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Entern Internet-Player die EOG?

  • Nicolas Kellner, Andreas Mayer
  • Mittwoch | 15. Juli 2015  |  17:00 Uhr
Zum OutDoor-Start begrüßt die European Outdoor Group (EOG) drei weitere Mitglieder aus dem Handelsbereich: die belgische AS Adventure Group, den tschechischen Sporthändler Hudy Sport sowie auch das Paradepferd der deutschen Outdoor-Landschaft, Globetrotter. Alle drei sind ebenfalls sehr internetstark, genau wie die bereits kürzlich aufgenommenen Bergfreunde, die Internetstores GmbH und Ochsner Sport. Steuert Europas großer Branchenverband also in rauhe Gewässer?

Nein, sagen Ralf Kindermann (Internetstores), Matthias Gebhard (Bergfreunde) und Mark Held (EOG) unisono und haben sich kurz vor der Messe noch intensiv Zeit für unsere Fragen genommen und dabei äußerst lesenswerte Antworten und Analysen geliefert …

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© ivo Gretener + gremlin/ISTOCKPHOTO.COM

Interview: Nicolas Kellner, Andreas Mayer

sportFACHHANDEL: Meine Herren, der Schritt der EOG, auch Händler in die Gruppe aufzunehmen, birgt Chancen und Risiken. Worin liegen für Sie die größten Vorteile?

Matthias Gebhard Für uns geht es darum, Teil einer Plattform zu sein, auf der es um deutlich mehr geht, als das Tagesgeschäft und daher auch über taktische und operative Fragen hinaus. Dazu braucht man alle Player in der Industrie in einem Boot. Und das ist mit der EOG gegeben. Ich glaube, Bergfreunde hat auch die Verantwortung, branchenübergreifende Themen mit voranzutreiben und zu entwickeln. Im Alltag ist man doch immer sehr stark mit den Saisonzyklen beschäftigt. Mit dieser Plattform schweben wir ein wenig darüber.

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Matthias Gebhard: Zusammen mit Ronny Höhn Gründer und Geschäftsführer von Bergfreunde.de

Ralf Kindermann Der größte Vorteil besteht darin, dass wir in der EOG alle das gleiche Interesse verfolgen, nämlich die Stärkung und den Ausbau der Bedeutung aller Outdoor-Aktivitäten. Zielgerichteter Dialog und Kommunikation über den Tellerrand hinaus, im Interesse der ganzen Branche, stehen hier klar im Vordergrund.

Mark Held Ich habe noch nie verstanden, warum wir unbedingt immer alles in Schubladen packen und markieren müssen. Wir sind doch alle Teil der gleichen Industrie und wollen unsere Kunden zufriedenstellen. Und überhaupt meine ich, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Etiketten fließend sind, ein Händler kann auch Marke sein und eine Marke eben auch als Händler gelten.

Der Blick auf die Handelslandschaft ist aus Hersteller- und Händlerperspektive ein anderer. Wo überschneiden Sie sich Ihrer Meinung nach?

Mark Held Wie man in meiner Antwort zur ersten Frage erkennt, bin ich niemand, der in dieser Angelegenheit ein- oder unterteilt. Daher teile ich auch nicht die Ansicht, dass wir unterschiedliche Perspektiven haben. Wir bedienen alle denselben Konsumenten und darauf sollten wir uns konzentrieren.

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Mark Held: Seit nunmehr zehn Jahren Generalsekretär der European Outdoor Group (EOG)

Ralf Kindermann Im gemeinsamen Ziel, immer mehr Menschen für die Natur und Aktivitäten in der Natur zu begeistern, davon profitieren Hersteller und Händler gleichermaßen.

Matthias Gebhard Und umgekehrt ist es für die EOG und deren sehr etablierte Hersteller sicher spannend, mit uns zusammenzuarbeiten, weil mit dem Internet-Fokus ein Zugang zu einer jungen Zielgruppe ins Spiel kommt und vor allem auch das Verständnis über das Internet: was kann es, was kann es nicht. Das ergibt noch einmal eine neue interessante Perspektive. Nehmen wir als aktuelles Beispiel Bouldern als Mainstream-Thema, welches unserer Meinung nach sehr gut läuft. Das ist eine extrem junge Zielgruppe und ich glaube, dass ist ein wirklich neuer Zugang zum Thema Outdoor. Meiner Meinung nach decken die klassischen Outdoor-Themenwelten das kaum mehr ab. Wir sind zum Beispiel Haupt-Sponsor von den „Hard Moves“ in Europa, der größten Boulder-Liga weltweit, an der bis zu 70 Boulderhallen teilnehmen. Damit erreichen wir 100.000 junge, markenaffine

Boulderer, alles potentielle Outdoorkunden. Die etablierten Outdoormarken haben zu diesem Thema doch eher schwer einen Zugang. Für die EOG ist solch ein Impuls möglicherweise interessant. Wo gibt es Reibungspunkte oder könnten solche entstehen?

Mark Held So lange wir uns als EOG um die Dinge kümmern, die wirklich wichtig für uns alle sind, dann sehe ich eigentlich auch keine Probleme. Alle Teilnehmer brauchen eine starke und erfolgreiche Industrie. Um das zu erreichen, sollten wir über solchen Dingen stehen.

Ralf Kindermann Reibungspunkte gibt es keine, wir verstehen uns ausgezeichnet mit den anderen Mitgliedern in der EOG, wir haben ja mit fast allen seit Jahren sehr gute und partnerschaftliche Geschäftsbeziehungen aufgebaut. Außerdem wird die EOG sehr gut und modern gemanagt, ein klares Indiz dafür ist es, sich auch für Handelsunternehmen zu öffnen. Ich kenne wenige bis keine Interessengruppen, die über eine so moderne vertikale Integration verfügen, das ist schon eine starke Leistung und zeugt von der Aufgeschlossenheit und Professionalität der handelnden Personen und der ganzen Gruppe.

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Ralf Kindermann: Seit sieben Jahren Mitglied der Geschäftsleitung und COO bei der Internetstores GmbH

Besteht die Gefahr, dass ein Wettbewerb unter den Handelsmitgliedern innerhalb der EOG entsteht?

Mark Held Ironischerweise war ganau das die Frage, als die EOG gegründet wurde. Wie sich herausgestellt hat, ist das jedoch nicht der Fall. Und warum? Ganz einfach, weil jeder in der EOG weiß und verstanden hat, dass die großen Herausforderungen, die uns begegnen, nichts mit „Wettbewerb“ zu tun haben.

Ralf Kindermann Nein, die Hersteller haben ja auch keinen Wettbewerb untereinander – außerdem ist die EOG nicht der geeignete Raum, um Wettbewerbe auszutragen, das wird im Markt von unseren Kunden entschieden. Vielmehr verfolgen wir in der EOG gemeinsame Ziele zur Stärkung der gesamten Outdoor-Branche und das auf allen Ebenen.

Matthias Gebhard Das ist zu früh zu bewerten. Natürlich gibt es Wettbewerb, alle Händler, die jetzt dabei sind, stehen irgendwie im Wettbewerb zueinander genauso wie die Hersteller. Aber dazu ist das Forum auch nicht da, es gibt vielmehr auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten und die stehen auf dieser Plattform im Vordergrund.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass beide EOG-Seiten letztendlich alle an einem Strang ziehen?

Mark Held Ich will nicht von „Seiten“ sprechen. Wir sind vielmehr gemeinsam darauf bedacht, dass der Markt wächst und wir uns nach außen einig präsentieren. Die Aufnahme der Händler in die Gruppe hat unsere Sichtweise deutlich erweitert und das hat nur Positives zur Folge, weil es uns erlaubt, gemeinsam effektiver sowie mit einer stärkeren Stimme zu sprechen.

Ralf Kindermann Durch gemeinsame Ziele und Werte. Die EOG ist eine Wertegemeinschaft, ich bin mir sicher, dass dies auch künftig so bleiben wird. Alle Mitglieder und Organe der EOG haben sich denselben Werten und Zielen verpflichtet, die wir eben künftig mit vereinten Kräften aus Handel und Industrie gemeinsam verfolgen werden.

Was glauben Sie, werden die größten gemeinsamen Interessen sein?

Matthias Gebhard Es gibt ein Grundinteresse, das jeder Teilnehmer aus der Branche sicher hat: Dabei geht es um eine gesunde und stabile Nachfrage mittel- und langfristig. Trends sollten eine gewisse Nachhaltigkeit bekommen. Das ist die Basis unseres Geschäfts. Kunden müssen Vertrauen in die Produkte, in die Marken und in die Händler

haben. Sicher entstehen auch immer wieder Fragen zu Regelungen und Regulierungen, was für uns allerdings kein alleiniger Grund zum Beitritt in die EOG war. Vielmehr müssen die Basis-Anforderungen erfüllt sein. Für uns ist zudem die internationale Perspektive und Vernetzung sehr interessant, weil man merkt, dass man national nicht mehr so weiterkommt. Das betrifft vor allem den EU-Binnenmarkt. Darüber hinaus halten wir es für wichtig und interessant, eine Datenbank zu bekommen hinsichtlich Marktentwicklung, Vertriebskanälen, Sortimenten usw. Ganz entscheidend ist aber auch der Austausch zwischen den Beteiligten und dabei auch mal Diskussionen über das Tagesgeschäft hinaus zu führen.

Mark Held Unsere Branche ist doch sehr attraktiv und da gibt es natürlich eine Menge Mitspieler. Zum einen will die Sport- und Modeindustrie ein Stück vom Kuchen und darüber hinaus stehen wir auch noch im Wettbewerb zu sozialen und technologischen Veränderungen. Wenn man das bedenkt, meine ich, unsere größte Herausforderung ist es doch, junge Leute vom PC-Bildschirm oder Mobiltelefon wegzubekommen und für das große Thema Outdoor zu begeistern. Also sicherzustellen,

dass die Gruppe der aktiven Outdoor-Fans wächst – das ist doch in unser aller

Interesse. Aus diesem Grund sollten wir als Industrie vorangehen und immer Vorreiter sein in Sachen Nachhaltigkeit mit entsprechender unternehmerischer sozialer Verantwortung und darüber hinaus. Noch einmal: Lassen wir doch so etwas wie Ettiketierung und Wettbewerb untereinander mal vergessen und konzentrieren uns auf den Druck und die Herausforderungen, denen wir zweifelsohne gegenüberstehen.

Ralf Kindermann Wie schon gesagt: Die Stärkung und die Steigerung der Bedeutung aller Outdoor-Aktivitäten im Bewusstsein unserer Kunden und der gesamten Bevölkerung. Dazu eine positive und dynamische Lobbyarbeit bei Verbänden, Institutionen, Banken, Versicherungen, Regionen, Städten, Gemeinden, Regierungen, der Erhalt und Ausbau einer modernen Branchen- und Kommunikationsplattform für Marktteilnehmer aus Industrie und Handel über den Tellerrand hinaus, der Austausch von Marktinformationen und Marktdaten mit dem Ziel eines besseren und transparenteren Kunden- und Marktverständnisses und eine gebündelte Interessenvertretung der Outdoorbranche über Wertschöpfungsgrenzen hinweg im Interesse aller Marktteilnehmer. Kurz gesagt: Die Schaffung der Basis für ein weiterhin substantielles Branchenwachstum auf allen Ebenen und mit vereinten Kräften.

Wie viele weitere Händler als EOG-Mitglieder sind noch denkbar? Nach welchen Kriterien wird in

Zukunft ausgesucht oder vorgeschlagen?

Ralf Kindermann Das festzulegen ist Aufgabe des Vorstandes der EOG, aber wir sind immer offen für neue Mitglieder, wir sind ja schließlich auch ein Neumitglied.

Mark Held Zunächst möchte ich betonen, dass

die Kriterien für alle Mitglieder gleich sind, unabhängig davon, ob sie Händler oder Hersteller sind. Unser unabhängiges Komitee schaut sich alle Bewerbungen an und wenn eine Mindestgröße an Umsatz für die Teilnahme spricht, dann sind alle weiteren Kriterien qualitätsentscheidender Natur: Etwa, ob man die gleiche Begeisterung und Ziele für die Branche und für die Gruppe zeigt. Und natürlich überlegen wir auch, wie deren Stellung innerhalb der Industrie ist.

Manche neuen Mitglieder sind sehr internetaffin. Gab es einen bestimmten Grund dafür, genau solche Händler aufzunehmen, beziehungsweise für die Händler, sich bei der EOG zu bewerben?

Ralf Kindermann Auch diese Frage muss wohl eher der Vorstand der EOG beantworten, aber ich finde die Entscheidung sehr umsichtig. Da der Onlinehandel mehr und mehr an Bedeutung in unserer Branche gewinnt, kann ich die Entscheidung sehr gut nachvollziehen. Für uns war klar, wenn sich die EOG öffnet, sind wir dabei. Wir möchten uns auch über das Tagesgeschäft hinaus für das Branchenwachstum engagieren und dafür ist die EOG die beste Plattform.

Mark Held Bis jetzt beteiligen sich 15 Händler an der EOG, die Mehrheit davon operiert im Bereich Multichannel. Daher stimmt die Fragestellung so nicht. Wie ich bereits zuvor betont habe, konzentrieren wir uns dabei auf die Qualität der jeweiligen Mitglieder und nicht auf deren Art der Vertriebskanäle.

Welche Chance hat die EOG in dieser Konstellation, zum Beispiel, beruhigend auf das Preisniveau einzuwirken, beziehungsweise den Markt zu steuern?

Mark Held Lassen Sie mich betonen: Die EOG hat absolut nichts zu tun mit Marktsteuerung oder gar einer Einflussnahme auf irgendeine Art von Preisgestaltung. Abgesehen davon, dass das illegal wäre, sehen wir uns als EOG prinzipiell als wettbewerbsfreie Organisation.

Ralf Kindermann Ich denke nicht, das dies zu den Zielen und Aufgaben der EOG zählt. Das wird im Markt ausgetragen – entscheiden tun das unsere Endkunden und der freie Markt.

Matthias Gebhard Ich sehe da zum einen keinen Zusammenhang zwischen den Vertriebskanälen und den Preisen, so wie das hier jetzt konstruiert wird. Dazu kann ich auch nichts sagen, das muss man die EOG fragen. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien das Auswahlverfahren lief.

Wo liegen für Sie die dringendsten Probleme, die jetzt gemeinsam angepackt werden müssen?

Mark Held Ich möchte das kurz und knapp zusammenfassen: Wir wollen Regierungen, ob auf nationaler oder EU-Ebene, klar die Möglichkeiten aufzeigen, welchen Einfluss die Outdoor-Industrie auf die Gesellschaft nehmen kann hinsichtlich

physischer und psychologischer Gesundheit.

Außerdem geht es darum, die wirtschaftlichen Chancen, die im Outdoor-Business stecken, aufzuzeigen und das auch für weiter außenstehende Wirtschaftspartner.Ich will zudem noch einmal betonen, wie wichtig es ist, immer mehr Leute dafür zu gewinnen. Wir müssen weiter hart daran arbeiten, dass wir unseren sozialen und rechtlichen Verpflichtungen so gut wie möglich nachkommen und im besten Fall sogar vorausblickend und immer als Vorreiter nach vorne gehen. Wir sollten außerdem dafür sorgen, immer die aktuellsten Marktdaten zur Verfügung stellen zu können, auf denen wir dann unsere Entscheidungen treffen. Und: Wir müssen die Industrieteilnehmer dabei unterstützen, wenn sie neue Erfahrungen teilen und daraus lernen können. Falls das noch nicht wirklich deutlich geworden ist: Diese verschiedenen angesprochenen Punkte betreffen nicht nur die EOG-Mitglieder, sondern die sind entscheidend auch für die gesamte Outdoor-Branche. Genau deshalb ist es wichtig, dass Hersteller und Händler zusammenarbeiten, um die Dinge zum Besseren zu führen.

Mattias Gebhard Zum Preisniveau noch einmal, ich kenne ja die Vorurteile: Es ist schon wichtig zu betonen, dass es nicht Aufgabe einer Branchenvertretung sein kann, den Markt in irgendeiner Form zu steuern. Das möchte ich klar festhalten. Ich halte diese Preisthematik auch für ausgesprochen taktisch. Das ist kein strategisches Thema. In bin überzeugt davon, das hat auch nichts mit irgendwelchen Vertriebskanälen zu tun. Das ist meine persönliche Meinung. Ich glaube außerdem, dass sich Handel und Handelslandschaften immer schon verändert haben. Sonst hätten wir heute noch eine Handelslandschaft wie vor 15 Jahren. Die Herausforderungen für jeden ist doch, diese Veränderungen mitzugestalten und Anpassungen vorzunehmen. Mein Geschäftsmodell muss sich letztendlich an die Veränderungen im Markt anpassen.Also Fazit:

Diese Plattform ist hochinteressant, wir wollen da rein und wir wollen mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Alles weitere muss man sehen.

Ralf Kindermann Probleme sehe ich gar keine – höchstens Chancen und Herausforderungen und die habe ich schon genannt. Aus meiner Sicht ist aber das größte gemeinsame Interesse, das Branchenwachstum und die Marktdynamik anzuregen und zu fördern. Wenn uns das gelingt, haben alle etwas davon und noch lange viel Spaß und Erfolg in einer modernen Wachstumsbranche, von der andere Industrien nur träumen können.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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Autor: Nicolas Kellner

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 09 / 2015