• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Made in Europe – Meindl: „Der Beruf ist unsere Leidenschaft.“

  • Ralf Kerkeling
  • Dienstag | 23. November 2021  |  12:10 Uhr
Seit 300 Jahren gibt es die Firma Meindl. Im Gespräch erklärt Geschäftsführer Lukas Meindl, wie sich Tradition mit Innovation verbinden lässt und warum Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit ist.
neuer_name
Lukas Meindl ist für die Produktentwicklung verantwortlich.
© Meindl

In welcher Art und Weise fühlt man sich als Firma verpflichtet, das Siegel „Made in Germany“ auch tatsächlich zu erfüllen?

Wir machen seit rund 300 Jahren Schuhe in Kirchanschöring. Ich kenne es gar nicht anders, als hier in Deutschland zu produzieren. Es wäre aber falsch zu sagen, eine Firma muss nur „Made in Germany“ herstellen. Für uns ist das praktikabel und gut in Deutschland und Europa zu produzieren. Wir unterscheiden uns dabei von vielen anderen Firmen, da wir in eigenen Werken produzieren. Das gibt es nicht allzu häufig. Damit haben wir es in der Hand, es so zu machen, wie wir es brauchen. Ein klarer Vorteil.

Aus einem Handwerk, dem Schuhhandwerk, unserem Familienbetrieb, hat sich über die Jahre eine globale Marke entwickelt. Mittlerweile sind wir in der neunten Generation. Wir haben alle das Schuhhandwerk von Grundauf gelernt. So wird es auch in der zehnten Generation sein. Der Sohn meines Bruders hat das Schuhmacherhandwerk gelernt und wird die Firma irgendwann übernehmen. Für uns alle galt und gilt: Der Beruf ist unsere Leidenschaft.

Für uns bedeutet Glück, an dem Ort, an dem wir leben, auch arbeiten zu dürfen. Die Firma ist dabei das Kernstück, hier laufen die Fäden zusammen. Letztendlich sind wir als Unternehmen geprägt als Produktionsbetrieb. Wir sind keine „Marketingbude“, sondern leben von der Hochwertigkeit unserer Produkte. Das ist unsere Grundphilosophie, von der aus wir uns weiterentwickelt haben. Nur eine solide Grundbasis zu haben reicht nicht aus, um bestehen zu können. Innovation ist wichtig, genauso wie Offenheit, sonst verstaubt die Basis.

Wie geht Meindl beim Thema Innovationen vor?

Wir fertigen Schuhe. Das ist das, was wir am besten können. Wir machen also das, was wir verstehen. Hier versuchen wir eine Vielfalt reinzubringen. Hinter jedem Schuh steckt eine Idee. So stellen wir bei unseren Schuhen die Funktion in den Vordergrund. Bei einem für uns eher ungewöhnlichen Schuh wie dem „Pure Freedom“, war die grundlegende Idee, einen Zweitschuh für Leute zu entwickeln, die länger in den Bergen unterwegs sind. Dort, wo es auf Leichtigkeit und Packvolumen ankommt, ist dieser Schuh ideal. Ein idealer Zweitschuh für die Hütte, der einen aber auch vor spitzen Steinen schützt, wenn man mal draußen ein paar Meter gehen muss.

Wir schreiben uns aber auf die Fahne, dass wir in unserem Segment oftmals Wegbereiter von neuen Ideen und innovativen Schritten waren. Das beginnt beispielsweise vor 40 Jahren mit Gore-Tex. Seitdem arbeiten wir mit der Firma zusammen.

Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden?

Ich bin in diese Firma reingewachsen, dort groß geworden. Als die Zusammenarbeit mit Gore-Tex begann, war ich 15. Die Firma stand auf einmal vor der Tür. So einfach war das damals. Die Leute, die damals bei Gore waren, sind mittlerweile in Pension. Aber so habe ich die Grundregeln kennengelernt.

Wie entstehen bei Ihnen Ideen für neue Schuhmodelle?

Meistens entwickeln sich Ideen aus vielerlei Zusammenhängen, sicherlich manchmal auch spontan. So sind wir grundsätzlich immer auf den Modus „Neu“ eingestellt. Die Einflüsse sind unterschiedlich. Zeitungen, Gespräche, vor allem gute Mitarbeiter, die zuhören, wenn man eine Idee hat. Nur dann kann etwas Gutes, Neues entstehen. Unsere Ideen sind zumindest so gut, dass wir ausreichend Arbeit haben.

Wie ist aus Ihrer Sicht der Wert des Siegels auf dem globalen Markt?

Wir schreiben das Siegel nicht groß auf unsere Produkte. Was wir machen, ist ein Siegel „Made in Bavaria“, wenn ein Produkt ausschließlich hier am Hauptsitz hergestellt wurde. Hinzu kommt unsere gesamte Tradition. Wer macht heutzutage schon noch einen zwiegenähten Bergschuh, wer einen zwiegenähten Trachtenschuh, den sogenannten Haferlschuh? Da gibt es nicht mehr viele. Der Haferlschuh ist Tradition pur und hier gehen wir mit viel Liebe zum Detail vor. Auf der anderen Seite produzieren wir für einen internationalen Markt, wollen breitgefächert Produkte herstellen, weil wir auch dem Fachhandel eine große Kollektion anbieten möchten.

Wieviel Anteil eines Meindl-Schuhs ist „Made in Germany“? Müssen einzelne Schritte der Produktion ausgelagert werden?

Für die unterschiedlichen Schuhe benötigt man unterschiedliche Produktionsstätten. Im Kern sind wir in Europa: In Deutschland, Italien, Slowenien und Ungarn. In Europa sind wir sehr stark Leder verarbeitend geprägt. Bei den Multifunktionsschuhen haben wir noch einen Partner in Vietnam. Diese Schuhe produzieren wir dort, allein weil es technisch in Europa für uns nicht umsetzbar ist.

Das Schuhhandwerk ist ein sehr traditionelles Handwerk. Wieviel dieser Tradition lässt sich in einem aktuellen Schuh wiederfinden?

Das Handwerk ist der Schuhmacher oder Schuhfertiger. Das eine ist mehr industriell ausgelegt, das andere eher handwerklich. Es wird unterschätzt, wieviel Handarbeit in einem Schuh steckt. An einem Schuh sind rund 200 Arbeitsgänge zu erledigen. Dabei liegen die meisten Arbeitsminuten im Schaft. Eine Herausforderung für uns sind auch die unterschiedlichen Materialien, die wir miteinander verbinden müssen. Diese sind, anders als bei vielen Textilien, nicht sortenrein. Das bedeutet z. B.: für eine gute Verbindung müssen wir einen Materialbruch erzeugen, damit es gut zusammenhält.

Maschinen sind bei der Produktion immer nur unterstützend tätig. Natürlich steckt in den heutigen Maschinen sehr viel Technologie und auch die Möglichkeit, bestimmte Abläufe automatisch abzurufen. Aber die überwiegenden Arbeitsschritte sind reine Handarbeit. Allein schon, weil Leder ein sehr sensibles Material ist, in das mit viel Gefühl reingearbeitet werden muss. Eine Maschine kann das so genau gar nicht leisten, würde auch in dem ein oder anderen Fall das Material zerstören.

Was ist Meindl beim Thema Nachhaltigkeit wichtig und wie ist der Umgang damit? Was sind die Ziele in Bezug auf ressourcenschonende Produktion?

Nach einer langen Tragedauer, dann wenn ein Schuh sein Leben gehabt hat, stellt sich die Frage, was mit einem Schuh passiert. Ein komplettes Recycling ist aufgrund der verschiedenen Materialkomponenten schwierig. Da kommt die eben angesprochene Sortenreinheit erneut zum Tragen. Bei einem Schuh geht es allein über die Langlebigkeit. Diese macht in etwa 45% des gesamten Energieeinsatzes aus. Langlebigkeit ist also fast so wichtig, wie das, was an Energie eingesetzt wird. Wenn man sich im Gegenzug zu einem Schuh ein günstiges T-Shirt anschaut, und sieht, wieviel Energie dort reingesteckt wird. Das erscheint mir weniger zielführend, als einen aufwendigen Schuh herzustellen. Zumal es die Möglichkeit gibt,einen Schuh zu reparieren, was die Lebensdauer zusätzlich verlängert.

Viele sprechen zudem über PFC-freies produzieren. Aber was bedeutet das? Wer definiert PFC-frei? Wann ist etwas frei, denn 0,0 gibt es in diesem Fall nicht. Ich fände es ehrlicher, wenn man sich mehr über Grenzwerte unterhalten würde. In unserem Fall kann ich sagen, dass wir bei bestimmten Materialien nach Öko-Tex 1000, PFC-frei sind. Unsere Schnürsenkel und Fäden sind alle nach diesem Grenzwert zertifiziert und kontrolliert. Leder ist ebenfalls PFC-frei.

Ein weiteres Problem, was ich sehe, es gibt zu viele Siegel. Sicherlich ist alles, was getan wird, um umweltschonender zu produzieren, sinnvoll. Aber durch die ganzen Siegel ist es vor allem für den Endverbraucher verwirrend.

Was wäre Ihr Ansatz?

Wir brauchen klare Definitionen, wo die Grenzwerte liegen. Dazu zählen auch klare Siegel, am Ende dann auch weniger Siegel. Wichtig ist aus meiner Sicht, für alle Schritte eine langfristige Strategie zu haben. Diese sollte sich zudem nicht ad hoc immer wieder ändern. Nur so können sich Unternehmen Ziele setzen und diese erfüllen.

Sie sprachen gerade die Lebensdauer und eine Verlängerung durch Reparaturen an. Von wie vielen Schuhen sprechen wir da im Jahr?

Im Jahr produzieren wir mehr als eine Millionen Paar Schuhe. Wenn wir über Reparaturen sprechen, werden von uns allein 150 Neubesohlungen pro Tag durchgeführt. Hinzu kommen noch die weiteren Reparaturen. Davon gibt es Schuhe, die kommen nach zwei Jahren zu uns, wenn sie jeden Tag getragen werden und auch welche, die zum ersten Mal nach 15 Jahren eine neue Sohle erhalten. Den extremsten Fall, den wir hatten, war ein Schuh, der nach 40 Jahren zur Neubesohlung zu uns kam. Neubesohlen bedeutet bei uns, dass wir den Schuh rundum pflegen. Der Kunde bekommt den Schuh rundum erneuert zurück.

Wie müssen wir uns den logistischen Ablauf dazu vorstellen?

Schuhe lassen wir liebend gerne über den Fachhandel an uns zur Reparatur schicken. Hierbei haben wir den besten logistischen Ablauf und Service für den Endverbraucher. Zudem kann der lokale Händler im Vorfeld beratend tätig werden, was repariert werden muss. Der Fachhandel ist für uns so oder so ein wichtiger Partner.

Wir bieten diesen Service übrigens nicht an, weil es gerade in ist, nachhaltig zu sein. Im Gegenteil, wir beschäftigen uns schon sehr lange mit diesem Thema. Wir können von uns sagen, dass wir mit dem ersten Auftauchen des grünen Baumes, als Zeichen für im Umweltschutz aktive Unternehmen im Jahr 1993, mit dabei sind. Das sind fast 30 Jahre. Bislang haben wir nur zu wenig darüber geredet, weil es für uns eine Selbstverständlichkeit war. Damals war Nachhaltigkeit dadurch geprägt, dass man sparsam mit dem Material umging, nach Möglichkeit Dinge zweimal verwendet, nichts unnötig wegschmeißt. Auch damals haben wir schon über den Fachhandel alte Schuhe einsammeln lassen und einer zweiten Verwendung zugeführt. Bei allem, was wir in dieser Richtung zukünftig unternehmen werden, steht jedoch immer die Performance im Vordergrund. Die Zuverlässigkeit eines Produktes darf nicht reduziert werden.

Wie gehen Sie als Traditionsunternehmen in einem klassischen Gewerbe mit dem Spagat um, langlebige Schuhe herzustellen und gleichzeitig jüngere Menschen mit multifunktionalen Schuhen zu erreichen? Gerade beim Thema Lightweight gibt es Kritik in Bezug auf die Nachhaltigkeit.

Wir wollen keine „Seniorenfirma“ sein, die eine hervorragende Funktion anbietet. Das ist nicht unser Anspruch. Gerade mit Multifunktionsschuhen sprechen wir eine breitere und jüngere Käuferschicht an. Unsere Linie „Pure Freedom“ entspricht dieser Richtung. Wir lassen uns immer etwas einfallen, was auch Jüngere anspricht. Wir machen das aber nicht, um einfach jünger zu wirken. So würden wir beispielsweise keine Flip-Flops machen. Es muss immer eine Funktion dabei sein. Um speziell auf ihre Frage zu kommen: Wenn wir das Thema von der Seite des Berges aus betrachten, haben wir unterschiedliche Schuhmodelle und Kategorien geschaffen, um so den optimalen Schuh für das jeweilige Gelände zu haben. Ein Schuh selbst verliert an Langlebigkeit, wenn er falsch eingesetzt wird. Das sollte dabei mitberücksichtigt werden. Nachhaltigkeit hat also auch immer etwas mit Pflege und Sorgsamkeit zu tun.

Danke für das Gespräch, Herr Meindl!

Interview: Ralf Kerkeling

linkedin
Kerkeling

Autor: Ralf Kerkeling

Chefredakteur