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Ski, Boots & Co.: Innovativ

  • Andreas Mayer
  • Sonntag | 05. Februar 2017  |  10:00 Uhr
Jedes Jahr warten Beobachter sehnsüchtig darauf, dass die weltgrößte Sportartikelmesse endlich ihre Tore öffnet und die Hersteller das präsentieren, was das ganze Jahr über in den Werken und Laboren entwickelt wurde. Und in diesem Jahr gibt es insbesondere im Wintersportbereich auch Innovationen, die den Namen verdienen.

Text: Andreas Mayer

Darf’s ein Gramm weniger sein?“ Im Unterschied zum Wurstwarenverkäufer geht es bei den Skiherstellern in diesem Winter nach wie vor insbesondere darum, weniger auf die Waage zu bekommen. „Durch einen geschickten Einsatz bekannter und neuer Materialien dauert der Wettlauf der Hersteller rund um den leichtesten Ski pro Kategorie an“, erklärt Ralf Kühlkamp, Leiter des großen, jährlichen SkiMAGAZIN Skitests („Supertest“) und viele Jahre lang selbst Ski- und Sporthändler in Neuss. „Auf der anderen Seite kann sich zu wenig Gewicht auch auf die sportliche Performance auswirken, was auch unsere Tests in den vergangenen Jahren gezeigt haben. Ein sportlicher Ski braucht einfach ein gewisses Maß an Schwungmasse.“

Mit seinem „Kore“ erzählt auch Head in diesem Jahr die Geschichte von geringem Gewicht und bester Performance. Die Innovation bestehe nicht darin, Materialien zu ergänzen, sondern genau auszuwählen, welche unverzichtbar seien, so die US-Amerikaner. Auf Übergepäck verzichten und sich auf das Unverzichtbare zu konzentrieren – eben auf den Kern! Die neuen Modelle enthalten die wohl modernsten Technologien und Materialien, die derzeit zur Verfügung stehen: Carbon, Koroyd in Verbindung mit Graphene waren bislang schon im Einsatz. Nun werden sie mit einem Kern aus Karuba-Holz – das eine extrem geringe Dichte aufweist – verarbeitet. Das Ergebnis: ein Ski (ohne Platte und Bindung) von gerade mal 1.600 Gramm. Dazu hatten die Ingenieure eine weitere Idee: Auf die bekannte Skioberfläche aus Kunststoff zu verzichten und dafür ein geharztes Vlies zu verpressen.

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Geringes Gewicht und Performance: Der Kore von Head
© Head

Insgesamt beobachtet Thomas Wagner, Warenweltleiter Outdoor & Schnee bei Sport Schuster in München, aber auch noch eine weitere Entwicklung: „Interessant ist, dass die Hersteller wieder mehr Wert legen auf die Pistentauglichkeit ihrer Ski“, so der erfahrene Einkäufer. „Anscheinend hat man erkannt, dass sich Mitteleuropäer doch lieber auf den Pisten bewegen.“ Für die Sicherheit und den Speed auf präparierten Wegen gibt es für den Winter 2017/18 zwar keine Revolutionen, dafür aber eine Vielzahl durchaus brauchbarer Optimierungen, findet auch Wagner: „Es bewegt sich viel, aber es wird eher an kleineren Schrauben gedreht.“

Die große Ausnahme: Servotec von Atomic. „Das ist sicherlich das Highlight und die größte Innovation auf dieser Messe,“ kommentiert auch Wagner. Der Name der Weltcup Race-Technologie kommt tatsächlich vom Begriff „Servolenkung“, denn im Grunde ist es das: die Servolenkung für den Ski, die das Steuern erleichtert. Der Ski fährt sich im Schwung agiler und bei viel Speed stabiler. Servotec kommt in allen Top-Redster-Modellen zur Anwendung, inklusive dem Aushängeschild und Highlight-Ski Redster G9. So kommen nicht nur Weltcup-Athleten, sondern alle Skifahrer in den Genuss dieser außergewöhnlichen Technik. Für den Launch der Redster-Serie – zu der auch komplett neue Skischuhe gehören – ist Atomic eine Partnerschaft mit Audi eingegangen. Eine digitale Multi-Channel-Kampagne mit Marcel Hirscher in der Hauptrolle wird den fünffachen Gesamtweltcup-Seriensieger auf den neuen Redster-Ski und in seinem Audi RS6 zeigen – beide sind auf der Rennstrecke geboren und für die Piste bzw. Straße gebaut.

Von Autonamen inspiriert scheint auch der Pisten-Star aus der Mittersiller Skischmiede, der Blizzard Quattro RS. Mit einer Mittelbreite von 69 mm und der Full Camber Konstruktion ist der Ski wie gemacht für schnelles Umkanten beim hochsportlichen Skifahren. Die Full Suspension Technologie mit Carbon Booster sollen für weniger Vibrationen und unschlagbaren Kantengriff sorgen. Carbon-Einsätze verleihen dem Blizzard Quattro RS ein Höchstmaß an Stabilität und Rebound.

Elan hat zur Wintersaison 2017/18 seine Racelinie gänzlich überarbeitet. Inspiration fanden die Entwickler im Skicross – eine Sportart, die wie keine andere für Adrenalin und explosive, kraftvolle Manöver steht. Um maximale Energie und optimalen Kantenhalt gepaart mit absoluter Kontrolle zu erreichen, haben die Slowenen die neue Arrow Konstruktion ausgearbeitet, die auch bei sportlichen Hobbyracern voll ins Schwarze treffen soll. Die innovative Bauweise besteht aus einer vorgespannten Karbonplatte unter der Bindung, die zusammen mit den pfeilförmigen Titanverstärkungen von Tip bis Tail maximale Kraft auf die Piste bringt und den Ski extrem reaktionsfreudig macht. Die neuen Racecarver SLX und GSX garantieren somit ein besonders sportliches Fahrverhalten auf der Kante und agile Wechsel von einem Schwung in den nächsten, ohne dabei die Muskulatur eines Weltcupfahrers haben zu müssen. Dass Elan ein Herz für die Konsumenten hat, zeigt auch, ab dem kommenden Winter auch Hobbysportler in den Genuss der Nano Tech Lauffläche kommen, die bisher nur im Profirennsport Verwendung fand.

Auch die neueste Entwicklung aus dem Hause Völkl soll für mehr Kantengriff, Stabilität und dynamische Fahreigenschaften sorgen. „3D.Glass“ wurde in den neuen Allmountain Top-Modellen RTM (86, 84, 81, 81E), im Flair 81E, in den Freeride Ski 100EIGHT und 90EIGHT sowie deren Damenmodellen verbaut. Die Neuerung: Die Glasfaserlagen zwischen Laufsohle und Holzkern verlaufen nicht mehr nur rein horizontal, sondern werden hinter der Seitenwange vertikal an dieser entlang nach oben und dort um die Seitenwange herum bis ganz nach außen geführt. Das soll mehr Agilität und Lebendigkeit bei kleinen Radien und kraftvolleren Kantengriff auf harter Unterlage bieten und in der Summe dem Ski eine deutlich größere sportliche Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit geben.

Die Ski Highlights von K2 für 17/18 sind die komplett überarbeitete Konic Serie mit den Topmodellen K2 iKonic 84Ti und K2 iKonic 80Ti. Außerdem hat K2 ab 17/18 vier Skischuh-Modelle mit der Heiztechnologie von Thermic ausgestattet: Spyne 120 Heat (für Herren), B.F.C. 100 Heat (für Herren), Spyre 100 Heat (für Damen) sowie B.F.C. 90 Heat (für Damen).

Ansonsten steht laut Kühlkamp auch beim Thema Skischuhe das Gewicht im Fokus. „Dazu der Komfort, der durch neue Technologien ganz wesentlich steigt. Als Top-Innovation ist vor allem die neue Einspritztechnik von Lange zu nennen.“

Sei eins mit Deinem Schuh! Zwei neue Lange-Technologien sollen für Skischuhe bisher ungekannten Komfort und Leistung schaffen: Die „Dual Core“-Technologie ermöglicht, dass Materialien mit unterschiedlicher Härte an drei Einspritzpunkten der Schale und zwei Einspritzpunkten des Schafts in die gleiche Form gespritzt werden. Die Folge: Eine punktgenaue, strategische Anpassung des Flex und des rückwärtigen Halts. Der Skischuh zeigt sich an bestimmten Stellen flexibler, an anderen steifer. Hierauf abgestimmt ist die „Dual 3D Liner“-Technologie: Bei 80 Grad Celsius lässt sich der Innenschuh in nur acht Minuten vollumfänglich anpassen. Zum Einsatz kommen die neuen Bauweisen in der Race-Linie RS sowie in der All Mountain-Linie RX.

Der neue „Sportmachine“ von Nordica bietet ebenfalls viel Komfort (102 mm Leisten), Performance, ein leichtes Gewicht sowie die individuelle Infrared-Anpassung, welche das vielfach preisgekrönte Modell „Speedmachine“ so groß gemacht haben. Dazu den zusätzlichen Vorteil einer größeren Weite, wo sie benötigt wird: im Vorfußbereich und an der Wade.

Mit einer überaus bequeme Leistenbreite von 104 Millimeter sorgt Rossignol mit seinem neuen All Mountain – Freeride Skischuhlinie „Track“ rundum Wohlfühl-Feeling. Dennoch überzeugt der Schuh mit der gewohnten Rossignol-Qualität. Das Aushängeschild der Linie, der Track 130 in knalligem Orange, ist der neue Premium-Skischuh der Franzosen für eine breite Öffentlichkeit.

Der Highlight-Tourenboot aus dem Hause Tecnica überzeugt mit 44-Grad-Bewegungswinkel und vier Schnallen. Mit dem bekannten „Custom Adaptive Shape“ bietet der Tecnica Zero G Guide Pro zusätzlich eine Vielzahl effektiver Fitting-Optionen. Die integrierten Low-Tech-Inserts machen ihn sofort startklar für jede Pinbindung. Mit einem Flex von 130 punktet er sowohl beim Aufstieg als auch bei steilen Abfahrten mit Halt und Stabilität. Dank des Lift-Lock-Systems verharren die Schnallen nach dem Öffnen in einem 45-Grad-Winkel, für ein leichteres An- und Ausziehen.

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Die Sohle der Zukunft? GripWalk aus dem Hause Völkl
© Völkl

Geht es nach den Tüftlern im Hause Völkl, wird „GripWalk“ die Sohle der Zukunft für alle Skifahrer – ob Pistenjunkies oder Freerider. Bereits bei der ISPO 2016 wurde GripWalk mit dem „ISPO Gold Award“ ausgezeichnet. War das System in der ersten Saison bereits insbesondere im Skiverleih erhältlich, kommt es ab der Saison 17/18 auch für den Endkonsumenten in den Fachhandel. Die neue profilierte Gummi-Sohle sorgt für Grip = Haftung. Zudem ermöglicht der abgerundete Rocker-Shape der Sohle entspanntes ergonomisches Gehen. Spezielle GripWalk Bindungen machen das System komplett. Doch auch Kunden, die Ski und Schuh nicht gleich im Paket anschaffen wollen, können bereits jetzt vorausschauend investieren: Denn ein neuer Ski mit GripWalk-Bindung ist auch mit einer herkömmlichen Alpinsohle (ISO 5355) kompatibel. Wer dagegen einen neuen Schuh kauft, findet zahlreiche Schuhe mit GripWalk Option, die das Nachrüsten einer GripWalk-Sohle ermöglichen. Einige Hersteller, darunter Dalbello, bieten bereits vormontierte GripWalk Schuhe für 2017/18 an. Bei weiteren Skischuhpartnern erhält der Kunde GripWalk Wechselsohlen als zusätzliche Option.

„Wenn man damit in jede Bindung käme, würde sich das vielleicht durchsetzen,“ erklärt Thomas Wagner. „Wenn aber jeder sein eigenes Süppchen kocht, kommt es schnell zu Problemen. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Kunde einen Schuh kauft, sich aber vor Ort Ski leihen will?“ Dennoch findet auch Wagner: „Zum Gehen ist das gut, auch zum Beispiel für Skilehrer, wenn sie mal aus der Bindung raus müssen und viel stehen.“

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Der POC Skull Orbic Comp mit SPIN Pads, hier im neuen „American Downhiller“-Design
© POC

Im Helmbereich kommt die Top-Innovation in diesem Winter aus Schweden. Um bei Stürzen auch die Linear- und Rotationskräfte, die auf das Gehirn wirken, zu vermindern, hat POC in Zusammenarbeit mit Ärzten und Wissenschaftlern kleine Pads entwickelt, die sich bei Energieeinwirkung mitbewegen und jeder Kopfform anpassen. Die „SPIN Pads“ wirken auf den ersten Blick wie herkömmliche Polster, sind innen aber unter anderem mit flüssigem Silikon gefüllt. Anwendung findet das neue System in drei alpinen Rennhelmen, dem Freeride-Helm Auric Cut Backcountry SPIN sowie in dessen Kinderversion POCito Auric Cut SPIN.

Und auch im Rucksack-Bereich hat die ISPO Innovationen parat: Viele Wintersportler schwören zwar schon lange auf den „Rise“ – das war den Entwicklern bei Deuter aber nicht genug, so dass diese den Klassiker nun rundum erneuert haben. Mit einer verstärkten Halterung vorne und weiteren, verstellbaren Riemen und Haken können sämtliche Wintersportgeräte inklusive Pickel und Stöcke individuell befestigt werden: klassisch, seitlich, vorne, gerade oder diagonal. Und werden die Befestigungsmöglichkeiten nicht gebraucht, verschwinden sie in Garagen!

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2017