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Selbst zu kontrollieren, reicht nicht

  • Markus Huber
  • Montag | 07. Februar 2011  |  10:20 Uhr
Mehr und mehr Firmen in der Sportbranche unterwerfen sich unabhängigen Standards, um sicher zu stellen, dass es in ihren eigenen oder angeschlossenen Fertigungsstätten „sauber“ zugeht, was die Beachtung ökologischer oder sozialer Standards betrifft.

Dass sich Lieferanten besonders aus der Outdoor-Ecke derzeit richtig reinhängen, an dieser Front klar Schiff zu machen, ist bekannt. Wir wollten es aber genauer wissen und herausfinden, was etwa eine Mitgliedschaft bei Fair Wear Foundation, jener Stiftung, die die Einhaltung sozialer Standards in Textilfabriken überwacht, auch im technischen Sinne bedeutet. Wir haben uns mit Adrian Huber (Head of Brand and Product Development) unterhalten, dessen Arbeitgeber Mammut als eine der ersten Outdoor-Marken der FWF beigetreten ist.

sportFACHHANDEL: Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, um Mitglied bei der Fair Wear Foundation (FWF) zu werden?

Adrian Huber: Bevor operative Bedingungen erfüllt werden können, müssen in einem Denkprozess strategische Voraussetzungen geschaffen werden: 1. muss akzeptiert werden, dass es nicht reicht, die Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette selber zu kontrollieren, sondern dass diese von einer unabhängigen Instanz verifiziert werden müssen. Nur das schafft Transparenz und Glaubwürdigkeit.

2. muss das Verständnis etabliert werden, uns für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bzw. der Arbeitssicherheit einer chinesischen Näherin ebenso einzusetzen wie für unsere Fachkräfte in der Mammut-Seilerei in der Schweiz auch.

3. muss das Verständnis und die Bereitschaft vorhanden sein, dass für ein glaubhaftes Engagement bei FWF neben dem fälligen Mitgliedsbeitrag vor allem auch personelle Ressourcen bereitgestellt werden müssen.

Welche technischen Notwendigkeiten müssen erfolgen, um FWF Mitglied zu werden? Es musste ein Workplan vorgelegt werden, der detailliert aufzeigt, wie die Qualität der Arbeitsbedingungen gehalten oder – wo notwendig – verbessert wird. Es musste aufgezeigt werden, bei welchen Lieferanten wir die Implementierung des Code of Labour Practice umsetzen und verifizieren lassen. Zudem musste die Systematik eines internen Management-Systems entwickelt und ein Kommunikationsplan erarbeitet werden. Überdies mussten die Verantwortlichkeiten für die Code-Umsetzung geklärt und transparent gemacht werden. Mit der Mitgliedschaft verpflichtete man sich ferner, einen Annual Social Report zu veröffentlichen, der über Aktivitäten, Herausforderungen und Fortschritte Auskunft gibt.

Wo treten bzw. traten die meisten Probleme auf? Bei uns traten weder große noch ungeplante Probleme auf, da wir mit unseren Konfektionären eine jahrelange partnerschaftliche Geschäftsbeziehung unterhalten. Unsere Produkte bestehen aus hochwertigen Materialien, die mit innovativen Verarbeitungstechnologien hergestellt werden. Dieser Qualitätsanspruch bedingt, dass wir mit den besten Produzenten zusammenarbeiten, die überdurchschnittlich gut qualifiziertes Personal haben und daran interessiert sind, ihre NäherInnen halten zu können. Eine 3-Lagen {c|Gore-Tex|101}-Jacke herzustellen ist deutlich anspruchsvoller als ein T-Shirt. Langfristige Arbeitsverhältnisse zu haben bedingt, dass sie würdig behandelt und entlohnt werden.

Trifft das nicht für die Outdoor-Branche insgesamt zu? Auch wenn wir insgesamt als Branche besser dastehen, als uns der Clean Clothes Campaign (CCC) Report glauben machen will, sehen wir uns mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Welche Herausforderungen sind das? Das strukturelle Problem der Überstunden in China in den Griff zu bekommen oder einen gesetzeskonformen Umgang mit dem Thema gewerkschaftliche Versammlungsfreiheit zu finden – eine Forderung der NGOs, die in China per Gesetz verboten ist. Ebenfalls eine große Herausforderung ist es, Existenzsichernde – und nicht nur gesetzlich festgelegte – Löhne zu bezahlen.

Lässt sich als mittelständische Firma hier überhaupt etwas ändern? Auch wenn einige NGOs Berechnungs-Modelle und Implementierungs-Konzepte vorgelegt haben, ist es schwierig, als relativ kleine Firma, auf die Lohnpolitik ganzer Länder respektive Industrien Einfluss nehmen zu können.

Was bedeutet die Mitgliedschaft bei FWF für die Firmenstruktur? CSR ist kein untergeordnetes Problem, sondern ein Wettbewerbs-Faktor. Wir müssen unsere verantwortlichen Supply Chain Manager mit der Umsetzung beauftragen und die CR-Abteilung Aufgaben im Bereich der Koordination und Kommunikation wahrnehmen lassen. CSR muss langfristig die gleiche Bedeutung erlangen wie die klassischen Supply-Chain-Erfolgsfaktoren Kosten, Qualität, Durchlaufzeiten und Zuverlässigkeit.

Was bedeutet Mitgliedschaft bei der FWF für Entscheidungsprozesse? Es bedeutet, dass wir bei der Evaluation eines neuen Produzenten von Anfang an FWF thematisieren und mit dem Thema Arbeitsbedingungen systematischer, professioneller aber auch kritischer umgehen. Auf das bestehende Lieferanten-Portfolio hat die Mitgliedschaft in unserem Fall kaum einen bedeutenden Einfluss, da wir bereits nach dem ersten Mitgliedsjahr weit über den geforderten 40% unseres eingekauften Bekleidungsvolumen nach den Kriterien der FWF verifiziert hatten, nämlich 73%.

Was kostet die Mitgliedschaft bei Fair-wear? Die Jahresbeiträge hängen von der Umsatzgröße der Firma ab. Dazu kommen die Auditkosten. Die Hauptkosten liegen nicht im Mitgliedsbetrag, sondern bei Prozess- und Personal-kosten. Das Thema strategisch und glaubwürdig zu implementieren bedeutet, dass Leute dafür angestellt werden und die Inhalte ins Tagesgeschäft integriert werden müssen.

Der Wille der Geschäftsleitung einer Firma muss vorhanden sein, um eine Veränderung der Produktions-Standards durchzusetzen. Warum muss man, um Sozialstandards zu implementieren wirklich Mitglied in einer Multistakeholder-Initiative werden? Grundvoraussetzung und entscheidender Erfolgsfaktor für Veränderungsprozesse ist immer, dass diese von der Geschäftsleitung angeschoben, begleitet und unterstützt werden. Das ist bei CSR nicht anders. Eine Multistakeholder-Initiative hat den Vorteil, dass sie unabhängig, transparent und glaubwürdig ist.

Viele Firmen haben eigene Codes of Conduct. Kann man Sozialstandards selber sinnvoll implementieren, wenn man den Willen dazu hat? Wenn man als Firma den Sozialstandard selber implementieren will, stellt sich die Frage nach welchen Kriterien man den definiert. Zudem setzt man sich dem Vorwurf aus, dass man sich zum Richter in eigener Sache aufschwingt. Dieser Vorwurf wiegt schwer, wenn man sich die aktuelle Beurteilung der Outdoor-Firmen in der CCC-Umfrage anschaut. Dieses Risiko hat Mammut richtig und frühzeitig eingeschätzt und sich 2008 als erste Outdoor-Firma für eine Mitgliedschaft entschieden.

Ist die Mitgliedschaft in einer Multistakeholder-Initiative nicht nur ein äußeres Zeichen, um gegen Pressure Groups gewappnet zu

sein? Den Vorwurf, sich mit einer Mitgliedschaft bei FWF vor Pressure Groups aus dem Schussfeld zu nehmen, fällt zu kurz, denn die Konsequenzen und das Engagement einer Mitgliedschaft sind weitreichend. Eine Multistakeholder-Initiative bedeutet, dass Handel, Gewerkschaften, Hilfsorganisationen und Industrie gemeinsam Lösungen suchen. Selbstverständlich sind jedoch Pressure Groups wie z.B. die CCC relevante Gesprächs-partner, auch wenn wir ihre Meinungen und Ansichten nicht in allen

Belangen teilen.

Welche weiteren Vorteile bringt eine Mitgliedschaft bei einer Multistakeholder-Initiative? NGOs können helfen, „heiße Themen“ zu identifizieren, daher ist ein aktiver Stakeholder-Dialog von strategischer Bedeutung. Organisationen, die außerhalb der Wirtschaft arbeiten, bieten Unternehmen Zugang zu Wissen, das intern in der Geschwindigkeit die von Nöten wäre, nicht aufgebaut werden könnte.

Das Bewusstsein, dass Bio-Baumwolle in Bezug auf Umweltverträglichkeit wesentlich besser ist, als konventionell angebaute Bauwolle, haben wir einer Handvoll NGOs zu verdanken, die auf diese komplexen Zusammenhänge immer wieder hinweisen. Auch Bluesign hätte nicht den Rückenwind, wenn nicht NGOs oder Verbrauchermagazine darauf hinweisen würden, dass in der Industrie gefährliche Substanzen eingesetzt werden. Die Quintessenz: Unternehmen müssen lernen, mit NGOs zusammenzuarbeiten. Nur so können Missstände nachhaltig verbessert werden.

Das Interview führte Markus Huber.

Autor: Markus Huber

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 04 / 2011