• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Noch schläft der Drache

  • Eveline Heinrich
  • Dienstag | 16. Februar 2010  |  10:24 Uhr
Über eine Milliarde Einwohner und eine Wirtschaft, die der Krise zu trotzen scheint: Analog zu anderen Branchen könnte sich auch der Wintersport in China gerade zu einem Markt der Superlative entwickeln.

Aber finden dort die Skihersteller wirklich ihr Eldorado, wenn bei uns der letzte Gletscher geschmolzen ist und die Krise die Geldbeutel der Wintersportler bis zum letzten Cent geleert hat?

Genaue Zahlen über den Status quo sind ebenso schwer zu bekommen, wie die Chinesische Mauer zu Fuß abzuschreiten:

Gibt es in China nur 100.000 Skifahrer oder schon 3 Millionen? Werden im Jahr 2015 wirklich 15 Millionen Wintersportler die Pisten herab sausen, wie es das chinesische Tourismusamt erwartet? Sicher ist in jedem Fall, dass sich immer mehr Chinesen Bretter an die Füße schnallen. sportFACHHANDEL hat den Wintersport-Markt im Land des Drachens genauer unter die Lupe genommen.

Eine breite Masse von Arbeitern und Bauern, darüber eine kleine Elite – noch vor wenigen Jahren konnte man den Aufbau der chinesischen Gesellschaft in dieser Kurzform beschreiben. Von den über 1,3 Milliarden Einwohnern hatte nur ein verschwindend kleiner Teil das Geld, ganz zu schweigen von der Zeit und dem Interesse, Ski zu fahren oder Snowboarden zu gehen.

Doch jetzt befindet sich das Land im Wandel: Seit der Liberalisierung der Wirtschaft schreibt die Industrie Steigerungsraten, von denen andere Länder im Moment nur träumen können: Die Wirtschaft der Volksrepublik ist im Jahr 2009 wieder rasant gewachsen: Das Bruttoinlandsprodukt hat nach Angaben der Regierung im vierten Quartal um 10,7% zugelegt. Für das Gesamtjahr ergibt sich damit ein Wachstum von 8,7%. Vor der Wirtschaftskrise war China noch regelmäßig mit zweistelligen Raten gewachsen.

Das enorme Wachstum bringt eine neue Oberschicht aus Unternehmern sowie eine breitere Mittelschicht aus Akademikern und Angestellten mit sich – und die drängen durchaus auf die ­Pis­ten.

Existierte bis Mitte der 90er-Jahre der Skisport in der Volksrepublik praktisch noch nicht, stehen dem Milliardenvolk nun rund 300 Skigebiete

zur Verfügung, die meisten liegen im ­Nord­­osten des Landes und im Großraum Peking.

Man lese und staune: Den chinesischen Gesamtmarkt für Ski schätzte die Branche für die Saison 2008/09 lediglich auf rund 15.000 Paar. Zum Vergleich: Der Weltmarkt liegt zwischen 3,2 und 3,5 Mio. Paar. Davon wurden in Deutschland im gleichen Zeitraum 364.000 Paar verkauft. 371.000 Einheiten gingen an österreichische Skifahrer und 300.000 in die Schweiz (Quelle: GfK).

„Skigebiete oft nicht größer als ein Fußballplatz“

Wie viele Skifahrer sich genau auf den Pisten und den Kunstschneehängen der Hallen tummeln, liegt im Dunkeln: Der chinesische Skiverband spricht von drei bis vier Millionen, darunter sind jedoch wohl alle, die den Sport mindestens einmal ausprobiert haben.

Der Schweizer Skilehrer Christoph Müller (35) kennt das chinesische Skibusiness gut: Er führt eine Agentur mit Büro in Peking (hiddenchina.net), die Reisen in China organisiert, darunter auch Ski- und Snowboard-Wochenenden. Er schätzt, dass es nicht mehr als 100.000 Chinesen sind, die wirklich regelmäßig Ski oder Snowboard fahren. Das Manko der Skigebiete sei laut Müller der meist fehlende Naturschnee, bedingt durch die trockenen Winter. Außerdem lasse die Infrastruktur oft zu wünschen übrig. Gelegenheiten, den Sport einmal auszuprobieren, gebe es, so Müller, aber viele: „Jede größere Stadt, die im Winter konstante Minusgrade hat, verfügt über ein oder mehrere kleine ­Ski­gebiete.“ Diese seien aber oft nicht größer als ein Fußballplatz und haben – wenn überhaupt – nur einen langsamen und alten Lift. Investiert wird in die großen Ressorts wie Yabuli, Chinas erstes und größtes Skiressort im ­Nord­osten des Landes, Beidahu (Austragungsort der Asiangames 2008, ebenfalls im Nordosten), Wanlong (300 km nordwestlich von Peking), Nanshan und Huaibei, beide rund eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt.

Auch was Skihallen angeht, wird kräftig investiert: Die Skihalle Qiaobo ist von Peking in etwa 30 Minuten zu erreichen und täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Hier hat Burton im Juni 2008 den weltweit einzigen Burton-Indoor-Park eröffnet. Die Halle bietet erholungsbedürftigen Chinesen mit hauseigenem Spa und angeschlossenem Fünf-Sterne-Hotel Rundumbetreuung. Die durchschnittliche Besucherzahl soll derzeit bei rund 9000 Personen pro Monat liegen. Es gibt noch weitere Hallen, eine in Shanghai und eine in Shenzhen. Weitere Hallen im Süden des Landes sollen bald folgen.

Ein überschätzter Markt?

Dass der Ski- und Snowboard-Boom in China „absolut überschätzt“ wird, glaubt Werner Sickinger, International Sales Manager von Fischer: „Vor fünf bis sechs Jahren hat man hier ein Riesenpotenzial gesehen. Die Regierung hat große Investitionen angekündigt, davon wurde aber wenig realisiert. Wenn es in China wirklich über drei Millionen Skifahrer gäbe, würde die Industrie vor Freude hüpfen“, ist sich der 35-Jährige sicher. Fischer hat daraus Konsequenzen gezogen: Vier bis fünf Jahre lang hatte der Hersteller aus Ried im Innkreis ein eigenes Büro in Peking, seit 2008 läuft das China-Geschäft über einen General-Vertreter: „Eine eigene Niederlassung rentiert sich nicht“, so Sickinger. Sollte der große Run der Chinesen auf Ski und Co. aber doch noch eintreffen – was der Manager für die kommenden zehn Jahre kaum vermutet – sei man gerüstet: Fischer ist wie schon im vergangenen Jahr auf der Ispo China auf einem Gruppenstand der österreichischen Wirtschaftskammer mit dabei. Außerdem beobachte man permanent den Markt, um am Puls der Zeit zu sein.

Matjaz Meglic, der bei Elan den internationalen Verkauf verantwortet, zeichnet ein ähnliches Bild. Auch Elan ist in China durch einen Distributeur vertreten. Seit 2004 gibt es die Marke in China zu kaufen – eine eigene Niederlassung werde dem derzeit noch sehr kleinen Markt jedoch nicht gerecht. Der 35-Jährige erwartet zwar ein weiteres Wachstum, dies geschehe jedoch langsam und nicht so schnell und in dem Maße, wie vom chinesischen Skiverband prophezeit. Elan investiere jedoch in Endverbraucher-Werbung: Meglic betont, dass die chinesischen Kunden jetzt mehr Wert auf eine eigene, qualitativ hochwertigere Ausrüstung legen als noch vor wenigen Jahren. Dies betreffe auch Schuhe und Bekleidung.

Reiseagentur-Chef und Skilehrer Christoph Müller bestätigt die Aussagen der Industrie: „Der Trend der Skifirmen geht dahin, das Geschäft an einen chinesischen Importeur auszulagern. Der bedient dann Skishops und Sportgeschäfte. Meist sind dies dann kleine und spezialisierte Geschäfte. In den großen Ketten der Supermärkte findet man keine Ski, die sind ohnehin mit Sportsachen sehr spärlich bestückt.“ Monomarken-Stores gebe es laut ­Müller dort, wo der Importeur selbst einen Laden führt. Diese hätten dann nur eine Skimarke im Sortiment, aber meist auch noch weitere Produkte wie Schuhe, Brillen und Ski-Accessoires von anderen Firmen, die sie vertreten.

Eine eigene Niederlassung in China unterhält dagegen Tecnica. Wie Marketingdirektor Maurizio Di Trani (47) betont allerdings weniger wegen des boomenden Wintersport-Marktes, sondern aufgrund der breiten Produktpalette der italienischen Gruppe, die unter anderem auch Outdoor-Schuhe (Lowa, Tecnica) im Programm hat. Somit bediene man den Markt auch in anderen Bereichen. „Wahrscheinlich wird sich der Ski- und Snowboard-Markt noch weiter entwickeln, aber wie schnell ist schwierig zu sagen.“ Einen Teil der Schuhe produziert die Gruppe übrigens in China.

Verleih boomt bei Snowboards und Ski

Ein „Pionier des Snowboardens“ in China ist Wang Lei (32): Der Profi hatte bereits eine Karriere als Skispringer und Alpinskifahrer hinter sich, bevor er im Jahr 1997 mit dem Snowboarden begann. 2008 gründete er die Kommunikations- und Werbeagentur Core Power Asia mit Sitz in Peking (www.corepowerasia.com), die sich auf Tourismus und Wintersport spezialisiert hat. Wangs Kontakte im Wintersport kommen seiner Arbeit zugute – Kunden wie Burton oder Bergbahnen Sölden/Ötztal Tourismus nutzen bereits sein Netzwerk.

Er schätzt, dass die Skifahrer in China jede Saison rund ein Drittel mehr werden, die Zahl der Snowboarder verdopple sich sogar von Jahr zu Jahr.

Ist Japan mit seinem großen Snow­board-Markt ein Thema? „Der Markt in China ist jetzt so, wie er in den Anfängen in Japan war“, beschreibt der Jungunternehmer die Situation. Der japanische Markt stelle aber kein Vorbild dar, da „chinesische Snowboarder eher von der internationalen Community beeinflusst werden“.

Verschwindend gering schätzt Wang das Marktvolumen für Snowboards ein – nicht mehr als 2000 bis 2500 Boards gehen seiner Meinung nach in der Saison 2009/10 über die Laden-tische. Das Preisniveau sei ähnlich wie in Europa und USA. Dabei boome der Verleih – genau wie bei den Ski: „Jedes Jahr werden hier die neuesten Produkte angeboten.“ Dies befriedige auch das große Markenbewusstsein der chinesischen Wintersport-Fans: „Heutzutage haben die Konsumenten genau dieselbe Auswahl wie in Europa oder den USA.“ Wie auch in den westlichen Märkten habe hier Burton das Zepter in der Hand und sei die Lieblings-Marke der Snowboarder. Fälschungen seien dabei durchaus ein Thema – diese „sind meist aber Backdoor-Products der Abteilungen für Qualitätskontrolle“, ist sich Wang sicher.

Chinesen im Österreich-Urlaub: Haydn statt Hüttengaudi

Den umgekehrten Weg – nämlich die Chinesen zum Skifahren zu uns zu holen – wollte die Gemeinde Saalbach-Hinterglemm im Salzburger Land gehen: Ganze fünf Mal reiste eine Abordnung von Vertretern der Bergbahnen, des örtlichen Tourismusverbands und der Skischulen nach China: Die Österreicher waren dabei in Skigebieten unterwegs, haben mit Vertretern von chinesischen Skiclubs gesprochen, außerdem wurden medienwirksame Events zum Beispiel auf der Chinesischen Mauer organisiert, um Saalbach-Hinterglemm als Wintersport-Ziel zu vermarkten. „Das ist uns aber leider nicht gelungen“, gesteht Peter Mitterer (49), Bürgermeister und zugleich Geschäftsführer der Hinterglemmer Bergbahnen. Zwar würden die Chinesen durchaus das Salzburger Land besuchen, hätten dabei aber eher Mozart und Haydn als Carven und Snowboarden im Sinn. Vor fünf Jahren hat es die Gemeinde schließlich aufge­geben, auf die Gäste aus China zu setzen. Sollte sich der Markt in den ­nächs­ten Jahren noch entwickeln, könne man immer noch daran teilhaben, ist sich Mitterer sicher. Ebenfalls aus dem Osten, jedoch dem „näheren“, kämen derweil die vielversprechenderen Skigäste: Russen, Polen, Ungarn oder Slowaken machen laut Mitterer bereits rund 10% der Übernachtungen aus.

Hermine Mortsch vom Gastein Tourismus betont ebenfalls, dass chinesische Gäste für die Ferienhotellerie ihrer Region kein Thema sind: „Im Winter geht die Zahl sogar gegen null.“ Man habe auch in Zukunft nicht vor, chinesischen Wintersport-Fans den Ort im Salzburger Land durch Marketing-Aktivitäten schmackhafter zu machen. Aufgeschlossen sei man aber durchaus, sollten in Zukunft doch noch mehr Chinesen vom Graukogel oder der Schlossalm hinab ins Tal wedeln wollen. Bis dahin baue man auf die Deutschen, Skandinavier, Holländer, Osteuropäer und Italiener, die den Hauptteil der Gäste ausmachen.

Die Devise an allen Fronten heißt also weiterhin abwarten. Der heimischen Wintersport-Industrie könnte ein Riesenmarkt, wie ihn der chinesische Skiverband prophezeit, auf lange Sicht das Überleben durchaus erleichtern – vorausgesetzt, die chinesischen Ski- und Snowboard-Fans machen ihre Schwünge weiterhin lieber auf westlichen Marken statt auf Carvern und Boards „designed and made in China“.

Eveline Heinrich

Autor: Eveline Heinrich

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 03 / 2010