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Fabian Hambüchen: "Turnen verdient mehr Wertschätzung!"

  • Marcel Rotzoll
  • Freitag | 02. Juni 2017  |  15:38 Uhr
Turnen ist Volkssport. Gleichzeitig mangelt es dem Sport im Fußballland Deutschland an medialer Aufmerksamkeit. sportFACHHANDEL sprach mit Turner-Aushängeschild Fabian Hambüchen über Turner-Nachwuchs, die Treue zu seinem Ausrüster Erima und neue Pläne nach dem Karriereende.

Interview: Marcel Rotzoll

sportFACHHANDEL: Herr Hambüchen, Sie wurden kürzlich an der Schulter operiert. Was ist passiert? Wie geht es Ihrer Schulter nach der Schulter-OP?

Fabian Hambüchen: Ich habe mir bereits vor Rio die Supraspinatussehne an der rechten Schulter gerissen – allerdings ohne es zu wissen. Nach Rio wurden die Beschwerden wieder stärker, sodass ich mich nochmal habe untersuchen lassen und dann die Diagnose erhielt. Jetzt nach der OP fühle ich mich super – es ist aber noch ein längerer Weg in der Reha bis ich wieder 100% fit bin.

sportFACHHANDEL: Sie hatten nach Ihrem Olympiatriumph in Rio dafür gesorgt, dass das Reck, an dem Sie Gold gewannen, in Wetzlar aufgestellt wird. Haben sich die Nachwuchsturner schon dran getraut?

Erima
Fabian Hambüchen ist die prägende Gestalt des Turnsports in Deutschland und krönte bei Olympia in Rio seine einzigartige Karriere.
© Erima

Fabian Hambüchen: Ja natürlich – wir haben ein schönes PR-Event daraus gemacht und an dem Tag sind schon einige direkt ans Goldreck ran. Das war ein toller Tag und das Reck wird täglich von allen genutzt.

sportFACHHANDEL: Turnen ist Volksport. Der Deutsche Turner-Bund ist mit Abstand der zweit-mitgliederstärkste Sportverband Deutschlands. Nervt es Sie, dass Turnen in der öffentlichen Wahrnehmung so stiefmütterlich behandelt wird?

Fabian Hambüchen: Nerven ist das falsche Wort – es ist einfach traurig, dass Turnen nicht die Wertschätzung bekommt, die es verdient hat. Turnen ist eine der anspruchsvollsten und schwierigsten Sportarten überhaupt – kein Fußballer würde eine Woche unser Training durchhalten. Deswegen hoffe ich jetzt auch, nach meiner Karriere noch mehr für das deutsche Turnen herausholen zu können – das ist meine neue Vision.

sportFACHHANDEL: Wie ist es in Deutschland um Turner-Nachwuchs bestellt?

Fabian Hambüchen: An Kindern mangelt es nicht – dieses Jahr steht das Deutsche Turnfest in Berlin an und da kann man wieder einmal gut erkennen, wie viele turnbegeisterte Menschen es in Deutschland gibt. Die Frage ist nur, wie die Talente entdeckt und gefördert werden. Da versagt unser Sportsystem zurzeit.

sportFACHHANDEL: Aktuell eröffnen in Deutschland immer mehr Trampolinhallen. Ist das nur ein Trend oder der Beginn einer nachhaltigen Entwicklung?

Fabian Hambüchen: Kann ich schwer einschätzen. Erstmal ist es ein Trend, aber es wäre natürlich überragend, wenn sich dieses Projekt etabliert und darüber noch mehr Kinder schnell Lust aufs Turnen bekommen.

sportFACHHANDEL: Was müsste sich ändern, damit Turnen mehr mediale Aufmerksamkeit erfährt?

Fabian Hambüchen: Es gibt kein Muster X, das dies versprechen würde. Aber ich denke, man müsste die Möglichkeiten, die es gibt, viel mehr ausschöpfen und das richtige Marketingkonzept anwenden.

sportFACHHANDEL: Die großen, globalen Sportkonzerne ziehen sich mehr und mehr aus der Unterstützung des Breitensports zurück. Gilt das auch für das Turnen?

Fabian Hambüchen: Ich hoffe nicht. Turnen ist eine Volkssportart in Deutschland und darf keinerlei Unterstützung verlieren.

sportFACHHANDEL: Interessieren sich die großen Sportmarken überhaupt noch für das Turnen? Oder geht es nur darum, potentielle Olympiasieger auszustatten?

Fabian Hambüchen: Turnen ist sicherlich nicht uninteressant für die Wirtschaft, aber das Problem ist, dass es ja auch von ganz oben immer nur um Medaillen geht. Sport vermittelt viel mehr Werte als nur die Goldmedaille – egal ob Spitzen- oder Breitensport. Der Sport gibt einem so viel und daran sollten sich ALLE orientieren.

sportFACHHANDEL: Wie abhängig sind Spitzenathleten im Turnen von lukrativen Ausrüsterverträgen?

Fabian Hambüchen: Hängt immer davon ab, welcher Weg eingeschlagen wird. Wenn man bei der Bundeswehr oder der Polizei ist, hat man ein geregeltes Gehalt, wovon man soweit auch leben kann. Wenn man aber wie ich ohne diese Institutionen seinen Weg gehen will, ist man definitiv von seinen Sponsoren und Partnern abhängig – und natürlich auch vom Erfolg. Kaum ein Unternehmen nimmt Athleten ohne Erfolg auf.

sportFACHHANDEL: Als einer der erfolgreichsten, vor allem aber als der bekannteste Turner Deutschlands dürften Sie sicher das eine oder andere lukrative Angebot von großen Sportmarken erhalten haben. Warum sind Sie während Ihrer gesamten Karriere Ihrem Ausrüster Erima treu geblieben?

Fabian Hambüchen: Das Wort „treu“ beantwortet schon die Frage. Selten gibt‘s Partner, die einen egal in welcher Phase weiter unterstützen. Erima war mit mein erster Sponsorenpartner und wir haben uns gegenseitig ganz nach vorne gebracht. Ich war ein kleiner Turner und Erima ein noch recht kleines Unternehmen. Und jetzt sind wir beide ziemlich groß und halten immer noch zusammen. Das zeichnet uns aus und somit sind wir uns immer treu geblieben.

sportFACHHANDEL: Wie wichtig war die Unterstützung durch einen Ausrüster wie Erima?

Fabian Hambüchen: Super wichtig! Ohne die Förderung durch die Bundeswehr oder Polizei bin ich auf meine Partner angewiesen. Und wie bereits erwähnt, ist Erima mir immer treu geblieben und ich konnte mich dadurch voll auf den Sport konzentrieren. Erima hat somit einen großen Anteil an meinem sportlichen Werdegang.

sportFACHHANDEL: Als langjähriger Erima-Partner haben Sie auch viele Sportfachhändler kennengelernt. Welche Begegnung ist ihnen dabei besonders in Erinnerung geblieben?

Fabian Hambüchen: Es ist immer ein tolles Team – jeder, der mit Erima zusammenarbeitet, hat etwas auf dem Kasten und es macht einfach total viel Spaß, mit diesen Leuten zu kooperieren. Die Begegnungen mit den Fachhändlern sind immer besonders und man lernt tolle Menschen kennen.

sportFACHHANDEL: Turnen war für Sie während Ihrer Karriere ein Fulltime-Job. Haben Sie nun nach dem Karriereende mehr Freizeit? Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Fabian Hambüchen: Jeder denkt, dass ich dann mehr Freizeit hätte, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ich habe mehr Zeit, um Termine wahrzunehmen und mit meinen Partnern zu arbeiten. Insofern ist mein Kalender weiterhin vollgepackt.

sportFACHHANDEL: Auch die Partnerschaft mit Erima wurde über das Karriereende hinaus verlängert. Welche gemeinsamen Projekte planen Sie? Fabian Hambüchen: Es gibt so einiges, was wir machen können – primär muss ich meine Schulter erstmal fit kriegen, aber ich werde schon direkt beim Turnfest für Erima wieder im Einsatz sein und danach kommen neue Aufgaben auf uns zu. Zu den Fachhändlern, in die Vereine usw. Es gibt immer was zu tun.

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 07 / 2017