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Verfluchte Fashion!

  • Andreas Mayer
  • Dienstag | 28. Juli 2020  |  10:22 Uhr
Seit der Corona-Krise liegt Sportsfashion wie Blei in den Regalen. Was ist passiert? Welche Lehren können Industrie und Handel aus den vergangenen Wochen und Monaten ziehen? Gibt es tiefer liegende Gründe für die Baisse? Oder ist am Ende doch alles nur das verfluchte Virus Schuld?

Nicht nur bei Reischmann in Ravensburg, der neben seinem traditionsreichen Sport-Shop auch noch einen separaten Fashion-Shop führt, hat die Corona-Krise zu einer erstaunlichen Entwicklung geführt: „Wir haben im modischen Bereich deutlich weniger Umsatz gemacht als im Funktionsbereich. Das Segment ist regelrecht eingebrochen, erklärt Thomas Reischmann, Geschäftsführer des Traditionshändlers aus Baden-Württemberg, der neben dem Stammhaus in Ravensburg auch noch Geschäfte in Kempten, Memmingen und Ulm betreibt. „Und auch, seit die Geschäfte wieder auf sind, liegen wir spürbar im Minus.“

Was ist passiert? „Funktionelle Bekleidung läuft besser, weil die Menschen auch während der Corona-Pandemie Sport treiben wollen, insbesondere Individualsport. Dazu brauchen sie aber keinen neuen Look“, erklärt Reischmann. „Und Sportfashion wird ja auch auch viel in der Freizeit und in der City getragen. Urbanes Leben hat aber praktisch gar nicht stattgefunden in den vergangenen Monaten.“ Auch nach dem Ende des Shutdowns und den weitreichenden Lockerungen im Alltag bleibt das Segment schwierig: „Seitdem man wieder in die Berge darf, haben wir wieder gute Out- door-Umsätze. Sportfashion hängt aber nach wie vor hinterher“, erklärt Reischmann. „Und das wird auch die nächsten Monate noch so bleiben. Ich glaube, dass wir zwar jeden Monat näher ans Vorjahr herankommen, normale Umsätze werden wir aber vielleicht sogar erst wieder nächstes Jahr haben.“

CORONA-BLUES BLEIBT

Keine guten Aussichten also für das Segment, das eigentlich zu den gro- ßen Wachstumstreibern in den vergangenen Jahren gehört hatte und auf das viele Händler auch in diesem Sommer gesetzt hatten. „Die HAKA mit ihrem vor allem im ersten Halbjahr sehr „anlassbezogenen Sortiment“ hat es derzeit besonders schwer“, bestätigt auch Thomas Römer, ehemals Intersport, und nun Mitglied der Geschäftsleitung beim Mode-Verband Unitex. Gut täte, dass viele Unternehmen noch nicht die „preisliche Brechstange“ herausgeholt hätten, sondern auf Ihre Stärken setzten mit persönlichem Kundenkontakt und Beratung. Speziell in der Krise hätten sich die Vorteile der Gemeinschaft gezeigt, heißt es seitens der Zentrale in Neu-Ulm. Im laufenden Jahr 2020 habe man bereits 50 neue Einzelhänder in der „Community“ begrüßen können. Unitex hat sich als Service- und Dienstleistungsgruppe für den Modeeinzelhandel im Mittelstand etabliert. Die Gruppe bietet als einzige deutsche Verbundgruppe im Textilbereich eine bank-gesicherte Zentral- regulierung. Bei Uniterx sind derzeit mehr als 750 Mitglieder anüber 1.600 Standorten in Deutschland und Österreich angeschlossen. Die Gesamtverkaufsfläche aller Mitglieder beträgt aktuell über eine Mio. Quadratmeter. Über 500 Lieferanten arbeiten im Rahmen der Zentralregulierung mit der Verbundgruppe zusammen.

„In den letzten drei Monaten war eine andere Art von Ware gefragt, da sich der Einsatzbereich verändert hatte“, weiß auch Thomas Regenbogen, International Sales Manager für Dolomite. „Die meisten Menschen waren im Homeoffice, neue modische Jacken zum Beispiel waren gar nicht nötig. Und das betrifft auch weiterhin alles, was die Menschen bis vor kurzem noch für einen klassischen Tagesablauf gebraucht haben – und zwar von Kopf bis Fuß!“ Kleinere Händler, in eher ländlichen Gebieten mit typischer Nahversorgerfunktion, oder auch Fachhändler in kleinen bis mittelgroßen Städten, seien eigentlich ganz gut aus dem Lockdown gekommen, berichtet der langjährige Branchenfachmann. „Händler in den großen Ballungsräumen und die dort ansässigen großen Filialisten sind aber sogar noch bis heute massiv betroffen.“

LAUNISCHE DIVA

Mode ist nunmal Mode – und damit Trends und Nachfrageschwankungen unterworfen, die sich von denen im „normalen“ Sportsegment unterscheiden. Hinzu kommen die Auswirkungen der Krise auf den Tourismus – es gibt wohl kaum jemanden, der seine Reisepläne für 2020 nicht ändern musste. Craghoppers Europa-Chef Oliver Robens sieht hier aber durchaus eine Chance: Der britische Reise-Experte erwartet einen Anstieg an Tagesausflügen und Reisen im eigenen Land bezilehungsweise in benachbarte Länder – und damit verbunden sogar die Möglichkeit auf steigende Umsätze: „Als Reise-Spezialist sind wir aber darauf angewiesen, dass der Handel unsere Kompetenz nicht nur auf Fernreisen bezieht. Denn mit unseren Technologien bieten wir Lösungen, die auch im heimischen Markt funktionieren“, verdeutlicht Robens.

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Artikel mit Funktion liefen trotz Corona.
© BUFF

Auch Marc Hasenstein, Managing Director bei Buff, zeichnet ein durchaus differenziertes Bild: „Bei unseren Performance Lifestyle Caps ist der Umsatz rückläufig gewesen, aber unser klassisches Schlauchtuch hat sich auch in der Krise als starkes Produkt erwiesen, da hier die Multifunktionalität gegeben ist.“ In Spanien, wo Buff seinen Hauptstandort hat, sei der normale Betrieb in der Produktion und im Versand wieder angelaufen. Die Produktions- und Lagerkapazitäten seien sogar ausgeweitet worden im Vergleich zu der Zeit vor Corona, berichtet Hasenstein – inklusive Neueinstellungen, die für die Menschen in dem von der Pandemie so stark getroffenen Land ein echtes Zeichen seien.

Nachhaltigkeit, Funktionalität und ein eher zeitloses Design – also ziemlich genau das Gegenteil von (Fast) Fashion – entpuppt sich also als Erfolgs- garant auch in der Krise. „Fjällräven steht als skandinavische Outdoor- marke für kein fashion-orientiertes Sortiment, sondern setzt schon immer auf Nachhaltigkeit und auf funktionale und zeitlose Produkte, die keinen kurzlebigen Trends folgen – das zieht sich durch die gesamte Kollektion hindurch“, erklärt Dean Polic, Geschäftsführer und Country Manager Fjällräven. „Wir folgen keinen Trends, wodurch unsere Produkte auch nicht an bestimmte Kollektionen/Saisons gebunden sind. Kunden, die sich für ein Fjällräven-Produkt entscheiden, kaufen dieses immer bewusst und sehen darin eine langfristige und nachhaltige Investition – sie unter- stützen damit eine transparente und faire Wertschöpfungskette für alle beteiligten Geschäftspartner. Das macht uns zunehmend interessanter – sowohl für unsere End- als auch Handelskunden.“

Hinzu kommt: „Unsere Händler können aufgrund der hohen Durchläufer- quote standhaft bleiben“. Die Kollektion für die Saison Frühjahr/Sommer 2021 bestehe jetzt zu 92 Prozent aus Durchläufer-Artikeln, erklärt Polic. „Es war eine bewusste strategische Entscheidung, die bereits hohe Durch- läufer-Quote nochmals zu erhöhen, um unseren Händlern den Druck zu nehmen, die Saisonware ad hoc verkaufen zu müssen. Dafür haben wir viel positives Feedback vom Handel erhalten – genauso wie für unsere Kooperationsbereitschaft und Unterstützung während der gesamten Saison, unter anderem durch kurzfristige Orderanpassungen.“

ANGEBOT UND NACHFRAGE

„Wir müssen uns in Zukunft insgesamt sicherlich mehr am Bedarf orientieren – auch zeitlich. Das ist ein klares Feedback vom Handel“, glaubt auch Thomas Regenbogen. „Wir müssen aber trotzdem attraktiv bleiben. Im modischen und Casual-Segment können wir den Leuten nicht über Jahre hinweg das Gleiche anbieten. Wir müssen also die richtige Mischung finden aus bedarfsgerechter und zeitgerechter, aber trotzdem noch modisch anspruchsvoll genug. Das ist auch für uns auf Industrieseite eine Herausforderung.“

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Fair Fashion auf dem Vormarsch: Die Kölner Armedangels haben jetzt auch eigene Shop-in-Shop-Systeme.
© ARMEDANGELS

Die diesjährige Ordersaison sei geprägt von unterschiedlichsten digitalen Order Tools, mit denen die Lieferanten versuchen, im Fachhandel zu punkten, berichtet Michael Spitzbarth, Geschäftsführer von Bleed. Der zeige sich ob der Vielfalt der Systeme aber oft überfordert – „zumal auch das haptische Erlebnis, das vor allem bei Fair Fashion Labels mit ihren oftmals besonderen Bio-Fair-Stoffen extrem wichtig ist, in messefreien Corona-Zeiten fehlt,“ so der Gründer der 2008 in Helmbrechts in Franken gegründete Marke. „Ein Bleed-Messestand lebte immer von Geselligkeit und positiven Erlebnissen. Rein digitale Vertriebsstrategien sind für uns als naturinspirierte Marke deshalb in Corona-Zeiten nicht genug. Wir wollen unseren B2B-Kunden ein außergewöhnliches Vertriebskonzept bieten, mit persönlichem Kontakt, Natur-Erlebnissen und viel positiver Energie“, sagt Spitzbarth. Für Händler, die den Showroom am Standort in Helmbrechts in Oberfranken besuchen wollen, bietet Bleed deshalb spezielle „Ultimate Experience Pakete“ mit Übernachtung, Essen und typischen Outdoor- Sportarten wie Wandern, Bouldern, Skaten oder Mountain Biken. „Der Händler kann sich so sein individuelles Erlebnis- Paket schnüren und gleichzeitig eine noch sehr unberührte Urlaubsregion in Deutschland mit uns zusammen kennenlernen.“ An seine Bestandskunden wird Bleed zudem spezielle „Touch and Feel Boxen“ mit Print-Lookbook und Stoffproben aus der neuen Kollektion sowie Geschmacksproben aus der oberfränkischen Heimat verschicken.

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So soll das haptische und sensorische Erlebnis ermöglicht werden. Auch Besuche beim Fachhandel sollen weiterhin, unter Beachtung aller Hygienemaßnahmen, stattfinden.Händler Reischmann bestätigt, dass das Thema Nachhaltigkeit „in aller Munde“ sei. „Beim Thema Sportsfashion spielt gut aussehen aber auch eine Rolle. Insbesondere für die Damen hat das sogar Priorität.“ Und: Die Konkurrenz ist mittlerweile Konkurrenz groß. Auf der einen Seite versuchen auch Adidas & Co. hier die entsprechenden Zielgruppen abzugreifen, auf der anderen Seite versuchen „echte“ Fair-Fashion-Labels wie Armedangels aus Köln auch im stationären Handel Fuß zu fassen. Die Marke bietet dem Handel ein nachhaltiges Vollsortiment. Und als erste Marke aus dem Bereich Eco & Fair Fashion hat Armedangels moderne und professionelle Shop-in-Shop Systeme realisiert, bei denen der Konsument die Marke auf der Fläche erleben kann.

„Ohne Messen ist es problematisch, Inspiration für neue Trends und neue Marken zu finden“, weiß Thomas Reischmann. Daher plädiert der Händler auch dafür, die aktuelle Vororder deutlich nach hinten zu verlegen. Wenn man jetzt – ohne echte Abverkaufserfahrung – für Sportfashion eine Order platzieren müsste, wäre das äußerst schwierig. Man müsse sich jetzt möglichst lange am aktuellen Konsumenten orientieren. Und: „Wir werden uns auf gute Partnerschaften besinnen und uns wohl auch lieferantenseitig konzentrieren müssen.“

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur