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Wirtschaften fürs Gemeinwohl

  • Marcel Rotzoll
  • Freitag | 07. September 2018  |  09:49 Uhr
Schließen sich nachhaltiges Wirtschaften und unternehmerischer Erfolg aus? Nein, sagen die Verfechter der Gemeinwohl-Ökonomie. Dazu müsse aber das Gemeinwohl im Mittelpunkt des Wirtschaftens stehen und nicht allein der Profit. Taugt der Ansatz auch für den Sportfachhandel?

Der Sportfachhandel kämpft mit einer ganzen Reihe von Problemen: Hohe Steuer- und Abgabenlasten, die durch Digitalisierung und dem sich ändernden Konsumentenverhalten ausgelösten rasanten Marktveränderungen, der extrem hohe Wettbewerbsdruck, disruptiv agierende Marktteilnehmer, die Aushöhlung der Partnerschaft zwischen vielen Lieferanten und dem Handel, der Azubi-Misere, den Schwierigkeiten bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern oder auch die teils dramatische Nachfolgeproblematik. Jedes einzelne dieser Probleme ist für sich genommen schwerwiegend. In ihrem Zusammenspiel jedoch, das sich in den vergangenen Jahren immer mehr abzeichnete und nun akut ist, rütteln diese Herausforderungen an den Grundfesten der Branche.

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Antje von Dewitz will den Unternehmenserfolg auch nach dessen Verantwortung für Mensch und Umwelt bemessen und die wahren Kosten für die eigenen Produkte berücksichtigen.
© Vaude/Winfried Heinze

Einige sehen darin den sich abzeichnenden Untergang des traditionellen inhabergeführten Fachhandels, der sich nicht schnell genug an neue Gegebenheiten anpassen könne. Andere glauben an eine notwendige Konsolidierung der Handelslandschaft. Wieder andere sehen in vielen dieser Probleme aber auch die Symptome eines Wirtschaftens, das ausschließlich am größtmöglichen Profit orientiert ist. „Unser Wirtschaftssystem geht in die falsche Richtung“, kommentiert beispielsweise Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz. „Unternehmen sollten nicht nur nach ihrem finanziellen Erfolg bewertet werden. Sie sollten auch daran gemessen werden, inwieweit sie Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen und die wahren Kosten für ihre Produkte berücksichtigen.“ Worauf Antje von Dewitz hier anspielt ist zunächst die eigene Gemeinwohlbilanz, die Vaude zuletzt zum zweiten Mal vorgelegt hatte. Die Gemeinwohlbilanz wiederum ist ein Instrument der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die sich auf die Fahnen geschrieben hat, ein Wirtschaftssystem zu etablieren, das auf gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut ist.

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Nicht allein der Profit, sondern vielmehr das Gemeinwohl soll im Mittelpunkt des Wirtschaftens stehen, propagiert die Gemeinwohl-Ökonomie.
© bessi7 - Fotolia
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Wettbewerb ist sinnvoll, ebenso wie Kooperation, ist GWÖ-Aktivist Gerd Hofielen überzeugt.
© Gerd Hofielen

Am Anfang der Gemeinwohl-Ökonomie stehe, so Gerd Hofielen vom Berliner Think Tank Humanistic Management Practices und aktiver Unterstützer der GWÖ, „die Überlegung, dass das derzeitige Wirtschaftssystem uns die Krisen beschert hat, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind. Dem will die Gemeinwohl-Ökonomie einen anderen, eben am Gemeinwohl orientierten Ansatz, entgegenstellen.“ Weil der Wert eines Unternehmens ausschließlich mit Blick auf den oder die Eigentümer gesteigert werde, würden die Interessen der Ökosysteme, der Lieferanten, der Mitarbeiter und auch der Kunden vernachlässigt. Die GWÖ hingegen sei ein Ansatz, „den Blick zu weiten über den finanziellen Erfolg hinaus auf die Belange der Stakeholder des Unternehmens, die für die Wertschöpfung des Unternehmens essenziell wichtig sind. Es geht bei der Gemeinwohl-Ökonomie also nicht nur um die Interessen der Geldvermehrung, sondern auch um die Fragen, wie man die Waren so einkaufen kann, dass alle Beteiligten, vom Produzenten über die Lieferanten und die Händler bis zum Konsumenten Vorteile haben und sich ökologisch und fair verhalten können.“ Deshalb versuche die GWÖ, die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten. Die Beziehungen zu den eigenen Kunden und Lieferanten rückten deshalb stärker in den Vordergrund. Der Fokus eines Unternehmens liege so nicht mehr ausschließlich auf dem Finanziellen, sondern viel stärker auf der Qualität der Beziehungen zu den Partnern entlang der Wertschöpfungskette.

Ein Ansatz, der auch von Konsumenten immer stärker goutiert würde, so Gerd Hofielen weiter: „Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, soziale Arbeitsbedingungen sind uns allen geläufig. Und es gibt in der Tat Kunden, die bereit sind, für ethische und nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen. Das gilt für ca. fünf bis zehn Prozent der Kunden. Hinzu kommen die Menschen, die für diese Hinweise empfänglich sind und gelegentlich solche Produkte kaufen und honorieren, wenn ein Händler die Themen Ökologie und Sozialstandards in seinem Geschäft abbildet. Natürlich erfordert es immer wieder einer Gratwanderung des Händlers, wie viele nachhaltige Waren er in sein Sortiment aufnimmt. Aber langfristig macht es aus meiner Sicht Sinn, diese Strategie umzusetzen, weil diese Kundengruppen, die sich für nachhaltige Waren und Produktion interessieren, eher wachsen als schrumpfen.“

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Lisa Fiedler aus der Vaude-Unternehmensentwicklung beobachtet, dass immer mehr Konsumenten nachhaltig einkaufen wollen.
© Vaude

Das bestätigt auch Vaude: „Wir stellen fest“, erklärt Lisa Fiedler aus der Vaude-Unternehmensentwicklung, „dass immer mehr Konsumenten wirklich nachhaltig einkaufen wollen. Allerdings tritt dann sehr schnell die Frage auf, welche Unternehmen denn tatsächlich nachhaltig sind. Bei all den verschiedenen Siegeln und Kennzeichnungen geht da schnell der Überblick verloren. Mit einer Gemeinwohl-Bilanzierung denken wir, dass wir unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen gegenüber all unseren Kunden sehr transparent machen können.“ Vaude hat auch deshalb das Prozedere einer Gemeinwohlbilanzierung durchlaufen. Mittelständische stationäre Fachhändler tauchten dabei während der Bilanzierung als Partner und gemeinwohl-würdige Strukturen auf. Deshalb habe man sich, so Lisa Fiedler, gefragt, wie man den Fachhandelspartnern beispielsweise bei der Herausforderung Digitalisierung unterstützend zur Seite stehen könne: „Ganz bewusst haben wir uns daher dazu entschlossen, unsere Partner mit digitalen Services, wie beispielsweise der Vaude-pedia, dem Online-Zeltberater oder dem Commerce Connector zu unterstützen.“ Vaude sei darüber hinaus ein gutes Beispiel dafür, dass es bereits heute möglich sei, nach den Prinzipien der GWÖ gut zu wirtschaften und Idealismus in Realität zu übersetzen. Es gehe nicht darum, dass es keinen wirtschaftlichen Erfolg mehr geben dürfe. „Vielmehr“, kommentiert Lisa Fiedler, „wird danach gefragt, wie man diesen Erfolg im Sinne des Gemeinwohls erreicht. Profite sind dabei ein Mittel zum Zweck und nicht der Selbstzweck des Wirtschaftens. Das ist im heutigen Wirtschaftssystem leider nicht die Realität. Mehr noch, viele Kosten, die durch nicht nachhaltige Produktion entstehen, muss heute nicht der Verursacher tragen, sondern die Allgemeinheit.“ Und auch der Fachhandel, so die Hoffnung von Vaude „kann mit einer Gemeinwohl-Bilanzierung Teil der Lösung werden.“

Eine solche Gemeinwohl-Bilanzierung beleuchtet, wie die Partner des eigenen Geschäfts im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie behandelt werden und wie sie das Unternehmen wahrnehmen. Sie misst aber auch die Praktiken eines Unternehmens an ihrem Beitrag zu verschiedenen Werten. „Die meisten dieser Werte sind verfassungsmäßig verankert. Dazu gehören beispielsweise Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Transparenz oder ökologische Nachhaltigkeit“ erklärt Gerd Hofielen. So erhält der Unternehmer einen Überblick über die Stärken und Schwächen seines Unternehmens und könne punktuell Verbesserungen anstoßen. Gemeinwohl-bilanzierende Unternehmen, lautet die Erfahrung des GWÖ-Aktivisten, seien häufig „innovativer und langfristig erfolgreicher“. Die GWÖ setze darauf, „dass Wettbewerb sinnvoll ist, ebenso wie Kooperation. Gerade im Handel gibt es mit den Genossenschaften das Modell der Kooperation längst. Die Genossenschaften jedoch verstehen sich heute in erster Linie als Einkaufsverbünde, die für den Händler Vorteile beim Einkauf sichern sollen. Im Sinne der GWÖ würde es darüber hinaus auch darum gehen, immer stärker bei solchen Lieferanten einzukaufen, die ihre Mitarbeiter fair behandeln und nachhaltig produzieren.“

INFO

2.417 Unternehmen und Organisationen sind Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie, dazu über 9.600 Privatpersonen

Insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Mitglieder in vielen Regionalvereinen organisiert

Weitere Informationen zur Gemeinwohl-Ökonomie sowie zur Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz unter www.ecogood.org

Marcel Rotzoll

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 11 / 2018