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Orderzyklen in Corona-Zeiten: Die Frage der Zeit

  • Marcel Rotzoll, Andreas Mayer
  • Freitag | 10. Juli 2020  |  11:38 Uhr
Der Shutdown im Handel und in Teilen der Produktion hat den Zeitplan für Abverkauf und Vororder durcheinander gebracht. Fachmessen finden nicht oder nur in abgespeckter (digitaler) Form statt. Erste Stimmen werden laut, Orderzyklen gänzlich zu verändern ...

„Gedanklich kann ich mich noch gar nicht auf eine Orderrunde einstellen“, erklärt Peter Vogl, Inhaber von Sportmüller in Lörrach. Zu stark ist die augenblickliche Belastung, durch den Corona-Shutdown verlorene Umsätze zumindest wieder halbwegs reinzuholen. „Man muss fairerweise sagen, dass viele Lieferanten aktuell wenig in der Kollektion verändern sowie ihre Saisons etwas verlängern, so dass die Liefertermine für die Herbst/Winter-Ware um ein bis zwei Monate nach hinten verschoben werden und uns ein wenig den Preisdruck rausnimmt“, so Vogl weiter. „Aber über den neuen Einkauf habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß nur: Ich werde so spät wie möglich einkaufen und wohl auch so wenig wie möglich!“

Vogl hofft auf die Unterstützung seines Verbands, der Intersport: „Ich glaube, dass wir schon den ein oder anderen guten Tipp vom Verband bekommen werden und dass sie mit dem ein oberen anderen Lieferanten einen guten Deal gemacht haben.“ „Es ist natürlich weiterhin eine besondere Situation für die Mitglieder nach einem solchen Shutdown“, weiß auch Intersport-CEO Alexander von Preen. „Während des Shutdowns ruhten die stationären Fachgeschäfte und die Mitglieder waren auf Online-Umsätze über eigene Kanäle sowie unseren E-Commerce-Shop unter www.intersport.de angewiesen. Nach dem Re-Opening konnten unsere Fachhändler zwar mit voller Kraft wieder ihre Flächen bewirtschaften, um die sehr starke Bedarfsnachfrage der Konsumenten in gewissen Kategorien zu decken. Aber natürlich warten die Mitglieder in so einer beispiellosen Sondersituation mit der Einkaufsplanung so lange wie möglich ab.“

Die Zentrale weiß, dass die meisten Händler gezielter und verhaltener ordern werden in diesem (Corona-)Sommer, und dass sie sich in den einzelne Segmente aller Voraussicht nach stärker auf wenige Marken und Modelle fokussieren werden als bisher. „Auch die Warenrücknahme und Abschriftenbeteiligungen sind sicherlich ein Thema“, erklärt Katja Erbe, Head of Category Management IDEA der Intersport. „In Kooperation mit der Industrie benötigen wir eine leicht angepasst FS21 Saison in Bezug auf Launch-Termine, Umfang von Kollektionen und die Mit-Einbeziehung in manchen Kategorien der Ware aus 2020. Um den Warendruck generell zu minimieren, ist es auch notwendig Anteile der Waren aus 2020 zu stornieren und retournieren, um die Pipeline nicht für Neuheiten und frische Ware zu lange zu blockieren. Hier sind wir in sehr guten Abstimmungen mit der Industrie.“

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Das Thema FS21 Order hat die Intersport auf einer Omnichannel-Lösung aufgebaut über die die Mitglieder per Webinaren und Schulungs-Videos intensiv vorbereitet werden sollen. Dazu gehören „echte“ Präsenz-Ordertage in Heilbronn, genauso wie eine neu entwickelte digitale Ordermesse. „Darüber hinaus arbeiten unsere Business Partner im 1:1-Austausch mit unseren Mitgliedern zusammen, um Sie beim Thema Einkaufs- und Limitplanung speziell bei den aktuellen besonderen Gegebenheiten zu unterstützen. Hier sehen wir einen sehr hohen Bedarf bei den Mitgliedern“, erklärt Günther.

Die Sport 2000 wird die für den 19.-21. Juli geplante Ordermesse 5 dagegen ausschließlich als digitale Messe durchführen – „zu groß sind nach wie vor die Unsicherheiten und rechtlichen Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus, um die Messe physisch in Mainhausen umzusetzen“, befürchtet Markus Hupach. „Nachdem wir mit unserer ersten virtuellen Ordermesse erfolgreich gestartet sind und sehr viel positives Feedback erhalten haben, ist uns diese Entscheidung zwar nach wie vor schwer gefallen, können aber gleichzeitig allen Beteiligten eine sehr gute Order-Plattform mit vielen Möglichkeiten bieten.“

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Bereits die Ordermesse 4 wurde Anfang Juni online gestartet, um ein auf die Bedürfnisse der Händler zugeschnittenes Orderfenster zu gewährleisten. Das Feedback sei durchweg sehr positiv gewesen, berichtet Hupach. „Noch vor dem ursprünglichen physischen Messebeginn am 14./15. Juni konnten wir nahezu alle Ausstellerstände fertigstellen und rund 250 Händler haben sich bereits registriert. Das ist ein großer Erfolg und bestärkt uns in unseren Bestrebungen eine neue Zeitrechnung mit vielzähligen Tools einzuläuten. Dennoch empfehlen wir – und deshalb haben wir auch die digitale Messe in der Form auf die Beine gestellt – ganz genau hinzuschauen, welche Sortimente bei ihnen den Umsatz bringen und sich hier entsprechend für FS 21 aufzustellen.“

„Bisher fanden sehr viele SS21 Key Account Termine virtuell über die gängigen Videokonferenz-Tools statt“, erzählt Bernd Reishofer von Mizuno. „Auch wenn die Kunden die Produkte nicht physisch anfassen konnten, war eine qualitativ hochwertige und anschauliche Präsentation der Produkte sowie ein konstruktiver Austausch bezüglich der neuen Kollektion problemlos möglich. Ein negativer Impact auf das Ordervolumen ist durch diese Art der Sell-In-Präsentation nicht zu erwarten“, glaubt der Marketing-Manager. Und auch bei Adidas lief und läuft viel über die digitale Schiene: „Wir bieten sowohl einen digitalen Sell-In-Prozess als auch physische Termine in unseren Showrooms an,“ so Oliver Brüggen, der wie viele andere ebenfalls viele Wochen im Homeoffice verbracht hat. „Beim digitalen Sell-In nutzen wir unsere bestehenden digitalen Tools, die viele unserer Kunden auch schon aus der Vergangenheit kennen. Wir konnten feststellen, dass sowohl unsere Mitarbeiter als auch unsere Handelspartner sich extrem schnell an die neuen Anforderungen gewöhnt haben. Ab Mitte Juni freuen wir uns aber, unsere Partner auch wieder in unseren Showrooms empfangen zu dürfen. Selbstverständlich werden dabei alle notwendigen Hygiene- und Sicherheitsregelungen beachtet.“

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Auch das Sportordercenter in den Häusern der Konfektion in Sindelfingen heißt alle Sporthändler „Herzlich Willkommen zurück“. vom 13.-17.7. wird es spezielle „HdK OPEN DAYS“ geben. In der Schweiz veranstaltet die ASMAS bereits Ende Juni physische „Inspirationstage“ für Händler (s. auch S. 16) und die Brandboxx in Salzburg lädt ab August wieder zur Sport Order (Textil: 16.-19.8., Hartware 1: 8.-10.9., Hartware 2: 15.-17.9.). Auch im MOC in der bayerischen Hauptstadt sind persönliche Ordertermine unter Einhaltung von Hygienemaßnahen wieder möglich. Den ersten echten Stresstest für die „großen“ Messen auch im Hinblick auf mögliche Veranstaltungen 2021 findet vom 1. bis 3. Oktober in Köln statt, wenn die FIBO ihren zweiten Anlauf für die weltgrößte Fitnessmesse startet. „Die FIBO markiert als eine der ersten internationalen Fachmessen einen Wendepunkt und den Neustart, auch wenn von Normalität noch nicht die Rede sein kann“, sagt FIBO-Chefin Silke Frank. „Es ist viel geschehen, Covid-19 hat den Markt in einer ganz neuen Dimension in Bewegung gebracht: Destruktiv-zerstörerisch, aber auch produktiv-dynamisch mit der Entwicklung neuer Produkte und Vermarktungskonzepte.“ Umso wichtiger sei es, gerade in dieser Situation eine Messe zu haben, von der Impulse für die Neuorientierung ausgehen: „Der Markt muss neu anspringen. Deshalb wird die FIBO im Oktober nicht die größte, aber eine der wichtigsten Veranstaltungen der zurückliegenden Jahre sein.“

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Dem erfahrenen Vertriebsprofi Wolfgang Jahn ist das „immer schneller und immer früher“ im Zusammenhang mit dem Order- und Lieferrhythmus ein Dorn im Auge. „Wir haben uns mittlerweile selbst überholt“, sagt er. „Von den viel zu frühen Lieferterminen wollten doch schon lange viele Händler und Lieferanten weg, es hat sich nur keiner getraut. Doch mit der Corona-Pandemie ist viel in Bewegung geraten,“ hofft er. Er selbst möchte Händlern künftig die Möglichkeit bieten, die FS-Ware bis Ende September und die HW-Ware bis Ende März zu ordern, wenn klar ist, wie die Saison tatsächlich gelaufen ist. Beide Seiten würden davon profitieren, wenn die Aufträge auf Basis realer Zahlen anstatt mit einem Blick in die Glaskugel platziert werden.Damit verbunden sei auch eine spätere Auslieferung, die sich an den tatsächlichen Saisons orientiere. Denn auch in der Corona-Krise habe es sich gezeigt, dass die Endverbraucher immer näher am tatsächlichen Bedarf einkaufen. „Mit Sommerware, die bereits im Februar in die Läden kommt, könnten weder die Händler, noch die Konsumenten etwas anfangen.“ Die Ware werde „künstlich alt“ und „unnötig entwertet“. Mit der Rhythmus-Änderung gewinne der Handel mehr Zeit, seine Ware zu vernünftigen Preisen in den Wochen und Monaten anzubieten, in denen die Menschen diese Produkte auch tatsächlich suchen. „Und der von uns angestrebte Rhythmus-Wechsel gibt diesen Zusammenhängen seine entscheidende Bedeutung zurück.“

Auch in anderen Segmenten sind spezielle Orderzeiträume unbekannt: „Bei uns kann der Einzelhandel jederzeit, ohne festgelegte Ordertermine, nach Belieben gewünschte und benötigte Ware bestellen“, erklärt Markus Wedler, Vertriebsleiter beim Ballspezialisten Molten (Fußball, Basketball, Handball, Beachvolleyball, Beachsoccer u.v.m.). „Einzig Eventbälle, wie zum Beispiel die neuen UEFA Europa League Modelle Saison 2020/21, gehen zu einem vorgeplantem Termin in den Verkauf, wobei es dort im Vorfeld bezüglich einer Vororder von uns bewusst flexibel gehandhabt wurde. Der Verkaufsstart wird sich grundsätzlich nicht verschieben und Sportfachhändler können diesbezüglich weiterhin individuell handeln.“

Andreas Mayer

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Anfassen und Schauen erlaubt: Auch im MOC in München sind Showroombesuche wieder möglich.
© MOC/Messe München
Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur