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„Nicht top-down, sondern bottom-up aufbauen“

  • Hildegard Suntinger
  • Mittwoch | 23. Februar 2011  |  13:02 Uhr
Ohlsdorf. Holger Schwarting leitet seit Mitte Dezember die operativen Geschäfte der Sport 2000 in Österreich (SFH Ausgabe 26/2010, S. 1). Der Nachfolger von Gerhard Schwab tritt kein leichtes Erbe an.

Die Entlassung langjähriger Mitarbeiter und die Diskussion um eine Kapitalaufstockung hatten zu einem rasanten Mitgliederverlust geführt.

sportFACHHANDEL: Die Mitgliederzahl ist zuletzt empfindlich zurückgegangen. Gibt es Maßnahmen, Händler zurück- und neuzugewinnen? Holger Schwarting: Absolut ja. Wir haben das Jahr 2011 als Jahr der Mitglieder und Partner ausgerufen. Wir werden in unserem Geschäftsmodell mit großer Intensität auf die Bedürfnisse der Mitglieder eingehen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Konzeptes ist der Vertriebs- und Betreuungsapparat. Diese Ausrichtung soll uns Argumente für ausgeschiedene Mitglieder und neue mögliche

Partner liefern. In Summe stellt die Sport 2000 den besten Mix aus freiem Unternehmertum und einer zentralen unterstützenden Organisation dar.

Sie sind nach drei Jahren branchenfremder Tätigkeit in den österreichischen Sportartikelmarkt zurückgekehrt. Was reizt Sie am Markt und an der neuen Tätigkeit? Die Branche interessiert mich und ich habe mich in der Zeit bei Nike, Intersport und Eybl wohlgefühlt. Schon als Sport 2000 noch Mitbewerber war, dachte ich, dass das Unternehmen gut aufgestellt ist – aber wesentliches ­Marktpoten­zial ungenutzt lässt. Darin sah ich die Chance, schnell etwas bewegen zu können.

Sie haben die in der Satzung vorgesehene Position des hauptamtlichen Vorstandes mit den gewerberechtlichen Verantwortlichkeiten der Geschäftsführung übernommen. Die Position des Geschäftsführers wurde nicht mehr besetzt. Was war der Grund für diese Änderung? Der Vorstand übernimmt diese Aufgabe künftig. Ich denke, dass der Aufsichtsrat das beschlossen hat, um die Position des Vorstands aufzuwerten und um Entscheidungswege im Unternehmen zu entbürokratisieren. Gemeinsam mit den Vorstandsvorsitzenden Martin Jennewein und Josef Picher wird es rasch zu Entscheidungen kommen, die wir dann im Aufsichtsrat vortragen.

Das Management wurde seit den Personalrochaden und der Kapitalaufstockung im April 2009 heftig kritisiert. Ist die Verfassung des

Managements denn nun akzeptabel? Ich habe ein Team vorgefunden, das mich sehr offen empfangen hat und das offen ist, neue Wege und Veränderungen zu diskutieren. Kurzfristige Änderungen personeller Art sind nicht vorgesehen. Jeder Mitarbeiter soll so produktiv wie möglich arbeiten. Ändern wird sich die Vergabe von Kompetenzfragen und die Verantwortungsaufteilung zwischen den Abteilungen. Eine neu geschaffene Abteilung soll sich z.B. mit Vertrieb und Mitgliederbetreuung beschäftigen. Ich bin der Meinung, dass es eine klare Ausrichtung für die Mitgliederbetreuung braucht. Zuvor waren Logis­tik und Vertrieb in einer Abteilung. Jedoch hat die Logistik andere Ziele und Strategien als der Vertrieb. Wir werden außerdem viel in EDV inves­tieren.

Die Sport 2000 ist in Österreich nicht die einzige EKG, die Probleme hat. Ist das klassische Einkaufsgenossenschafts-Modell noch aktuell? Ja. Das Genossenschaftsmodell hat seine Berechtigung, wenn es am Markt ausgerichtet ist. Aber erstens muss eine Rückbesinnung auf die Kernaufgabe stattfinden – nämlich den Händlern die besten Einkaufskonditionen bieten. Und zweitens müssen wir eine klare Marken- und Marketingausrichtung aufbauen. Die Marktteilnehmer, die ein klares Bild zum Endverbraucher bringen, werden es schaffen.

Sie haben bei Ihrem Antritt von einer Bündelung der Einkaufs- und Marketingkräfte gesprochen. Wie ist das konkret zu verstehen? Sport 2000 möchte andere Wege gehen als die Mitbewerber. Deshalb soll das Marketing auf die regionalen Bedürfnisse der Mitglieder zielen. Jeder soll aus einem einheitlichen Marketingmenu ein auf Gebiet und Shop abgestimmtes Modul wählen können. Zudem soll das Marketingangebot erweitert und aktualisiert werden. Auf diese Art soll die Marke nicht top-down, sondern bottom-up aufgebaut werden.

Im Einkauf streben wir marktgerechte Sortimente an. Dazu möchten wir Mitgliederteams bilden, die schon zu einem frühen Zeitpunkt Einfluss auf den Einkaufsprozess nehmen. Ein weiterer Mitgliederkreis soll ein Sys­tem ins Leben rufen, dass der EKG ­eine rasche Reaktion auf Sonderaktionen von Industrieseite ermöglicht. Aufbauend auf der Erkenntnis, dass Markenartikel einen hohen Stellenwert beim Endverbraucher haben, möchten wir uns als Partner der großen Marken verstehen. Gemeinsam möchten wir Marktchancen identifizieren und nutzen. Es braucht Kooperation. Einerseits um entlang der Prozesskostenkette gemeinsame Potenziale für die Kostenreduktion zu finden und andererseits um gemeinsame Marketingaktivitäten zu setzen.

Die Sport 2000 hat die Ostexpansion spät gestartet und litt vor allem in Ungarn krisenbedingt stark. Sie sprechen jetzt erneut von Chancen in der Ostexpansion. Gibt es bereits Pläne? Osteuropa birgt mittelfristig großes Wachstumspotenzial. Im ersten Schritt liegt der Fokus unserer Arbeit jedoch auf den österreichischen Mitgliedern. Aber wir arbeiten bereits an einem Ostexpansions-Konzept, das im Juni 2011 im Aufsichtsrat zur Vorlage gelangen soll.

Der österreichische Sportmarkt ist sehr kompetitiv. Fünf Unternehmen teilen sich 90% des Marktes. Wo sehen Sie die strategischen Vorteile der Sport 2000? Österreich ist wettbewerbsintensiv, hat allerdings auch – neben der Schweiz – die höchsten Sportausgaben der Welt. Der Markt hat sich schon in Teilnehmer mit Preispolitik und Teilnehmer mit Fokus auf Qualität und Beratung segmentiert. Wir ordnen uns Letzterem zu. Eine Stärke sehen wir in der flächendeckenden Präsenz der Mitglieder die unserer Stabilität zugute kommt. Eine weitere Stärke sehen wir im lokalen Unternehmertum. Die meisten Mitglieder stehen selbst im Geschäft, haben starken Sportbezug und sind für die Kunden ein kompetenter Ansprechpartner. Die inhabergeführten Geschäfte sichern die Kundenbindung. Wir wollen nicht zum unpersönlichen Filialisten werden.

Ihr Wettbewerber unternimmt große Anstrengungen um – mehr als ein Einkaufsverband – eine Marke zu werden. Scheint dieses Ziel auch für Sport 2000 verlockend? Auf jeden Fall glaube ich an die Stärke der Marke. Unser Ziel ist der gemeinsame Aufbau eines einheitlichen Markenbildes, das lokal gelebt wird – auf Basis von Freiwilligkeit und Vertrauen. Unterstützung bekommen wir von Sport 2000 International, die auch über überregionale Konzepte nachdenkt. Wir werden das Konzept des Sport 2000 Sprungski, das im ersten Anlauf von der FIS abgelehnt wurde, weiter verfolgen. Das soll alle Länder motivieren, mit der Marke zu arbeiten.

Wie ist das Jahr 2010 für die Sport 2000 gelaufen? Wir konnten bei einem Umsatzvolumen von 375 Mio. EUR ein Plus von 2% verzeichnen. Im vierten Quartal haben wir durch den frühen Wintereinbruch profitiert. Der Dezember war für viele Händler sensationell. Der Schnitt lag bei einem Plus von 8%.

Das Interview führte Hildegard Suntinger.

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Autor: Hildegard Suntinger

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 05 / 2011