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"Leben steht auf dem Spiel"

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 08. April 2020  |  12:03 Uhr
Die Fair Wear Foundation, die sich für faire und menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der weltweiten Textilindustrie einsetzt, sieht in der aktuellen Corona-Pandemie "das Leben von Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern in den Textilfabriken in aller Welt" und die Menschenrechte in der Bekleidungsindustrie in Gefahr.
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Die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus’ trifft die Zulieferketten der Textilindustrie im Kern. Internationale Bekleidungsmarken haben große Schwierigkeiten, Geschäftsprozesse und Vertrieb am Laufen zu halten. Am anderen Ende der Lieferkette, in der Produktion, sind die Auswirkungen verheerend. Tausende von Fabriken in den Herstellungsländern haben teils geschlossen; Millionen von Fabrikarbeiterinnen und -Arbeitern wurden nach Hause geschickt. Die meisten von ihnen haben kein Einkommen, um ihre Familien in der Krise zu ernähren und vor Infektionen zu schützen.

“Das Leben von Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern in den Textilfabriken in aller Welt steht auf dem Spiel", sagt Fair Wear-Direktor Alexander Kohnstamm. “Es ist notwendig, dass alle Akteure der Bekleidungsindustrie während dieser Krise zeigen, wie verantwortungsvolles Unternehmentum aussieht.” Dazu hat die Fair Wear Foundation ein Dossier mit Handlungsempfehlungen auf ihrer Website veröffentlicht, als Wegweiser für Bekleidungsmarken in der Corona-Krise.

Modemarken sollen keine Produktionsaufträge stornieren

Das Dossier der Fair Wear Foundation enthält u.a. die Leitlinien für verschiedene Produktionsländer sowie Berichte über die Auswirkungen von Corona auf den Textilsektor. Im Fokus steht der Abschnitt mit konkreten Handlungsempfehlungen für Textilmarken in Zeiten der Krise. Fair Wear fordert von der Branche, nahezu versandfertige Bestellungen in den Produktionsländern nicht zu stornieren und sowohl bei etwaigen Änderungen und Verzögerungen bei der Herstellung als auch bei Anlieferungsterminen flexibel zu sein.

“Während dieser Menschenrechtskrise ist es wichtiger denn je, dass Fair Wear ihre Mitgliedsmarken dabei unterstützt, ihre Verpflichtungen gegenüber den Beschäftigten in Textilfabriken einzuhalten", so Fair Wear-Direktor Kohnstamm. “Wir sind uns gleichwohl bewusst, dass Modemarken und Händler ebenso vor schwierigen Zeiten stehen. Es ist klar, dass das Ausmaß und die Tragweite dieses Ausbruchs über die Macht einzelner Akteure hinausgeht.” Deswegen müssten die Regierungen in den Produktionsländern die soziale Sicherheit der Beschäftigten gewährleisten, so Kohnstamm. “Entscheidend ist, dass die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen der europäischen Regierungen auch die Millionen von Menschen berücksichtigen, die weltweit unsere Kleidung herstellen".

Abhängigkeit von Modemarken und Textilfabriken

Die Fair Wear Foundation steht ständig im Austausch mit gleichgesinnten Organisationen. “Diese Krise macht deutlich, wie verletzlich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der globalen Wertschöpfungskette sind”, so Kohnstamm. In Zeiten von Corona zeige sich, “wie sehr wir voneinander abhängig sind: Denn wenn das Geschäft wieder anzieht, könnten viele der Fabriken, auf die die Marken angewiesen sind, ihre Produktion aufgegeben haben.” Es sei menschlich als auch geschäftlich notwendig, faire Preise und existenzsichernde Löhne in der weltweiten Textilindustrie als selbstverständlich zu etablieren. „Das muss unserer Auffassung nach das „new normal“ in der Branche werden“, so Kohnstamm. “Unsere Mitgliedsmarken tun bereits sehr viel. Wir von Fair Wear unterstützen sie bei ihren Bemühungen für den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Menschenrechte. Sie führt uns schonungslos vor Augen, dass die Textilindustrie verändert werden muss”, hebt Alexander Kohnstamm abschließend hervor.

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur