• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

„Made in Europe“ angesagter denn je

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 30. März 2016  |  09:54 Uhr
Immer mehr Hersteller kehren Asien den Rücken und produzieren wieder oder überhaupt nur noch in Europa. Die Sport- und Outdoorbranche agiert wieder einmal als Vorreiter und schafft Fakten. Die Europäische Union (EU) bastelt derweil sogar an einem eigenen „Made in Europe“-Siegel.
neuer_name
Produzieren ohne große Umwege: Die EU will künftig ihr eigenes Logo dafür einführen.

Text: Nicolas Kellner

Selbst Alibaba.com, die größte asiatische B2B- und Sourcing-Plattform für unzählige Akteure auch uns unserer Branche, baut mittlerweile europäische Dependancen auf. Der Grund für die neue Made-in-Europe-Welle liegt auf der Hand: Die Kontrolle der Produktion fällt wesentlich leichter, die Transportwege sind kürzer und kostengünstiger und schließlich fallen zumindest für China kaum mehr Vorteile in Sachen Herstellungskosten ins Gewicht. Aus diesem Grund sind viele Rucksackhersteller zwar noch nicht wieder nach Europa oder gar Deutschland zurückgekehrt, jedoch zumindest weitergewandert. Ausrüster von Tatonka bis Vaude und Osprey bis Jack Wolfskin etwa sind längst nach Vietnam umgezogen oder waren dort von vorn herein vertreten. Dort sprechen noch Kostenvorteile und eine gut ausgebildete und interessierte junge Arbeitnehmerschaft für den asiatischen Standort. Entwicklung und Kontrolle erfolgen jedoch von Europa aus. Osprey-Gründer Mike Pfotenhauer etwa war einer der ersten, den es samt Familie nach Vietnam zog, um dort eine eigene Produktionsstätte aufzubauen. Inzwischen werden dort Produkte auch entwickelt, die Fäden werden trotzdem weiterhin von Europa aus, in diesem Fall in Großbritannien, gezogen. Das gilt auch für Montane. Der britische Outdoorausrüster verknüpft immer stärker eigenes Know-how und heimische Zulieferung mit asiatischem Fertigungsknow-how, für das Montane-CEO Jake Doxat ständig in den fernöstlichen Betrieben unterwegs ist. Diese enge Verbindung zwischen Europa und Asien wird jetzt auch in neuen „Hangtags“ an den Produkten dokumentiert und soll mehr Transparenz schaffen. Nach eigenen sind die Märkte in UK und in Deutschland mit die wichtigsten für Montane im weltweiten Vertrieb. Früh zog es auch den China-Pionier und Vaude-Gründer Albrecht von Dewitz nach Vietnam, wo 2008 eine Fertigungsstätte komplett erneuert wurde. Aber auch hier werden die hauptsächlichen Entscheidungen am Heimatstandort Deutschland getroffen. Gleiches gilt für die Deuter: Die Traditionsmarke lässt zwar Schläfsäcke noch in China, Rucksäcke jedoch ausschließlich mit einem Exklusivpartner in Vietnam produzieren. Entwicklung und Kontrolle erfolgen von Deutschland aus.

neuer_name
Umwelt-und Naturschutz spielen bi den strategischen Entscheidungen ebenfalls eine Rolle.
© Scandic

Immer mehr Trendmarken setzen komplett auf eine Produktion in Europa. In der Kletterszene, insbesondere bei Schuhen, ist seit Jahren ein stetiger Trend zur Produktion in Tschechien zu beobachten. Aber auch in Norditalien wird die heimische Schuhproduktion zusehends zurückgeholt und hochgehalten wie etwa bei Scarpa, dem 1938 in Asolo gegründeten Bergschuster, der immer noch in Familienbesitz ist und vor Ort produziert. Der italienische Bergschuhspezialist Aku aus dem Berg- und Sportschuh-Mekka Montebelluna hat sich seit mehr als 30 Jahren auf passgenaue Wander- und Trekkingschuhe spezialisiert. Ein wichtiges Ziel von Aku ist es, möglichst umweltschonend und nachhaltig zu produzieren, etwa durch rein europäische Produktionsstandorte in Montebelluna (Italien) und Cluj Napoca (Rumänien) sowie durch den Einsatz von chromfrei gegerbten italienischen Leder, wie der Hersteller betont. Um diese Inhalte neben den reinen Produktinformationen zu distribuieren, gestalten PR-Profis die Kommunikation im Raum DACH und BeNeLux neu. Gemeinsam mit dem Aku-Marketing würden on- wie auch offline Kommunikationspläne erarbeitet und auch der Messeauftritt vorbereitet und durchgeführt. Auch die Produktion von Wild Roses erfolgt fast ausschließlich in Italien, der Ausrüster hat sich auf ein sehr umfangreiches Sortiment an Outdoor-Bekleidung ausschließlich für Damen spezialisiert. Und die Trendmarke Buff, ehemals Caviro S.L, stellt das „Buff-Tuch“ seit 1992 her, die Produktion erfolgt in Igualada in der Nähe von Barcelona. Weitere Trendmarken wie die Isländer 66°North bauen auf Europa: Die seit 1926 bestehende Marke mit einem umfangreichen Sortiment an Funktionsbekleidung produziert inzwischen in Lettland und auch die Firmenzentrale ist neuerdings in Lettland, Riga, angesiedelt. In deutschen Landen gehören natürlich Meindl, Lowa und Hanwag zu den heimischen Vorzeige-Herstellern eines „Made-in-Germany“-Qualitäts-anspruchs. Aber auch der Taschenspezialist Ortlieb (Bike/Outdoor) zählt dazu und kann sich erfolgreich als „Made in Germany“ verkaufen.

Beispielhaft, aber weitgehend unbekannt ist auch der kleine deutsche Rucksack-Hersteller Fährmann aus Hersbruck, einer Manufaktur im Zentrum Europas, die Gewebe zu funktionellen Produkten für den Outdoor- und Rettungseinsatz verarbeitet. Der Produktionsstandort liegt im Erzgebirge in Tschechien. Gegründet 1985 von zwei begeisterten Kletterern, wurden früher hauptsächlich Rucksäcke für den harten Einsatz gebaut. Inzwischen wurde die Produktrange ausgeweitet. „Wie jeder weiss, sind heute Nähereien aus Europa weitestgehend verschwunden. Produziert wird in Fernost. Wir konnten uns dem bis heute widersetzen, indem wir uns auf das konzentriert haben, was wir am besten können: Hoch spezialisierte Produkte fertigen, die zu 100 Prozent funktional und sicher sein müssen“, sagt Geschäftsführer Helmut Unhold. Die Entwicklung von Spezialprodukten in Klein-Serie sei nach wie vor nur mit Partnern vor Ort sinnvoll und sicher wie zum Beispiel das Hundetragegeschirr als neueste Entwicklung. Kein Massenprodukt, aber, wo gebraucht fast händeringend gesucht. Das gilt auch für spezielle Gurte für Kletterer. Nichtsdestotrotz gebe es die klassischen Fährmann-Produkte. „Fernab eines bunten Lifesyle-Outdoorbetriebs, ohne jährlich den Rucksack neu zu erfinden, sind wir in der entkrampften Situation, ohne Marketingabteilung uns der Leidenschaft für die Funktionalität hinzugeben: Fährmann-Rucksäcke werden sozusagen in kleinen gallischen Dörfern bevorzugt“, meint der Hersteller selbstbewusst. Ein weiterer deutscher Schlafsack-Hersteller, Yeti, 1983 in Ostdeutschland gegründet, schwört auf den heimischen Standort in der Bundesrepublik. 2003 zog der Hersteller an seinen aktuellen Standort Görlitz um. Yeti sitzt heute in einer ehemaligen Textilfabrik, direkt am Ufer der Neiße. Dieser Standort blickt auf eine jahrhunderte alte Textiltradition zurück. Durch den Umzug konnte das Logistikzentrum weiter ausgebaut werden und es sind Lager, Verwaltung, Serviceabteilung, Produktentwicklung und Teile der Produktion an einem Ort beherbergt. Die Vorteile sind für Yeti-Verkaufsleiter Udo Grützmacher unschlagbar. Man könne viel schneller reagieren, was gerade in der Daunenverarbeitung wichtig ist. Und schließlich bedeutete die hiesige Produktion auch einen Verkaufsvorteil beziehungsweise -argument im Geschäft. Das bestätigen viele Sporthändler, die zunehmend mit kritischen Fragen des Kunden bombardiert werden. Und seit 2005 gehört Yeti zum alteingesessenen dänischen Outdooranbieter Nordisk, womit die europäische Ausrichtung noch einmal unterstrichen wird.

Außer „Made in Germany“ steht aber auch „Made in Swiss“ und „Made in Austria“ hoch im Kurs. So plant und produziert der Schweizer Sportschuh- und Freizeitschuster Künzli nach wie vor in der heimischen Schuhfabrik in Windisch. Die Schweizer Wurzeln sollen jetzt noch weiter betont werden, indem das 1927 gegründete Traditionsunternehmen soeben mit dem Schweizer Socken-Kollegen Rohner (gegründet 1930) zusammenrückte. Beide Schweizer Hersteller wollen künftig mitttels Cross-Promotion-Aktivitäten ihre Qualität und Originalität beim Endkunden unterstreichen. So werden künftig Schweizer Funktionssocken und Schweizer Sneaker gemeinsam verkauft. Das österreichische Traditonsunternehmen Löffler wurde im Jahr 1973 durch Fischer-Ski gekauft und seither wird Sportbekleidung hergestellt. Die Produktion erfolgt in Ried im Innkreis und umfasst bekanntlich ein sehr umfangreiches Sortiment an Bergsport- und Fahrradbekleidung sowie einem großen Sortiment an Funktionsunterwäsche. Der österreichische Daunen- und Schlafsack-Spezialist Carinthia führt neuerdings nicht nur die Endung .eu in seiner Web-Domain, sondern stellt auch in Österreich und in der Slowakei her. Der Handel erhält POS-Material, mit dem die europäische Produktion beworben wird.

Die Skandinavier entpuppen sich als weitere Schwergewichte in Bereich europäischer Produktion. Die Gründe dafür erläutert Jesper Rodig, Prokurist bei der Scandic Outdoor in Hamburg, unter dessen Dach zahlreiche Outdoor-Ausrüster gebünbelt sind. „Viele unserer Produkte (Woolpower, Trangia, Sätila, Wildo und Arno) werden dort produziert, wo sie auch unter praktischen Erfahrungen entwickelt und getestet wurden. Das verleiht den Produkten eine hohe Glaubwürdigkeit“, sagt der Vertriebsprofi.

neuer_name
Schwedische Näherinnen bei schwedischen Anbieter Woolpower.
© Scandic

Einen eigenen Weg mit einem besonderen Produktionshinweis verfolgt beispielsweise Woolpower: Dem Familienunternehmen liegt die ganz besondere Wertschätzung von Mensch, Tier und Natur sehr am Herzen. Als Anerkennung der mühevollen Arbeit findet man in jedem Kleidungsstück ein Etikett mit dem Namen des Nähers oder der Näherin. Grundsätzlich würde die schwedische/europäische Produktion folgende Vorteile haben: Sehr genaue Kenntnis, was von wem und wo produziert wird. Damit beantworten sich die Fragen nach menschlichen Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen. Ebenso könnten soziale Standards und Umweltfragen lückenlos beantwortet werden. Hohe Flexibilität bedeutet, man könne schnell auf Kundenwünsche reagieren und ist so unabhängiger von starren Saisonabläufen, sagt Rodig. Ferner könne man schnell liefern, da man nicht bis zu vier Wochen Transportzeit einrechnen müsse. Die kurzen Transportwege seien zudem natürlich auch ein deutliches Umweltargument auch im Laden. Weitere skandinavische Anbieter unter dem Scandic-Dach, die in Schweden beziehungsweise Europa produzieren, sind Bla Band (Trekking Food) in Belgien sowie Nokian (Gummistiefel) in der Slowakei.

Die Fakten

- Konsumenten interessieren sich vermehrt für den Ursprung der Produkte.

- Kürzere Transportwege,eine bessere Kontrolle, höhere Flexibilität und höhere Umwelt- und Sozialstandards sprechen für eine heimatnahe Produktion.

linkedin
Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 01 / 2016