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"Es ist frustrierend"

  • Freitag | 22. Mai 2020  |  08:37 Uhr
Das Corona-Kontaktverbot trifft den Teamsport besonders hart. Und ohne Vereinsleben kein Teamsport-Business. Vereine, Händler und Lieferanten stehen vor einer nie dagewesenen Bewährungsprobe. Es braucht gemeinsame Anstrengungen, fordert Jako-Vorstand Rudi Sprügel im Gespräch mit sportFACHHANDEL.
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sportFACHHANDEL: Herr Sprügel, manche Teamsport-Händler berichten von Umsatzeinbrüchen von bis zu 90 Prozent. Und auch die Lieferanten, die allesamt auf das Streckengeschäft angewiesen sind, machen nur noch einen Bruchteil der Umsätze. Wie sehen Sie die Situation?

Rudi Sprügel: Es ist frustrierend. Solange das Vereinsleben aufgrund der Kontaktverbote und der Schließung der Sportstätten ruht, gibt es quasi keine Nachfrage für Teamsportausrüstung. Die Situation wird sich für unsere Händler und damit für uns erst dann nachhaltig bessern, wenn der Mannschaftssport wieder zugelassen wird.

Wie kommt Jako durch die Krise?

Wir sind ein wirtschaftlich gesundes Familienunternehmen und haben in den vergangenen Jahren gut und nachhaltig gewirtschaftet. Deshalb sind wir momentan nicht existenziell bedroht. Dennoch ist unser Umsatz im Fachhandel mit Beginn der Ladenschließungen um 70 Prozent eingebrochen, und die Kosten laufen natürlich weiter. Nur unsere Onlinekunden haben während dieser Wochen noch Umsätze gemacht. Mit der Wiederöffnung des Einzelhandels ist uns nun nur bedingt geholfen. Entscheidend ist und bleibt, dass das Vereinsleben wieder aufgenommen wird.

Werden Sie auf staatliche Hilfen zurückgreifen?

Bei Jako wird es in diesem Jahr keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Das haben wir unseren Mitarbeitern zu Beginn der Krise versichert und dazu stehen wir. Um das zu schaffen, nutzen wir das Instrument Kurzarbeit. Wir planen darüber hinaus aktuell nicht, auf weitere Hilfen zuzugreifen.

Jako hat sehr frühzeitig aktiv die Handelspartner unterstützt. Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Zunächst einmal haben wir Valuten und Zahlungsziele vereinbart. Das war für viele unserer Partner im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig. Wir haben die Vororder verschoben oder bedarfsorientiert angepasst. Weil viele Händler Kredite benötigen, haben wir Informationen zur Beantragung eines KfW-Schnellkredits für den Handel aufbereitet und unterstützen unsere Partner, wenn nötig, bei der Vorbereitung. Als die Läden geschlossen waren, haben wir mit unserem Vertriebsteam den Markt analysiert und mit unseren Händlern Strategien zur gemeinsamen Vereinsakquise nach der Krise entwickelt. Darüber hinaus hatten wir die Zeit, um in Sachen Digitalisierung deutlich voranzukommen: Mittlerweile haben wir mit unseren Händlern mehr als 2.000 neue Online-Vereinsshops für deren Kunden installiert.

Nur Optimisten gehen davon aus, dass zur kommenden Saison wieder Normalität herrscht. Welche Rückmeldung haben Sie von Amateurvereinen?

Generell gehören wir zu diesen Optimisten. Aber es ist sicher eine große Unsicherheit zu spüren. Auch hier fehlt es an einem klaren Fahrplan, an einer Perspektive. Weder die Bundesverbände noch die Landesorganisationen haben es bis heute geschafft, klare Lösungen zu entwickeln. Im Gespräch mit den Funktionären ist auch die Sorge zu spüren, etwas falsch zu machen.

Bei vielen Teamsport-Händlern ist das finanzielle Polster äußerst gering. Werden wir ein Händlersterben erleben?

Sicher wird es für einige Partner, die schon vor der Krise Probleme hatten, noch schwieriger. Ich hoffe aber, dass für die meisten Hilfen dargestellt werden können: Die Mittel dazu scheinen vorhanden zu sein. Wichtig ist, dass sich unsere Händler frühzeitig und schnell um diese Unterstützung kümmern, um bei der Vergabe der Töpfe parat zu sein. Für uns selbst ist und bleibt der absolut entscheidende Faktor die Wiederaufnahme des Sports in den Vereinen. Aus diesem Grund kann ich auch nur an alle Händler appellieren: Sucht das Gespräch mit den Vereinen, den Verbänden und der Politik in Euren Wahlkreisen und Regionen. Wir müssen auf die Bedeutung des Vereinssports noch intensiver und bestimmter aufmerksam machen. Wenn andere Branchen sich schon wieder um staatliche Unterstützung bewerben, dann müssen wir dem Vereinssport und der damit verbundenen Industrie eine Stimme geben.

Wird die gesellschaftliche Bedeutung von Sport-Vereinen vergessen?

Ich sehe es als unsere gemeinsame Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass sie nicht vergessen wird. Wir reden immerhin von 27 Millionen Menschen, die Mitglieder in Vereinen des DOSB sind, allein 7 Millionen davon im Fußball. Die Vereine sind der integrative Schmelztiegel unserer Gesellschaft – dies müssen wir noch viel deutlicher zum Ausdruck bringen. Mehr denn je zeigt sich, wie wichtig eine sportliche, gesunde Lebensweise und ein solidarisches Miteinander sind. All das findet sich im Vereinssport wieder. Vereine sind das Rückgrat der Gesellschaft. Für gemeinnützige Organisationen gibt es aber keine finanziellen Hilfen in der Krise. Aus diesem Grund arbeiten wir gerade aktiv daran, die Stimme des Amateursports zu konsolidieren. Der ursprünglich geplante ’Tag der Amateure’ am 23. Mai wäre hierzu sicher ein guter Aufhänger ....

Was tut Not? Was erwarten Sie sich von der Politik?

Erst einmal sollten wir statt auf Angst wieder auf Zuversicht setzen. Mit klaren Kriterien und mit Vertrauen in die Vereine und deren Mitglieder kann und muss es weitergehen. Bei den meisten Mannschaftssportarten ist der Kontakt zwischen den Sportlern unvermeidlich, daher sollte offen darüber debattiert werden, wann und wie das wieder betrieben werden kann. Je länger das nicht möglich ist, desto kritischer wird die Situation für die Vereine. Auch die Rezession der gesamten Wirtschaft wird die Vereine massiv treffen. Bei schlechter Konjunktur und Kurzarbeit werden die Sponsorings in der Regel als Erstes gekürzt. Aus diesem Grund dürfen wir bei aller notwendigen Vorsicht nicht vergessen, dass für die Vereine eine schnelle Wiederöffnung existenziell wichtig ist. Und dass auch die Vereine Mittel und Unterstützung benötigen, um die Ausfälle zu kompensieren.

Herr Sprügel, vielen Dank für das Gespräch!