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Neue Core-Shops bereichern die Szene

  • Hildegard Suntinger
  • Samstag | 09. Juli 2011  |  09:29 Uhr
Wien. Klettern boomt in der Alpenrepublik. Die Nachfrage nach den entsprechenden Produkten steigt ständig. Viele der neuen Shops werden von Kletterern betrieben. Ihr Motto lautet: aus der Szene für die Szene.

Die neuen Klettershops sind meist klein aber dafür sehr spezialisiert. Deren Betreiber starten oft eine zweite Karriere. Das Unternehmen läuft mitunter neben dem „normalen“ Beruf. Die Jungunternehmer sind selbst begeisterte Kletterer und in der Szene bestens vernetzt. Sie bringen nicht nur die eigene Erfahrung, sondern engagieren sich auch in Bergsport- und Klettervereinen sowie bei Wettbewerben. Im Mittelpunkt ihrer Core-Shops stehen Glaubwürdigkeit, Beratungsleistung und Sortimentstiefe.

Das Geschäft ist noch lange nicht ausgereizt

Die Läden sind in Kleinstädten gelegen, wo es zumeist nur Breitensport-orientierte Intersport- und Sport 2000-Händler gibt. Von den Verbandsmitgliedern wird das Segment Outdoor häufig mit Wandersport-Artikeln abgedeckt. Für so manchen Kunden ergibt sich aus dieser Situation ein echtes Beschaffungsproblem. „Man kriegt nichts Ordentliches. Ich habe mir meine Ausrüstung immer mühsam zusammengesucht“, berichtet Daniel ­Toferer. Der 23-Jährige klettert seit acht Jahren und hat Anfang April dieses Jahres den Spezialshop Camp 4 in St. Johann im Pongau aufgemacht. In seinem Kletter-Shop gibt es kein Produkt, von dem er nicht selbst überzeugt ist. Um Mainstream-Marken macht er einen Bogen. Nicht, weil sie nicht gut, sondern weil sie allgegenwärtig sind. Er konzentriert sich auf die Marken: Haglöfs, Marmot, Patagonia, Black Diamond, Prana, Moon, E9 und Ortovox.

Die Verkaufsfläche beträgt 110 qm. Die Einrichtung aus Alteisen und Holz hat er gemeinsam mit einem Tischler entwickelt. Stolz ist er auf die Boulder-Grotte, wo sich seine Kunden einen Teil des Einkaufspreises zurückbouldern können.

Als fortgeschrittener Kletterer ist er Teil der Szene, „denn“, so Toferer, „an den Hot Spots trifft man immer die gleichen“. Dadurch funktioniert auch die Mundpropaganda gut. Derzeit stellt der junge Unternehmer ein Shop-Pro-Team zusammen. Außerden will er mit einem Blog online gehen. Eine weitere Vergrößerung der Kundschaft erwartet sich Toferer auch vom Boulder Contest, den der Bergsport-Verein zum zweiten Mal in der Kletterhalle Werfen organisiert.

Vormittags Tischler, am Nachmittag Händler

Die nächsten Mitbewerber sieht Toferer in Sport Ski Willy am Dachstein und IKO in Eugendorf bei Salzburg. Ein ähnlicher Core-Shop wie seiner, ist auch im nahegelegenen Mittersill zu finden. Hier hat Roland Rauchenbacher im Juni letzten Jahres seinen Alp Store eröffnet. Auf 40 qm Fläche bietet er Produkte für den Klettersport und den Berglauf. Auch Rauchenbacher führt das positive Kunden-Feedback auf seine Verankerung in der Kletterszene zurück. Wie sein Kollege in St. Johann plant er derzeit die Aufstellung eines Pro-Teams und die Durchführung eines Boulder-Events. Außerdem organisiert er Kletterkurse. Highlight im Alp Store ist das eigene Modelabel „Alp Store“. Dafür wurden u.a. Original-Fotos vom lokalen Berg, dem „Pihapper“ am Computer bearbeitet und dann auf T-Shirts gedruckt. Rauchenbacher: „Für Einheimische ein Stück Heimat, für Touristen ein Souvenir.“ Gleichermaßen beliebt sind auch handgestrickte Mützen. Um das Geschäftsrisiko klein zu halten, fährt der 27-Jährige zunächst zweigleisig: Vormittags arbeitet er als Montage- und Kunsttischler, nachmittags in seinem Shop. Für ihn eine ideale Ergänzung.

Raum ist in der kleinsten Hütte

In St. Valentin, einer 8000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Oberösterreich, hat Hannes Peterseil im Herbst 2009 Bergfit, einen Outdoor-orientierten Shop gegründet. Dort gibt es keine Berge, „aber“, wie der 33-jährige Kletterer und Bergsportler feststellt, „Menschen, die am Outdoor-Sport interessiert sind“. Außerdem ist der nächste Kletterturm nur 10 km entfernt und der Nationalpark Kalkalpe nur 20 km. Peterseil spannt auf 30 qm Fläche den Sortimentsbogen von Nordic Walking bis hin zu Alpintouren. Hauptanliegen des jungen Unternehmers ist es, gute Qualität zum fairen Preis zu

bieten. Möglich wird dies mit Marken wie ­Milo (Polen), Triop (Tschechien), Kefas ­(Italien) und Roca (Spanien).

Nach einem Jahr Entwicklungszeit wurde Ende 2010 auch sein Webshop www.bergfit.at aktiviert.

Klettern an Fassaden

Die 3000-Einwohner Stadt Grein, die sogenannte Perle des Strudengau, liegt auf 239 m Seehöhe und ist eine bekannte Wanderregion. Aber auch hier kann geklettert werden. Thomas ­Zavadil, Obmann des Vereins Naturfreunde, hat im August 2009 seinen Climbing Shop gegründet. Gleich neben dem Geschäft befindet sich eine Kletterhalle. Der 37-jährige betreibt parallel zum Shop eine Tischlerei. Er arbeitet ­da­rüber hinaus auch im Bereich Indust­rie-Klettern (u.a. Fassadenreinigung). Er bietet auch Kurse an (u.a. Slackline und Hochseil-Garten). Seine Kunden sind haupsächlich Kletterer, sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene. Zavadil: „Manche nehmen eine Stunde Wegzeit auf sich, weil sie bei uns Sortimentstiefe und Beratung finden.“ Der Online-Shop, der von Anfang an dabei war, trägt mittlerweile ein Drittel zum Gesamtumsatz bei und soll weiter ausgebaut werden.

Der Klettersport bleibt natürlich keineswegs diesen ambitionierten Quereinsteigern vorbehalten. Wie Daniel Toferer eingangs bemerkt hat, führt Sport

Ski Willy in der steirischen Dachstein-Region ein respektables Sortiment. Im Haupthaus in Schladming hat Willy Wieser jun. 300 qm allein der Kletter-Hartware gewidmet. Die Produkte sind seit 15 Jahren fester Teil des Sortiments und seit zehn Jahren eine ernstzunehmende Größe. Maßstab für die wachsende Popularität sind die Verkaufszahlen von Karabinern der Kategorie Express-Schlingen: Vor fünf Jahren wurden etwa 100 verkauft, dieses Jahr werden es wohl 1500 bis 1700 sein. Wieser geht von weiteren Steigerungen aus. Neu im Unternehmen Wieser ist übrigens der Mammut-Shop, der im Herbst 2010 auf 190 qm in Kulm errichtet wurde und dort rund 80% des Sortiments ausmacht.

Kletterhallen werden immer größer

Michael Larcher, Referatsleiter Bergsport im österreichischen Alpenverein, spricht von einer exponentialen Entwicklungskurve bei künstlichen Kletteranlagen in den vergangenen fünf Jahren. Aktuell sind auf der Website des Alpenvereins 122 Anlagen (zumeist Hallen) gelistet.

Und das Wachstum hält an: Larcher weiß von zehn Anlagen, die in den kommenden zwei Jahren österreichweit geplant seien. Der Trend gehe dabei zu großen Einheiten im Umfang von 1200 bis 1800 qm. Die größten Anlagen sind derzeit in Wien (Erzherzog Karl Straße) und in Linz (Auwiesenstraße) zu

finden. Die Kletterfläche beträgt je 3000 qm. Ein ähnlicher Zuwachs sei auch bei Klettersteigen zu verzeichnen. Derzeit werden rund 200 gezählt. Die Hälfte davon befindet sich in Tirol. Larcher verweist auf den Trend zu Anlagen in Talnähe: „Der Klettersteig wird, wie das Schwimmbad, zur Attraktion der Tourismusgemeinde.“ su

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Autor: Hildegard Suntinger

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2011