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Reportage: Herr über Tausend Teile

  • Marcel Rotzoll
  • Freitag | 25. Oktober 2019  |  10:00 Uhr
„Entscheidend ist auf’m Platz“... Für uns Zuschauer mag das gelten. Hinter den Kulissen der Bundesligisten jedoch ist das Team rund um die Mannschaft oft der entscheidende Faktor, wenn es um Erfolg oder Misserfolg geht. Besonders nah dran an den Profis ist in der Regel der Zeugwart. Wie zum Beispiel Martin Kowatzki von Bayer 04 Leverkusen. sportFACHHANDEL durfte ihn einen Tag begleiten.
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Martin Kowatzki ist seit der Saison 2015/16 Zeugwart beim Fußball-Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen.
© H. Fadel

100.000 Artikel pro Saison liefert der Ausrüster Jako an den Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen. Darin enthalten ist die Ware für die Profis, das Nachwuchsleitungszentrum, den Fanshop und beispielsweise auch die vielen Volunteers. Alle Artikel, die für die Profimannschaft bestimmt sind, gehen durch die Hände von Martin Kowatzki. Kowatzki ist 35 Jahre alt und seit der Saison 2015/16 Zeugwart der Leverkusener. Zunächst noch als Teil des Teams seines Vorgängers Klaus Zöller, ab der Saison 2016/17 dann als verantwortlicher Zeugwart.

Es ist ein ruhiger Tag. Kurz vor dem Bundesligaauftakt haben die Profis von Bayer Leverkusen heute trainingsfrei. Genug Zeit also für Martin Kowatzki, uns in sein Reich zu entführen. Sein Reich, das ist der Bauch des Stadions, direkt gegenüber der Spielerkabine. Das sind Büro, ein Aufenthaltsraum, Lagerräume und zwei kleine Werkstätten für Schuhe und zur Trikotveredelung.

Die Mannschaft hinter der Mannschaft

„Das hier ist keine One-Man-Show“, erklärt Kowatzki gleich zu Beginn. „Ohne Christian Beckers und Markus Irmer würde es nicht funktionieren.“ Markus Irmer ist seit einem Jahr dabei. Als ausgebildeter Busfahrer fährt er seit der vergangenen Saison die Mannschaft. Chris Beckers ist der Ersatz-Fahrer und ebenfalls Zeugwart.

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© H. Fadel
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Aber was heißt das eigentlich, die Spiele vorbereiten? Reicht es nicht, wenn die Spieler in ihre Arbeitskleidung schlüpfen und tun, wofür sie bezahlt werden? Wozu eigentlich braucht es einen Zeugwart? „Der Fußball-Profi spielt Fußball, der Trainer verantwortet die Mannschaft, die medizinische Abteilung sorgt dafür, dass alle gesund bleiben. Und für alles andere, also das Material und die Ausrüstung, sind wir verantwortlich“, antwortet Kowatzki. „Wir halten den Spielern und Trainern den Rücken frei. Wir sind Dienstleister, damit sich die Profis ganz auf den Fußball konzentrieren können.“

Wie wird man eigentlich Zeugwart?

Martin Kowatzki ist von der Kurve in den Verein gewechselt – und hat sich mit dem Job des Zeugwarts einen Kindheitstraum erfüllt. Ihn und den Verein verbindet nahezu eine lebenslange Geschichte. Bereits seit Kindertagen ist Kowatzki Fan, spielt für den Verein und beginnt früh Trikots zu sammeln. Heute nennt er die wahrscheinlich größte Bayer-Trikotsammlung der Welt sein Eigen. Besondere Raritäten sind im Lindner-Hotel ausgestellt, das in der Heimspielstätte BayArena Gäste empfängt. Die Liebe zum Verein führte aber auch dazu, dass Kowatzki hier schon in der Schulzeit immer wieder aushilft. Nach der Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann und einem halbjährigen Auslandsaufenthalt in Barcelona, wo er spanisch lernt, beginnt er ein Sportmanagement-Studium in Remagen. Nebenbei ist er weiter im Verein aktiv, arbeitet als Tour-Guide in der BayArena.

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© H. Fadel
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Als während des Studiums Betriebspraktika anstehen, ist ihm klar, dass er es auch im Verein absolvieren wird. Das Vorhaben führte ihn an der Seite von Klaus Zöller in das Büro des damaligen Trainers Jupp Heynckes. Der fragt den langjährigen Zeugwart über den Frischling: „Kann der was?“ Als Zöller antwortet „Ja, klar“, hat Kowatzki die Stelle. Selbst die Bachelor-Arbeit verfasst er später über Bayer 04 Leverkusen. Einige Jahre danach, in der Vorbereitung auf die Saison 2015/16, fragt Klaus Zöller nach, ob der Traum davon, Zeugwart zu werden, immer noch aktuell ist. „Ich habe sofort ja gesagt“, freut sich Kowatzki auch heute noch. „Ich wollte Teil dieses Teams hier sein. Teil des Teams, das der Mannschaft ermöglicht, immer ihr Bestes geben zu können.“

Die Leiden des jungen Zeugwarts

Gleich in seiner ersten Saison lernt er aber auch die Leiden eines jungen Zeugwarts kennen. Nachdem der damalige Mannschaftskapitän Ömer Toprak 2016 im Spiel gegen Hoffenheim ein Kopfball-Tor geschossen hatte, erhielt dieser einen Schlag auf die Schläfe. Bis zur Eckfahne, erinnert sich Kowatzki, kam der Spieler noch, sackte dort aber zusammen. Beim medizinischen Check wurde dann das Trikot zerschnitten. Der damalige Physiotherapeut warf das Trikot jedoch nicht in den Müll, sondern in die Wäsche. Die Wäscherei wiederum reinigte das zerschnittene Trikot und schickte es fein säuberlich zusammengelegt zurück.

Zum nächsten Auswärtsspiel gegen Darmstadt war Ömer Toprak natürlich wieder fit. Als Martin Kowatzki das Trikot dann aber in der Kabine aufhängen will, „ist es aufgegangen wie ein Handtuch“. Natürlich hat ein Zeugwart ein Wechseltrikot dabei. Wenn aber Spieler zwei Trikots pro Spiel brauchen, so wie Ömer Toprak, braucht es auch zwei Trikots. Zwei unversehrte Trikots. Ein Zeugwart muss erfinderisch sein. „Ich habe das Trikot dann“, lächelt Martin Kowatzki, „mit rotem Tape von innen und außen getapet. Dort wo schwarze Applikationen waren, habe ich mit Edding nachgeholfen.“ Ömer Toprak schaute auf das Trikot, wollte nur wissen „hält das?“. Das Trikot hielt. Aber seitdem hat das Team um Martin Kowatzki stets einen dritten Trikotsatz in Reserve.

Vorbereitung auf die Saison

Kurz darauf ist die Saison beendet. Der Ausrüster wechselt von Adidas zu Jako. Und mit dem Ausrüsterwechsel übernimmt Martin Kowatzki auch die Verantwortung als Zeugwart von Klaus Zöller. Natürlich nutzt auch das Team hinter der Profimannschaft die Sommerpause für den Urlaub. Gleichzeitig dient die Pause aber auch der Vorbereitung auf die nächste Saison. Es treffen nach und nach die Ausrüstungsteile- und -textilien ein, die bereits ab Ende des Vorjahres bestellt wurden. Und soweit möglich werden diese schon veredelt. Für einen Spieler gibt es beispielsweise allein fünf Trainingsgarnituren. Geht man von einer Kadergröße von 30 bis 35 Mann aus, kann man sich vorstellen, was das an Aufwand bedeutet. Zudem müssen Neuzugänge schnell ausgestattet werden.

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© H. Fadel
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Die Zusammenarbeit mit dem Ausrüster Jako ist dabei ein steter Austausch. Ansprechpartner für Martin Kowatzki ist am Jako-Stammsitz in Mulfingen-Hollenbach der Marketing- und Sponsoring-Leiter Christoph Rohmer. Kowatzki ist froh, mit Jako einen Ausrüster zu haben, der sich sehr viel Zeit für seine und die Anliegen des Vereins nimmt und bereit ist, Ideen umzusetzen. Dazu gehörten zuletzt beispielsweise die Veredelungen im Trikotinneren wie Tribüne oder ein Reflektor mit Stadt- und Vereinswappen.

Die Saison

Während der Saison ist die Arbeit des Teams ganz auf die Abfahrt- und Anstoßzeiten zu den Spielen sowie den Trainingszeiten ausgerichtet. Jeden Donnerstag kommt vom Trainerteam der Trainingsplan für die Folgewoche. Ist um 10:30 Uhr ein Mannschaftstraining angesetzt, sind Martin Kowatzki und sein Team bereits ab 7:00 Uhr in der BayArena. Trikot, kurze und lange Hose, Pullover, je nach Vorliebe des Spielers T-Shirts mit oder ohne Arme, Funktionskleidung, Socken und natürlich Schuhe, kurz alles, was für das Training notwendig ist, wird gepackt und in der Kabine verteilt. Dazu stehen im Lager Rollcontainer bereit, in die die Pakete einsortiert werden. Die Ausrüstung ist dafür bereits in Schränken nach Spielern vorsortiert. Beim Zusammenstellen der individuellen Ausrüstungspakte der Spieler gibt es natürlich auch individuelle Wünsche. „Es gibt zwei oder drei Spieler“ schmunzelt Martin Kowatzki, „die brauchen eine ganz bestimmte Unterhose, andere haben bestimmte Lieblingssocken oder einen besonderen Stutzen-Wunsch. Das wissen wir natürlich und berücksichtigen das.“ So kommen insgesamt zwischen fünf und zehn verschiedene Kombinationen an Paketen zusammen.

Relativiert sich nicht vieles, wenn man als Fan für seinen Verein arbeitet? Man merkt Martin Kowatzki im Gespräch immer noch an, dass er für seinen Verein brennt. Aber mittlerweile ist er Teil des Ganzen, sieht die Mannschaft und das Trainerteam jeden Tag. Die Zeit im Fanblock ist vorbei. Ja, als Fan verändere sich die Einstellung zum Verein und zum Team, bestätigt Kowatzki. „Man bekommt ein ganz anderes Bewusstsein für den Aufwand, der betrieben werden muss, um immer das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Als Fan sieht man die 90 Minuten im Stadion. Wenn man aber hinter den Kulissen sieht, welcher Aufwand betrieben wird, kann man die Leistung des gesamten Teams nochmals ganz anders einschätzen und weiß, dass, auch wenn es mal nicht so gut läuft, alles Erdenkliche für den Erfolg getan wurde.“

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Relativiert sich nicht vielen, wenn man als Fan für den Verein arbeitet? Als Teil des Teams weiß Martin Kowatzki, was jenseits des Spieltags für den Erfolg geleistet wird.
© H. Fadel

Die Arbeit, um einen Spieltag vorzubereiten, beginnt bereits am Tag zuvor mit dem Abschlusstraining. Am Spieltag selbst ist Martin Kowatzki ab 8:30 Uhr vor Ort. Wieder werden die Spielerpakete gepackt und bereitgelegt, die Kabine wird vorbereitet. In der Kabine selbst wird darauf geachtet, dass die Spieler ihre Ausrüstung stets am gewohnten Ort vorfinden, damit die Kabine möglichst immer gleich aussieht. „Der Spieler“, so das Credo von Martin Kowatzki, „soll den Fokus auf sich und sein Spiel legen. Wir unterstützen das, indem die Kabine immer gleich aussieht, möglichst auch bei Auswärtsspielen. Egal, wo gespielt wird, uns ist es wichtig, für die Spieler immer den gleichen Ablauf in der Kabine zu ermöglichen!“ Kowatzki ist in der Regel bis zum Anpfiff um 15:30 Uhr in der Kabine bei den Spielern, falls noch etwas gebraucht wird oder ein Spieler das Gefühl hat, dass die Stollen nachgezogen oder gewechselt werden müssen. Und auch während des Spiels bleiben die Zeugwarte auf Abruf, falls für Ersatz gesorgt werden muss, wenn ein Trikot oder ein Schuh kaputt gehen. Nach Spielende wird die benutzte Wäsche in die Wäscherei geliefert und am Abend die Kabine wieder hergerichtet, damit der Wochenturnus von Neuem starten kann.

„Entscheidend ist auf’m Platz.“ Die alte Weisheit von Adi Preißler stimmt so nicht mehr. Profifußball auf dem heutigen Niveau ist ohne das Team im Hintergrund, bestehend aus Trainern, medizinischer Abteilung und dem Team um den Zeugwart nicht mehr möglich. Es gilt, den Fußball-Profis ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich ausschließlich auf ihre Leistung und das Spiel konzentrieren können. Martin Kowatzki stellt fest, dass das „Team hinter dem Team immer größer wird.“ Früher beispielsweise, ist ein Zeugwart mit ein oder zwei Koffern mit Ausrüstung die gesamte Saison über zurecht gekommen. Das geht heute nicht mehr.

Kowatzki muss sich sputen. Es gilt, den Saisonstart abschließend vorzubereiten. Einige Tage nach unserem Besuch in Leverkusen fährt die Werkself einen 3:2-Sieg gegen Liga-Neuling Paderborn ein. Alles hat auch im Hintergrund funktioniert. Die Profis freuen sich über die gelungene Saisonpremiere und im Hintergrund freut sich das gesamte Team, ohne das dieser Erfolg so gar nicht mehr möglich wäre.

Marcel Rotzoll

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL