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„Funktion geht nicht mehr über alles“

  • Reinhard Schymura
  • Mittwoch | 10. Juli 2013  |  23:29 Uhr
Köngen. Als erster Outdoor-Bekleider stellt Maier Sports Funktionsjacken vor, die PFC-frei sind.
Mayer
Simone Mayer, Geschäftsführerin Maier Sports im Bereich Produkt und Logistik

Dies ist laut Simone Mayer, Geschäftsführerin Produkt und Logistik, „der erste Meilenstein“. Erklärtes Ziel ist es, Schritt für Schritt die komplette Produktion auf PFC-freie Modelle umzustellen. Im Interview mit sportFACHHANDEL verdeutlicht sie, was bei Maier Sports hinter ökologisch nachhaltiger und sozial verantwortlicher Textilherstellung steht und welche Folgen diese für den Handel hat.

sportFACHHANDEL: Zum 75. Firmenjubiläum wurde die „Mission Clean Function“ ins Leben gerufen. Was ist darunter zu verstehen?

Simone Mayer: Wir sind stolz darauf, dieses Jahr unser 75-jähriges Bestehen feiern zu können. Zum Anlass des Jubiläums wollten wir uns etwas ganz Besonderes überlegen. Doch wie feiert man seinen Geburtstag, wenn sich der Mann, der das Unternehmen zu 2/3 seines Bestehens geleitet hat, vor einem Jahr zurückgezogen hat? Schnell stand für uns fest, dass wir uns auf unseren 75 erfolgreichen Jahren nicht ausruhen, sondern vielmehr nach vorne schauen wollen. Deswegen sehen wir unser 75. Jubiläum als Startschuss und haben unsere Mission Clean Function ins Leben gerufen. Mit dieser Mission forcieren wir unser Ziel, die Umwelt und die Natur nachhaltig zu schützen und stellen uns selbstbewusst unserer sozialen und nachhaltigen Verantwortung. Ein erstes Etappenziel konnten wir bereits erreichen: Als erster Outdoor-Bekleidungshersteller präsentieren wir auf der OutDoor in Friedrichshafen Funktionsjacken, die mit Purtex veredelt und somit PFC-frei sind.

Welche Auswirkung hat dieser Kodex auf Ihre Produktionsstätten in China und der Türkei? Werden die Produkte teurer? Die Produkte werden nicht teurer. Das ist uns in unserer Entwicklungsarbeit sehr wichtig: Ein nachhaltiges und PFC-freies Produkt zu schaffen, das ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Maier Sports ist bekannt für hohe Qualität zu einem guten Preis – dem wollen wir natürlich treu bleiben!

Wir haben uns unsere soziale und ökologische Verantwortung in unseren eigenen Produktionsstätten in China und der Türkei schon lange auf unsere Fahnen geschrieben. Seit 2011 sind wir Mitglied der Fair Wear Foundation. Wir produzieren fast ausschließlich in unseren eigenen Werken. Dadurch herrscht bei Maier Sports eine hohe Transparenz und ein großes Maß an sozialer Verantwortung gegenüber all seinen Mitarbeitern und der Natur. Getreu dem Motto: „Wir produzieren nirgends, wo wir nicht selbst arbeiten wollen würden“.

Führt diese Komplexität in Sachen ökologisch nachhaltiger und sozial verantwortlicher Textilproduktion möglicherweise auch zu längeren Lieferzeiten? Wie weit wirkt sich das auf die Vororder und POS-Artikel aus? Die nachhaltige und sozial verantwortliche Produktion bei Maier Sports hat auf die Lieferzeiten keinen Einfluss. Durch unsere eigenen Produktionsstätten können wir unsere definierten Standards überwachen und Innovationen bestmöglich umsetzen. Wir legen großen Wert, dass der Handel nach wie vor – auch mit unseren PFC-freien Produkten – rechtzeitig beliefert wird.

Bis Innovationen beim Endverbraucher ankommen, dauert es immer eine gewisse Zeit. Umso wichtiger ist es, dass man den Handel bei der Etablierung und dem Verkauf unterstützt. Maier Sports hat dies als Dienstleister des Handels stets getan, beispielsweise in der aktuellen Kollektion mit speziellen Werbemitteln für System Dual Protection, und wird diese enge Zusammenarbeit auch in Zukunft pflegen.

Maier Sports hat angekündigt, bis Ende 2020 alle poly- und perfluorierte Chemikalien komplett aus dem Produktionsprozess zu verbannen. Jetzt zu den angekündigten PFC-freien Jacken: Was verspricht Maier Sports im Hinblick auf die funktionelle Qualität der Modelle? Wir sind mit den PFC-freien Modellen einen sehr wichtigen Schritt gegangen und sehr stolz darauf, als erster Outdoor-Bekleidungshersteller bereits zur OutDoor 2013 Purtex veredelte Jacken zu präsentieren. Die Funktionalität ist hervorragend. Mit Purtex veredelt bietet zwei große Vorteile: Erstens sind die Produkte frei von PFC und anderen kritischen Chemikalien und zweitens ist die Imprägnierung dauerhaft. Das bedeutet, dass sie ein Leben lang auf der Textilie bleibt und sich nicht auswaschen lässt. Nachimprägnieren gehört der Vergangenheit an. Wir hätten die Jacken nicht auf den Markt gebracht, wenn wir nicht die gewohnte Maier Sports Qualität, Funktionalität und unser hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis garantieren könnten.

Welche Schritte im Sortiment sind als nächste geplant? Der erste Meilenstein wurde mit den ersten PFC-freien Jacken gelegt. Erklärtes Ziel ist es, die komplette Produktion in naher Zukunft auf PFC-frei umzustellen. Jetzt geht es darum, die Purtex Veredlung auf alle Produkte und Oberstoffe auszuweiten, was ein langer und intensiver Prozess ist. Man muss hier jeden Oberstoff separat voneinander betrachten. Es gibt noch keine 1:1 Lösung für die bestehenden Fluorcarbone. Wir müssen folglich an vielen verschiedenen Einzellösungen arbeiten, um ein adäquates Gesamtergebnis zu erreichen. Das bedeutet auch weiterhin für uns sowie die gesamte Industrie viele Testverfahren und maximaler Einsatz um in Teilschritten, in einem dauerhaften Prozess, eine nachhal-tige Alternative bieten zu können.

Mit welchen speziellen Marketingkampagnen werden diese PFC-freien Bekleidungsstücke im Fachhandel unterstützt, um die Kaufentscheidung der Konsumenten zu forcieren?

Wir bieten mit den PFC-freien Jacken dem Endverbraucher ein nachhaltiges Produkt mit einer lebenslangen, maximalen Funktionalität zu einem super Preis. Denn: Diese Jacken müssen nie wieder imprägniert werden und werden für weniger als 200 Euro im Handel erhältlich sein.

Dies muss dem Endverbraucher verdeutlicht werden – sowohl vom Händler als auch der Marke Maier Sports. Unsere PFC-freien Jacken stehen folglich neben System Dual Protection und unserer Passformkompetenz im Zentrum unserer Kommunikation. Im Verkauf werden wir den Handel mit speziellen Werbemitteln, wie wir es dieses Jahr mit unserer Innovation System Dual Protection erfolgreich machen, unterstützen.

Haben Sie bestimmte Zielgruppen im Fokus oder richtet sich diese umweltfreundliche Textil-Alternative gleichermaßen an jung und alt? Nachhaltigkeit ist ein altersübergreifendes Thema. Dies auf eine bestimmte Zielgruppe zu reduzieren wäre falsch. Der mündige Konsument beschäftigt sich immer mehr mit der Herkunft seiner Bekleidung. Er will wissen, unter welchen Umständen seine Textilie produziert wird und was sie beinhaltet. Funktionalität geht nicht mehr über alles! Die im letzten Jahr veröffentlichte Greenpeace Studie hat auch den Endkunden deutlich bewiesen, dass das Thema PFC ein gesellschaftliches Problem ist.

Im zunehmenden Wettbewerb um jugendliche Kundschaft hat Maier Sports die Casual Line lanciert, die Funktionalität und Lifestyle verbindet. Welchen Anteil an der Produktion hat dieser Bereich im Vergleich zum „klassischen“ Outdoor-Segment? Wo sehen Sie die künftigen Wachstumspotenziale? Seit Frühjahr/Sommer 2013 ist die Casual Linie im Handel erhältlich. Wir haben sowohl vom Handel als auch von den Endverbrauchern und den Medien super Rückmeldungen erhalten. Wir werden die Linie innerhalb unserer Outdoor-Kollektionen sowohl im Frühjahr/Sommer als auch im Herbst/Winter fortführen. Die Produkte bieten die perfekte Symbiose aus Funktionalität und Lifestyle und sind multifunktional einsetzbar. Egal ob in der Stadt, in der Natur oder im Alltag – der Konsument freut sich, wenn er nur mit einem Produkt alle Bereiche abdecken kann. Maier Sports hat in seiner FS14 Kollektion noch weitergedacht und innerhalb der Basic Linie eine Funktionsjacke entwickelt, die einen Business Fit besitzt. Die Passform der Jacke ist so konzipiert, dass man sie perfekt und bequem über einem Sakko tragen kann – bei gewohnt hoher Funktionalität. Die Bedeutung solcher modischen Linien wird weiter steigen und sich zu einem festen Bestandteil der Kollektion entwickeln.

Natürlich ist und bleibt Altbewährtes, wie unser umfangreiches Hosensortiment ein wichtiger Pfeiler für uns, der weiter ausgebaut wird. Im Frühjahr 2014 bieten wir 16 neue und damit insgesamt 46 Hosenmodelle in bis zu 32 verschiedenen Größen an. In den vergangenen 10 Jahren haben wir rund 1.000.000 Hosen produziert und verkauft. Diese Erfahrungswerte machen uns zum absoluten Hosenspezialisten.

Viele Outdoor-Hersteller agieren zunehmend mit eigenen Flagship-Stores und Retail-Konzepten sowie der Online-Vermarktung. Plant Maier Sports im Produktionsabsatz ähnliche Wege zu gehen? In wieweit spielen die veränderten Marktbedingungen eine Rolle für ihr Vertriebssystem? Der ganze Bereich des E-Commerce ist aus dem heutigen Handel nicht mehr wegzudenken. Der Markt richtet sich immer nach den Bedürfnissen der Konsumenten. Aus unserer Sicht ist eine Regulierung nur bedingt möglich. Keiner kann verleugnen, dass sich zum etablierten stationären Fachhandel auch ein Online-Fachhandel Berechtigung verschafft hat. Wir werden dieses Jahr unseren Customer Service erweitern, dass wir sowohl den Bedürfnissen des stationären Handels und gleichzeitig dem E-Commerce gerecht werden. Eigene Stores sind derzeit nicht geplant. Maier Sports hat sich immer als Dienstleister des Handels gesehen und wird dieses auch weiterhin pflegen.

Rono als Spezialist und Maier Sports als Generalist: Wie wirkt sich das auf die Kundenstruktur aus? Passt das zusammen? Die drei Marken der Maier Sports Gruppe haben ihre Kernsegmente in drei verschiedenen Sportbereichen. Maier Sports stellt Ski- und Outdoor-Bekleidung her, Gonso, als Erfinder der Radhose, ist spezialisiert auf Bikewear und Rono, die Marke von Läufern für Läufer, hat seinen Fokus im Running-Bereich. Viele Sportler üben mehrere Sportarten aus. Die Zusammenarbeit unserer drei Marken passt perfekt zusammen. Wir nutzen Synergien und können unseren Kunden somit ein umfassendes Produktportfolio und die gewohnt hohe Qualität aus dem Hause Maier Sports in vielen verschiedenen Bereichen anbieten.

Das Interview führte Reinhard Schymura.

Logistik
Ein Blick in die Logistik: Damit alles rechtzeitig beim Kunden ankommt, auch dafür ist Simone Mayer verantwortlich!
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Hier lässt es sich gut arbeiten: Im Besprechungsraum der Zentrale in Köngen werden auch die Entwicklungs- entscheidungen für die künftigen Produkte getroffen.

Autor: Reinhard Schymura

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 13 / 2013