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Made in Germany: „Nachhaltiges Handeln hat sich in der Pandemie ausgezahlt.“

  • Ralf Kerkeling
  • Dienstag | 22. Juni 2021  |  10:43 Uhr
Das Spezialgebiet von Ortlieb liegt in der Herstellung von wasserdichten Rucksäcken und Rad-Taschen. Hier zählt die Firma aus Heilsbronn zu den führenden Herstellern weltweit. Einer der Erfolgsfaktoren liegt in einem lokalen Netzwerk, wie uns der Geschäftsführer Jürgen Siegwarth im Gespräch erläuterte.
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Für Ortlieb-Geschäftsführer Jürgen Siegwarth liegt ein wesentlicher Erfolgsfaktor für einen heimischen Produktionsstandort, in einem europäischen Einkauf.
© Ortlieb

sportFACHHANDEL: Was ist das Gütesiegel Made in Germany tatsächlich wert?

Jürgen Siegwarth: Das Siegel gilt dem Konsumenten als Qualitätsmerkmal. Durch diese Klassifizierung bekommt ein Produkt einen anderen Stellenwert. Ich würde sogar sagen, dass das Ansehen des Siegels in den letzten Jahren weiter gestiegen ist. Ortlieb hat sich für „Made in Germany“ immer stark gemacht. Auch innerhalb des BSI (Bundesverband der deutschen Sportartikelindustrie, die Red.) gab es zeitweise eine Arbeitsgruppe, die sich für das Siegel eingesetzt und Firmen ermuntert hat, dieses zu verwenden. Der Verbraucher spiegelt uns diese Wertigkeit ebenfalls wieder.

Was muss auch Ihrer Sicht getan werden, um den deutschen Produktionsstandort zu stärken? Wieviel „Made in Germany“ steckt in Produkten der Firma Ortlieb?

Es geht hierbei um ein klares Bekenntnis zu einer Produktion in Deutschland und Europa. So stellt Ortlieb nahezu einhundert Prozent seiner Produkte in Deutschland her. Um es genauer zu spezifizieren: Etwa 75 Prozent des verwendeten Materials kommt aus Deutschland oder Europa. Es gibt einige wenige Nähteile, die wir noch aus Asien beziehen. Aber an dieser Stellschraube versuchen wir uns zukünftig anders auszurichten. Wir sind auf der Suche nach Partnerfirmen in Osteuropa, um auch diesen Produktionsschritt näher an uns heranzuholen. Aus unserer Sicht liegt ein wesentlicher Erfolgsfaktor in einem nationalen bzw. europäischen Einkauf. So sind in unserer Nähe viele Lieferanten angesiedelt. Diese Partnerfirmen haben wir uns über Jahre gesucht und ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut. Die Idee dahinter war es, möglichst kurze Wege in den Produktionsprozess zu integrieren. Um ein konkretes Beispiel in puncto Nähe zu nennen: Ein Hersteller von Kunststoffteilen liefert seine Ware per Elektrostapler aus der Nachbarschaft bei uns an. Durch lokale Strukturen lässt sich ein Standort stärken. Auch Investments in Ausbildung, Fachkräfte und den Produktionsstandort mit seinen Maschinen tragen wesentlich dazu bei, einen Standort auf Dauer stark halten zu können.

War es zu Beginn schwierig, entsprechende lokale Zulieferer zu finden?

Ortlieb feiert nächstes Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Wir haben mit der Zeit ein gutes Netzwerk in Deutschland aufbauen können. Aber zu Beginn war es herausfordernd, entsprechende Firmen zu finden, ja. Im Laufe der Jahre haben sich Zulieferer jedoch dementsprechend auf uns eingestellt. Dadurch, dass wir alles selber entwickeln, bedarf es gewisser Spezifikationen und spezieller Werkzeuge. Es ist immer ein Geben und Nehmen und so sind die Zulieferfirmen mit uns gewachsen. Wenn ich mich als verlässlichen Partner präsentiere, stärkt dies letztlich auch die Zulieferer. Und damit sind wir immer gut gefahren.

Somit werden neben den produzierenden Schritten auch sämtliche Innovationen am Hauptstandort entwickelt?

Unsere Ressourcen sind am Firmensitz sehr stark gebündelt. Entwicklung, Produktion, Logistik und Verwaltung liegen in Heilsbronn. Wir entwickeln nahezu alles selber. Dies reicht bis in den Bereich der Maschinen-Herstellung hinein, die für die Produktion benötigt werden. Diese werden von uns vor Ort durch Ingenieure konstruiert und durch unsere Maschinenbauer gefertigt.Unserem Firmengründer Hartmut Ortlieb war es immer wichtig, dass die Entwicklung nicht ausgelagert wird. Er möchte die einzelnen Entwicklungsschritte sehen und darauf einwirken können. Für Herrn Ortlieb stand somit nie zur Debatte, Firmen-Know-How, Innovation und auch wichtige Produktionsschritte nach Asien auszulagern. Die einzige Ausnahme stellen die bereits angesprochenen Nähteile aus Asien dar. In der Stückzahl, in der wir diese benötigen, gibt es momentan niemanden, der dies erreichbar nah übernehmen könnte. Aber wir sind optimistisch, diesen Partner zukünftig in Osteuropa zu finden.

Wo sehen Sie für Ortlieb die Vorteile bei einer Produktion in Deutschland und Europa?

Alleine die Planung ist eine ganz andere, als wenn beispielsweise in Asien produziert wird. Der Vorlauf dort ist wesentlich größer. Am Standort in Deutschland haben wir alles unter einem Dach, bieten moderne Produktionsstätten und können gute Arbeitsbedingungen schaffen. Innerhalb der Produktion, sowie in der Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern, sind wir weitaus flexibler und können schneller reagieren. Gerade in der aktuellen Zeit ein wesentlicher Vorteil, wo es doch zu vielen Problemen in puncto Lieferbarkeit bei Materialien und Produkten aus Asien gekommen ist. Wir bei Ortlieb leben „Made in Germany“. Der grundsätzliche Gedanke, größtmöglich in Deutschland zu produzieren, zahlt sich momentan noch mehr aus. Sicherlich wird die Pandemie für die ein oder andere Firma aus Deutschland einen gedanklichen Wendepunkt darstellen.

Welche Schlüsse hat Ortlieb aus der globalen Krise und den Shutdowns gezogen?

Wir haben die Produktion während der gesamten Pandemie zu keiner Zeit heruntergefahren. Auch Innen- und Außendienst waren durchgehend ansprechbar, alles natürlich mit entsprechenden Anpassungen. Ich würde sogar soweit gehen, dass wir die Nähe zum Handel verstärkt haben. Uns war es wichtig, die Problematik der Händler zu verstehen, schnell entsprechende Weichen zu stellen, um auch helfen und beraten zu können. Daraus ergaben sich dann Lösungen wie das Verschieben von Lieferterminen. Zusätzlich haben wir Durchläufer angeboten und Anfang des Jahres keine Neuheiten auf den Markt gebracht, werden dies aber im Sommer nachholen. Um auf Lieferengpässe bei Händlern besser reagieren zu können, haben wir darüber hinaus Sicherheitsbestände aufgebaut. Dieser Gedanke ergab sich aus einem wahrhaftigen Run auf die Fachhändler, sobald diese im letzten Jahr öffnen durften.

Gleichzeitig haben wir die Zeit genutzt, um viele Prozesse zu hinterfragen, neu zu gestalten. Auch zu den Zukunftsthemen Digital und Logistik haben wir uns weitergehende Gedanken gemacht. Dies gehen wir sehr aktiv an. So haben wir unter anderem ein eigenes Videostudio eingerichtet und bieten Schulungs-Webinare für den Handel an. Hier verzeichnen wir bereits einen erfreulich großen Zuspruch. Auch die Produktion soll zukünftig digitaler werden, um die Automatisierung voranzutreiben. Hier liegen die Schwerpunkte auf der Planung und Steuerung von operativen Prozessen (APS), die Digitalisierung der Intralogistik, der Produktionsplanung und des Steuerungsprozesses. Das wichtigste Gut ist und bleibt für Ortlieb jedoch der Händler und insbesondere eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Kollegen des Fachhandels.

Uns ist aber auch die Lage unserer Mitarbeiter, gerade während der Shutdowns, sehr bewusst. Job und Familie unter einen Hut zu bringen, ist mitunter eine große Herausforderung. Unsicherheiten und Ängste in Zusammenhang mit der Pandemie spielen dabei eine große Rolle. In der Geschäftsleitung sind wir somit zusätzlich gefordert, vorausschauend zu planen. Dazu gehört ein Entzerren der Produktion, der Büros, das Besorgen von Masken und vieles mehr, um den Mitarbeitern möglichst viel Unterstützung und Tests zu bieten.

Aktuell beruhigend für uns: Wir stehen in der Krise gut da, profitieren momentan vom Radboom. Aber das Thema Rad wird sich auch in Zukunft im Rahmen des Umdenkens beim Thema Mobility gut entwickeln. Nehmen wir z. B . die IAA. Ein Aushängeschild für den deutschen Automobil-Bereich. Hier wird es ab diesem Jahr einen großen Ausstellungs-Bereich zum Thema Rad-Mobilität geben. Das zeigt, wie wichtig das Thema geworden ist. Für uns ein Ansporn, weiter in den Standort zu investieren.

Wie ist es um Made in Europe als einheitliches starkes Bündnis auf dem Weltmarkt bestellt? Kann es einen gemeinsamen europäischen Gedanken geben?

Es gibt aktuell sicherlich keinen Gleichklang, wenn man die Siegel „Made in Germany“ und „Made in Europe“ vergleicht. Um diesen zu erzielen, müsste noch viel daran gearbeitet werden.

Sollte dieser Gedanke denn forciert werden?

Ein wichtiges Thema, ja. Ich denke, dass daraus Vorteile erwachsen können.Von Seiten des BSI gibt es bereits Gespräche zum Thema „Made in EU“.

Welche Vorteile ergeben sich in puncto Ressourcenschonung und Umweltbewusstsein aus einer Produktion in Deutschland?

Für uns steht die Langlebigkeit der Produkte im Vordergrund. In diesem Zuge lässt sich unser erfolgreich laufender Reparaturservice nennen. Endverbraucher treten über den Handel mit uns in Kontakt,um liebgewonnene Radtaschen reparieren zu lassen, Taschen, mit denen z. B. Reiseerinnerungen verbunden sind. Diesen Bereich bauen wir verstärkt in den verschiedenen Ländern aus, auch um weite Paketwege zu vermeiden. So unterstützen wir zudem lokale Partner in den jeweiligen Ländern.

Wie könnte eine Zukunftsvision im globalen und europäischen Handel aussehen?

Gerade aktuell ein sehr spannendes Thema. Durch die Corona-Problematik hat sich doch sehr vieles verändert. Der Handel und die Industrie müssen gemeinsam schauen: Wo geht der Weg hin, wo steht der Fachhändler aktuell? Denn schließlich wird Online-Handel, digitaler Markenprozess und Digitales allgemein, immer wichtiger. Dieses Thema bringt zusätzlich eine große Dynamik mit sich und hat gerade im letzten Jahr enorm an Fahrt aufgenommen. Eine persönliche fachliche Beratung und ein Produkt in die Hand nehmen zu können bleibt wichtig. Das wird meiner Meinung nach auch wichtig bleiben. Dennoch stehen die Fachhändler unter dem Druck, sich im digitalen Bereich weiter entwickeln zu müssen. Beratung und Service werden jedoch auch zukünftige Stärken des stationären Handels sein. Wir als Marke unterstützen den Handel hier natürlich, indem wir den Händlern unsere Markenplattform zur Verfügung stellen.

Interview: Ralf Kerkeling

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Autor: Ralf Kerkeling

Chefredakteur