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Strukturwandel und Fusionen: Verunsicherung in der Sportartikelbranche

  • Selma Özakin
  • Donnerstag | 27. März 2014  |  12:53 Uhr
Wels/Wien. Der österreichische Sportartikelmarkt erlebt gerade den vielleicht radikalsten Wandel seiner Geschichte. Unsicherheit verursacht besonders der Markteintritt des britischen Discounters Sports Direct International (SDI).

SDI hat im Mai 2013 51% des in wirtschaftliche Schieflage geratenen Filialisten Sport Eybl & Sports Experts AG (EAG) übernommen. Hatte die Gründerenkelin Catrin Aschenwald-Eybl bis zuletzt betont, dass Eybl auch Eybl bleiben werde, so sorgte ihr Rückzug aus dem Management am 6. März 2014 für Spekulationen. Sie war für die Bereiche E-Commerce, Finanzen und Personal zuständig und hat ihre Funktion gerade mal acht Monate ausgeübt. Kurz vor ihrem Abgang waren die Distributeure postalisch von der Einführung der SDI-Systeme und der Intensivierung der Logistikzusammenarbeit mit der britischen Zentrale informiert worden. Diese Absicht interpretiert man als eine Zentralisierung des Einkaufs und eine rigorose Durchsetzung des Discounterkonzeptes. Schließlich sind die Sortimente der 40 Sports-Experts-Standorte schon wesentlich aus SDI-Quellen bestückt und teilweise auch schon auf das SDI-Shopdesign umgestellt. Dies schlägt sich nicht zuletzt in sinkenden Orders bei lokalen Distributeuren nieder. Es gibt auch das Gerücht, dass Hartware eingestellt werden soll.

Unter Berufung auf Mitarbeiterkreise berichtete die Tageszeitung Oberösterreichische Nachrichten einen Tag nach Aschenwald-Eybls Abgang von einem befürchteten Stellenabbau in der Welser Zentrale. Dort seien derzeit 253 Mitarbeiter beschäftigt. Wurden schon im September 2013 13 Filialen in die Sports-Experts-Kette integriert, so vermutet man über kurz oder lang eine völlige Eliminierung der derzeit 16 Eybl-Premiumfilialen, die so gar nicht in das SDI-Konzept passen. Mike Weccardt, zuvor COO der EAG, wird das Unternehmen künftig als alleiniger General Manager führen. Der Bericht der Oberösterreichischen Nachrichten sei seiner Aussage nach reine Spekulation. Er räumt aber ein, dass Synergien Auswirkungen auf den zukünftigen Kapazitätsbedarf haben könnten, wolle aber möglichst viele Arbeitsplätze erhalten.

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Mike Weccardt

Wie groß ist der Einfluss der deutschen Intersport?

Mit Spannung verfolgt die Branche auch die Umsetzung der im September 2013 vollzogenen Fusion von Intersport Österreich (ISÖ) und Intersport Deutschland. Nachdem der Rückzug der ISÖ-Chefin Gabriele Fenninger am 6. März 2014 durchgesickert war, scheint die erwartete Einflussnahme der deutschen Organisation bzw. die Zentralisierung des Einkaufs näher zu rücken. Laut Ankündigung soll der Einkauf nach Länderkompetenz aufgegliedert werden. Eine Bestätigung dieser Regelung gegenüber SFH bleibt vonseiten ISÖ allerdings aus.

Auch die weiteren Marktteilnehmer haben ihre Einkaufskraft gebündelt: Gigasport profitiert vom gemeinsamen Einkauf mit Sport 2000 und möchte seine Position im Premiumsektor stärken. Hervis kooperiert mit Go Sport (Frankreich) und setzt auf Preisführerschaft. Bedingt durch den Eintritt von SDI ist er in diesem Marktsegment fortan nicht mehr allein.

Flächenbereinigung ist so gut wie sicher

Auch im Einzelhandel herrscht Verunsicherung. Man erwartet eine Marktspaltung in billig und teuer bei ausdünnender Mitte und eine Phase der Flächenbereinigung. Dazu der Obmann des Sportartikelhandels Ernst H. Aichinger: „Der Markt ist überbelegt. Das Zuviel an Verkaufsfläche ergibt einen hohen Druck auf die Margen. Viele sind nicht mehr in der Lage, Fläche mit Umsatz zu füllen. Unrentable Flächen werden schließen.“

In Brutto-Umsätzen gemessen war der österreichische Sportartikelmarkt 2012 ca. 2,6 Mrd. EUR schwer (Regioplan). 1,7 Mrd. EUR davon fallen auf den Sportartikelhandel, der Rest steht für Einkäufe bei Branchenfremden – inkl. Online-Shops ausländischer Anbieter. Auf den Internethandel entfallen dabei 14 bis 15%. Laut Aichinger sei die Tendenz steigend. Laut Statistik Austria kaufen schon jetzt 54% der 16- bis 74-jährigen Österreicher online. 60% davon kaufen Sportartikel, die die Liste der beliebtesten Produkte anführen.

Den Internethandel hat Österreichs Sportartikelhandel verschlafen, da die Filialisten und Einkaufsverbände intensiv mit der Expansion nach Osteuropa beschäftigt waren, wo sich derzeit jedoch keine Gewinne erwirtschaften lassen: Gigasport hat sich nach verlustreichen Jahren wieder zurückgezogen. Intersport, Sport 2000 und Hervis halten die Stellung. su

Autor: Selma Özakin

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 7 / 2014