markt für Kopfschutz im Wintersport scheint ausgereizt. Nach Aussagen aller Marktteilnehmer nähere man sich zwei Jahre nach dem Super-Boom der Sättigungsgrenze. Trotzdem geht noch was, ist Head überzeugt. „Eine gewisse Anzahl an Helmen wird noch verkauft“, erklärt Zehrer. Einige Helme wurden komplett neu entwickelt. Die neuen Modelle sind leichter (unter 400 Gramm) und erhielten ein verbessertes Belüftungssystem. Heads Klassiker Stratum bekam ein „Facelifting“, berichtet Zehrer. Sicher auch, um den Markt in Gang zu halten. Bei Helmen bleibt weiter Gewicht, Optik und Technik entscheidend. Der Endverbraucher erhält jedoch Anreize zum Austauschen und der Handel neue Verkaufsargumente. Im Bereich Body-Protection verteidigt Head die Hartschale. Diese Konstruktion verteile angeblich den Druck immer noch am besten. Verbessert und ausgefeilt würden hier allerdings modische Elemente und der Tragekomfort. Aber auch Head setzt viel Entwicklungs-Know-how in den Softbereich, der momentan offensichtlich die Oberhand gewinnt. Neuartige Dämpfungsmaterialien aus Polyethylen sollen sich gut bewähren. Das Material werde bei Kälte nicht hart und fange trotzdem Schläge gut ab. Zielgruppe sei der Wintersportler an sich, so Zehrer, Unterschiede zwischen Skifahrern und Snowboardern gäbe es kaum mehr.

Damen schützen sich hochmodisch

Als Pionier bezeichnet sich Komperdell. Die Österreicher präsentieren den ersten thermoverformbaren Protektor der Welt. Die Plasma-X-Platte passt sich bei Erwärmung und anschließendem Anziehen direkt am Rücken an die Wirbelsäule an. Weiterentwickelt wurde aber auch das Airshock-System, welches wie eine Knautschzone beim Auto funktioniert. Beim Gewicht konnte noch etwas gespart werden.

Komperdell zeigt sich als Allround-Ausrüster und bietet dem Handel Protektor-Westen, -Jacken und -Shorts an. Außerdem gibt es jetzt speziell

entwickelte Schutzwesten und Tops für Damen, die einen hochmodischen Anspruch haben.

Hohe Erwartungen hat weiterhin

Alpina im Kopf. Gegen einen gewissen Sättigungsgrad steuere man mit Innovationen, erklärt Marketing-Mann Simon Schulz. Chief Ten L.E. hat der Helm- und Brillenausrüster seinen neuen Helm für die Saison 2011/12 genannt. Innovative Merkmale sind die In-Mold-Konstruk-tion mit Edge-Protect sowie ein neues Belüftungssystem, das sich auch mit Handschuhen leicht bedienen lässt. Das Innenfutter ist schnell herausnehmbar, kann gewaschen werden und trocknet schnell. In-Mold bedeutet, dass die Innen- und Außenschale untrennbar miteinander verbacken werden und damit auch gegen extreme Widerstände schützen. Auch bei Alpina rückt der Körperschutz stärker in den Mittelpunkt. Hauptaugenmerk liegt auf dem Soft-Thema, sagt Schulz. Weiterentwickelt wurde der Jacket Soft Protector zur Version II. Dabei ist der Brust- und Rückenbereich gepolstert – in einer Kombination aus fünf EVA-Schaumlagen mit unterschiedlicher Härte und Dicke. Das Gewicht konnte um 30% reduziert werden. Der Anbieter ist sich sicher: Nach dem Helm-Boom folgt der Boom für Körperschutz-Ausrüstung. Kinder sind voll dabei: Das „Safety-Trio“ für die Kids umfasst Helm, Brille und Rückenprotektoren. Ganz neu ins Programm genommen wurden Schutzhosen für Kinder.

Ist der technische Höhepunkt bei Helmen noch zu toppen? Uvex-Verkaufsleiter Günther Kocher denkt: „Ja, Detailarbeit lohnt sich immer.“ So arbeitet der Hersteller nach seinem erfolgreichen Luft-Anpassungssystem (Air-Pump) intensiv an thermischen Lösungen zur Verbesserung der Pass-form. Die Herausforderung lautet: Der Helm darf (durch Ausdehnung) nicht größer werden, sondern soll so klein wie möglich bleiben. Bis die Thermo-Helme serienreif sind, könnte aber noch eine Saison vergehen. So lange „perfektionieren wir die Luft“, erklärt Kocher. Gearbeitet werde außerdem an einer verbesserten Passform des Helmes in der Breite. „Wir dürfen nicht nur die Längen-Anpassung berücksichtigen“, fordert der Uvex-Manager.

Im Bereich Körper-Protektoren setzt der Anbieter ebenfalls auf verbesserten Komfort und präsentiert zur Messe einen höhenverstellbaren Nierenschutz. „Diese Produkte kommen vom Rennsport und müssen natürlich so weiterentwickelt werden, dass sie konsumig sind“, formuliert Kocher den Anspruch an seine Techniker. Trotzdem müsse die Sicherheit gewährleistet bleiben. In diese spezielle Richtung, also Entwicklungen aus dem Rennsport zu adaptieren, wolle man weitergehen.

Als Durchstarter im Soft-Protektoren-Bereich gilt sicherlich der schwedische Anbieter POC, der über E. Tremmel Marketing in Ravensburg den deutschsprachigen Markt erobert. Die Spine VPD Vest von POC setzte sich soeben als Testsieger in Österreich durch. Soft-Protektoren gehöre die Zukunft, glaubt Edgar Tremmel, zumal wenn diese auch die Kriterien für Schutzbekleidung der Klasse 2 für Motorräder erfüllten. Weiche Protektoren seien einfach komfortabler zu tragen, meint Tremmel, und hebt die Schutz- und Dämpfungseigenschaften der Weste hervor: Auch härteste Aufprall-Energie werde optimal verteilt, als würde man auf eine Sandfläche schlagen.

Auch für den italienischen Anbieter Dainese ist die Sache klar: Aufgrund von höherem Komfort und verbesserten Trageeigenschaften werden künftig nur noch „reine Soft-Protektoren“ angeboten. Dazu wurden neue Schaumstoffe entwickelt, die sich beim Aufprall verhärten, wie der Berliner Dainese-Niederlassungsleiter Jörg Kämpf erklärt. Diese seien mehrschichtig aufgebaut und werden durch Alu-Waben-Strukturen unterstützt. Auch Kämpf bestätigt: „Der Helm-Markt ist nahezu gesättigt. Es sind jedoch meist die Helmträger, die erneut in den Laden kommen und sich auch für den Rückenschutz interessieren.“ Outdoorer wollen in die Safety-Abteilung. Die Schutzausrüstung insgesamt ist natürlich auch für Outdoor-Ausrüster ein wichtiges Thema. Das sieht auch Mammut so: Sport-Kletterer entdecken zunehmend den Kopfschutz und eröffnen entsprechende Wachstumschancen. Der Schweizer Berg-sport-Ausrüster setzt daher im Kletterbereich weiter voll auf Kopfschutz. „Das Helm-Bewusstsein bei den Kletterern steigt“, meint Firmensprecher Harald Schreiber. Hier gäbe es noch eine Menge aufzuholen und dementsprechende Chancen für den Handel.

Deuter hat sich als Spezialist für kombinierte Rucksack-Protektoren durchgesetzt und macht sich darüber hinaus für ein eigenes Segment stark: Schutz, Sicherheit bzw. Rückenprotektor. Der Bodyguard der neuen Rucksack-Kollektion von Deuter nennt sich Descentor: Das Modell verfügt über einen integrierten Rückenprotektor, dessen dämpfendes Herzstück aus viskoelastischen SC-1 Schaum besteht. Während dieser bei langsam auftretender Belastung weich reagiert, steigt der Widerstand des Protektors bei einem schnellen Aufschlag. Das Shield-Rückensystem ist außerdem extrem flexibel und macht so jede Bewegung mit.

Für Deuter-Sprecherin Angela Vögele ist nicht einzusehen, warum Rucksack-Protektoren bei den meisten Händlern in der Rucksack-Wand untergebracht sind. Das würde der Wichtigkeit des Produkts möglicherweise nicht gerecht werden. Besser wäre es, wenn man im Geschäft eine eigenständige Sicherheitsabteilung aufbauen würde, die nicht nur ins Auge fällt, sondern damit auch die Bedeutung des Themas noch einmal unterstreicht.

Nicolas Kellner

protektoren_deutsch_1

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 03 / 2011