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Kein Sprungbrett nach Süddeutschland

  • Hildegard Suntinger
  • Mittwoch | 25. Januar 2012  |  06:23 Uhr
Graz. Hervis und Sports Experts wollen nach Deutschland: Beide Ketten bevorzugen Bayern. Die sportliche Spar-Tochter zieht es nach Straubing und den Eybl-Ableger nach Erding.

Wohin geht die Reise bei Gigasport? Andreas Zinschitz ist seit rund einem halben Jahr der neue Sportchef im Vorstandsteam von Kastner & Öhler (SFH Ausgabe 12/2011, S. 10). Der 50-Jährige glaubt an die Positionierung der Kette Gigasport als Komplettanbieter, will aber mit dem Fokus auf Fullservice in erster Linie die Leistung in den bestehenden Filialen verbessern. Ein Ausbau steht bei Gigasport daher weder im In- und Ausland auf dem Fahrplan.

sportFACHHANDEL: Sie waren zuvor rund 20 Jahre in der Reisebranche tätig. Was war der Reiz in den Sportartikel-Markt zu wechseln – und zu Gigasport? Andreas Zinschitz: Ich habe sehr gern in der Reisebranche gearbeitet und hatte das Glück, meine Karriere auch selbst mitgestalten zu dürfen. Für meine persönliche Weiterentwicklung hielt ich dennoch eine Veränderung für notwendig. Die Chance bei Gigasport ergab sich durch persönliche Kontakte. Es war ein „natural fit", weil ich mich als begeisterter Hobbysportler mit dem Produkt und dem Geist im Unternehmen identifizieren kann. Mir hat das Unternehmen von außen gut gefallen und auch die Aussicht für ein Familienunternehmen zu arbeiten, schien mir reizvoll.

Denken Sie, dass der Sportartikel-Markt vom Rückgang der Flugreisen profitieren kann? Nicht grundsätzlich, aber vielleicht kurzfristig. Ein kurzfristiger Profit könnte entstehen, wenn der Konsument wegen der Streiks auf seinen Urlaub in Griechenland verzichtet und das Geld stattdessen im Sportartikel-Handel ausgibt. Es gibt aber natürlich eine enge Verbindung von Reisen mit Sportartikeln sowie Sportausübung und die wird sich noch intensivieren. Der Trend geht weg vom Pauschalurlaub am Strand und hin zum Individualurlaub und dabei spielt Sport eine große Rolle. Es wird immer normaler, dass man sein Rad in die Türkei mitnimmt und seinen Golfschläger nach Mallorca. Von daher wirkt sich eine positive Entwicklung der Reisetätigkeit auch positiv auf den Sportartikel-Handel aus. Die Reiseintensität wird aus meiner Sicht allerdings eher zunehmen und davon sollte die Sportartikel-Branche eher profitieren, als von der umgekehrten Situation. Die Welle, die durch Low Cost-Flüge losgetreten wurde, ist nicht mehr aufzuhalten. Aber vor allem führt die Individualisierung als gesellschaftlicher Megatrend dazu, dass die Konsumenten heute weniger an ihre Familie gebunden sind. In Patchwork-Familien kann freier entschieden werden und die Möglichkeit eines Golfurlaubs abseits der Schulferien ist größer. Darüber hinaus neigen Menschen zunehmend zum Individualsport, das heißt, man macht sich in seiner Freizeit nicht mehr von Gruppen-Aktivitäten abhängig, sondern unternimmt selber etwas, das einem gerade Spaß macht.

Wie schätzen Sie die Wettbewerbsintensität im österreichischen und deutschen Sportartikel-Markt ein? Im Vergleich zum deutschen Markt ist der österreichische Markt dicht besetzt. In Österreich gibt es sechs bis sieben große Player, zu denen auch Gigasport zählt. Die Situation in Deutschland sehe ich fragmentierter. Dort gibt es auch einige große Player, die aber entweder sehr regional oder sehr produktspezifisch sind. Ich war kürzlich bei einem großen europäischen Filialisten und gewann im Gespräch den Eindruck, dass das Unternehmen sehr gern nach Österreich kommen würde, aber keine Chance sieht, Fuß zu fassen. Das wäre zu aufwändig und ginge nur über Verdrängung. In Österreich tritt man im Wettbewerb gegen einige wenige Große an. In Deutschland gibt es ­ers­tens noch mehr Platz und zweitens Kleinere, die leichter übernommen oder verdrängt werden können.

Wie reiht sich Gigasport in diesem Szenario ein? Der Wettbewerb zeigt regionsspezifisch sehr unterschiedliche Ausprägungen. Gigasport scheint mit einem Marktanteil von rund 7% relativ klein. Das liegt auch daran, dass wir im Westen kaum präsent sind (Anm. d. Red.: je 1 Filiale in Innsbruck und Dornbirn). Aber da, wo wir sind, können wir unsere Stärken ausspielen. An Standorten wie Graz, Kapfenberg, Oberwart oder Ried erreichen wir einen Marktanteil von bis zu 25%. Gigasport will als Vollsortimenter mit Fullservice punkten. Als direkten Wettbewerber in Österreich sehen wir derzeit nur Eybl, abgesehen von einigen wenigen starken Einzelunternehmen.

Was genau verstehen Sie unter Fullservice? Mein primärer Fokus ist die Personalqualität. Aber das ist durchaus ein zweischneidiges Schwert. Das Ergebnis der Kollektiv-Vertragsverhandlungen im Handel war für die Arbeitgeber durchaus kritisch (Anm. d. Red.: Anstieg der Mindestgehälter um durchschnittlich 3,6%). Das würde Sparmaßnahmen im Personalbereich nahelegen. Wenn wir in Personal investieren möchten, dann geht das natürlich in die andere Richtung. Eine einfache Lösung liegt da gerade nicht am Tisch. Ohne Beratung und Begeisterung für den Sport geht es aber nicht. Nur ein Verkäufer, der versteht, warum ein Kunde ein Fahrrad um 5000 EUR haben will, wird es auch verkaufen können.

Aus Konsumentensicht: Ist das Angebot von zwei Verbänden und vier Ketten zufriedenstellend? Hervis und Sports Experts fahren mit relativ einfachen Discounter-Konzepten. Wobei sich Sports Experts in meiner Wahrnehmung jetzt vom Billigpreis wegbewegen will. Ich glaube, die Marktteilnehmer erkennen, dass die Kaufkraft der Österreicher im Europaschnitt relativ hoch ist und dass sie gern Geld für Sport ausgeben. Aus unserer Sicht legen die Österreicher auch Wert auf Beratung. Die „Geiz ist Geil"-Mentalität ist im Abebben begriffen. Vollsortiment mit Fullservice rückt wieder in den Vordergrund und das Preis-/Leistungsverhältnis muss sowieso immer stimmen.

Inwieweit ist das Haupthaus in Graz mit den übrigen Standorten vergleichbar? Unsere Flächengrößen variieren zwischen 700 und 5000 qm. Graz ist mit 5000 qm bei weitem das größte Haus, aber auch die Flächen in Brunn am Gebirge (2700 qm), Klagenfurt (3000 qm) und im demnächst neu strukturierten Villach (2500 qm) sind sehr groß und sehr erfolgreich. Trotz der sehr unterschiedlichen Flächenverhältnisse führen wir an allen ­Stand­orten ein Vollsortiment. Wir überlegen, an kleineren Standorten einen regionalen Fokus zu setzen und gewisse Produkte wegzulassen. Das führt aber auch zu Schwierigkeiten, weil Werbung überregional gemacht wird und der Kunde verärgert ist, wenn lokal nicht alles angeboten wird. Entscheidungen darüber sind noch nicht gefallen.

Gigasport war Anfang Dezember 2010 das erste Mitglied der Sports Alliance International (SAI) von Georg Oberrauch. Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt? Für Gigasport macht sich das absolut bezahlt. Wir sind – wie einige andere Partner der SAI – auch Mitglied der Eurofamily. Dadurch gibt es eine enge Kooperation in der Entwicklung von Eigenmarken und gemeinsamen Strategien. Bei den Treffen ergibt sich ein wert-voller Austausch von Händlern, die von Südtirol bis Norddeutschland angesiedelt sind und regional nicht im Wettbewerb zueinander stehen. Ob es sinnvoll ist, die gemeinsame Entwicklung von Eigenmarken und Strategien als Richtung für ein Gesamtkonzept zu nehmen, ist durchaus fraglich. Aber wir sehen uns durch sämtliche Player am Markt dazu gezwungen. Unsere Lieferanten nutzen Direktvertriebs-Kanäle und gehen von diesem Konzept nicht ab. Das mag verständlich sein oder nicht. Das hat auch viel mit der Qualität meiner Vertriebsleistung zu tun. Eine der möglichen Antworten darauf ist die Entwicklung erfolgreicher Eigenmarken.

Das Thema Nachhaltigkeit setzt sich am Sportartikel-Markt nur zögerlich durch – besonders bei den Händlern. Wie denkt man bei Gigasport darüber? Mir persönlich ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig und ich wünsche mir, dass es allgemein und auch in Österreich mehr Berücksichtigung findet. Gigasport als privatwirtschaftliches Unternehmen ist jedoch dazu gezwungen, wirtschaftlich zu agieren. Wir müssen davon überzeugt sein, dass die Aktionen, die wir setzen, auch tatsächlich einen Nutzen bringen und der Nutzen kommt meines Erachtens fast ausschließlich über den Konsumenten. Wenn man Nachhaltigkeitskonzepte an den Konsumenten bringt, muss man sie aber auf jeden Fall auch in der eigenen Organisation leben – und das in allen Facetten. Das heißt, nicht nur in Form von Energiesparmaßnahmen, sondern auch mit Maßnahmen in den Bereichen Personal und Produkt. Wir überlegen zum Beispiel, die großen Flächen unserer Immobilien, die nicht für Werbung genutzt werden können, für die Energiegewinnung mit Photovoltaik oder Solaranlagen und dergleichen zu nutzen. Zudem

legen wir Wert darauf, dass unsere Lieferanten Zertifikate im ökosozialen Bereich anstreben. Dabei spielt das Thema Arbeitskonditionen in Billiglohn-Ländern eine große Rolle.

Gigasport war Mitte der 1990er Jahre einer der ersten österreichischen Händler am ­osteuropä­ischen Markt. Was ist der Status Quo und welche Pläne gibt es für die mittelfristige Zukunft? Ein Ausbau der Märkte Tschechien, Slowenien und slowakische Republik ist kurzfristig nicht geplant. Derzeit analysieren wir die bestehenden Standorte und sehen durchaus Veränderungsbedarf. So hat zum Beispiel unser Standort in Brünn (Tschechien) innerhalb der zehn Jahre seines Bestehens an Qualität verloren, weil andere Shopping Center und Geschäfte in der Nähe entstanden sind. Es gibt jetzt vier Wettbewerber: Sportisimo, A3, Hervis und Intersport. Brünn ist eine Stadt mit 300.000 Einwohnern, einem großen Einzugsgebiet und für tschechische Verhältnisse relativ hoher Kaufkraft. Jetzt überlegen wir, was wir tun können.

Wo sollen oder könnten neue Märkte aufgerollt werden? Wir sind sehr stark auf die Region Südsteiermark und Kärnten konzentriert (Anm. d. Red.: zehn von 18 Filialen) und haben auch einige Märkte westlich davon. Aber daraus ergibt sich kein logisches Sprungbrett nach Süddeutschland, obwohl der Markt vielleicht da wäre. Heute keinen Standort in Ungarn zu haben, ist eher von Vorteil. Ich habe bei TUI jahrelang unsere ungarische Tochter begleitet und das waren sehr schwierige Jahre, weil der Markt extrem unsicher ist und auch die rechtliche Situation – ausgelöst durch die Regierung – für ein Unternehmen sehr unerfreulich ist. Kroatien wird mittelfristig ein spannendes Thema sein, abgesehen von der Geschichte die unser Unternehmen in Kroatien hat. Aber der EU-Beitritt lässt natürlich einige Fantasien entstehen. Das wird noch nicht heute oder morgen sein, aber die Entwicklung bleibt in nächster Zeit zu beobachten. Zunächst hat die Standort-Optimierung in den bestehenden Märkten Priorität. Im Frühjahr werden wir eine Standortverlegung in Villach vornehmen. Die Filiale in Wien Nord, Brünner Straße, haben wir unterdessen geschlossen, weil die Umsätze hinter unseren Erwartungen geblieben sind.

Das Interview führte Hildegard Suntiger.

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Autor: Hildegard Suntinger

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 03 / 2012