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Österreich: Viel hilft viel

  • Andreas Mayer
  • Dienstag | 04. August 2020  |  12:35 Uhr
Der Handel in der Alpenrepublik war früh vom Shutdown betroffen, durfte aber auch früher wieder verkaufen. Überhaupt scheinen Politik und Verbände in Österreich ihre Hausaufgaben besser gemacht zu haben – insbesondere beim Thema Bike, das in der geamten Republik mittlerweile als „systemrelevant“ gilt.
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Bike boomt: In ganz Österreich ist das Zweirad – egal ob mit oder ohne „E“ – Wachstumstreiber auch für Sportfachhändler.
© VSSÖ/Bosch

Am 16. März war Österreich mit dem Inkrafttreten des Covid-19-Maßnahmengesetzes in den Shutdown-Modus gegangen – es galten Ausgangsbeschränkungen, Handel, Dienstleister, Gastronomie sowie Freizeit- und Sportbetriebe mussten zusperren. Der erste Schritt zur Normalisierung erfolgte bereits am 14. April, als kleine Geschäfte, Baumärkte und Gartencenter aufsperren durften, und der zweite Schritt am 1. Mai mit dem Ende der Ausgangsbeschränkungen und dem Öffnen aller weiteren Geschäfte sowie des Großteils der Dienstleistungen – also deutlich früher als bei den Leidensgenossen in Deutschland oder in der Schweiz. Und: „Fahrrad-Reparaturen waren beispielsweise schon schneller wieder erlaubt. Und auch während des Lockdowns durften Fahrrad-Verleihstationen wieder aufmachen – einfach aus dem Grund, weil das Fahrrad in Österreich als systemrelevant gilt“, erklärt Gernot Kellermayr, Präsident des Verbandes der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs (VSSÖ). „In Verhandlungen mit der Politik und zusammen mit der Wirtschaftskammer haben wir das Thema schnell vorangetrieben. Und ich denke, dass wir uns da ganz gut geschlagen haben,“ glaubt Kellermayr.

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Gernot Kellermayr, Präsident des Verbandes der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs (VSSÖ).
© sportFACHHANDEL

Auch die gerade erst von Bundesministerin Leonore Gewessler vorgestellte Erweiterung der „E-Mobilitätsoffensive“ wurde vom VSSÖ mitverhandelt. Der Kauf von mindestens fünf E-Bikes (zuvor zehn) durch Gebietskörperschaften, Betriebe und Vereine wird ab sofort mit 350 statt 200 Euro unterstützt. Dadurch wird der Anreiz zur betrieblichen Nutzung weiter gestärkt: Pendlerfahrten mit dem Auto können reduziert und die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestärkt werden. Transporträder und E-Transporträder werden nunmehr mit 850 statt 400 Euro gefördert. Der Anteil des Sportfachhandels bei der Förderung beträgt bei E-Lastenrädern 250 Euro, bei E-Bikes 150 Euro und wird vom Nettopreis ergänzend zu den in der Praxis üblichen gewährten Rabatten in Abzug gebracht. Die Teilnahme ist für Händler freiwillig.

VSSÖ-Geschäftsführer Michael Nendwich vertrat in seiner Funktion als Sprecher des Sportartikelhandels in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) die Interessen der Branche als aktiver Verhandlungspartner mit dem Ministerium. Dadurch konnte bewirkt werden, dass der Förderungsanteil des Bundes höher bleibt als jener des Handels Nendwich setzte sich außerdem erfolgreich für die Reduzierung der Mindeststückzahl der gewerblichen Käufe von zehn auf fünf ein. „Das E-Bike ist das Verkehrsmittel der gesunden und klimaneutralen Mobilität. Die Erhöhung der Fördersumme ist ein wichtiger Schritt in Richtung Mobilitätswende, dem allerdings noch weitere folgen müssen“, so Nendwich. Ein nächster wichtiger Schritt wäre die Adaptierung des Steuerrechts, sodass analog zur Pensionsvorsorge auch das JobRad vom Bruttolohn abgezogen werden kann.

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Ein einprägsames Schutzkonzept inklusive Vordrucken und Checklisten für den Handel gab frühzeitig einen Überblick über die nötigen Maßnahmen, um gegen eine Übertragung des Coronavirus vorzugehen.
© VSSÖ

Auch in den ersten Wochen nach der Wiedereröffnung war es vor allem der Fahrradbereich, der lief. Nachholfkäufe und der Drang nach Draußen ließen auch die Umsätze in den Segmenten Running, Fitness und Outdoor-Hartware zum Teil deutlich über diejenigen des Vorjahres emporschnellen. Aktuell hofft der Handel in Österreich noch auf Unterstützung seitens der Bundesregierung bei der unvermeidlichen Abwertung der Lagerware. Im Gespräch ist unter anderem, dass der Handel nur ein Teil der Abwertung selbst tragen muss. Trotzdem: „Von sechs bis acht Wochen zusperren wird sich die ganze Branche nicht mehr erholen“, weiß Gernot Kellermayr. „Insbesondere der Sportartikelhandel in den westlichen Regionen Österreichs ist sehr vom Tourismus abhängig. Und da wissen wir nach wie vor nicht genau, wie sich dieser tatsächlich entwickeln wird. Es werden sicherlich vermehrt Österreicher in Österreich Urlaub machen in diesem Sommer – und die kaufen oder leihen sich großtils kein Fahrrad im Tourismusort, die bringen ihre Räder oder auch ihre Wanderschuhe von Zuhause mit …“

Glücklicherweise sei der Sommertourismus im Tirol & Co. nicht ganz so stark wie der Wintertourismus, erklärt Kellermayr. „Aber es wird auf jeden Fall ein ordentliches Minus dahinterstehen,“ davon ist der Branchenprofi überzeugt. Schätzungen zeigen, dass es bei einzelnen Händlern im Sommer zu Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent und im Winter von bis zu 30 Prozent kommen könnte. „Daher wird sicherlich auch die Vororder für den kommenden Winter natürlich schwächer ausfallen als noch im vergangenen Jahr.“, ist sich Kellermayr sicher. „Die Unsicherheit ist einfach noch zu groß.“ Und: „Man wird sich im Winter darauf einstellen können, dass – sofern es ein normaler Winter wird – sicherlich auch zu Problemen mit der Warenverfügbarkeit kommt. Denn obwohl die Skiindustrie Deadlines für die Vororder zum Teil noch bis in den Juli hinein verlängert haben, ist irgendwann Schluss und es wird dann logischerweise auch weniger produziert.“

Die gerade gestartete Vororder für die Sommerware 2021 wurde von den meisten Marken ebenfalls verlängert. Die Showrooms, zum Beispiel in der Brandboxx in Salzburg, sind zwar offen – vom 16. bis 19. August ist eine Sport-Order Textil und vom 8. bis 10. September sowie vom 15. bis 17. September eine Sport-Order Hartware geplant – „viel läuft aber trotzdem digital ab“, weiß Kellermayr. „Das funktioniert mal besser, mal schlechter …“

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur