• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Führungswechsel bei Head: Wintersport wird immer eine Zukunft haben!

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 01. Juni 2016  |  10:29 Uhr
Zum 1. Juni 2016 übergibt Rainer Schramm die Geschäftsführung von Head Deutschland / Österreich an Lucio Zallot (Head Schweiz). Im Doppelinterview diskutieren die beiden, was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat und wie die Zukunft in Industrie und Handel aussehen könnte.
neuer_name
Rainer Schramm

Interview: Andreas Mayer

sportFACHHANDEL: Rainer Schramm, sind Sie froh, nach all den Jahren aufhören zu können? Schließlich hat der Wintersport doch eh keine Zukunft mehr ...

Rainer Schramm: Das sehe ich natürlich ganz anders! Der Wintersport wird immer eine Zukunft haben! Wer draußen unterwegs ist, dem fällt eher auf, dass die Lust auf Skifahren ungebrochen ist. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, dass Skifahren noch attraktiver geworden ist und ich sehe mehr Chancen als Risiken.

Nämlich?

Rainer Schramm: Ich glaube, die Wintersportler haben sich auf Winter mit wenig Schnee und auf die Situation eingestellt. Sie erwarten eine entsprechende Infrastruktur, die ihnen ihren Sport ermöglicht. Zugegebenermaßen entstehen dadurch Kosten, die vielleicht den einen oder anderen abhalten. Aber all jene die wirklich Ski affin sind, die wirklich voll hinter dem Skisport stehen, werden dabei bleiben und die Pisten bevölkern. Diese Sportler sind auch bereit, für ihre Ausrüstung mehr Geld auszugeben.

Dieser Trend hat sich ja auch schon in ihren jüngsten Betriebsergebnissen widergespiegelt. Höherwertige Produkte werden verstärkt nachgefragt.

Rainer Schramm: Diese Entwicklung hat sich aus meiner Sicht in den letzten Jahren verstärkt. Auf den Pisten sind immer mehr hochwertige Produkte – wie unsere Supershape Serie – ab einem Preispunkt von 449 bis 499 Euro oder noch höher zu sehen. Dagegen gehen die Einsteigemodelle und Mittelpreislagen zurück. Unser Konzept, das wir nun schon seit einigen Jahren verfolgen, dem Konsumenten pistenorientierte Ski in allen Schattierungen zur Verfügung zu stellen, ist aufgegangen.

neuer_name
Lucio Zallot

Lucio Zallot, bleibt es denn bei dieser Strategie, wenn Sie das Zepter übernehmen?

Lucio Zallot: Ja, absolut! Der Erfolg gibt uns Recht: Die Markenwahrnehmung ist enorm gestiegen in den letzten Jahren. Das ist wichtig: Wenn der Markt schrumpft, muss eine Marke so stark sein, dass sie weiterhin gefragt ist. Im Markt herrscht Verdrängungswettbewerb, aber wie Rainer schon sagte, gibt es deutliche Anzeichen, dass er sich qualitativ verbessert.

Rainer Schramm: Wir haben das sicherlich richtig gemacht: Unsere Stärken, die wir schon immer gehabt haben, noch mehr zu betonen und dabei unsere Produktpalette auf bis zu 70 Prozent darauf auszurichten, was der Endverbraucher heutzutage verlangt.

Und die anderen 30 Prozent? Verzichten Sie freiwillig auf Umsätze zum Beispiel mit Freeski oder Tourenski?

Rainer Schramm: Nein, wir haben hier auch gute Produkte. Aber ich glaube, dass eine Marke wie Head einen gewissen Markenkern hat. Wer erfolgreich sein will, der muss natürlich auch ein gewisses Potenzial haben. Wer den Fokus zum Beispiel auf Park & Pipe Ski legt, ein Bereich, der nur einen Marktanteil von zwei Prozent hat, muss sich darüber im Klaren sein, dass das Potenzial ebenfalls nur zwei Prozent groß ist. Wir können natürlich nicht an solchen Trends vorbeigehen, weil man hiermit ja auch junge Leute erreicht. Aber stärken müssen wir unseren Markenkern, also die eindeutig pistenorientierten Ski vom Einstiegsbereich bis zum rennsportorientierten Fahrer. Da liegen unsere Stärken – ohne dass wir deswegen andere Bereiche vernachlässigen oder auf Umsatz verzichten.

Verwässert eine Mulitsportmarke wie Head nicht den Markenkern im Skibereich?

Lucio Zallot: Ich würde gar nicht von Mulitsport reden. Wir haben uns auf Ski, Snowboard und Tennis konzentriert. Das sind die Kernprodukte. Wir haben uns nicht dazu verleiten lassen, in neue Segmente wie zum Beispiel Outdoor zu expandieren, in denen man keine Kompetenz hat. Was unter Umständen dazu führen kann, in jenen Bereichen in denen die Kompetenz vorhanden ist, zu verlieren, weil zu viel Energie in neue Produkte gesetzt wurde. Das ist vielen Firmen passiert, aber uns nicht ...

Rainer Schramm: Natürlich schauen wir uns auch andere Produktbereiche an. Wir haben zum Beispiel Helme und Brillen mit ins Programm genommen. Wir wollen, dass unser Konsument von oben bis unten mit Head ausgestattet ist und zwar auf dem gleichen Qualitätslevel, den er sich von der Marke Head erwartet. Für einen Top-Skifahrer müssen das von oben bis unten Top-Produkte sein ...

Selektieren Sie auch im Handel?

Rainer Schramm: Wir fühlen uns sehr an den Sportfachhandel gebunden, das ist historisch bedingt. Wir schauen so akribisch wie möglich auf unsere Distribution, damit sie aus unserer Sicht der Dinge so gut wie möglich den Markt abdeckt.

Lucio Zallot: Der Konsument entscheidet ja mittlerweile, wo, wie und wann er kauft. Da hat sich extrem viel getan. Im Skisport sind wir m Vergleich zu anderen Marken sogar noch eher konservativ. Die übernehmen heute Aufgaben, die bisher der Handel bisher übernommen hat und dringen immer mehr in diesen Bereich ein. Die Konsumenten sind selbstbewusster geworden und sind auch nicht mehr so loyal gegenüber Sporthändlern. Sie sind fast loyaler gegenüber einer Marke. Früher galten 15 Jahre als eine Generation, heute redet man von vier Jahren. Es gibt bald Distributionswege, da kennen wir den Namen noch nicht mal. Die Situation ist schon ganz schön fordernd ...

Das heißt, man wird sich auf eine weitere Veränderung im Markt einstellen müssen?

Lucio Zallot: Ich glaube ganz, ganz fest an den Sportfachhandel. Weil er das Wissen und das Know-how hat! Er kann sehr, sehr viel beeinflussen, aber er muss nach vorne denken.

Rainer Schramm: Im Racket Sport zum Beispiel haben sich in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen ergeben. Es ist ein andauernder Anpassungsprozess in dem immer wieder Distributionsformen an ihre Grenzen stoßen. Das muss nicht bedeuten, dass der traditionelle Sportfachhandel immer gewinnt, denn es haben sich andere Spezialisten entwickelt, die in diesem Geschäft wieder verstärkt Erfolgschancen sehen. Und das ist genau das, was wir immer im Blick haben müssen: Wie ist der Markt? Was hat für uns und unsere Partner welche Vorteile? Für uns ist es sehr wichtig, geeignete Partner zu haben. Das kann auch mal ein Händler sein, der nicht zum traditionellen Sportfachhandel zählt. Aber er muss ein wirklich zuverlässiger Partner sein. Bei einem Partner, der den Markt negativ beeinflusst, sind wir vorsichtig. Wir sehen ja auch, dass im Markt eine zunehmende Vertikalisierung stattfindet. Man muss sich dann eben neu aufstellen. Trotzdem sehen wir unsere Aufgabe weiterhin vor allem darin, neue, interessante Produkte herzustellen und als Absatzmittler Partner zu suchen.

Sie verantworten bald die Geschäfte von Head Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gibt das auch dem Handel gegenüber zusätzlich Stärke?

Lucio Zallot: Es bleibt bei zwei Organisationseinheiten, die eine Deutschland und Österreich, die andere die Schweiz, nicht zuletzt, weil die Schweiz einfach ein zu spezielles Land ist. Wir haben immer noch eine Grenze, wir haben den Schweizer Franken, wir haben vier verschiedene Sprachen, ein Drittel unserer Kunden spricht zum Beispiel französisch, so dass wir auch weiterhin diesen Unterschied machen müssen...

Rainer Schramm: Aber wenn Sie zum Beispiel verfolgen, wie sich die Handelslandschaft verändert: Die Intersport verhandelt in einem 6-Länder-Verbund, im Racket-Sport-Bereich haben wir Mail-Order-Dealer, die in ganz Europa tätig sind – da kann man nicht mehr mit nationalen Organisationen antworten. Wir verfolgen genau, wie sich der Markt verändert, welche Anforderungen auf uns zukommen. Und wenn wir auf Veränderungen reagieren, dann so, dass das nicht nur für zwei Jahre gilt, sondern wir entwickeln ein Konzept, das auf Zeiträume von 10 bis15 Jahren ausgelegt ist.

Und wenn es dann gar keine Skifahrer mehr gibt? Wie können wir wieder ausreichend Nachwuchs in die Berge holen?

Rainer Schramm: Da wird schon eine Menge getan. Auf Symposien kommen regelmäßig die Verbände, die Industrie, der Tourismus zusammen, um unser Produkt wieder attraktiv für die junge Zielgruppe zu machen. Eins ist dabei klar: Wir müssen uns besser darstellen, wir müssen zeigen, wie schön unser Bereich ist, was damit verbunden ist: Die Natur, draußen sein, Sport, Bewegung, Gesundheit – das ist attraktiv! Das müssen wir rausstellen! Das haben wir vielleicht ein wenig vernachlässigt in den letzten Jahren. Aber da gibt es inzwischen gute Vorschläge und Initiativen, bei denen auch etwas hinter steckt.

Rainer Schramm, wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft! Und Ihnen, Lucio Zallot, viel Erfolg!

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

Weitere Artikel …

… mit den in diesem Artikel genannten Firmen und Personen liegen derzeit nicht vor.

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 06 / 2016