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Vaude bei iFixit: Selbst Reparieren!

  • Marcel Rotzoll
  • Sonntag | 05. Februar 2017  |  10:10 Uhr
Im Dezember hat Vaude damit begonnen, Reparaturanleitungen auf der Plattform iFixit bereit zu stellen. Damit will das deutsche Outdoor-Unternehmen den Do-it-yourself-Gedanken mit dem Thema Nachhaltigkeit verbinden.

Text: Marcel Rotzoll

Nachhaltigkeit in all ihren Facetten bleibt eines der Themen für die Sport-, vor allem für die Outdoorbranche schlechthin. Dabei stehen die Produktionsbedingungen und auch Sozialstandards in den Fabriken entlang der Supply-Chain, die Nachhaltigkeit der verwendeten Materialien, Energiesparmaßnahmen oder der Verzicht auf umweltgefährdende Chemikalien wie PFC im Vordergrund. Was bei der Diskussion um nachhaltige Produkte dabei häufig eher unterrepräsentiert ist, ist die Lebensdauer von Produkten. Nicht umsonst haben alte Branchen-Heroen wie Bernd Kullmann oder der viel zu früh verstorbene Klaus Lenhart schon zu Zeiten, da die Diskussion um Nachhaltigkeit noch am Anfang stand, stets betont, dass das nachhaltigste Produkte immer jenes sei, welches eine besonders lange Lebensdauer habe.

Spätestens seit Antje von Dewitz 2009 nach der Übernahme der Geschäftsführung von ihrem Vater angekündigt hatte, Vaude zum nachhaltigsten Outdoor-Lieferanten machen zu wollen, haben sich die Tettnanger an der Speerspitze jener Unternehmen festgesetzt, die den oft schwierigen Weg in Richtung Nachhaltigkeit gehen. Dass dabei auch die Langlebigkeit der Produkte eine große Rolle spielt, ist nur logisch. Wie viele andere Outdoor-Anbieter bietet auch Vaude den Konsumenten einen hauseigenen Reparaturservice, bestehend aus einem 15-köpfigen Team. Über den Sportfachhandel können Produkte für Reparaturen eingesandt werden. Zudem hat Vaude in Kooperation mit eBay 2015 einen so bezeichneten Second Use Shop eröffnet, in dem Konsumenten ihre nicht mehr genutzten Vaude-Produkte weiterverkaufen können, um so deren Lebenszyklus zu verlängern. Dem Gedanken, dass die Artikel der Schwaben auch nach kleinen Schönheitsreparaturen beispielsweise an Reißverschlüssen oder Schnallen benutzt werden können, wird seit kurzem auch durch die Kooperation mit der Plattform iFixit Rechnung getragen.

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In der Vaude-eigenen Reparaturwerkstatt verlängert ein Team von 15 Mitarbeitern den Lebenszyklus der Produkte
© Vaude

Nachhaltigkeit werde seitens Vaude schon immer als Teamsport verstanden, erklärt Hilke Patzwall, die bei den Tettnangern über Umweltmanagement, Unternehmensverantwortung und Arbeitssicherheit wacht. „Kooperationen machen unbedingt Sinn, ob es sich dabei um die Sensibilisierung von Natursportlern via DAV oder WWF handelt, oder um die nachhaltige Nutzung und Reparatur von Vaude-Produkten via iFixit oder eBay. Wir suchen häufig und gern die Zusammenarbeit mit Partnern, die mit ihrem Kerngeschäft Bereiche abdecken, in den Vaude selbst nicht kompetent oder nicht bekannt genug ist, und damit keine Reichweite entwickeln würde.“

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„Mrs. Nachhaltigkeit“: Hilke Patzwall verantwortet bei Vaude den Bereich Umweltmanagement, Unternehmensverantwortung und Arbeitssicherheit
© Vaude

So war es beim Second Use Shop auf eBay, auf dem derzeit knapp unter 400 Artikel angeboten werden. Hier stellt Vaude die Plattform für die reine C2C-Website zur Verfügung. So ist es aktuell bei der kürzlich gestarteten Kooperation mit iFixit. Der Hintergedanke dabei: Etwas handwerkliches Geschick vorausgesetzt, lassen sich viele kleine Reparaturen einfach selbst erledigen. Praktische Videoanleitungen sowie ein Ersatzteilshop helfen der Do-it-yourself-Community dabei. iFixit stellt genau dafür die Plattform zur Verfügung. Dazu erklärt Hilke Patzwall: „Vaude ist ja schon lange bekannt für seinen professionellen hauseigenen Reparaturservice. Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, wie wir darüber hinaus deutlich mehr Kunden mit dem Thema ’Pflege & Reparatur‘ erreichen können, gerade auch für Do-it-yourself und den Online-Versand von Ersatzteilen. Da sind wir auf iFixit gestoßen, und haben sofort beiderseitig festgestellt, dass wir von der Philosophie und den Abläufen her perfekt zueinander passen.“ Bereits zu Einführung der Kooperation im Dezember sekundierte Matthias Mayer, Managing Director von iFixit Europe: „Im Idealfall machen sich Hersteller schon beim Design Gedanken über die Reparierbarkeit ihrer Produkte und fördern diese durch die Bereitstellung von Reparaturanleitungen und Ersatzteilen. Vaude gehört zu diesen Herstellern, weshalb wir von iFixit uns sehr über die Zusammenarbeit freuen.“

Die Do-it-yourself-Online-Plattform iFixit wurde 2003 im US-amerikanischen San Luis Obispo gegründet. Wie der Name bereits vermuten lässt, sind es zunächst Produkte des Elektronikriesen Apple, die von den Tüftlern repariert werden. Die dazugehörigen Reparaturanleitungen sollen es auch Nutzern ohne umfassendes technisches Know-how ermöglichen, ihre Geräte nicht nur auseinanderzuschrauben, sondern auch wieder funktionstüchtig zusammen zu bauen. Nach und nach kommen Geräte weiterer Hersteller hinzu, iFixit selbst wird international. Die Plattform besteht mittlerweile nach eigenen Angaben „aus über einer Million Bastlern, Technikern und Freiwilligen, die sich gegenseitig beim Reparieren ihrer Dinge helfen“. Nach wie vor finden sich auf der iFixit-Website hauptsächlich Anleitungen für elektronische Geräte. Mit Vaude ist nun die erste europäische Outdoormarke bei iFixit aktiv. Und zwar nicht passiv, sondern aktiv. Derzeit gibt es 31 Reparaturanleitungen, weitere seien bereits in Planung. Hilke Patzwall erläutert: „Wir haben zum einen wichtige Pflege-Themen dargestellt, für die wir viele Rückfragen von Kunden erhalten, z.B. ’Wie wasche und imprägniere ich meine Regenjacke’. Daneben haben wir Reparaturanleitungen online gestellt für Probleme, die öfter vorkommen, und die relativ einfach selbst zu beheben sind.“ Grundsätzlich käme dieser Do-it-yourself-Ansatz für alle Produkte in Frage, die sich relativ einfach reparieren ließen. „Bei hochkomplexen Produkten, für deren Reparatur man Spezialwissen oder exotische Werkzeuge oder Komponenten braucht, wird eine Do-it-yourself-Reparatur für normale Menschen schon schwieriger. Schuhe z.B. sind in der Regel bei einem Profi besser aufgehoben. Für Rucksäcke und Zelte wird die Zahl der Anleitungen aber auch noch wachsen.“ Dabei sind sich die Vaude-Verantwortlichen sicher, dass die Zahl der Nutzer kontinuierlich steigen wird, ebenso wie „das Bewusstsein für dieses Thema insgesamt steigen wird“.

„Für den Fachhändler“, ist sich Hilke Patzwall sicher, „ist der gute Wiederverkaufswert von Vaude-Produkten z.B. über die eBay ReCommerce-Plattform ein zusätzliches Verkaufsargument. Bis vor kurzem war es noch ungewohnt für den Verkäufer auf der Fläche, im Verkaufsgespräch direkt auf die Weiterverwendungsmöglichkeiten hinzuweisen. Aber das Bewusstsein ist auch hier stark gestiegen – sowohl beim Handel als auch beim Konsumenten. Das betrifft längst nicht mehr nur Kinderprodukte.“ Weil der Fachhandel zudem bei Problemen nicht nur auf den Vaude-eigenen Reparatur-Service verweisen könne, sondern jetzt auch die Möglichkeit der selbständigen Reparatur mittels der Anleitungen auf iFixit, könne er mit den Kunden noch besser ins Gespräch kommen und Kompetenz zeigen.

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Vaude stellt auf iFixit sukzessive Video-Reparaturanleitungen bereit. 31 Anleitungen für die Do-it-yourself-Community gibt es bereits
© Vaude

Der Erfolg von Do-it-yourself-Plattformen wie Dawanda oder eben iFixit, Second-Use-Shops wie Kleiderkreisel oder das entsprechende eBay-Angebot zeigen, dass diese Communitiy wächst. Noch mögen solche Angebote kein Massenphänomen sein. Sie sind aber schon heute in jedem Fall sympathisch und die Zahl der Bastler, Tüftler und Zweitverwerter wächst stetig.

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2017