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Lasst uns nicht wieder von vorne anfangen

  • Markus Huber
  • Freitag | 13. Juli 2012  |  07:39 Uhr
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Alberto Bichi
Brüssel/München. Das Schicksal des Euros wird in den kommenden Wochen und Monaten möglicherweise entschieden, und die Sportbranche kann nicht so tun, als gehe es in ihrem Bereich ständig mehr um das Wetter als um gesamtwirtschaftliche Faktoren.

Im Interview mit sportFACHHANDEL analysiert Alberto Bichi, Generalsekretär der Fesi, des Verbands europäischer Sport-

artikel-Hersteller, die gegenwärtige Situation der Einheitswährung. Auf den folgenden Seiten kommen weitere Top-Manager aus Industrie und Handel zu Wort, die eine Einschätzung über die nahe, unsichere Zukunft geben möchten.

sportFACHHANDEL: Herr Bichi, wie sieht Ihre persönliche Beziehung zum Euro aus, seit er vor rund zehn Jahren wirksam wurde?

Alberto Bichi: Wenn Sie mich persönlich nach meiner aufrichtigen Meinung fragen, hat der Euro mein eigenes Leben um vieles leichter gemacht, denn ich reise viel durch Europa und bin froh, dass ich vom ständigen Geldwechseln verschont bleibe. In diesem Sinne teile ich die positiven Erfahrungen mit allen Bürgern der Eurozone. Auf der anderen Seite haben wir mit der Einführung des Euros Preiserhöhungen erfahren, die teilweise logisch nicht nachvollziehbar sind. Italiener wie ich konnten nicht verstehen, warum ein Kaffee plötzlich nicht mehr 1000 Lire, sondern 1 Euro kosten soll (etwa das Doppelte, Anm. d. Red.).

Hat sich Ihre Einstellung zur Einheitswährung mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 verändert? Zu dieser Zeit hatte ich Glück, denn ich war persönlich von der Krise eigentlich nicht betroffen. Gleichzeitig war ich besorgt über die Maßnahmen, die Regierungen ergriffen oder ergreifen mussten, um die Schulden ihrer jeweiligen Länder decken zu können. Dies hatte in mehreren Ländern Steuererhöhungen zur Folge. Ich verstand den Zorn der Bürger, die nicht einsehen konnten, warum horrende Mengen öffentlicher Gelder auf die Rettung von Banken verwendet werden mussten. Natürlich verstehe ich, dass die Regierungen einschreiten müssen, um das Bankensystem zu retten. Gleichzeitig liegen die Gründe für die Wut der Menschen auf der Hand: Wie erklärt sich die Logik staatlicher Intervention, wenn die Banken selbst ihren Verpflichtungen nicht nachkommen? Unglücklicherweise hat sich seitdem – abgesehen von gewissen Anpassungen – im System nicht sehr viel verändert.

Was wäre der unmittelbare Effekt für die Sportbranche, wenn nun ein oder mehrere Länder den Euro-verbund verlassen müssten? Am Ende müssten die Unternehmen zu einem Punkt zurückkehren, an dem sie schon vor zehn Jahren standen: Für alle Marktteilnehmer, die mit Ländern handeln, die aus der Eurozone ausscheiden, würden enorme administrative und finanzielle Lasten zukommen. Das steht außer Frage und es wäre unausweichlich.

Würde eine kleinere Eurozone dem Traum von der einheitlichen Preisliste für Europa ein Ende setzen? Nun, der Ausdruck „Traum“ ist nicht schlecht gewählt. Wir hatten niemals einheitliche Preise in Europa, und dabei spielt es keine Rolle, ob wir über Länder innerhalb oder außerhalb der Eurozone sprechen. Es ist eine Tatsache, dass die Einheitswährung dazu beigetragen hat, Preisunterschiede von einem Land zum nächsten zu begrenzen. Die Vergleichbarkeit von Preisen wurde erleichtert, aber hier spielten ganz andere Faktoren ebenfalls eine bedeutende Rolle: Am Wichtigsten zu erwähnen sind hier das Internet und die Online-Händler, die ganz stark für eine Preistransparenz gesorgt haben.Andererseits konnte der Euro den unterschiedlichen Vertriebskosten innerhalb der Eurozone keineswegs Einhalt gebieten. Die Vielfalt Europas ist nach wie vor stärker als seine Einheit, vor allem wenn es um technische Aspekte geht. Dazu gehören Faktoren wie die Besteuerung, die Personalkosten, das Marketing, die Fracht und – am wichtigsten – die Kaufkraft der Konsumenten. Hier gibt es eine lange Liste von Problemen, die durch eine Einheitswährung nicht abgearbeitet werden konnte. Aber, ehrlich gesagt, es war niemals der Plan des Euros, diese Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Sicher ist in jedem Fall, dass die meisten Marken ihre eigenen, individuellen Strategien fahren werden, um den Bedarf in den unterschiedlichen europäischen Märkten bestmöglich befriedigen zu können. Europa bedeutet so viel mehr als die gegenwärtig angeschlagene Eurozone. Wir haben zum Beispiel wohlhabende Länder, die freiwillig dem Euro fern geblieben sind, und wir haben in Osteuropa Nationen, die den aktuellen Standards der Euro-Gemeinschaft nicht entsprechen würden.

Ich möchte damit sagen: Soweit es unsere Branche betrifft, gibt es so viele andere Dinge zu reflektieren als nur den momentanen Zustand des Euros.

Ganz allgemein betrachtet: Gibt es in der Sportbranche für eine kleinere Eurozone oder sogar für den „großen Knall“, das Ende einer Einheitswährung, einen Plan? Lasst uns ehrlich und realistisch sein: Im ganz großen Szenario der Volkswirtschaften ist die Sportbranche einfach zu klein und spielt keine wesentliche Rolle, um die Dinge in einer Weise beeinflussen zu können, die sich unsere Mitglieder vielleicht vorstellen könnten. Wir sehen klar, dass unsere Möglichkeiten in dieser Frage eher begrenzt sind. Wir können hier eher reagieren als aktiv agieren. Am Wichtigsten ist derzeit, dass die globale Wirtschaft einen Prozess einleitet, der sich damit befasst, die weltweite Wirtschafts-Ordnung neu zu erfinden, die momentan – über Europa hinaus – an der Kante steht.

Das Interview führte Markus Huber.

Autor: Markus Huber

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2012