Freitag | 24. Februar 2012  |  11:57 Uhr

Greenpeace will es jetzt wissen

München. Auf der Ispo war es soweit: Greenpeace trat beim traditionellen Frühstück der Branchen-Vereinigung European Outdoor Group auf und verlangte nichts weniger als eine weit-reichende Selbstverpflichtung der versammelten Marken auf ungiftige Textilien.

Die Umwelt-Aktivisten fordern Bekleidung, die bis 2020 gewisse toxische Zutaten nicht mehr enthält. Die Branche teilt die Ideale, rätselt aber darüber, wir realistisch diese Forderungen sind.Greenpeace kam, sah und provozierte: Auf der Ispo forderte Greenpeace die Outdoor-Branche auf, mehr für die Gesundheitsverträglichkeit ihrer Produkte zu tun. Die Forderung ist Teil der Detox-Kampagne, die Greenpeace seit rund sechs Monaten ­betreibt, damit die Bekleidungs-Industrie ihre Anstrengungen erhöht, um ihre Produkte von giftigen und gesundheitsschädlichen Bestandteilen zu befreien. Konkret geht es um NPOE (Nonylphenol Ethoxylate), die die Gesundheit beeinträchtigen und für die es strenge Vorschriften in der Euro­päischen Union und anderen Ländern gibt, die regeln, dass der Anteil ­dieser Stoffe unter 0,1% liegen muss. ­Greenpeace vertritt die Auffassung, dass dies vielfach nicht gegeben ist. Das wird in der Outdoor-Industrie im Übrigen auch nicht bestritten.

Das Problem mit der Null-Lösung

Die Kontroverse entzündet sich nicht an der Greenpeace-Forderung nach gesünderen Produkten im Prinzip, sondern an ihrer Radikalität: Die Organisation wünscht nicht nur einen kleineren Anteil als die vom Gesetz vorgeschrieben 0,1%, sondern eine wirkliche Null. Martin Besieux, ein ­Green­peace-Aktivist seit 27 Jahren, der auf der Messe in München zugegen war, definiert die Null als „einen Anteil, der nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Methoden nicht mehr nachweisbar ist“. Es gehe darum, dass die Unternehmen „ein Versprechen gegen­über ihren Verbrauchern abgeben, sich diesem Ziel zu verpflichten“. ­Greenpeace gibt dabei auch ein Zeitlimit vor: Dieses Versprechen muss bis zum 1. Januar 2020 eingelöst sein, sonst…

Sonst was? Die Organisation Green­peace arbeitet bekanntermaßen sehr Öffentlichkeits-wirksam, was tangierte Firmen selbstverständlich interessiert. Auf die Frage, welche Maßnahmen ­Greenpeace gegen Marken plant, die eine entsprechende Selbstverpflichtung nicht eingehen wollen oder können, gibt sich Besieux diplomatisch: „So weit sind wir noch nicht.“

Dabei stellt Besieux der Outdoor-Branche überhaupt kein schlechtes Zeugnis aus: Das Segment sei „zu 80% auf dem richtigen Weg“. Die Branche sieht aber erheblichen Diskussionsbedarf, was die fehlenden Prozentpunkte anbelangt – vor allem bei jenem Prozent, das nach den Vorstellungen von Green­peace die 100 vollmachen sollte.

Mark Held, der Generalsekretär der European Outdoor Group (EOG), gibt die Parole aus, dass „Unternehmen sehr, sehr sicher sein sollten, bevor sie eine Verpflichtung unterschreiben und sich unbedingt wissenschaftlichen Rat einholen sollten“. Dafür gebe es unabhängige Standard-Organisationen wie Bluesign oder Öko-Tex. Die Sorgen der Branchen-Größen drehen sich nicht um die prinzipiellen Ideale, die sie mit ­Green­peace teilen, sondern um die Machbarkeit bei der 100%igen Umsetzung.

Die ganz Großen haben schon unterschrieben

Das Problem ist: Sehr große Unternehmen haben sich bereits selbst verpflichtet, die Greenpeace-Forderungen bis zum genannten Zeitpunkt zu erfüllen – was den Druck auf die mittelständischen Firmen erhöht. Bislang haben sechs Firmen ein entsprechendes Papier unterschrieben: keine geringeren als Puma, Adidas, Nike, C&A, H&M und Li-Ning, der führende chinesische Sportbekleider.

Können diese Unternehmen die hohen Anforderungen erfüllen? Die Fachpublikation Ecotextile scherzt zu diesem Thema: „Die einzige Chance für Puma (die erste Firma, die unterschrieben hat, Anm. d. Red.), den Kriterien gerecht zu werden, ist, sein Geschäft am 31.12.2019 einzustellen.“

In der Tat geht es hier um Realismus und Augenmaß. Und die eher mittelständisch geprägte Outdoor-Branche sorgt sich in der Tat um das Vorgehen der genannten großen Marken und Händler, die sich in Verbindung mit Greenpeace sicherlich einer gewissen medialen Aufmerksamkeit erfreuen können.

Die Urteile reichen von „leichtfertig“ bis „die spielen auf Zeit“, so der Tenor bei den Outdoor-Marken. Wir nennen hier keine Namen, denn die Anbieter qualitativer Produkte ringen um den Spagat zwischen ehrlich gemeinter Umwelt- und Gesundheits-Verträglichkeit auf der einen Seite und der Performance auf der anderen. Ein führender Manager der Branche: „Am Berg will ich nicht frieren, und da ist es mir erst mal egal, wenn die Bekleidung, die ich trage, einen minimalen Anteil an giftigen Stoffen beinhaltet.“ Entsprechend würden das auch die Handelskunden und die Verbraucher sehen.

Ein direkter Mitbewerber geht in Details und sieht insbesondere Schwierigkeiten bei der Schmutzabweisung, die spezifische Probleme hinsichtlich der Greenpeace-Forderungen stellt. Am Ende des Tages wollen die Verbraucher funktionierende und pflegbare Produkte haben; der mikrobische Anteil von unerwünschten Stoffen sei sekundär.

Alles braucht seine Zeit

Neben der generellen Machbarkeit geht es auch um den Zeitrahmen, der für die Umsetzung der Wünsche von Greenpeace erforderlich ist. Der Geschäftsführer einer führenden Out­door-Marke vertritt die Auffassung, dass die Wunschliste grundsätzlich zu begrüßen ist, aber eine komplett neue Generation von Produkten benötigt, die in den knapp acht Jahren in der Form wohl kaum zu verwirklichen ist.

Offenbar sieht das Greenpeace anders und hält diese Frist für realistisch, auch wenn Martin Besieux zugibt, dass „alles seine Zeit braucht und nicht immer an einem Tag umgesetzt werden kann“. Der Aktivist ließ übrigens auch durchblicken, dass es seinem Verband nicht um die Outdoor-Branche alleine geht, sondern auch darum, ein Vorzeigemodell zu schaffen, das anderen Spielern in der Konsumgüter-Industrie vor die Nase gehalten werden kann. mh

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Autor: Markus Huber

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 05 / 2012