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Handel und Industrie sind gewappnet: Der Winter kann kommen

  • Andreas Mayer
  • Dienstag | 02. Dezember 2014  |  08:37 Uhr
Der erste Pulverschnee lockte bereits im November die ersten Wintersportler in die Berge. Die gute Stimmung in Österreich und in der Schweiz erreicht auch das deutsche Voralpenland. Und noch halten die Preise für Ski und Snowboards, wie ein Schnellüberblick von sportFACHHANDEL zeigt.
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© Foto: Mirja Geh

Text: Nicolas Kellner

Am zuversichtlichsten zeigen sich Händler in der Schweiz. Ihre Begeisterung zur bevorstehenden Wintersaison könnte ansteckend sein. Kein Wunder, wurde doch beispielsweise in der Ski-Arena Andermatt-Sedrun am Gemsstock die Wintersaison rekordverdächtig früh eingeläutet. Bei gut 140 Zentimetern Neuschnee Anfang November herrschten bereits gute Bedingungen. Schweizer Stationshändler in den Skigebieten können den Winterstart kaum erwarten. Volle Lager (Ski, Snowboards, Bekleidung) und die neuesten Leihski vor der Tür meldet etwa Boom Sport in St.Moritz. Denn das Vermietungsbusiness im Winter wird auch dort immer bedeutender: Die komplette Wintersportausrüstung kann ab einem halben Tag bis zu einer Woche ausgeliehen werden. Viele Stammkunden reservieren sich ihre Ski bereits vorab.

Auch für Martin Julen (Julen Sport) aus Zermatt ist das Verleihbusiness mittlerweile überlebenswichtig: „Wenn wir uns nur auf den Skiverkauf verlassen würden, könnten wir bald dicht machen“, sagt der Schweizer Sporthändler. Julen ist zuversichtlich, was den Saisonverlauf und die Verkäufe angeht. Es gab auch keine Zurückhaltung: „Wir haben im Rahmen des Vorjahres geordert.“ Bei der Bekleidung müsse man eh up-to-date sein und neue modische Textilien anbieten. Funktion ist ein Muss. Bei der Hartware macht sich der Händler keine Sorgen. „Unsere Südhänge werden hauptsächlich künstlich beschneit, da ist der Schnee also kein Problem.“ Was Julen eher sorgen könnte, ist der Temperaturverlauf. In der letzten Wintersaison war es viel zu lange sehr warm, die dickeren Klamotten blieben hängen. Also wurde zumindest im Textilbereich „reduziert eingekauft“. Man sei jedoch insgesamt nicht so textillastig, erklärt Julen, das Hauptgeschäft laufe doch über die Hartware und davon ein großer Teil in der Vermietung. Der verheißungsvolle Start in die Wintersaison geht bei Julen traditionellerweise mit einem Testwochenende los.

Ein eigenes Testcenter auf dem Berg unterhält auch Angerer Sport in Davos, die Eröffnung der Wintersaison erfolgte am zweiten Novemberwochenende. „Der Kunde entscheidet am Berg“, sagt Hanspeter Angerer, „wenn Schnee kommt, wird es eine Supersaison“. Und danach sieht es aus. Internationale und Schweizer Wetterdienste gehen, sofern es die Voraussage erlaubt, von heftigem Schnee in den Alpen sowie in Osteuropa aus. Die Händlerfamilie Angerer ist gewappnet: „Wir verkaufen gut“, meint der Graubündener Händler, „aber es geht auch nicht mehr ohne Miete“. Der Verkauf von Hartware ist in der Regel hochpreisig, und dabei fokussiert sich der Händler auf bestimmte Marken, die nicht in jedem Kaufhaus zu finden seien. „Wir betreiben viel Aufwand“, meint Angerer, doch jedes Geschäft mache das anders. In Sachen Textil steigt der Händler auch in diesem Jahr wieder groß ein. Das Thema sei „extrem wichtig“ für ihn, der Umsatzanteil ist recht hoch, verrät der Schweizer Kollege. Und auch im Unterland herrscht schon gute Winterstimmung. Bei Och Sport an der Züricher Bahnhofstraße sind die Weichen für den Winter gestellt, der Verkauf läuft gut an, bestätigt eine Verkäuferin in dem Traditionssporthaus.

Tapfer und mit 50 Prozent Rabatt auf Skiservice rüsten sich auch österreichische Sporthändler für den Winter. Das Verleihgeschäft ist hier ebenfalls stark, verdrängt ortsweise schon die Verkäufe von Winterhartware und lockt in Österreich, wie auch in der Schweiz, vor allem Skitouristen aus dem Norden an. In einem seit 2012 stagnierendem Gesamtmarkt (2011 sogar mit Minus 1,5 Prozent) geben sich auch die österreichischen Markteilnehmer also optimistisch für den Winter. Allen voran Filialist Hervis, der hofft, seinen Umsatz 2014 auf Vorjahresniveau (424 Mio. Euro) zumindest halten, wenn nicht sogar leicht steigern zu können. Gekämpft wird mit harten Bandagen: Hervis will zum Saisonstart Kunden mit 50 Prozent Rabatt auf jeden Ski- und Snowboardservice in die Filialen locken. Im Vorarlberg gibt es diesen Hartwaren-Service von Hervis sogar kostenlos.

Massive Veränderungen in der Handelsstruktur sorgen am österreichischen Markt für Unruhe. Seit der Übernahme von Sport Eybl durch den preisaggressiven Briten Sports Direct ist es eher unwahrscheinlich, dass das hochwertige und beratungsintensive Skisegment weiter über den ehemaligen Marktführer vertrieben werden kann. Unternehmen wie Rossignol und Head haben die Lieferung schon eingestellt, als das Unternehmen noch unter Eybl-Flagge lief – auch wenn sich das Maß des Verzichts auf eine beachtliche Größenkategorie belief. Brands, die Eybl bis zuletzt beliefert haben, verhalten sich abwartend und hoffen, dass das zuletzt bekannt gewordene Rebranding zu Eybl auch ein Zurück zu hochwertigem Sortiment und Beratung ist. In jedem Fall reißt das kurzfristige Verschwinden von Eybl eine Lücke. Betroffen sind vor allem die urbanen Lagen in der Region Ostösterreich.

Dennoch gehen die Prognosen des österreichischen Sprechers der Skiindustrie Franz Föttinger von Steigerungen gegenüber dem Winter 2013/14 aus (siehe Tabelle). Und die Mengen bei Skischuhen liegen noch über jenen bei Skiern. Der erwartete Absatz für 2014/15 liegt bei 400.000. Dominant in den Kategorien ist nach wie vor der All Mountain Bereich inklusive Rennsegment. Marktteilnehmer schätzen den Freeride-Sektor auf 15.000 Paar (5 – 7 Prozent) und den Tourenski-Sektor auf 40.000 Paar (11 Prozent).

Jetzt sorgenfrei die Wintersport-Saison genießen, verspricht auch Sport Keppeler aus Deggendorf. Der ostbayerische Intersport-Händler strahlt nach ganz Bayern und bis nach Österreich aus und verspricht sich vor allem mit „dem passenden Skischuh“ neue Klientel für die Piste. Darüber hinaus stehen zum Saisonstart spezielle Kindersets für den Wintersportnachwuchs im Mittelpunkt. Besonderer Clou: Jetzt kaufen und im nächsten Jahr umtauschen können. Sport Conrad aus Penzberg, Platzhirsch südlich von München, setzt zu Beginn der Saison auf das Thema Freeride- und Tourenski: Aktuell im Programm bewirbt der Händler die neuesten Modelle von Atomic über Fischer und K2 bis Völkl. Inhaber und Grandseigneur der Branche Hans Conrad freut sich schon auf den Winter und die anstehenden Verkäufe. Immerhin wurde im letzten Jahr erst ein neues Logistikcenter für rund drei Mio. Euro gebaut, in dem Conrad bis zu 160.000 Pakete mit Sportartikeln aus dem gesamten Berg- und Wintersportbereich, davon knapp 23.000 Pakete mit Ski, jährlich verschicken will.

Bootfitting und Skitouren sind die Schwerpunktthemen in dieser Saison. Anbieter von Fellen haben Hochkonjunktur. Bei Karstadt Sport in München waren vor allem Langlaufmodelle und Tourenski früh aufgebaut. Die Nachfrage ziehe an, freut sich ein Verkäufer bereits Mitte November. Vor allem die Beratung mit Skifellen für Tourengeher mache Spaß, erklärt der Sportverkäufer. Freeride und Freeski sind Umsatzbringer auch für Sebastian Steinbach (Blacksheepsports). Der Münchner Winterspezialist hat sich für diese Saison eigens noch im Bootfitting-Bereich schulen lassen. „Das ist ein unheimlicher Mehrwert für den Kunden“, weiß der Skiexperte. Steinbach bietet außerdem Brettmarken an, die er teilweise selber aus den USA importiert. Das spricht sich herum, offline wie online, und lässt den Händler optimistisch in den Winter blicken. Künftig will der Spezialist sein Skiangebot das ganze Jahr über durchlaufen lassen.

Sogar bei Globetrotter in München kommt Winterstimmung auf. Auf die Themen Langlauf ist man vorbereitet, die ersten Kunden kommen. Zum Wintergeschäft gehört aber auch eine große Auswahl von Schlitten. Der Outdoorhändler zeigt bereits eine eindrucksvolle Kollektion am Wasserbecken, wo sonst die Kajaks und Kanus liegen. Ganz druckfrisch präsentiert dazu der Hamburger Versender sein 68-seitiges interhandbuch. „Vor allem Sets gehen schon ganz gut raus“, meint ein junger Verkäufer bei Globetrotter in München. Richtig los gehe es aber erst, wenn kniehoch Schnee liegt, das sei in den Köpfen der Kunden nun einmal so drin. Zumindest für Sölden, wo der junge Verkäufer herkommt, war das für Mitte November schon angesagt.

Auf zwei Gruppen von Wintersportkunden stellt sich der Handel also ein: Spezialisten und Freaks einerseits, die auf den Gletschern sind, jeden Zentimeter Schnee suchen und durchaus auch als potenzielle Käufer das ganz Jahr über in Frage kommen. Solche Kunden sprechen insbesondere Händler und Experten mit einem ausgesuchten Angebot an wie der Münchner Sebastian Steinbach. Andere Händler wie Globetrotter oder zum Beispiel auch Sporthaus Kaps (Solms-Oberbiel und Wetzlar) setzen in diesem Winter auf Komplettangebote vorrangig im Tourenbereich: Dazu gehören Mütze, Skibrille, Jacke und Handschuhe sowie ein leichter Rucksack. Darauf wurde im neuen Winterkatalog 2014/2015 von Kaps hingearbeitet. Nicht alles muss online passieren, das klassische Katalogbusiness hat nach wie vor seine Berechtigung, weiß Juniorchefin Anke Kaps. Auch damit werden Kunden in die Filialen geholt. Die Zielgruppe Snowboarder bleibt im Winter 2014/2015 im Visier, auch wenn hier in den letzten Jahren teilweise dramatische Einbrüche zu verzeichnen waren. Spezialisten wie Planet Sports und Blue Tomato haben ihr Sortiment trotzdem aufgestockt. Dazu gesellt sich noch modische Snowwear. Jedoch wissen diese Händler, dass zum Schnee vor allem auch Kälte gehört, um Bekleidung gut zu verkaufen.

Trotz fast schneefreiem Winter im letzten Jahr, zumindest in Deutschland und im tiefer gelegenen alpenländischen Raum, verkaufte die Skiindustrie weltweit gesehen nicht so schlecht. Asien, Nordamerika und Skandinavien bleiben lukrative Märkte. Auf gut drei Millionen Paar verkaufte Ski hat sich der weltweite Markt derzeit eingependelt. Völkl-Boß Christoph Bronder hofft, dass sich diese Zahl stabilisiert oder sogar leicht angehoben werden kann. Stärkster Skimarkt würde der in den USA bleiben, mit rund 600.000 Paar verkauften Ski immerhin gut doppelt so groß wieder der in Deutschland. Nach Marktanteilen liege man in den USA hinter der Schwestermarke K2 auf Rang zwei. Bei Trendthemen wie Freeride und Freeski sind höchste Fertigungsqualitäten gefordert. Völkl holte in diesem Jahr Teile seiner Produktion ins Werk nach Straubing zurück. Geplant ist auch, bald Skischuhe anzubieten. Wie erwähnt: Der Bootfitting-Markt boomt, das weiß auch Bronder, und das hilft auch dem Handel, der sich den Kunden gegenüber profilieren kann. Zuletzt überholte der Skischuhmarkt mit weltweit rund 3,4 Millionen Paar verkauften Schuhen den Skimarkt. Die Jahre zuvor hatten sich Handel und Industrie an einen Gleichklang der Märkte für Ski und Schuh gewöhnt. Im Bereich Snowboard setzt der Völkl-Manager auf ein Wiedererstarken. Nach wie vor hoch im Kurs lägen die Boards der Schwestermarken K2 und Ride. Branchenleader bleibt Burton, aber der Nachwuchs sucht auch Alternativen. Bei Völkl in Straubing jedenfalls ist man sicher, mit eigenen Snowboards nicht nur auf den Heimvorteil setzen zu können, sondern auch den richtigen Geschmack getroffen zu haben.

Auf den Heimvorteil will auch der neue Stöckli-Chef Marc Glaser weiter setzen. Die Produktion in der Schweiz von Ski und Bikes (MTB/E-Bikes) soll ausgebaut werden, kündigt der Nachfolger von Beni Stöckli im Headquarter in Wolhusen an. In der Schweiz vertreibt der Anbieter in 15 eigenen Geschäften sowie über den Sportfachhandel. Weltweit kooperiert Stöckli mit 42 Handelspartnern in 37 Ländern.

Wintersport „made in swiss“ scheint anzukommen: 40 Prozent der jährlichen Ski-Produktion von Stöckli würden exportiert, erklärt der neue CEO.

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 21 / 2014