• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Wintersport Österreich: Flexibilität gefragt

  • Andreas Mayer
  • Dienstag | 12. April 2016  |  12:12 Uhr
Trotz der milden Temperaturen ist die Wintersaison in Österreich überraschend gut angelaufen. Im Flachland halfen Ganzjahressortimente, im Gebirge führten Kunstschneebahnen durch die grünbraune Landschaft. Das ließ zwar keine Stimmung aufkommen, aber die Tourismuszahlen waren nur leicht rückläufig. Besonders schwierig erwiesen sich die schmalen Pistenstreifen aber für Skitourengeher ….

Text: Hildegard Suntinger, Wien

Die Zahl der verkauften Skier ist zwischen dem Winter 2011/12 und 2014/15 um 16,3 Prozent auf 326.348 Paar gesunken. Die unberechenbare Wettersituation heizt die unvermeidlichen Preisschlachten noch an und machen den Ski zum „Preisartikel mit viel Beratung und wenig Marge“, wie es Bernhard Riml in Sölden formuliert. Unvermeidlich sind die Preisschlachten wegen der Konzentration im Handel und der verschiedenen Verkaufszeitfenster in Stadt und Gebirge: Neben den zwei Einkaufsgenossenschaften teilen sich drei Filialketten den Markt,. Die vorwiegend im urbanen Raum angesiedelten Filialisten starten ihre Rabatte, wenn die Saison in den Wintersportgebieten gerade erst beginnt.

neuer_name
Die Grafik zeigt die Zahl der von der Skiindustrie an den österreichischen Sportfachhandel und Skiverleih verkauften Paar Alpinski. Der jüngste Rückgang wird auf die Neustrukturierung des Marktes nach dem Wegfall der Premiumkette Eybl zurückgeführt. Gernot Kellermayr, Präsident des VSSÖ geht von einer weiteren positiven Marktentwicklung aus. Österreich bleibe der wichtigste Absatzmarkt in Europa.

Dazu kommt der zunehmende Druck aus dem Internet. Unter den bedeutenden nationalen Marktteilnehmern sind Blue Tomato, der den Jugendsektor dominiert und die preisorientierte Kette Hervis Sport, die derzeit mit Online-Kauf und Lieferung sowie Einstellung in den Filialen wirbt. Händler bedauern, dass zunehmend Kunden die Beratung stationär konsumieren, wo sie das Produkt und die Produktnummer fotografieren und dann online kaufen. Weil so Zeit und Beratungskompetenz verloren geht. Christian Sölle in Nassfeld meint, dass der stationäre Handel seine Beratungskompetenz besser rüberbringen müsse. Zitat: „Wir haben die Modelle getestet und machen faire Angebote. “ Objektiv betrachtet, gibt der Skiverkauf also keinen Grund zur Euphorie. Trotzdem will kaum ein Sportartikelhändler darauf verzichten. Manche nennen es Eitelkeit, andere wiederum sähen mit den Skiern die Sportbegeisterung von der Verkaufsfläche verschwinden. Um sich diese emotionale Haltung leisten zu können, sind intelligente Sortimentskonzepte gefragt. Die Möglichkeiten sind jedoch sehr von der Topographie abhängig.

Es waren die dritten Weihnachten in Folge ohne Schneefall. Dennoch ist der Ski- und Schneesport auch in den ostösterreichischen Sortimenten noch Hauptthema. Dass die Ware nicht liegen geblieben ist, mag punktuell am Wegfall von Eybl liegen. Der Kauf von Sport Eybl durch den britischen Diskonter Sports Direct im April 2014 hat eine Lücke in den Premiummarkt gerissen. Andreas Führer liegt mit seinen drei Intersport Filialen nördlich von Wien, wo bis in die ersten Januartage kaum eine Schneeflocke zu sehen war. Trotzdem berichtet er von einem Plus. Das führt er teilweise auf den „Eybl-Effekt“ zurück. Eine seiner Filialen liegt in Gerasdorf nahe dem ehemaligen Eybl-Standort Wien Nord (Seyringerstraße) und hat bis dato ein fast zweistelliges Wachstum erreicht. Die Zuwächse in den zwei anderen Filialen liegen bei etwa der Hälfte. Und das obwohl der traditionell stärkste Monat Januar gerade erst begonnen hat. Zu Führers Überraschung war Skibekleidung schon im Dezember gut abgeflossen. Zitat: „Ich mach das jetzt seit 20 Jahren und habe noch nie erlebt, dass bei den milden Temperaturen Skibekleidung gekauft wird.“ Bedingt durch die Wetterkapriolen hat er schon vor mehreren Jahren auf Ganzjahressport gesetzt. Mit dem Resultat, dass Schwankungen im Winterwarenbereich bei ausbleibendem Schneefall nicht über fünf bis zehn Prozent liegen. Trotzdem sei es nach wie vor möglich, in der Region Ski zu verkaufen, wie er betont. Snow Alpine stellt mit 27 Prozent die Hauptwarengruppe, Snowboard trägt noch mal 3,5 Prozent bei. Innerhalb des Snow Alpine-Segmentes dominieren die Kategorien Skier (15%) und Skischuhe (15 Prozent). Die Ausgabebereitschaft seiner Kunden liegt zwischen 400 und 500 Euro für ein Paar Skier.

Nach Snow Alpine zweitgrößte Warengruppe ist Fitness- und Teamsport mit einem Anteil von ca. 17,5 Prozent. Auf Platz drei folgt Outdoor mit einem Anteil von 15 Prozent. Die höchsten Zuwächse konnte er mit Inlineskates, Skate- und Longboards (+10 Prozent) sowie Snowboardbekleidung (+9 Prozent) erreichen.

Auch Thomas Hofer, GF Intersport Stöcker in Eferding (OÖ) kann vom Eybl-Effekt zu berichten. Sein Shop liegt in jeweils ca. 25 Kilometer Entfernung von drei ehemaligen Eybl-Standorten, in Wels und Linz. In der Region sind Tagesskifahrten möglich. Das nächste große Skigebiet liegt 70 Kilometer entfernt. Skier sind also auch bei Stöcker das Hauptprodukt. Hofer: „Entgegen der Wetterlage konnten wir große Zuwächse verzeichnen. 500 Euro Skier laufen gut und wurden teilweise schon in Oktober und November gekauft. Die 300 Euro-Käufer sind ausgeblieben und kommen vielleicht erst wenn Schnee fällt.“ Bis Anfang Januar ist bei Skiern in absoluten Zahlen ein Plus von 25 Prozent und in Menge von 7 Prozent aufgelaufen. Bei Skibekleidung betrug das Plus in absoluten Zahlen 20 Prozent und in Menge vier Prozent. Für Jacke, Hose und Unterzieher geben Kunden im Schnitt etwa 450 Euro aus. Im Ganzjahressportbereich profitierte das Unternehmen vom langen sonnigen Herbst, der die Nachfrage nach Rad- und Outdoorartikeln anregte. Ein leichtes Plus zeichnete sich im Segment Fitnesskleidung ab. Der Absatz bei Fitnessgeräten habe indessen für Enttäuschung gesorgt. Den Grund dafür vermutet Hofer in den verlängerten Öffnungszeiten der Fitness Center.

neuer_name
Marktvolumen Alpinskischuhe Österreich 2014/15

Christian Sölle von Sport Sölle am Nassfeld, musste in Summe einen Umsatzrückgang von etwa 10 Prozent hinnehmen. Grund war der ausbleibende Schneefall. „Wenn man in der Weihnachtszeit an den ‚big days’ verliert, dann ist das ein Problem,“ so Sölle. Er hat sieben Shops mit Verleih und Verkauf mitten im Skigebiet. Während hoteltourismusorientierte Standorte ein Plus verzeichneten, lief das Minus an den vom Tagestourismus abhängigen Standorten auf.

Der Preisdruck ist selbst in den höchsten Preislagen groß und Sölle ist froh, die Skimengen im Sommer nicht allzu optimistisch upgedatet zu haben. Jetzt baut er auf Lieferanten, die rasch liefern können. Aufgrund des mangelnden Naturschnees lief das Weihnachtsgeschäft vorwiegend über Pistenski in Preislagen zwischen 499 und 599 Euro. Gut abgeflossen sei hingegen Skibekleidung, die sich nicht zuletzt aufgrund des gefälligen Designs verkauft. Im Gebirge ist die Sortimentserweiterung auf Ganzjahressport fallweise weniger einfach. Sölle führt im Winter 100 Prozent Skisport und ausschließlich Ski Alpin. Im Sommer hält er nur einen Shop mit Kletter-, Wander- und Badesortiment offen und ist froh, wenn er damit zehn Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaften kann. Seine Filialen sind direkt an den Skieinstiegen gelegen, was im Winter von Vorteil ist. Im Sommer wäre allerdings eine Lage in Hotelnähe vorteilhafter. Trotzdem sieht auch er sich gezwungen, intensiver über die Belebung des Sommergeschäftes nachzudenken.

22 von 23 Intersport Bründl Standorten liegen im Gebirge. Folglich werden 79,5 Prozent des Jahresvolumens im Winter, d.h. von Dezember bis März bzw. April erwirtschaftet. Zuletzt wurden die Ganzjahresartikel Wandern, Laufen und Fitness stärker gewichtet. Das Wachstum in den Segmenten sei allerdings schwierig, weil in den Wintermonaten im Gebirge die Sommersportarten nicht auszuüben sind. Außerdem kommen die Touristen wegen dem Wintersport, erklärt Einkaufsleiter Friedl Birnbacher.

neuer_name
Trendsetter Mayrhofen: Wohlfühlambiente im neu errichteten Bründl Shop in der Station Penkental
© Christian Woeckinger

Im zurückliegenden Herbst und Vorwinter konnte das Unternehmen eine überraschend positive Umsatzentwicklung verzeichnen. Erst die warme Witterung über Weihnachten hat Umsatzrückgänge gebracht. Der Skiverkauf zeigt sich leicht wachsend. Birnbacher: „Wahrscheinlich, weil sich manche nicht mehr mit dem Verkauf beschäftigen und nur mehr Verleih machen. Der Preiskampf ist enorm. Bedingt durch die verschiedenen Verkaufsrhythmen in Stadt und Gebirge ist es schwer, Ware zu bekommen, die Bestand hat und Umsätze bringt.“ Auch bei Bründl hat der Verleih einen hohen Stellenwert. An 22 Standorten werden 10.000 Verleihski geführt und 80 Prozent davon jährlich ausgetauscht. Verkauf und Verleih werden allerdings – gegen den Branchentrend – nicht vermischt.

Bernhard Riml in Sölden sieht das Problem der Klimaverschiebung vorwiegend in der langen Schönwetterperiode. Zitat: „Wenn das andauert, wird sich der Wintertourismus nach oben verlagern und Sölden wird es noch lange geben.“ Wintersport und Tourismus generell ist die einzige Einnahmequelle in der auf 1.400 Meter Seehöhe gelegenen Destination. Riml erwirtschaftet 80 Prozent des Jahresumsatzes in fünf Wintermonaten mit Ski-, Snowboard- und Langlaufartikeln. Aber auch er versucht, den klimatischen Widrigkeiten entgegenzusteuern und ein zweites Standbein im Sommer zu forcieren. Sölden sei zwar nicht der erste Player in der Mountainbike-Szene gewesen, habe sich aber schon ganz gut etabliert. Zitat: „Wenn wir eine Sommer/Winter-Relation von 50:50 schaffen, dann wäre das super. Es wird sich aber vermutlich bei 60:50 einpendeln.“ In der laufenden Saison seien beide Gletscherbahnen gelaufen, aber wegen der dürftigen Schneelage habe die Stimmung gefehlt. Trotzdem liegen die Ergebnisse nur knapp unter jenen des Vorjahres. Statt mit Kälteartikeln, wie im Vorjahr, habe man die Umsätze dieses Jahr mit Sonnenartikeln wie Sonnenbrillen, -cremen, etc. gemacht. Auch wenn der Preiskampf im Skiverkauf unerfreulich ist, sei ein Sportgeschäft ohne Skier undenkbar. In der Gesamtheit von Ski und Verleih liegt der Verkauf derzeit bei einem Drittel und dieses sei auch aufrecht zu erhalten, so Riml. Kompensation sucht er in alternativen Artikeln wie dem Sölden Merchandising Shop, der sich über die Jahre gut etabliert hat. Bei Bekleidung sind es speziell die Kleinteile, die die Umsätze in die Höhe treiben. So gebe es Tage, an denen 100 Gesichtsmasken über den Ladentisch gehen. Bei Jacken und Hosen werde gegenwärtig zugewartet und gefeilscht. Zitat:„Wir stehen noch ganz am Anfang der Saison. So lange wir gut sortiert sind, gibt es keine Schlussverkaufspreise. Wenn man damit beginnt, gibt es kein Zurück.“ Im Montafon fahren die Lifte durchgehend seit Ende November. Der ausbleibende Schnee und die leicht rückläufigen Tourismuszahlen haben dennoch die Zahlen in den elf Verleihshops der lokalen Intersport Gruppe etwas gedrückt. Der Verleih liegt ca. 6 Prozent hinter den Vorjahreswerten. Der Umsatz mit Skibrillen, Mützen und Handschuhen, der eine nicht zu vernachlässigende Größe darstelltt, ist bisher ganz ausgeblieben. Der Skiverkauf zeigt sich hingegen konstant. In allen anderen Produktkategorien konnte Tobias Stergiotis, GF der Montafon/Rankweil/Dornbirn ein leichtes Plus erreichen. Ausgenommen Skischuhe, die mit einem überproportionalen Wachstum von ca. 17 Prozent hervorstechen. Für Produkt und Anpassung zahlen die Kunden ca. 400 bis 600 Euro. Zitat: Wir haben uns über die Jahre eine Kompetenz aufgebaut und arbeiten mit verschiedenen Marken, derzeit allerdings viel mit Fischer Vakuum. Schäumen wenden wir nur bei sehr komplizierten Füßen und im Rennsport an.“

Die Fakten

- Preiskampf macht Ski zu Artikeln „mit viel Beratung und wenig Marge“

- Ganzjahreskonzepte sind gefragt

- Der „Eybl-Effekt“ kommt kompetenten Händlern zugute

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2016