• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

„Wir stehen für Transparenz entlang der textilen Prozesskette.“

  • Ralf Kerkeling
  • Dienstag | 15. Juni 2021  |  10:31 Uhr
Die Marke H.A.D. produziert seit über 20 Jahren in Deutschland. Dabei hat sich die Firma aus Rodenbach Vermeidung von Mikrofasern und ehrliche Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. Warum dabei Aufrichtigkeit auch eine Rolle spielt, erklärte uns Geschäftsführer Sebastian Reuthal.
neuer_name
Sebastian Reuthal ist seit Dezember 2020 Geschäftsführer des deutschen Functional Wear Spezialisten Pro Feet inklusive der Marke H.A.D..
© Pro Feet

sportFACHHANDEL: Welche Anforderungen werden an Firmen gestellt, die zu 100 % in Deutschland produzieren? Ab wann darf eine Firma das Siegel nutzen?

Sebastian Reuthal: Bei H.A.D. wird unter einem Dach gestrickt, gedruckt, genäht und versandt, sodass vor Ort 100% der formgebenden Wertschöpfungsschritte stattfinden. Schon heute sind wir bei allen Artikeln der Marke H.A.D. damit bei 95% Fertigung - nicht allein in Deutschland - sondern im eigenen Haus in Rodenbach. Das ist viel mehr als bei allen relevanten Wettbewerbern.

Leider gibt es dafür keine einheitlichere, transparentere und rechtlich bindende Grundlage, sondern nur Einzelfälle anhand derer richterlich entschieden wurde, ob eine Bewerbung mit dem Titel „Made in Germany“ vertretbar, oder eben als irreführend zu bezeichnen ist. In der Regel sei laut Faustformel ein Wertschöpfungsanteil von gerade mal 45 % in Deutschland erforderlich, um die Herkunftsbezeichnung eines Produktes aus Deutschland zu rechtfertigen. Für uns von H.A.D. ist das untragbar, da gerade diese Undefiniertheit seit Jahren riesige Schlupflöcher für Trittbrettfahrer, Greenwasher und selbsternannte Marketingspezialisten bietet. Das klare Bekenntnis zum echten Produktionsstandort, zu den Vorlieferanten, die Benennung und transparente Darlegung der einzelnen Wertschöpfungsschritte als Indikator, ist daher unser Anliegen.

Werden die Siegel-Kriterien regelmäßig überprüft?

Wir gehen bei diesem Thema voran und legen unsere Lieferantenkette offen. Für jedermann. Ob es bei den Audits der Hohenstein Institute von offizieller Stelle oder bei der Zusammenarbeit mit der Intitiative ‚Made in Germany‘ ist: Eben weil kein stringenteres Regelwerk aufgelegt wird, bleibt es an der Marke selbst sich zu positionieren, abzugrenzen und eine Allianz mit gleichgesinnten Partnern einzugehen. Gerade haben wir eine Partnerschaft mit einem Deutschen Label namens ‚Know Your Stuff‘ geschlossen. Unter dem Leitgedanken „Nachhaltigkeit ist bedeutungslos ohne Transparenz“ ist es unser gemeinsames Ziel, in einem Pilotprojekt gegenüber dem Handel und den Endkunden die textile Lieferkette bis ins letzte Detail transparent abzubilden, um unsere Qualität und Kriterien für Nachhaltigkeit und ‚Made in Germany‘ überprüfbar zu machen.

Was ist aus Sicht von H.A.D. das Besondere an „Made in Germany“?

Für den Verbraucher steht das Siegel Made in Germany als Synonym für Werthaltigkeit, Zuverlässigkeit, Qualität und Innovation. Unsere Kunden verbinden und honorieren überdies den persönlichen Kontakt zu uns sowie den handwerklichen Charakter unserer Produkte, die, trotz innovativster Fertigungs- und Fügetechnologien, ganz traditionell, zum größten Teil in Handarbeit produziert werden. Jedes Tuch durchläuft in seiner Produktion sechs einzelne Arbeitsstationen und damit einen umfassenden Qualitätssicherungsprozess.

Wie nehmen Sie die Wertigkeit des Siegels wahr und hilft es im Verkauf von Produkten?

H.A.D. zählt zu den Gewinnern der Corona-Pandemie und ‚Made in Germany‘, in seinen verschiedenen Zutaten, ist der ganze Grund dafür. Ich bin extrem dankbar, demütig und stolz darauf, was unser Team in den letzten Jahren aufgebaut und unter schwierigen Marktbedingungen geleistet hat. Der jahrelange Auf- und Ausbau unserer Vision von „Headwear Aus Deutschland“ trägt nun Früchte, wie wir anhand einer konstant wachsenden Käuferschaft im Fachhandelsumfeld sehen können. Ja, ‚Made in Germany‘ und ‚Made in Europe‘ sind verkaufsfördernd – zukunftsfähig aber nur in Verbindung mit Transparenz, Persönlichkeit und Glaubhaftigkeit.

Würde sich H.A.D. mehr Unterstützung vonseiten der Politik wünschen, um den Produktionsstandort Deutschland zu stärken? Wenn ja, welche Form der Unterstützung?

Made in Germany ist das laut Made-In-Index weltweit stärkste Qualitätslabel. Grund genug es rechtlich zu schützen und dabei gerade traditionell in Deutschland produzierende Unternehmen zu fördern. Neben dem Produktionsaspekt gehört dazu sicherlich auch die Unterstützung bei Themen wie der Digitalisierung oder dem Bürokratieabbau.

Daran anschließend die Frage: Wie lässt es sich mit einer erhöhten Lohnstruktur in Deutschland der Konkurrenz auf dem weltweiten Markt begegnen?

Zweifelsohne bleibt das die größte Herausforderung. Es geht wie immer nur im partnerschaftlichen Verbund - in unserem Fall in enger Allianz mit dem Fachhandel, offline wie online. Auch hier ist die Politik gefordert mit klugen Rahmenbedingungen den Handel zu unterstützen. Gerne auch auf europäischer Ebene, mit einem harmonisierten Modell, dass alle Mitgliedstaaten tragen. Flexibilität, Schnelligkeit, Service, Innovation kompensieren den Lohnkostennachteil.

Welche generellen Vorteile sehen Sie in einer Produktion am Firmenstandort in Rodenbach?

Heutzutage, in einem dichtgedrängten Wettbewerbsumfeld mit ähnlichen Produkten, sind Aspekte wie Service, persönlicher Kontakt und Flexibilität mindestens genauso wichtig wie Produktqualität und Preis. Mit dem neu geschaffenen H.A.D. Focus-Sortiment, das auf Bedarf sofort verfügbar und ständig adaptier- bzw. erweiterbar ist, haben wir in der Corona-Zeit die Idee des NOS-Lagers neu erfunden. Ein vereinfachter Bestellprozess, persönliche Rundum-Betreuung, verlängerte Vororderphasen und ausgedehnte Zahlungsziele sind die einzigartigen Vorzüge bei H.A.D.

Stand H.A.D. schon einmal vor der Entscheidung den Produktionsstandort wechseln zu müssen, evtl. Richtung Asien zu gehen?

‚Made in Germany‘ ist unabdingbar mit der H.A.D.-DNA verankert. 2015 haben wir überlegt, ob wir aufgrund der in Deutschland fast schon ausgestorbenen Berufsgruppe des Strickmaschinenführers unsere Strickerei auslagern sollten. Heute beschäftigen wir drei angelernte Strickmaschinenführer in Vollzeit am Firmenstandort in Rodenbach und haben während der Coronazeit sogar 4 Maschinen dazugenommen. Der Grund dafür liegt in der besonderen Qualität unseres Stricks, der einzigartig in Dauerhaftigkeit und Spannkraft ist. Unser absoluter USP beim Original.

H.A.D. ist Mitglied der Initiative ‚Made Germany‘. Was bewirkt diese Initiative?

Die ‚Initiative Made in Germany‘ setzt, wie wir, auf die Wertschöpfungskette als Indiz für das Siegel Made in Germany und gibt einen Anteil der in Deutschland erbrachten Wertschöpfung von nicht weniger als 100% verpflichtend vor. Hierdurch erfolgt eine klare Abgrenzung zu anderen Anbietern, die sich an den gesetzlichen Richtwerten orientieren.

Gibt es einen Zusammenhalt oder Austausch unter den Firmen, die das Gütesiegel tragen? Kann man sich untereinander in Zeiten wie dieser gegenseitig unterstützen?

Ja, den Austausch gibt es erfreulicherweise und ich denke die Zusammenarbeit im Netzwerk wird sich aufgrund eines gemeinsamen Wertverständnisses die nächsten Jahre noch intensivieren. Das wäre zumindest wünschenswert. Aktuell bestehen Beziehungen besonders im Zusammenhang mit dem immer stärker wachsenden OEM-Geschäft. Wir produzieren seit über 20 Jahren Headwear, Socken und Funktionswäsche für namhafte Sport- und Outdoor-Unternehmen/Marken mit derselben DNA. Letztlich stützen sich unsere Partner auf unsere Qualitätslabels und Zertifikate, weil auch sie gegenüber ihren Kunden Rechenschaft ablegen wollen.

Lohnt es sich auch schon für junge, hier produzierende Firmen dieser Initiative beizutreten?

Ein Zusammenschluss von Herstellern mit gleichem Wertekompass lohnt definitiv. In diesem Fall muss die Politik als Schirmherr Begleiter der Initiative sein, fördern und ein vereinheitlichtes Regelwerk zugrunde legen. Diese Basis muss zwingend erst geschaffen werden.

Ließe sich das Siegel ‚Made in Germany‘ als Zukunftsvision generell in ein Siegel ‚Made in EU‘ umwandeln? Würde das in Ihren Augen Sinn machen?

Wir sollten im Sinne der europäischen Idee von „Vereinheitlichung“ diese Vision vor Augen behalten. ‚Made in EU‘ ist ja auch bereits ein bestehendes Siegel, das mindestens 80% der Wertschöpfungskette als Vorraussetzung zu einer Bewerbung einfordert. Vor dem Hintergrund unserer Strategie alle Produkte aus Deutschland und Europa anzubieten ist ein starkes Label ‚Made in EU‘ sehr interessant.

Wie eng sind Nachhaltigkeit und eine Produktion in Deutschland miteinander verknüpft?

Die beiden Themen sind ganz eng miteinander verbunden. Aufgrund der zuvor geschilderten Lieferkette inklusive aller relevanter Wertschöpfungsprozesse im Haus ist der H.A.D. CO2-Footprint denkbar niedrig. Aber damit nicht genug: Täglich fallen Produktionsreste an, die wir nicht wegwerfen, sondern weiterverarbeiten. Das Druckpapier dient als Verpackung, die Garnspulen als Dekoartikel für den Handel und selbst die Ausschussware verarbeiten wir weiter - z.B. als Schutzhülle für Verschlüsse an Hundeleinen oder Karabinerhaken.

Wie lässt sich in Deutschland klimaschonend produzieren?

H.A.D. hat sich hat bereits 2017 sehr intensiv der Modernisierung der eigenen Produktionsstätte gewidmet und in diesem Zusammenhang vollumfänglich auf energieeffizientere Technologien umgestellt. Im Coronajahr 2020 haben wir nachgelegt und mittels Renovierungsmaßnahmen die Räumlichkeiten ausgebaut mit dem Ziel der weiteren Reduktion von CO2-Emmissionen. Zudem heizen wir im Bereich der Produktion mit der abgesonderten Wärme der Druckpressen und setzen überdies auf den Einsatz von Öko-Strom.

Wie stellt sich H.A.D. in puncto Nachhaltigkeit auf?

H.A.D. verzichtet als einziger Hersteller konsequent auf den Einsatz der umstrittenen Mikrofasern! Zudem haben wir aktuell den Anteil der Kollektion aus recycelten oder 100% naturbelassenen Materialen auf über 70% der Gesamtkollektion erhöht und werden absehbar bereits Ende des Jahres auf über 90% steigern können. Auch bei der Verpackung gehen wir konsequent eigene Wege: Unsere unverkennbare Tuch- und Stirnbandverpackung aus FSC zertifizierter Kartonage kommt von jeher ohne Plastikhaken aus, was noch immer ein Alleinstellungsmerkmal der Marke ist. Wir verzichten somit auf über 1t Plastikmüll im Jahr!

Sollte das Siegel „Made in Germany“ an Bedingungen in puncto Umweltschutz oder Klimaneutralität geknüpft werden?

Ich denke genauso wie es eine klarere Richtlinie für die Bewerbung des Siegels ‚Made in Germany‘ geben sollte, so sollte es ebenfalls klarere Vorgaben zum Schutze der Umwelt für alle Unternehmen geben. Wie nachhaltig ein Unternehmen ist, sollte erlebbar und auf einfache Weise überprüfbar sein. Für jedermann. Daher stehen wir für Transparenz entlang der textilen Prozesskette und verbinden unsere Interessen gemeinsam mit der Initiative ‚Made in Germany‘ und dem Nachhaltigkeitslabel ‚Know Your Stuff‘.

Wird im Zuge des Erreichen wollen von Klimazielen in Deutschland evtl. zu viel Greenwashing betrieben?

Einerseits sollten doch Bemühungen eines Produktions-Unternehmens sich nachhaltiger, ressourcenschonender und damit auch umweltschonender auszurichten gefördert und honoriert werden. Ich sehe bei der Debatte aber einige Marktteilnehmer, die dies nach vorne darstellen möchten, jedoch im Hintergrund jeden Trendartikel zu jedem Preis mitgehen – egal wie und woher die Grundmaterialien stammen und ob es der Unternehmensethik zu-/ oder abträglich ist. H.A.D. verkauft keine FFP2-Masken über Amazon oder bietet deutlich günstigere Multifunktionstuch-Marken dem Discounter an, nur weil dieser auch Bedarf hat. Das hat aus unserer Sicht weder mit Klimaneutralität noch mit Nachhaltigkeit zu tun.

Interview: Ralf Kerkeling (Ausgabe 3 sportFACHHANDEL)

linkedin
Kerkeling

Autor: Ralf Kerkeling

Chefredakteur