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Deuter und Ortovox: „Onlineshop und Fachhandel ergänzen sich!“

  • Marcel Rotzoll
  • Mittwoch | 30. Oktober 2019  |  16:09 Uhr
Deuter und Ortovox haben kürzlich jeweils eigene Onlineshops gestartet. Im Vorfeld hatte der Sportfachhandel deutlich seinen Unmut über die Entscheidung der beiden Unternehmen bekundet. Noch bevor die Onlineshops scharf geschalten wurden, hatte sportFACHHANDEL die beiden Geschäftsführer Martin Riebel und Christian Schneidermeier deshalb zum großen Kreuzverhör gebeten.

Als Rucksack-Pionier Deuter im Februar ankündigte, einen eigenen Onlineshop zu starten, war der Aufschrei im Handel groß. Als dann im Sommer auch noch Ortovox, ebenfalls Teil der Schwan-Stabilo Gruppe, mit der gleichen Ankündigung folgte, fragte sich mancher Sportfachhändler, ob nun alle Dämme brechen. Seitdem kommt dem Außendienst beider Marken die undankbare Aufgabe zu, den Schritt ihrer Unternehmen im Sportfachhandel moderieren zu müssen. Das Unverständnis und teilweise auch die Wut der Handelspartner über diesen Schritt haben sich jedoch längst noch nicht gelegt. Nach vielen Gesprächen mit Händlern war für sportFACHHANDEL klar: Deuter und Ortovox, wir müssen reden! Und zwar noch bevor der Onlineshop am 4. November an den Start ging. Die Geschäftsführer Martin Riebel und Christian Schneidermeier haben sich dem Kreuzverhör gestellt.

sportFACHHANDEL: Herr Riebel, Sie kommen selbst aus dem Sportfachhandel. Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen einer Ihrer Top-Lieferanten mitgeteilt hätte, online selbst verkaufen zu wollen?

Martin Riebel: Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2019 und der Markt hat sich in den letzten Jahren so stark verändert! Es gibt fast keinen Lieferanten mehr, der keinen eigenen Onlineshop betreibt. Ich glaube, ich hätte deshalb einerseits natürlich meine Befürchtung geäußert, dass nun ein zusätzlicher Wettbewerber für mich hinzukommt. Andererseits wüsste ich aber, dass ich mich schon seit Jahren gegen viele andere Wettbewerber behauptet habe. Deswegen würde ich vor allem Wert darauf legen, dass sich dieser neue Wettbewerber mir gegenüber fair verhält.

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Martin Riebel ist seit 2013 Geschäftsführer von Deuter. Gleichzeitig verantwortet er den Teilbereich Outdoor innerhalb der Schwan-Stabilo Gruppe.
© Deuter

Christian Schneidermeier: Als Händler hätte ich mittlerweile Verständnis dafür, dass eine Marke diesen Weg geht, ja gehen muss. Marken wie auch Händler haben die vorrangige Aufgabe, die Kundenbedürfnisse im Blick zu behalten und die Kunden so zu bedienen, dass sie zufrieden sind. Dazu gehört heute definitiv der Kanal Online, auch für eine Marke. Das heißt aber nicht automatisch, dass wir als Marke jetzt dieses Feld besetzen, um im Absatz ganz vorne mit dabei zu sein. Wir sind letztlich nur ein Anbieter von vielen.

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Christian Schneidermeier ist seit 2011 Geschäftsführer von Ortovox.
© Ortovox

sportFACHHANDEL: Deuter erzielt im Rucksack-Segment Marktanteile, die so wohl kein anderes Unternehmen der Branche vorweisen kann. Ortovox hat in den vergangenen Jahren eine Wachstumsstory hingelegt, die ihresgleichen sucht. Hat man da nicht eine besondere Verantwortung für seine Fachhandelspartner?

Martin Riebel: Es stimmt, im Bereich Rucksack hat Deuter, durch die Konzentration auf den Rucksack, die richtigen Produkte und vor allem das richtige Personal eine einmalige Stellung im Sportfachhandel. Dafür sind wir natürlich dankbar. Gleichzeitig haben wir aber auch schon früh darauf hingewiesen, dass Kunden eine Auswahl nicht nur an Modellen, sondern auch an Marken benötigen. Insofern glaube ich, dass wir unserer Verantwortung unseren Fachhandelspartnern gegenüber schon seit jeher gerecht werden. Und das tun wir auch weiterhin. Wir unterstützen unsere Partner über Handelsmarketing und unseren Außendienst so stark wie keine andere Marke. Und das wird so bleiben. Unser Fokus wird weiterhin klar auf dem Sportfachhandel liegen. Was wir heute aber zusätzlich in Betracht ziehen müssen, ist die Verantwortung gegenüber dem eigenen Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Wir müssen heute die Weichen stellen, damit Deuter auch in zehn Jahren noch erfolgreich ist. Dazu müssen wir lernen. Und weil „Online“ immer wichtiger wird, müssen wir als Unternehmen „Online“ verstehen.

Christian Schneidermeier: Das sehe ich genauso wie Martin. Und letztlich gilt: Je stärker und strahlkräftiger eine Marke ist, desto mehr Erfolg kann auch der Fachhandel mit ihr haben. Wir bei Ortovox wissen, dass unser Erfolg in der Partnerschaft mit dem Fachhandel begründet liegt. Unser Ziel war, ist und bleibt auch in Zukunft, dass eine Zusammenarbeit zwischen Ortovox und dem Fachhandel eine Win-win-Situation darstellen soll. Es ist deswegen für mich auch kein Widerspruch, dass Ortovox als Fachhandelspartner einen Onlineshop betreiben wird. Zudem betreiben wir aktuell schon einen Onlineshop über Shopatron/Kibo. Wir haben viele Ideen, wie wir den stationären Handel in unseren Shop einbinden können. Übrigens stellen wir im Rahmen unseres Selektivvertriebs an unsere Partner Anforderungen, die wir bisher online selbst gar nicht erfüllt haben. Die Qualität, die wir von unseren Fachhandelspartnern im Verkauf erwarten, wollen und müssen wir auch selbst liefern.

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Groß geworden ist der Gersthofener Rucksack-Spezialist Deuter als Fachhandelsmarke. Zählt das nun nicht mehr? Geschäftsführer Martin Riebel steht Rede und Antwort.
© Deuter

sportFACHHANDEL: Was auffällt, ist, dass Sie beide den Begriff „Kunde“ offenbar neu definieren. Bisher waren ihre Kunden ausschließlich Ihre Handelspartner. Nun sind Kunden auch Endverbraucher. Was ist denn der Fachhandel in Zukunft für Sie?

Martin Riebel: Der Fachhandel ist unser Partner. Unsere Beziehung zu vielen Fachhändlern geht weit über den Begriff „Kunde“ hinaus. Zwar mag unsere Partnerschaft durch die Diskussion über unseren Onlineshop derzeit für einige Händler strapaziert werden, aber wir werden beweisen, dass wir diese Partnerschaft auch in Zukunft leben werden.

Christian Schneidermeier: Natürlich bleibt unser primärer Kunde der Fachhandel. Wir möchten weiterhin den spezialisierten Fachhandel stärken. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es nur noch Onlinehandel und verwahrloste Innenstädte gibt.

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Ortovox hat in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte sondergleichen geschrieben. – mit dem Sportfachhandel. Geschäftsführer Christian Schneidermeier ist überzeugt, dass das auch zukünftig so bleibt.
© Ortovox

sportFACHHANDEL: Soll das heißen, indem Sie einen Onlineshop eröffnen, stärken Sie Ihre Fachhandelspartner?

Christian Schneidermeier: Ja! Der Onlinehandel ist einer sehr starken Konzentration unterworfen. Für viele Marken stellt sich das Problem, dass sie sich über kurz oder lang in einer Abhängigkeit der Marktmacht von Amazon und Co wiederfinden. Das darf uns nicht passieren. Wir müssen uns hier absichern. Wir wissen als Hersteller viel über die Mechanismen des stationären Fachhandels, aber viel zu wenig über die Mechanismen des Onlinehandels. Wir müssen den Onlinehandel aber genauso verstehen lernen wie wir den Fachhandel verstehen. Anders geht es nicht.

sportFACHHANDEL: Sie haben in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder mit der Unternehmensverantwortung argumentiert, die Sie tragen. Viele haben die Befürchtung, dass der Markt sich weiter konsolidieren wird und noch mehr Händler aufgeben werden. Heißt Unternehmensverantwortung in diesem Zusammenhang, dass Sie für eine Zeit nach dem Fachhandel planen?

Christian Schneidermeier: Wir planen für eine Zukunft mit dem Fachhandel in einem sich schnell verändernden Handelsumfeld. Wir alle sind gefordert, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Dazu gehört, dass wir uns mit neuen Vertriebskanälen auseinandersetzen. Das bedeutet aber nicht, dass wir für eine Zeit nach dem Fachhandel planen. Nur ein Beispiel: Bei Sport Schuster hatten wir vor kurzem eine Aktion, bei der wir ein Schaufenster für einige Stunden mit Mitarbeitern von uns lebendig gemacht haben. Das ist super angekommen. Solche Aktionen braucht es einfach in der Zusammenarbeit mit dem Fachhandel. Da müssen wir unsere Hausaufgaben machen.

sportFACHHANDEL: Nun hat aber nicht jeder Fachhändler eine so gute Lage wie Sport Schuster, bei dem die Marken dafür bezahlen, im Schaufenster präsent sein zu dürfen...

Christian Schneidermeier: Das stimmt. Aber mir geht es grundsätzlich um die gemeinsame Umsetzung kreativer Ideen, mit denen man den Konsumenten ein tolles Angebot machen kann. Das ist die Aufgabe des Handels, bei der wir ihn tatkräftig unterstützen können und wollen.

Martin Riebel: Die Handelsunterstützung bieten wir auch. Das beweist doch, für wie wichtig wir den Fachhandel nehmen!

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sportFACHHANDEL: Ein eigener Onlineshop bedeutet auch intern einen Paradigmenwechsel. Der Vertrieb, bisher voll und ganz auf die Handelspartner ausgerichtet, muss nun um die Komponente Onlineshop erweitert werden. Wie groß wird Ihre jeweilige Online-Abteilung sein?

Christian Schneidermeier: Wir haben – und das möchte ich ausdrücklich betonen – keine separate Onlineshop-Abteilung oder ein eigenes Profitcenter gegründet. Wir haben die bestehende Organisation um einzelne Ressourcen an den verschiedenen Stellen erweitert. Diese Mitarbeiter sind aber alle in den bestehenden, übrigens auf den Fachhandel ausgerichteten, Abteilungen wie Marketing oder Customer Service integriert. Dadurch stellen wir sicher, dass der Gesamtvertrieb auch die Entscheidungen über unseren Onlineshop trifft und es hier kein Gegeneinander gibt. Es gibt deshalb auch keinerlei Umsatzvorgaben für den Onlineshop. Ich möchte nochmal betonen: Es geht uns darum, den Kontakt zu den Konsumenten zu intensivieren und sie besser zu verstehen.

sportFACHHANDEL: Aber wenn Sie den Onlinehandel verstehen wollen, geht das doch ohne das nötige Know-how gar nicht...

Martin Riebel: Anders als andere Marken werden weder Deuter noch Ortovox jetzt eine eigene Online GmbH gründen, die unabhängig vom analogen Vertrieb agieren wird. In beiden Unternehmen gibt es bestehende und sehr gut funktionierende Vertrieb- und Marketingabteilungen. Hier wird unser Onlineshop jeweils verankert. Natürlich benötigen wir Expertenwissen. Aber wir integrieren die Experten in die bestehenden Teams. Gerade weil wir kein Gegeneinander der beiden Vertriebsformen wollen! Unsere bisherigen Vertriebsverantwortlichen, bei Deuter Robert Schieferle und bei Ortovox Felix Imaschewski, sind für alle Kanäle verantwortlich. Ja, wir müssen unseren Onlineplattformen zugestehen, gewisse Umsätze zu machen. Alles andere wäre blauäugig. Diese Umsätze werden sich aber in den nächsten mindestens fünf Jahren in Regionen bewegen, die unsere Fachhandelspartner in keine Weise merken werden.

sportFACHHANDEL: Heißt das, die Ware für den Fachhandel und für den eigenen Onlineshop kommt aus demselben Lager und wird gleich behandelt?

Martin Riebel: Ja, die Ware kommt aus demselben Lager.

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sportFACHHANDEL: Was passiert bei geringer Verfügbarkeit einzelner Produkte? Wird dann der Fachhandel bei der Warenlieferung bevorzugt oder Ihre Onlineshops?

Martin Riebel: Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten mit der Art wie wir unsere Logistik betreiben bewiesen, dass wir unsere Kollektionen an 365 Tagen im Jahr lieferbar haben. Es wird auch in Zukunft keine Lieferengpässe für den Sportfachhandel geben.

Christian Schneidermeier: Bei Textilien ist das Problem der Verfügbarkeiten natürlich ein wenig komplexer als bei Rucksäcken. Wir haben in den vergangenen Saisons sehr viel investiert, um unsere Lieferperformance insgesamt zu verbessern. In unserem Zentrallager liegt die Ware in virtuellen Lägern, die bei Bedarf jederzeit abgestimmt werden können. Deshalb wird es für uns mehr Aufwand bedeuten, sicherzustellen, dass der Onlineshop gegenüber dem Händlerlager weder zu wenig noch zu viel Ware hat und damit Händlern den Einkauf blockieren würde.

sportFACHHANDEL: Ein Onlineshop kann in der Regel nur dann erfolgreich sein, wenn man den Kunden stets Neues bietet. Das können Inhalte und Produkte sein, sind in der Regel aber Anreize wie Aktionen und Sales. Wie wird das bei Ihnen gehandhabt werden?

Martin Riebel: Unser klares Ziel ist es, den Onlineshop nicht über Preisaktionen attraktiv zu machen. Wichtiger ist uns die breite Auswahl der Produkte mit ansprechenden Informationen. Sicherlich werden wir die eine oder andere Kundenaktion machen, beispielswiese die Teilnahme an einem Event verlosen oder Gewinnspiele.

sportFACHHANDEL: Warum sollte dann aber ein Kunde überhaupt bei Deuter kaufen? Immerhin gibt es einen Klick weiter den Rucksack auch viel günstiger...

Martin Riebel: Nochmal: Für uns ergänzen sich Onlineshop und Fachhandel. Wir werden online zur UVP verkaufen. Wir wissen aber auch von anderen Marken, dass es für Kunden abseits des Preises attraktiv ist, sich aus dem Gesamtangebot eines Herstellers bedienen zu können.

sportFACHHANDEL: Für Ortovox mit einem Schwerpunkt auf Textilien dürfte sich die Situation etwas anders darstellen, Stichwort Auslaufware...

Christian Schneidermeier: Richtig. Aktuelle Ware werden auch wir ausschließlich zur UVP verkaufen. Auslaufware werden wir aber am Ende der Saison auch in einem Sale anbieten. Da Auslaufware aber für den Handel ein wichtiges Entwicklungs­instrument ist und unser Shop aus Markenpositionierungsgründen einen möglichst begrenzten Rotstiftcharakter haben soll, werden wir immer zunächst Absatzmöglichkeiten über den Fachhandel ausschöpfen wollen.

sportFACHHANDEL: Sie haben zwar erwähnt, dass der Onlineshop nicht als Profitcenter geführt werden soll, nichtsdestotrotz müssen sich die Investitionen in Ihre Onlineshops ja irgendwann auszahlen. Wann planen Sie, dass Ihre Onlineshops zumindest keine zusätzlichen Kosten mehr verursachen?

Christian Schneidermeier: Über unser ­Shopatron/ Kibo-System haben wir in den vergangenen Jahren schon Erfahrungen mit dem Onlineverkauf machen können und wissen, dass die Umsätze mit unter 1 Million Euro verhältnismäßig gering sind. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir zwei bis drei Jahre benötigen werden, um den Onlineshop kosten­deckend betreiben zu können.

Martin Riebel: Letztlich haben wir innerhalb der Schwan-Stabilo-Gruppe den Vorteil, dass wir für unseren Onlineauftritt alle die gleichen Plattformen nutzen können. Das bedeutet, die Unternehmen müssen nur einmal investieren. Das ergibt natürlich Synergieeffekte. Außerdem hören wir nicht plötzlich auf, unsere Fachhandelspartner online in den Fokus zu stellen! Den Commerce Connector, der seit über zwei Jahren erfolgreich funktioniert und Kunden von unserer Homepage in den Sportfachhandel leitet, wird es weiterhin geben. Jeder Kunde wird zukünftig einfach die Möglichkeit haben, über entsprechende Schaltflächen auszuwählen, wo er das Produkt kaufen möchten: Bei unseren 470 stationären und derzeit zwölf angeschlossenen Online-Handelspartnern, die über den Commerce Connector mit uns verbunden sind, oder direkt von Deuter.

sportFACHHANDEL: Gilt das auch für Ortovox?

Christian Schneidermeier: Wir haben eine ähnliche Herangehensweise. Allerdings nutzen wir nicht den Commerce Connector, sondern Outra, das die gleichen Vorteile bietet.

sportFACHHANDEL: Outra ist aber noch nicht allzu weit im Handel verbreitet...

Christian Schneidermeier: In Deutschland und Österreich schon. Natürlich kommt es jetzt darauf an, wie viele Händler über diese Funktion mit uns kooperieren werden.

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Über den Deuter-Außendienst und umfangreiches Handelsmarketing soll der Sportfachhandel auch weiterhin unterstützt werden
© Deuter

sportFACHHANDEL: Aus dem Handel war zur Orderrunde zu hören, dass Ihre Außendienstler fast bemitleidet wurden, weil Sie eine Entscheidung kommunizieren mussten, hinter der Sie nicht stehen. Wie sahen die Diskussionen innerhalb des Unternehmens aus?

Martin Riebel: Wir haben einen fantastischen Außendienst! Und natürlich kann der Außendienst mit der Entscheidung zunächst nicht einverstanden sein und wird immer ein gespaltenes Verhältnis zum Thema eigener Onlineshop haben. Ich sehe das aber insgesamt positiv. Denn so haben wir bereits in Gersthofen die Möglichkeit zwischen den Interessen nicht nur zu vermitteln, sondern stets Lösungen anzustreben, die für alle Beteiligten fair sind.

Christian Schneidermeier: Zum Glück ist der Außendienst immer auch ein Anwalt seiner Kunden, der Fachhändler. Dementsprechend hatten wir natürlich auch diese Diskussionen. Dadurch haben wir intern umso ausführlicher nicht nur das Thema Onlineshop beleuchtet, sondern ein ganzes Bündel von Maßnahmen, mit denen wir unsere Marke für die Zukunft aufstellen wollen.

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Ortovox will gemeinsam mit den Handelspartnern kreative Ideen umsetzen, um die Geschäfte noch attraktiver für Konsumenten zu machen.
© Ortovox

sportFACHHANDEL: Sie betonen immer wieder, dass Sie weiter auf den Sportfachhandel setzen und Ihren Partnern keine Kunden wegnehmen wollen. Das ist doch ein Widerspruch!

Martin Riebel: Nein. Das wäre dann ein Widerspruch, wenn wir jetzt plötzlich selbst zu unserem größten Händler werden würden. Das wollen wir aber nicht. Wir wollen lediglich an diejenigen Konsumenten verkaufen, die Produkte aktiv bei uns online erwerben wollen. Letztlich gilt: Die Menge macht‘s. Und hier wird die Zahl eher homöopathisch gering sein als wirklich für den Sportfachhandel ins Gewicht zu fallen.

sportFACHHANDEL: Der Rucksack-Markt ist in Bewegung. Wettbewerber, auch Ortovox, bauen ihre Marktanteile auf Kosten von Deuter aus. Hat Deuter in der Vergangenheit Fehler gemacht, oder woran liegt das?

Martin Riebel: Deuter hat in den vergangenen 20 Jahren einen hervorragenden Job gemacht. Wir haben uns immer wieder aktiv dafür entschieden, in unseren Nischen zu bleiben. Lange Zeit war der Rucksackmarkt sehr bedarfsgetrieben. Davon haben wir natürlich auch profitiert. Das hat sich nun aber verändert. Vom Outdoorsport her haben Rucksäcke längst die Städte erobert – Stichwort Athleisure. Für den Rucksackbereich heißt das, dass eine sehr große Zielgruppe neu hinzugekommen ist, für die Rucksäcke teils auch ein Accessoire und Lifestyle-Produkt sind. Man kann es natürlich als Fehler bezeichnen, dass wir weiterhin sehr stark auf den Performance-Bereich setzen. Die Gegenfrage müsste aber lauten, wie stark man eine Marke dehnen kann, ohne dass sie zu sehr verwässert. Wir haben uns entschieden, unsere DNA beizubehalten. Das erwarten unsere Kunden von uns.

sportFACHHANDEL: Dann ist dem Wachstum aber eine natürliche Grenze gesetzt...

Martin Riebel: Gerade in Deutschland, wo wir tatsächlich Marktanteile auf einem hohen Niveau behaupten, wissen wir seit langer Zeit, dass wir diese nicht beliebig steigern können. Deshalb setzen wir auf neue Segmente, wie beispielsweise unsere Reisegepäckserie, und auf Regionalität, indem wir international die für uns wichtigen Märkte erschließen.

sportFACHHANDEL: Nichtsdestotrotz sind die Marktanteile für Deuter unter Druck. 2018 war zudem für die gesamte Branche ein Horrorjahr. Ist der Onlineshop auch eine Antwort darauf?

Martin Riebel: Nein. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir sind Realisten. Wir wissen, dass wir mit den Umsätzen, die wir zukünftig online machen werden, Marktanteile, die wir verlieren könnten, in keiner Weise auffangen könnten. Wir können uns nur behaupten, wenn wir weiterhin auf die Partnerschaft mit dem Fachhandel setzen und alle Möglichkeiten ausloten, gemeinsam erfolgreich zu sein.

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sportFACHHANDEL: Würde es dann nicht mehr Sinn machen, neue Segmente, wie beispielsweise Travel, auszubauen?

Martin Riebel: Das tun wir doch! Unsere Travel-Serie ist erfolgreich angelaufen und wird im nächsten Jahr um Rollgepäck ergänzt.

sportFACHHANDEL: Wie haben sich eigentlich die Orders entwickelt nach der Ankündigung der eigenen Onlineshops?

Christian Schneidermeier: Wir haben keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Im Gegenteil: Wir verzeichnen weiterhin ein sehr schönes Wachstum.

Martin Riebel: Es gab schon den einen oder anderen Händler, der reagiert hat und ein Zeichen setzen wollte. Umso wichtiger ist es für uns, zu beweisen, dass unser Versprechen, dass der Fachhandel weiterhin der Mittelpunkt unserer Strategie ist, nicht nur eine leere Worthülse ist, sondern gelebt wird.

sportFACHHANDEL: Zum Abschluss noch drei plakativere Fragen: Deuter und Ortovox haben stets den Fachhandel hochgehalten, weil dieser die erklärungsbedürftigen Produkte beraten kann. Braucht es heute keine Beratung mehr?

Martin Riebel: Doch natürlich, heute mehr als je zuvor!

sportFACHHANDEL: Und wie wollen Sie Ihre Produkte online beraten?

Martin Riebel: Die erklärungsbedürftigen Produkte können nirgendwo besser beraten werden als im Fachhandel.

Christian Schneidermeier: Wir werden die Produkte so beraten wie es im guten Online-Fachhandel nötig ist: Über gute Produktbilder, Filme, Beschreibungen, Blogs, Tests und alle Möglichkeiten, die es hier in der Zukunft geben wird, um den Kunden zu informieren. Fakt ist, dass sich sehr viele Endverbraucher hauptsächlich im Netz über Produkte informieren.

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sportFACHHANDEL: Deuter und Ortovox haben stets den Fachhandel hochgehalten, weil dieser ein besonderes Einkaufserlebnis bieten kann. Tut er das heute nicht mehr?

Christian Schneidermeier: Natürlich gilt das nach wie vor. Das Einkaufserlebnis beginnt heute aber damit, wie sich eine Marke darstellt. Nur weil wir ein Onlinehändler von vielen werden, heißt das nicht, dass wir keinen Wert mehr auf das Einkaufserlebnis im Sportfachhandel legen! Unsere emotionalen Produkte müssen selbstverständlich auch emotional präsentiert und verkauft werden. Das gelingt am besten im stationären Fachhandel.

sportFACHHANDEL: Deuter und Ortovox haben stets den Fachhandel hochgehalten, weil dieser die Preise stabil gehalten hat. Braucht man heute keine stabilen Preise mehr?

Martin Riebel: Es war immer eine gemeinsame Anstrengung von Handel und Industrie, auskömmliche Preise zu erzielen. Auch das hat sich und wird sich nicht verändern.

Herr Riebel, Herr Schneidermeier, vielen Dank für das Gespräch.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL