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Riesige Stunt-Flächen für Spiderman und Catwoman

  • Nicolas Kellner
  • Samstag | 09. Juli 2011  |  10:12 Uhr
Der Run auf Indoor-Hallen und Klettersteige ist ungebrochen. Darüber freuen sich natürlich ­Ausrüster und Händler gleichermaßen.

Mittlerweile sind Kletterhallen ganzjährig sehr gut besucht. Und auch die Kooperation mit Outdoor-Händlern vor Ort wächst. Zwischen Hamburg und Bozen ­entstehen riesige Kletterhallen und lassen die Herzen von Groß und Klein höher schlagen.

Die internationale Gartenschau Hamburg (IGS 2013) stampft das erste Bauprojekt auf dem Gartenschau-Gelände aus dem Boden: In unmittelbarer Nähe zum S-Bahnhof Wilhelmsburg entsteht eine Kletterhalle (Nordwand) mit außergewöhnlichem Konzept. Investor und Betreiber ist die Nordwandhalle Betriebsgesellschaft (GF: Katrin Erenyi, Jost Hüttenhain), die rund 3,5 Mio. EUR in die 850 qm große Halle investiert. Der Clou: Im Sommer kann die aus Verglasungselementen bestehende Außenhaut geöffnet werden. Auf dem 6000 qm großen Grundstück werden außerdem felsenartige Klettermöglichkeiten zur Verfügung stehen. Das soll Kletterspaß innen und außen garantieren. Damit liegt Hamburg voll im Trend, ist doch die Zahl der Kletterer in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Und längst ist dies nicht nur ein Sport für Profis, sondern auch für Einsteiger. Im letzten Winter wurde mit dem Bau der Kletterhalle begonnen, im nächsten Winter können die Fans der Vertikalen schon die Wände hochgehen.

Wartelisten für Besucher sind keine Seltenheit

Für die Elbinsel ergeben sich durch dieses Projekt ganz neue Perspektiven, erklärt Beate Wagner-Hauthal, IGS-Projektkoordinatorin für Sport und Veranstaltungen. Der Investor erwartet bereits im nächsten Jahr an die 50.000 Besucher, ab 2013 sollen es 100.000 sein. Dadurch könnte Wilhelmsburg zum Kletter-Mekka werden. Auch Globetrotter ist planerisch an dem Projekt beteiligt und könnte eventuell dort einen Shop eröffnen. Nach Aussage von Wagner-Hauthal gibt es in vergleichbaren Hallen mittlerweile Wartelisten. Denn nicht jeder, der im Großraum Hamburg klettern möchte, hat dazu die Gelegenheit – der Ansturm sei einfach zu groß. Auch Schulen und Händler sollen daher ins Wilhelmsburger Kletterparadies eingebunden werden. Die Sportwissenschaftlerin: „Wir erleben in diesem Bereich zurzeit einen Boom.“ Ein weiterer Investor wird einen Hochseilgarten in die „Welt der Bewegung“ auf dem IGS-Gelände integrieren und damit ein zweites „Spielgelände“ schaffen, auf dem sich Höhen-Fans ihren sportlichen Freizeit-Kick holen können.

Climbing Indoor, feeling Outdoor

Szenenwechsel: Auch in Bozen geht es hoch hinaus. Vor 40 Jahren eröffnete hier die weltweit erste Kletterhalle. Ende Mai nun hat Salewa mit „Cube“ einen Neubau mit ebenfalls atemberaubendem Konzept eingeweiht. Ein weiteres Highlight für den Bergsport in der Südtiroler Metropole. Die Halle soll den Kletterern das Gefühl geben, als ob sie im Freien wären: climbing indoor, feeling outdoor. „Mit dem Bau der Kletterhalle wollen wir den Kletterern etwas zurück geben. Die Kletterhalle ist ein Ort für die Kletter-Community, an dem alle Bergsport-Begeis­terten aus Südtirol, aber auch aus den benachbarten Regionen und aus dem Ausland ihren Platz finden werden. Wir sind erfreut und auch ein wenig stolz, dass wir vor allem den jungen Menschen eine Möglichkeit geben, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten“, kommentiert Heiner Oberrauch, Präsident der Salewa-Gruppe.

Auf mehr als 2000 qm Kletterfläche können sich die Fans an 180 verschiedene Routen vom Schwierigkeitsgrad 4 bis 8c wagen. Die Höhe der Kletterwände beträgt 18 beziehungsweise 13,5 Meter. Neben einem 9,5 Meter mächtigen Überhang gibt es drei Speed-Routen im Innen- und Außenbereich, die 15 Meter hoch sind. Da Bouldern weltweit einen großen Aufschwung erlebt, will Salewa auch im neuen Cube neue Maßstäbe setzen: mit insgesamt 420 qm Boulderfläche (200 qm Indoor, 220 qm Outdoor). Die Boulderblöcke weisen einen Schwierigkeitsgrad von A bis E auf. Auch auf diesem Gelände ist ein Klettersteig vorhanden, der den Einstieg in den Sport für Anfänger erleichtert. Insgesamt können sich auf der gesamten Anlage zeitgleich bis zu 250 Höhenbegeisterte auf den verschiedenen Routen versuchen.

Die bisher größte Kletteranlage Europas in München-Thalkirchen bietet auf über 4000 qm Kletterfläche reichlich Platz. Das 1999 eröffnete Gelände platzt aber längst aus allen Nähten und wird erweitert. Knapp 200.000 Besucher strömen jährlich in die Anlage. Neben München und Berlin ist auch die Region um Frankfurt am Main ein Eldorado für Urban-Kletterer. Die Kurse in der Frankfurter T-Hall beispielsweise sind ständig ausgebucht. Die Nachfrage wächst und kurbelt auch die Verkäufe von Kletterausrüstung im ­eigenen Geschäft an. Wer erst am ­Anfang steht, kann sich alle Teile ausleihen. Dazu gehören Sicherungs­geräte, Schuhe und Seile, aber auch Kreide und dazugehörige Bags. Immer häufiger wollen Kletterer jedoch ihre eigene Ausrüstung haben, unterstreicht Hallen-Geschäftsführerin ­Petra Ehrenberger. Also wurde der Shop ausgebaut und die Öffnungszeit verlängert. Angeboten wird eine große Auswahl an Hartwaren-Teilen – das ­erwarte der Kunde. „Da sind die ­Hersteller auch auf Zack“, meint Ehrenberger. Sämtliche Teile seien

immer auf Lager, so dass man schnell nachbestellen könne. Ob neue farbige ­Seile oder ganz bestimmte Kletterschuhe, die Ausrüstungswünsche variieren oft und schnell und der Kunde will immer bestens ausgerüstet sein. Professionelle Hallen müssen darauf eingehen. Lediglich bei Textilien gestalte es sich schwieriger, weiß die Frankfur­terin. Nicht immer seien alle Größen oder Farben erhältlich und Nachbestellungen dauerten manchmal Monate. Schließlich stehe ein enttäuschter Kunde im Laden. Das wolle sie auf jeden Fall vermeiden und biete kaum Bekleidung an, ausgenommen T-Shirts. „Es lohnt sich für uns auch nicht, möglichst viele modische Teile auf Lager zu nehmen“, erklärt Ehrenberger.

Klever-Verband mit neuen Seilschaften

Immer mehr Neuzugänge stärken den deutschen Kletterhallen-Verband Klever (Weilheim), der seit zwei Jahren mit Schweizer Einrichtungen kooperiert. Das 35. Mitglied (Vertical World) im Interessensverband kommt aus Kassel und ist seit zwölf Jahren mit rund 1000 qm Fläche ein Eldorado für Indoor-Fans. Inhaber Götz Wiechmann ist Pionier und weiß aus Erfahrung nicht nur um die Anziehungskraft der Halle, sondern auch des Shops mit der nach eigenen Aussagen größten Kletterschuh-Abteilung in Nord-Hessen. „Zahlreiche Kunden kommen auch von außerhalb zu uns“, berichtet der Hallenchef und Shop-Inhaber. „Die Schuhe können in der Halle getestet werden und wir schulen unser Verkaufspersonal ständig“, erläutert Wiechmann, der außerdem den Kontakt zu den Herstellern unterstreicht. „Die enge Bindung zu den Marken ist enorm wichtig, da hier höchste technische Anforderungen an Technik und Sicherheit gefordert sind.“ „Der Markt ist sehr speziell und auch die Aktiven stellen eine ganz spezielle Klientel dar“, fügt der Händler hinzu. Das veranlasste Wiechmann auch, sich außerhalb der Halle mit einem anderen ­Out­door-Händler zusammenzuschließen. Seit einiger Zeit kooperiert er mit Camp&Tramp. Der Outdoor-Laden liegt in der Kasseler Innenstadt. „Wir wollen uns im Klettersektor nicht gegenseitig die Kunden wegnehmen“, meint Wiechmann. Was der eine nicht hat (beispielsweise weniger Klettertextilien im Hallenshop), damit könne der Partner auftrumpfen. Man empfehle sich gegenseitig und ist auch bei Werbemaßnahmen verbündet. Damit verfolgen beide die erfolgreiche Strategie, Stammkunden und neue Kletterkunden fester an sich zu binden. Mit der neuen Kletterhalle des DAV in Kassel (1000 qm) ist eine echte Konkurrenz bei Aktiven und Käufern entstanden. Dort ist ein Mammut-Shop (50 qm) integriert, der rund ums Klettern die gesamte Ausrüstung anbietet. Mammut setzt seit längerem immer stärker auf das Thema und kooperiert als Ausrüstungspartner auch mit ­Klever.

Das Marktvolumen für Ausrüstung sei insgesamt sehr groß, sagt Edgar ­Faller, der 2. Vorsitzende bei Klever, da Klettern boomt und das entsprechende Equipment, wie Schuhe, Sicherungsgeräte und Seile benötigt werde. Schwer zu prognostizieren sei die künftige Entwicklung der Proportion drinnen-draußen: Derzeit habe Indoor eindeutig die größeren Zuwachsraten, was den Klettersport anbelangt, berichtet der Branchenkenner. Dabei gewinne die Rolle des stationären Fachhandels permanent an Bedeutung, während die Shops direkt in den Hallen eher im Verleih-Business zulegen. „Fachhandel und Hallenshops haben sich gleichermaßen auf Einsteiger eingestellt. Langjährige Kletterer tendieren aber eindeutig in den Fachhandel, da diese einen größeren Bezug zur gesamten Kletterwelt haben, sich immer ausführlich informieren und mehr Bedarf als die Grundausrüstung haben“, betont der Verbandsmann. Mammut hat mit der Veranstaltungsreihe „test and feel“ sein Ohr direkt am Markt beziehungsweise in den Hallen. Nahezu 100% aller Ausrüstungsartikel können sowohl In- wie auch Outdoor eingesetzt werden.

Regelrecht aus der Hand gerissen, ergänzt die Hallenchefin der Frankfurter T-Hall, würden Bücher und Kletterführer, also gedruckte Anleitungen für entsprechende Touren in der Natur. „Es geht dabei mehrheitlich um die Möglichkeiten, in den umliegenden Gebieten zu klettern“, sagt sie. Indoor-Klettern werde immer häufiger mit ­Out­door-Aktivitäten in der Umgebung kombiniert. Damit erhält Urban-Klettern einen neuen Stellenwert als ­

Fit­ness-Sport. Einige Hallenbetreiber bemerken sogar, dass Klettern mancherorts sogar schon den Besuch von ­Fit­ness-Studios ersetzt.

Im süddeutschen Weilheim ist in der Kletterhalle (Under The Roof) ebenfalls ein Shop integriert. Das Einkaufs- und Verleih-Geschäft ist hochwertig ausgestattet mit Markenangeboten im Schuhbereich, bei Seilen und Gurten. Hallen- und Shop-Betreiber Norbert Kunz (der auch Verbandspräsident von Klever ist) weiß, dass es vor allem auf Glaubwürdigkeit in diesem Sektor ankommt.

Events für Manager sind im Kommen

Auch Manager haben immer mehr Lust auf Abenteuer: Kletter-Events fordern neu heraus und sorgen für einen freien Kopf, auch für erhöhte Motivation. Outdoor-Händler und Hallenbetreiber jedenfalls können sich auf diese neue Zielgruppe freuen. Denn das Angebot von speziellen Outdoor-Trainings für diverse Management-Ebenen und Projekt-Gruppen aus Unternehmen nimmt derzeit massiv zu. Aus- und Fortbildungs-Akademien wie Outdoor Unlimited Training (Karlsruhe) oder Haufe Akademie (Freiburg) bieten derzeit immer mehr Trainingscamps für Führungskräfte, aber auch ganze Unternehmensabteilungen an, die sich in Outdoor-Veranstaltungen und Hallen-Events messen wollen.

Führungskräfte sollen nicht nur Machbarkeit und Risiko abwägen lernen, meint die Sprecherin der Haufe-Akademie Kerstin Schreck, sondern idealerweise stehe auch die Gruppe, das Team an sich im Mittelpunkt der meist zweitägigen Veranstaltungen. Beim Kletterhallen-Training geht es um das „Ausschöpfen vorhandener Ressourcen“. Der wesentliche Gewinn und Reiz der Outdoor-Trainingsmethode liege im konkreten, erlebnisorientierten Handlungsansatz. Kein Wunder, dass rund ums Klettern aber auch immer mehr Spezial-Events entstehen. So ist die Mountain-Academy von Outdoor-Spezialist Mountain Hardwear in die zweite Runde gestartet. Der Startschuss für die erste Etappe der Mountain Academy 2 fiel Anfang Mai im französischen Vercors, einem voralpinen Kalkstein-Gebirgsmassiv. Internationale Bergführer und Mountain Hardwear-Kletterspezialis­tin Liv Sansoz unterstützten die Teilnehmer mit Profi-Tipps und Know-how. Die Mountain Academy ist ein europäisches Projekt, das sich an junge, passionierte Bergsportler richtet. Auch engagierte Newcomer und neugierige Manager sind willkommen. Neben Mountain Hardwear als Hauptsponsor unterstützen Black Diamond und AKU die Academy. Die Sponsoren statten die Teilnehmer komplett aus. Insgesamt gilt es fünf Etappen in sechs europäischen Gebirgsmassiven zu meistern. Die zweite Etappe findet Ende September 2011 statt. npk

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Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2011