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Lieferkettengesetz: „Corona ist ein Katalysator für mehr Nachhaltigkeit“

  • Marcel Rotzoll
  • Dienstag | 14. Juli 2020  |  13:58 Uhr
Trotz Corona wird in der Bundespolitik weiterhin eifrig über ein Lieferkettengesetz debattiert, das deutsche Unternehmen in die Haftung nehmen soll, wenn in den Fabriken in den Produktionsländern bestimmte Arbeitsbedingungen nicht eingehalten werden. Und weil gerade die Krise ein Licht auf die Lieferketten wirft, sprach sportFACHHANDEL mit Jan Lorch, in der Vaude-Geschäftsleitung für Vertrieb und CSR zuständig, über Auswirkungen der Krise und das Gesetzesvorhaben.
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Jan Lorch ist ausgewiesener Nachhaltigkeitsexperte. In der Geschäftsführung des Outdoor-Ausrüsters Vaude ist er neben dem Vertrieb auch für Corporate Social Responsibility verantwortlich.
© Vaude

sportFACHHANDEL: Herr Lorch, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Lieferkette?

Jan Lorch: Zunächst dachten wir ja im Januar und Februar alle, dass Corona hauptsächlich ein Beschaffungsproblem darstellt, gerade für all diejenigen Lieferanten, die in China produzieren lassen. Dabei war die Situation in China von Provinz zu Provinz unterschiedlich. Während es in der Provinz Hubei einen sehr langen Shutdown gab, war Guangdong nur teilweise betroffen. Deshalb spürten wir die Auswirkungen in den Produktionsstätten zunächst nicht. Hinzu kommt, dass die Sommerware bereits produziert und auf den Schiffen und die Winterware noch in einem ganz frühen Zeitpunkt der Produktion war. Eventuelle Produktionsausfälle konnten so später noch aufgeholt werden.

sportFACHHANDEL: Und wie sieht es an anderen Produktionsstandorten aus?

Jan Lorch: Viele Stoffe kommen beispielsweise aus Taiwan. Taiwan aber ist von der Corona-Krise weitestgehend verschont geblieben. Gleiches gilt für Vietnam, wo die Produktion auch normal weiterlaufen konnte. Hier hatten wir zunächst große Bedenken, weil knapp 60 Prozent unserer Waren aus Vietnam kommen.

sportFACHHANDEL: Vaude produziert zudem auch in Myanmar...

Jan Lorch: In Myanmar produziert einer unserer Partner, das stimmt. Aber dieser produziert auch in Vietnam. Von daher hatten wir von der Beschaffungsseite her mit den Produktionsstätten in Fernost insgesamt keine Probleme.

sportFACHHANDEL: Wo gab es denn Probleme?

Jan Lorch: In Europa. Dabei natürlich vor allem in Italien, bedingt durch den langen und strengen Shutdown und auch in Portugal.

sportFACHHANDEL: Corona wird also nicht dazu führen, dass die Produktion verstärkt nach Europa zurückgeholt wird?

Jan Lorch: Die Corona-Krise wird zumindest nicht als ein Argument dienen können, die Produktion zurück zu verlagern. Immerhin ist Europa eine der am stärksten von der Pandemie betroffenen Regionen.

sportFACHHANDEL: Das heißt zusammengefasst, für die Händler in Deutschland oder Europa gab es keine Auswirkungen bei den Warenlieferungen?

Jan Lorch: Ich kann natürlich nur für Vaude sprechen und wir konnten tatsächlich die Ware nahezu vollständig pünktlich liefern. Und wir sehen auch jetzt, dass die Winterware zum ganz überwiegenden Teil pünktlich kommt.

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Die Vaude-Manufaktur in Tettnang: Corona dient zumindest nicht als Argument, die Produktion aus Fernost nach Europa zurückzuverlagern, so Jan Lorch. Immerhin war die Situation in Europa teilweise sogar angespannter als in Fernost.
© Vaude

sportFACHHANDEL: Wie hat der Handel denn bei Orders und Nachorders aus Ihrer Sicht reagiert?

Jan Lorch: Ab Mitte März gab es natürlich erst einmal viele Stornierungen. Wir haben dann schnell das persönliche Gespräch gesucht, Zahlungsziele verlängert oder Lieferungen nach hinten verschoben. Das hat aus jetziger Perspektive sehr viel Sinn gemacht. Denn gerade im Bike-Bereich und seit einiger Zeit auch im Outdoor- und Bergsport-Bereich gab es viele Nachholkäufe. Fast die gesamte Ware, die wir während des Shutdowns im Lager hatten, ist mittlerweile weg. Für uns kam es in der Hauptsache darauf an, dass wir dem Fachhandel einen guten Service bieten können – und ich denke, das haben wir geschafft.

sportFACHHANDEL: Mit der Insolvenz der Yeah AG und auch von Galeria Karstadt Kaufhof und Karstadt Sports sind bereits Schwergewichte in Schieflage. Es gibt Befürchtungen, dass mittelfristig weitere Händler folgen könnten. Das bedeutet doch, dass dann erst einmal weniger Ware im Markt benötigt wird...

Jan Lorch: Gerade die Insolvenzen der Yeah AG und von Karstadt haben uns natürlich getroffen, keine Frage. Und welche Auswirkungen die Krise noch haben wird, lässt sich nur schwer abschätzen. Wir reagieren darauf, indem wir alle vier Wochen die Warenbestände intensiv in allen Bereichen prüfen. Zudem hatten wir unsere Planungen für das nächste Jahre um vier Wochen verschoben. Zusätzlich haben wir gerade bei den Durchläufern einzelne Aufträge geschoben. Einige Aufträge, wie beispielsweise im Bike-Bereich oder bei Trekkinghosen und Wanderrucksäcken, haben wir aber bereits wieder veranlassen können.

sportFACHHANDEL: Das hat direkte Auswirkungen auf die Produzenten...

Jan Lorch: Wir sind natürlich in ständigem Kontakt mit unseren Produzenten. Wir können die Situation nur gemeinsam meistern, deswegen ist ein fortgesetzter Austausch unerlässlich. Allzumal wir mit unseren Produzenten seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Da ist ein Vertrauensverhältnis entstanden, das nun dazu führt, dass die Entscheidungen relativ unkompliziert, fair und flexibel getroffen werden können.

sportFACHHANDEL: Große Fashion-Händler und -Lieferanten aber auch Sportlieferanten haben während der Corona-Krise doch aber viele Aufträge storniert. Das betrifft dann direkt die Arbeiter in den Fabriken...

Jan Lorch: Das haben wir natürlich auch bemerkt. Gerade amerikanische Lieferanten fahren jetzt Top-Down-Ansätze, andere haben wohl sogar bereits fertig produzierte Ware nicht mehr abgenommen. Die Arbeiter haben, je nach Land, nur einen sehr rudimentären Arbeitsschutz. In Ländern wie Bangladesh oder Indien stehen die Arbeiter sehr schnell auf der Straße. In Vietnam oder in einigen Provinzen Chinas gibt es hingegen Bemühungen um einen Arbeitsschutz.

sportFACHHANDEL: Die Verantwortung gegenüber den Arbeitern in den Produktionsländern wird derzeit auch politisch diskutiert. Angedacht ist ein Lieferkettengesetz...

Jan Lorch: Aus dem Arbeitstitel Lieferkettengesetz ist mittlerweile der Titel Sorgfaltspflichtengesetz geworden. Es soll explizit nicht nur für die Textil-, sondern für insgesamt 13 Branchen gelten. Im Kern soll es die Arbeiter schützen, die im Auftrag von deutschen Unternehmen in Asien oder Afrika arbeiten. Es soll die Möglichkeit bieten, dass sich Arbeiter gegen ungesetzliche Arbeitsbedingungen vor deutschen Gerichten und nach deutschem Recht wehren können. Ziel ist es, dass es in den Fabriken gar nicht erst zu Verletzungen des Arbeitsrechts kommt.

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Vorbildliche Arbeitsbedingungen: Wie hier, einer Fabrik, in der für Vaude produziert wird, sieht es nicht überall aus. Mit dem Sorgfaltspfichtengesetz soll unter anderem Kinderarbeit verhindert und existenzsichernde Löhne ermöglicht werden.
© Vaude

sportFACHHANDEL: Eigentlich sollte das Sorgfaltspflichtengesetz längst auf dem Weg sein...

Jan Lorch: Im Rahmen des im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Nationalen Aktionsplans gab es eine Umfrage zu den Lieferketten unter deutschen Unternehmen. Die Resonanz war schwach und nur ein Fünftel der antwortenden Unternehmen konnte entlang der Lieferkette überhaupt konkrete Aussagen zum Arbeitsschutz machen. Politisch gewollt war dann aber, dass es eine zweite Umfrage geben solle, deren Ergebnisse derzeit aufbereitet werden. Führt diese Umfrage zu einem ähnlichen Ergebnis wäre der Weg frei für eine gesetzliche Regelung. Wir rechnen damit, dass das Gesetz noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg gebracht wird. Und: Auch die Europäische Kommission arbeitet an einem entsprechenden Vorschlag.

sportFACHHANDEL: Aus Industriekreisen heißt es häufig, dass Freiwilligkeit genüge. Warum ist Vaude für ein Gesetz?

Jan Lorch: Zum einen zeigt ein Gesetz, dass sich die deutsche Textilindustrie um die Arbeitsbedingungen kümmert und entsprechende Regelungen auch tatsächlich eingehalten werden. Wir sind aber auch deshalb dafür, weil ein Gesetz gleiche Bedingungen für alle Unternehmen garantiert und es deshalb nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommt. Ich denke, ein Gesetz würde vieles, gerade in den Fabriken, leichter machen, weil alle deutschen und im besten Fall alle europäischen Firmen auf die gleichen Bedingungen hinarbeiten.

sportFACHHANDEL: In den vergangenen Wochen haben sich die Stimmen gemehrt, dass es in Zeiten der Corona-Krise Wichtigeres gebe als ein Sorgfaltspflichtengesetz. Was sagt Vaude dazu?

Jan Lorch: Krisenmanagement ist wichtig – aber doch nicht über Monate oder sogar Jahre hinweg. Nachhaltigkeit, das zeigt die Corona-Krise gerade exemplarisch, ist das Zukunftsthema schlechthin. Jetzt einen Umbau in der Wirtschaft voranzutreiben, vor allem auch in der Textilwirtschaft, ist schlichtweg notwendig. Es macht überhaupt keinen Sinn, das Gesetz jetzt abzublocken. Als Manager oder auch als Verband muss man gerade in einer Krise Weitsicht beweisen!

sportFACHHANDEL: Corona als Katalysator für bestehende Entwicklungen...

Jan Lorch: Auf jeden Fall! Strukturen, die vorher marode waren, brechen in der Krise zusammen. Prozesse, die vorher begonnen wurde, werden nun beschleunigt. Insofern ist Corona ein Katalysator für mehr Nachhaltigkeit.

sportFACHHANDEL: Aber viele Zeichen stehen trotzdem auf ein „Weiter so“. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass ein Sorgfaltspflichtengesetz wirklich kommt?

Jan Lorch: Es gibt ein gesellschaftliches und politisches Momentum. Noch im Januar und Februar hatten wir befürchtet, dass Sorgfaltspflichtengesetz wäre politisch tot. Aber es gibt bei entscheidenden Akteuren, wie Entwicklungsminister Gerd Müller und Arbeitsminister Hubertus Heil, eine Hartnäckigkeit, die uns Mut macht. Nicht zu vergessen, dass es auch eine europäische Initiative gibt. Und natürlich wird bei dem Vorhaben um Mehrheiten gerungen und natürlich werden auch einige Vorhaben verwässert. Aber das ist in einer Demokratie nun einmal so. Es kommt darauf an, dass ein Anfang gemacht wird!

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL