• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Wintertouring: Ski-Hersteller stoßen neuen Boom an

  • Nicolas Kellner
  • Mittwoch | 25. März 2015  |  15:17 Uhr
Touring im Winter wird das dominante Thema der nächsten Ski-Saison. Was sich auf der SIA-Show in den USA im Januar andeutete, wurde auf der jüngsten ISPO noch deutlicher: Immer mehr Skifirmen kommen mit Touren-Ski für 2015/2016, darunter auch viele Newcomer.

Die etablierten Wintersportausrüster wie Salomon, Atomic, Völkl, Rossignol, Black Diamond, Elan und Dynafit beispielsweise drängen in den Markt und wollen den Handel deutlich unterstützen. Ob Crosscountry, Backcountry oder Backland – der Trend ist eindeutig und wird von den Großen jetzt kräftiger denn je unterstützt. Es gilt einerseits schwierige, wenn nicht gar rückläufige Alpinski-Umsätze aufzufangen und dem Wintersporthandel neuen Mut zu geben. Denn nach der zweiten Saison in Folge mit zu spätem Wintereinbruch denken viele Händler und setzen auf neue Entwicklungen wie zum Beispiel Tourengehen.

neuer_name

© © Atomic

Dabei ist die Abgrenzung zum Freeride, zu klassischen Skitouren oder sogar Schneeschuhlaufen nicht mehr so einfach. Mal sind die Ski breiter, mal schmaler – wichtiger ist dafür um so mehr: Die Ausrüstung muss leichtgewichtig und leicht handbar sein. Das betrifft die komplette Ausrüstung Ski, Schuh, Bindung. Dazu kommen Felle, Rucksack und Schaufel. Wintertouring führt zunächst auf die Hütte, dann folgt die Abfahrt. Nicht der Schnelligkeitsrausch ist entscheidend, sondern das Erlebnis und Spüren von Umwelt, Natur und Material. Dafür muss man nicht ganz nach oben, man braucht keinen Lift, sondern tourt durch die hügelige Landschaft mit Zeit und Muße. Skilaufen und Wandern verschmelzen. Wenn’s passt, Ski angeschnallt und ab geht es ...

Vor über 15 Jahren stieß Salomon, seinerzeit noch nicht unter dem Adidas-Dach gelandet, mit revolutionären neuen Hikingschuhen den Light-Hiking-Markt an, lange bevor die Branche jetzt von Trail-Running spricht. Ähnliches passiert gerade im Winter. Das Thema könnte also auch Light-Ski-Wandern heißen. Mit leichter, ausgereifter und hochfunktioneller Ausrüstung durch die Wälder, über Hügel und nicht immer auf reine Pisten. Der Übergang zwischen Flachland und Bergen wird fließend. Für Black-Diamond-Sprecherin Anke von Birckhahn ist die spannende Entwicklung die Fortsetzung des „Backcountry-Trends, den wir angestoßen haben“.

Die Hersteller springen darauf an.

Gewichtsoptimierung für einen leichteren Aufstieg und außergewöhnliche Wendigkeit sowie hervorragender Kantengriff für die Abfahrt lautet die Devise für Atomic. Der österreichische Hersteller hat die Backcountry-Touring-Linie um eine neue Ski-Serie erweitert – die Backland-Ski-Kollektion mit dem Drifter, Aspect und Descender. Außerdem bietet sie die passende Tracker-Bindung, spezielle Rocker-Felle und den Waymaker-Tour-Schuh. Skifahrern wird dadurch ein entscheidender Vorsprung beim Tourengehen garantiert, egal ob Anfänger oder routinierter Profi, verspricht der Wintersportausrüster. Auf der ISPO stellte Atomic dann noch überraschend erstmals eine neue entwickelte, leichtgängige Tourenbindung vor und bestätigt vorhergehende Spekulationen. Damit stösst die Amer-Tochter zielstrebig auf neues Terrain vor, was bisher meist von kleineren Anbietern wie G3 etwa angeboten und von Insidern benutzt wurde. Die Zielrichtung scheint momentan zu sein: Schwestermarke Salomon, ebenfalls zu Amer gehörig, bleibt eher Freeride-lastig, während Atomic den Tourenpart übernimmt. Ursprünglich war erwartet worden, dass Salomon ebenfalls mit einer leichten reinen Tourenbindung in den Markt kommt. „Das ist ein sehr interessantes Konzept von Atomic“, meint Skihändler Sebastian Steinbach aus München, „man darf gespannt sein, ob der Markt die Bindung annimmt“. Auch der Wintersportprofi glaubt, dass „Touring das dominante Thema in Zukunft sein wird“. Auch fast alle „neuen“ Skifirmen würde mit Tourenski kommen. „Ich denke, hier soll ein Boom angeschoben werden“, sagt Steinbach.

Das Motto wird auf jeden Fall „leicht“ sein.

Michael Schineis, Wintersportchef beim finnischen Amer-Konzern, bestätigt den Trend und die langen Vorbereitungen sowie Entwicklungen seitens Atomic und Salomon, um in diesem hochinteressanten Markt Fuß zu fassen. „Natürlich wollen wir dem Handel aber auch neue Perspektiven geben“, meint Schineis und den Endverbraucher motivieren, neue hochqualitative Produkte zu erwerben. Insgesamt könnten darüber außerdem neue Zielgruppen angesprochen und erreicht werden, glaubt der langjährige Branchenprofi.

Auch für Rossignol hat das Thema Winterwandern mit Ski eine hohe Bedeutung. „Sowohl der Bereich Skitouring als auch der Bereich XC- bzw. BC-Ski spielen für uns eine wichtige Rolle. Die beiden Bereiche sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Skitouring ist in den Bergen angesiedelt. Skiwandern mit XC- bzw. BC-Ski ist im Flachen zentral angesiedelt“, meint Hilmar Bolle, Countrymanager der Rossignol Group Deutschland. Die Chancen in dem Markt in Deutschland, aber auch für den gesamten Alpenraum sind vielversprechend. „Backcountry ist noch ein kleiner Markt in Deutschland, der aber auf alle Fälle anwächst. Der Skitouring- Bereich ist aktuell stabil beziehungsweise wächst leicht an“, sagt Bolle.

Bei Rossignol wird im Skitouring-Bereich zwischen dem Racer und dem klassischen Skitourengeher unterschieden. „Gerade der Abendaufstieg mit Stirnlampe wird immer beliebter“, weiß der Rossignol-Manager, „hier spielt vor allem der Fitnessgedanke eine ausschlaggebende Rolle“.

Die Entwicklung seitens des Handels bleibt spannend,

wenn es um neue Ansprachen und Zielgruppen geht, meint auch Bolle. „Sowohl bei den Konsumenten wie auch bei den Händlern gibt es sicherlich Möglichkeiten. Allerdings haben sich die Spezialisten in diesem Bereich bereits aufgestellt. Allgemein kann man sagen, dass die Nachfrage im Süden Deutschlands deutlich größer ist.“ Gefordert sind natürlich auch die Produktentwickler: „Im Skitouring-Bereich geht ein Trend hin zu immer leichteren Schuhen. Die Skipaletten werden immer breiter und attraktiver. Aber auch hier spielt die Gewichtsersparnis eine immens wichtige Rolle“, bestätigt der deutsche Rossignol-Chef.

Komplettanbieter wie Dynafit sind (noch) im Vorteil:

„Dynafit ist der einzige Komplettanbieter auf dem Tourenmarkt mit allen Segmenten“, erklärt Dynafit-Verkaufsleiter Schorsch Reindl. „Da wir noch in den meisten Köpfen als Hartwarenmarke verankert sind, sehen für uns noch großes Potenzial im Textilbereich, obwohl genau dieses Segment im Handel gerade etwas schwächelt.“ Aber mit der neuen Kollektion für Winter 2015/2016 werde man sicher wieder einen oder zwei Schritte weiterkommen. „Winterwandern ist für mich Schneeschuh gehen“, unterscheidet Reindl, „bei Skitouren geht es auch Vielen um die Abfahrt“. Zum „Wandern“ im hügeligen Gelände würden es dann auch breite LL-Ski tun, hier wäre dann keine Ski-Tourenausrüstung unbedingt nötig, sagt der Dynafit-Mann. Genau hier liegt die Herausforderung für den Handel.

„Für uns ist es sehr wichtig, unsere Händler mit Schulungs-Angeboten für das Verkaufspersonal zu unterstützen“, erklärt Reindl, „das Thema Skitour ist sehr komplex und kann ohne fundiertes Fachwissen nicht richtig verkauft werden“. Die Entwicklung ist für Hersteller und Handel also hochinteressant und vielversprechend. Reindl warnt aber auch vor (bekannten) Gefahren: „Durch die vielen neuen Anbieter im Bereich „ Skitour“ wird es sehr interessant, ob nicht Marktanteile über die Preisgestaltung erkauft werden – wohin, das führt hat ja die Skiindustrie schon mal vor Jahren gezeigt!“

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 04 / 2015