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Die Krise darf draußen bleiben

  • Markus Huber
  • Freitag | 16. März 2012  |  07:29 Uhr
Peking. Die Ispo in Beijing spiegelte erneut die jüngsten Entwicklungen am chinesischen Sportartikel-Markt wider. Und was man in der Hauptstadt des Reichs der Mitte zu sehen bekam, zeugt von einem Geschäft, das vor Selbstbewusstsein nur so überschwillt. Das Team von sportFACHHANDEL war vor Ort und fasst die jüngsten Tendenzen auf einem dynamischen Markt zusammen.

Tendenz 1: Alle maßgeblichen Zahlen zeigen nach oben. Nach Schätzung von Robbert de Kock, Generalsekretär des globalen Branchen-Verbandes der Sportartikel-Industrie, WFSGI, „wird der Sportartikel-Einzelhandel auch im laufenden Jahr kräftig wachsen“ – und zwar auf 23 Mrd. USD nach 19,9 Mrd. USD im vergangenen Jahr und 16,85 Mrd. USD in 2009. Tendenz 2: Der chinesische Markt fürchtet sich momentan nicht vor schlechten Zeiten, die zum Beispiel durch das wirtschaftliche Klima im Westen herbeigeführt werden könnten. Im Gegenteil: Branchenkenner wie Robson Iu, seit einem Jahr Vertriebspartner von Salewa in China, verrät, dass „die Partner in Europa sogar ihre Anstrengungen bei uns intensivieren“. Dies mag nicht für alle Firmen zutreffen, aber trotzdem gilt der generelle Trend, sich noch kleine, aber schnell wachsende Märkte warm zu halten, wenn es in Europa oder Nordamerika frostig werden sollte.

Tendenz 3: Die Kräfteverhältnisse verschieben sich, was die unterschiedlichen Handelskanäle anbelangt. Die bislang so populären Vertriebsschienen wie Warenhäuser und Einkaufszentren (welche in China gerne synonym bezeichnet werden), geraten laut WFSGI-Erkenntnissen unter Druck: Zum einen durch die Form des großflächigen „Hypermarkts“ im Stil von Metro, Wal-Mart oder Carrefour – dominiert durch ausländische Ketten – sowie durch Supermärkte, die vornehmlich durch heimische Anbieter kontrolliert werden.

Tendenz 4: Der spezialisierte Fachhandel ist noch nicht ausreichend entwickelt, und ihm fehlen ausländische Investitionen. Décathlon ist präsent, aber beispielsweise Intersport steht erst in den Startlöchern (siehe unten). Mit den Worten von Heng Zhang, Chef des börsenreifen Outdoor-Spezialisten Sanfo (siehe Interview auf Seite 18), ist der Fachhandel noch ein „Baby, das wachsen muss“. Gemeint ist, dass der Kleine nicht nur noch wachsen muss, sondern dass er es auch tatsächlich tut.

Tendenz 5: Für den entscheidenden Unterschied werden im Sport-Fachhandel Unternehmen sorgen, die das sinnvolle Augenmaß für die Größe von Verkaufsflächen behalten. Spezialisten wie Sanfo gehen in der Regel nicht über 1000 qm hinaus – selbst in den ganz großen Städten nicht. Gome, ein erfolgreicher Elektrohändler mit mehr als 1000 Verkaufsstellen im Land, hat seine Ambitionen im Sporthandel offenbar erstmal begraben. Der Händler trat 2009 mit zunächst zwei Sportgeschäften an und versprach eine Unmenge mehr Läden in den nächsten Jahren. Inzwischen sind die beiden Geschäfte geschlossen, deren Flächen sich auf 3000 bis 5000 qm beliefen.

Tendenz 6: Damit zurück kommend auf das kleine Investment von ausländischen Einzelhändlern will Intersport ganz aktuell in den mittleren Flächengrößen angreifen und erlaubt seinem neuen lokalen Lizenznehmer, Fujian New Huadu Supercenter Co. Ltd., ab 2013 als exklusiver Lizenznehmer den südchinesischen Markt einzukreisen. Für die nächsten fünf Jahre planen die beiden neuen Partner die Entwicklung von 80 bis 100 Läden in der Größenordnung von 1000 bis 1500 qm. Anders als etwa bei Sanfo geht es hier um Multisport-Geschäfte. New Huadu ist ein Mischkonzern mit einem Umsatz von 1,1 Mrd. USD in 2011, der neben Einzelhandel unter anderem auch Tourismus und Bergwerk betreibt.

Tendenz 7: Der Run auf die „nicht ganz großen“ Städte. Besonders die etablierten Sport- und anderen Einzelhändler sehen die „erstrangigen“ Städte fürs erste halbwegs erschlossen, was die Abdeckung anbelangt. Die bereits eingesessenen Ketten schielen schon seit längerem auf die „second“ oder „third tier cities“. Dabei ist es schwierig, zu verstehen, was „erstrangig“ im Vergleich zu „zweit“- oder „drittrangig“ eigentlich bedeutet: Die Definition ist von der Bevölkerungszahl alleine nicht abhängig, sondern setzt auch Infra-Struktur und relative Nähe zu anderen Großstädten voraus.

Nicht zu bezweifeln ist, dass Peking und Shanghai gefolgt von Guanzhou und Shenzhen erstrangig sind (mehr als 12 Millionen Einwohner sollten es schon sein).

Danach kommen die zweitrangigen Städte, die sich ebenfalls ihren Rang durch die Größe der Population verdienen müssen. Experten sagen, dass als grundsätzlich zweitrangig gilt, was mehr als 5 Millionen Bürger hat. Das wäre in diesem Zusammenhang das Aus für Berlin mit seinen etwa 3,5 Millionen und würde den Abstieg in die dritte Liga bedeuten.

Das muss aber nicht so sein: Wenn „Berlin“ irgendwo im chinesischen Hinterland zu lokalisieren wäre, könnte es für eine „zweitrangige“ Stadt reichen. In der Nähe von Shanghai wäre es dafür schon selbst mit 7 Millionen Leuten schwierig. Alles unter 1 Million gilt sowieso eher als Städtchen. Es gibt also eine vage Kategorisierung von Städten, die allerdings den Expansionsplänen von ambitionierten Händlern zugrunde liegen.

Insgesamt – und das sind die Lehren aus der am 1. März beendeten Ispo Beijing – sieht der chinesische Sporthandel nicht wie eine künstliche Blase aus, auch wenn er noch einer gefestigter Struktur bedarf. Die Dinge sind im Fluss, aber die Flüsse in China sind sehr lang. mh

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Autor: Markus Huber

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 06 / 2012