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„Billig? Seit wann ist beste Ware aus China billig?“

  • Markus Huber
  • Donnerstag | 11. Juli 2013  |  12:17 Uhr
Aus Asien überschlagen sich die Meldungen über einstürzende Fabriken, unzufriedene Arbeiter und andere Probleme, die den Versorgungsweg zwischen den Produzenten über die Marke bis zum Laden und den Verbraucher belasten (könnten).
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Gerhard Flatz

Grund genug für sportFACHHANDEL, um nach Asien zu jetten, wo man sich vor Ort erkundigen kann. Wir sprachen mit Gerhard Flatz, Geschäftsführer von KTC Limited, dem Hersteller von Bekleidung, der für hochwertige Marken wie Mammut, Arc’teryx, Gore Bike & Running, Mountain Force und den Fahrrad-Bekleider Rapha produziert. KTC fertigt in China und in Laos. Flatz macht im Interview eine klare Aussage: Faire Arbeitsbedingungen sind Pflicht und Anspruch, aber sie kosten Geld. Zunächst ihn selbst und dann alle Beteiligten der Wertschöpfungs-Kette über die Marke und den Handel bis zum Endverbraucher. Die Herstellungs-Landschaft im Fernen Osten steckt im dynamischen Wandel – zum Besseren, aber nicht unbedingt zum Billigeren.

sportFACHHANDEL: Herr Flatz, lesen Sie chinesische Zeitungen und wenn ja, können Sie darin Nachrichten über einstürzende Schuh- und Textil-Fabriken in Südostasien lesen? Und über protestierende Fabrikarbeiter, die mit Ihren Löhnen unzufrieden sind?

Gerhard Flatz: Sicherlich bekommen wir diese Nachrichten in einer bis dato nie dagewesenen Häufigkeit auch in China mit.

China ist ja auch nicht dasselbe wie Kambodscha oder Bangladesch. Haben Sie nicht trotzdem nach den Vorgängen in diesen Ländern Anfragen von Bestandskunden oder möglichen Neukunden erhalten, wie die Situation in Ihren Produktionsstätten in China und Laos aussieht? Unsere Fabriken werden penibel von der Fair Wear Foundation und der Fair Labor Association überwacht. Unsere Offenheit gegenüber den Medien bestätigt, dass KTC nichts zu verbergen hat. Somit können sich unsere Partner ruhigen Gewissens auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Befürchten Sie durch die Vorgänge der letzten Monate, dass die Herstellung in Asien ein schlechtes Image bekommt? Nein, ganz bestimmt nicht. Es ist ja nicht zu bestreiten, dass einige Produzenten und ihre Kunden gewisse Dinge korrigieren müssen. Sie werden das auch tun oder möglicherweise vom Markt verschwinden, wenn sie das nicht machen. Das Thema ist sehr vielschichtig, denn es geht nicht allein um die Aufmerksamkeit der Medien im Westen, die über diese Dinge berichten, und um die Situation der Arbeiter, die ihre Ansprüche geltend machen. Das sind Themen, an denen KTC hart arbeitet. Aber es geht ja noch um einiges mehr …

… was ist denn noch wichtiger als die Situation dieser Menschen? Ich sage nicht, dass das nicht das Wichtigste ist. Im Gegenteil. KTC steht für zufriedene Arbeiter, die bestmtögliche Entlohnung für ihre tolle Arbeit erhalten. Ich sage nur: Das Problem ist komplexer, denn wir haben ja in jedem Fall den Sachverhalt, dass die Marken darum kämpfen, ihre Produkte für einen marktfähigen Preis zu platzieren. Gleichzeitig geht es aber auch um die Profitabilität der Unternehmen in Asien, die die Produkte effektiv herstellen.

Wir dachten immer, Ihr könnt billig, und deswegen habt Ihr diese Kunden … Billig? Was soll an bester Ware denn bitte billig sein? Das ist doch zunächst einmal eine einfache Kalkulation: Nehmen wir eine funktionelle Jacke, die im gut sortierten Handel in Europa 200 EUR kostet: Da gibt es zunächst eine Mehrwertsteuer und eine hohe Händler-Marge, die wir befürworten, denn die guten Geschäfte bieten die Beratung, den Service und letztendlich alles, was das Wichtigste ist: dass der Konsument das Produkt kauft. Natürlich wollen auch die Marken, die wir bedienen, Geld verdienen. Aber auch hier sollte der Handel verstehen: Die Marken haben teilweise erhebliche Kosten in der Produktentwicklung und für ihr Marketing, um den Anreiz zu schaffen, dass die Menschen in die Geschäfte gehen, um das Produkt zu kaufen. Das ist ja auch alles berechtigt. Trotzdem kommen am Ende nur etwa 20% des empfohlenen Verkaufspreises beim Produzenten in Asien an. Bei einer Jacke für 200 EUR sind das 40 EUR. Mit diesem Geld ermöglichen wir nicht nur die Produktion hoch qualitativer Ware, sondern sorgen uns in der Tat um die Belange unserer Mitarbeiter. Das tun wir auch, aber nicht nur aus reiner Menschenliebe: Unsere Produkte sind absolut hochwertig, und da können wir es uns nicht leisten mit ständig wechselndem Personal zu arbeiten. Wir beschäftigen hochgradig qualifizierte Arbeiter, in deren Ausbildung und Wohlbefinden wir investieren. Sonst würden sie sich vielleicht nach anderen Jobs umschauen. Und das können wir nicht gebrauchen.

Ist das Produzieren in China so schwierig geworden? Wir produzieren in China und in Laos, wo wir allerdings keine Sportbekleidung fertigen, sondern Arbeitsbekleidung. Tatsächlich lässt sich mit den Margen in Laos um einiges besser kalkulieren als in China. Sie müssen verstehen, dass wir unsere Fertigungen in Heshan im Süden Chinas unweit von Hong Kong stehen haben. Das ist der Speckgürtel des Landes mit dem Vorteil, das bestmögliche Personal rekrutieren zu können, und mit dem Nachteil, dass das auch Geld kostet. Und zwar immer mehr. Hinzu kommt natürlich unser qualitativer Ansatz: Wir verwenden die besten Materialien wie Fabrikate von Schoeller, Laminate von Gore-Tex und Reißverschlüsse von YKK. Das sind wertvolle Partner, mit denen wir bestens zusammenarbeiten, aber weil sie gut sind, kosten sie auch ihr Geld – völlig legitim.

Schön und gut, aber warum verschwinden Sie nicht einfach aus China und machen nur noch in Laos? Ganz einfach: Um die Kompetenz, die in China rund um das Thema Textilverarbeitung mittlerweile besteht, kommen wir gar nicht herum. Wir drehen den Spieß um: Wir haben die Vision, die Aussage „Made in China“, die ungerechterweise immer noch von vielen negativ angesehen wird, in eine Qualitäts-Aussage umzumünzen. Wir wollen das, weil die Leute hier, die an unseren Produkten arbeiten, sich das wirklich verdient haben. Wir müssen das auch, weil natürlich die steigenden Kosten in China nur mit einem Mehrwert an Qualität abzufangen sind.

„Made in China“ klingt nicht gerade wie „Made in Germany“… Ha, ha, Sie haben sich nicht ausreichend über die Geschichte des Labels „Made in Germany“ informiert. Diesen Ausdruck haben

Briten erfunden, um Produkte zu markieren, die aus Deutschland kommen, weil sie oftmals billiger waren – und im Zweifelsfalle auch kopiert. Das Vereinigte Königreich war seinerzeit in Sorge um eigene Arbeitsplätze. Das war vor mehr als hundert Jahren, aber die Deutschen haben das irgendwie geschafft, einen negativen Stempel in ein Gütezeichen umzuwandeln. Und das ist exakt das, an dem wir schon seit einigen Jahren hier in China arbeiten. Dieses Land ist nicht mehr unbedingt der Garant des billigsten Produkts, sondern in vielen Fällen auch des besten zu einem vernünftigen Preis. Das sollte auch der Handel verstehen, wenn er die Ware unserer Markenkunden verkauft.

Das Interview führte Markus Huber.

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Zufriedene Arbeiter sind immer das Beste für eine Firma. Das ist im Westen genau dasselbe wie in China. Im Fernen Osten wächst allerdings der Druck, denn die Lebenshaltungs-Kosten explodieren genauso wie die Ausgaben der Unternehmen für das Personal.

Autor: Markus Huber

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2013