• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Winter-Running: Von wegen Zitterpartie

  • Astrid Schlüchter
  • Montag | 19. November 2018  |  14:36 Uhr
Laufen bei Kälte, Eis und Schnee? Wer das Laufen liebt, wird sich auch von wechselhafter Witterung im Winter nicht vom regelmäßigen Training abhalten lassen. Warum auch, schließlich wird Running als Ganzjahresthema im Handel saisonübergreifend gespielt und Hersteller passen ihre Kollektionen entsprechend an. sportFACHHANDELrunning hat die Einzelheiten.
neuer_name

© Röckl

Marathon, Hürdenlauf, Adventure Run, Trail Running, Höhenlauf oder die Laufrunde im Park um die Ecke – die Varianten des Laufens sind vielseitig. Und ebenso vielseitig präsentiert sich inzwischen das entsprechende Equipment der Hersteller. Glaubt man den aktuellen Statistiken – so gingen 2018 in Deutschland rund 5 Millionen Personen regelmäßig in ihrer Freizeit laufen. Darunter befinden sich auch vermehrt Fans von Wald- und Geländeläufen (Statista 2018). Das bedeutet für Industrie und Handel, Laufen bleibt weiterhin Trendsport.

neuer_name

© Grafik: sportFACHHANDEL

Dennoch, die Richtung ändert sich, Lauf-Communities werden wichtiger, Laufen ist schon längst zum Massenphänomen geworden. Lauf-Apps sorgen für Vernetzung. Die Händler wiederum müssen den Kontakt zum Läufer aufrechterhalten, im besten Fall sogar vor Ort bei den Laufgruppen selbst. Schön, wenn man dann als spezialisierter Sportfachhändler oder Laufprofi die Zielgruppe auch saisonübergreifend in den Laden holen kann. Seit den milden Wintern und der zunehmenden Zahl an Laufbegeisterten bietet das Runningsegment nämlich enorm viel Potential fürs Sommer- und fürs Wintergeschäft. Bleibt die Frage, ob der Kunde tatsächlich Zusatzkäufe, vor allem in punkto Running-Textilien und Schuhen tätigt. Wie sieht es auf der anderen Seite mit speziellen Lauf-Accessoires aus, die bei Dunkelheit mehr Sichtbarkeit gewährleisten? Ganz zu schweigen von Mützen, Handschuhen und Socken?

Schlechte Zeiten für Bekleidung.

Generell stellen mit der richtigen Laufbekleidung Minustemperaturen und Schnee kein Hindernis für winterliche Trainingsrunden dar. Deswegen richten viele Fachhändler ihr Sortiment für die Wintersaison entsprechend aus. Auch wenn das Geschäft mit Textilien in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist, ohne eine entsprechende Auswahl an passendem Bekleidungs-Sortiment geht es im spezialisierten Fachhandel dennoch nicht. „Der Kunde sucht nach einem gewissen Anteil an Bekleidung im Sortiment vor Ort, auch wenn er dann gerne woanders kauft. Woanders kaufen bedeutet, entsprechende Ware günstig beim Discounter, online oder beim Filialisten zu suchen. Und – wie wir ja alle wissen, wer heute sucht, findet auch,“ so Jörg Giesen, Inhaber von Laufsport Bunert in Krefeld. Schuld sei vor allem günstige Discounterware, die zum Schnäppchenpreis angeboten wird. Gleichzeitig konzentrieren sich Kunden verstärkt auf wichtigere Warensortimente, bei denen man nicht auf Qualität, Haltbarkeit und viel Funktion verzichten möchte und genau deswegen auch bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen. „Im Textilbereich gibt es inzwischen einfach zu viele Mitbewerber, entweder man hat das falsche Sortiment im Laden oder die Kollektionen sind zu hochpreisig. Discounterware nimmt uns zusätzlich die Kaufkraft weg, dazu kommt obendrein noch der enorme Warenbestand, der am Ende der Saison verkauft werden will oder im Lager dahin dümpelt,“ so das vernichtende Resümé von Giesen. Gekauft würde auch deswegen häufig Ware im Internet oder bei den Filialisten, weil viele Läufer im Winter zwar trainieren, aber für den Einsatz oft auch mit günstigerer Ware zufrieden sind.

Laufsport Bunert
Bei Laufsport Bunert setzt man den Fokus auf Wintersport-Accessoires und Schuhe.
© Laufsport Bunert

Bei Laufsport Lunge in Hamburg z.B. setzt man trotzdem auf eine vielseitige Auswahl an funktioneller Laufbekleidung für den Winter. „Im Mittelpunkt stehen Komfort, Passform, Atmungsaktivität und natürlich auch Schutzfunktionen gegen Wind, Kälte und Nässe. Unsere Kunden – das liegt aber wohl auch an der Region Hamburg – fragen sehr häufig nach Jacken und Hosen, die mit gutem Wetterschutz ausgestattet sind“, erklärt Stephan Weinrich, Filialleiter und Einkäufer bei Laufsport Lunge. Oft genügt jedoch ein gängiger Baselayer. Hierbei dreht es sich um alles, was im Bereich Funktionsunterwäsche direkt mit der Haut in Berührung kommt. Ähnlich wie fürs Skifahren setzen hier Hersteller gerne auf Kunstfasern als auch Merinowolle. „Unsere Kunden sind oft auf der Suche nach warmen Jacken, in denen man aber beim Laufen nicht überhitzt. Gefragt wird oft nach Gore-Tex, Primaloft, Windstopper & Co – da ist der Kunde schon entsprechend vorinformiert.“

Löffler
Viele Sportfachhändler setzen auf spezielle Bekleidung fürs Laufen im Winter.
© Löffler

Ganz anders verhält es sich mit der Nachfrage nach Lauf-Accessoires, die zum einen Schutz beim Laufen im Dunklen und zum anderen Wärme und Komfort bei Minusgraden garantieren. Artikel wie Stirnlampen, sichtbare Westen oder Jacken mit Reflektoren, aber auch Mützen, Strümpfe und Schaltücher zählen im Winter zu den Bestsellern. „Wir bieten Lauf-Accessoires in vielen verschiedenen Ausführungen, weil wir in den letzten Jahren bemerkt haben, dass Kunden verstärkt danach fragen. Stirnlampen, ebenso wie spezielle Spikes, die man praktisch über die Schuhe ziehen kann, sind stark im Kommen. Bei der Wahl des passenden Produktes geht es dann oft gar nicht mehr um den Preis, sondern vielmehr um wichtige Schutzfunktionen und natürlich um Optik und modisches Design,“ heißt es bei Laufsport Lunge. Wer hier den Plan hat, ist ganz klar im Vorteil, denn Beratung vor Ort ist immer noch das essentielle Tool, um den Kunden in den Laden zu holen und im besten Fall als Stammkunden auf längere Zeit zu halten. „Insbesondere Tools wie Stirnlampen sind erklärungsbedürftig, hier ist es uns extrem wichtig, unser Verkaufsteam angemessen zu schulen – oft übernehmen das dann auch die Hersteller selbst. Seien wir ehrlich, wer heute nur noch Ware verkauft, wird nicht mehr lange überleben, man muss schon über den Tellerrand blicken, um am Ende erfolgreich zu sein. Aber das Problem kennt ja heute nicht nur der Handel...,“ erklärt Giesen.

Luma
Laufaccessoires für den Winter, wie Stirnlampen, sind beratungsintensiv und deswegen im gut sortierten Fachhandel für viele nicht mehr wegzudenken.
© Luma

Und wie sieht es mit dem Laufschuhsortiment im Winter aus?

„Der Trend geht schon seit längerem zum Zweitschuh, was wir den zunehmenden Marketingmaßnahmen der Hersteller zu verdanken haben. Oft kommen Kunden zu uns, um für die kalte Jahreszeit aufzustocken. Grundsätzlich empfehlen sich für den Winter Joggingschuhe mit leicht anderen Eigenschaften als im Sommer, je nach Trainingsintensivität sollten sie vor allem Nässe-, Kälte- und Rutschschutz bei gleichzeitiger Atmungsaktivität bieten und eine Sohle mit mehr Grip und Dämpfung besitzen,“ so Giesen. Auch hier verlangen die Kunden meist Ware mit Gore-Tex-Membran, die kein Wasser durchlässt und den Fuß bei Eis und Schnee warm und trocken hält.

„Dennoch bemerken wir oft, dass die meisten Läufer bei Eis und Schnee – zumindest hier im Norden – mit dem Training aussetzen. Deswegen müssen wir unser Sortiment nicht allzu spezifisch aufbauen,“ ergänzt Rainer Ziplinsky, Geschäftsführer Zippels Läuferwelt in Kiel. Guter Grip, eine entsprechende Dämpfung und Schutz vor Nässe würden im Bereich Schuhe ausreichen, da man im Norden generell auch kaum Trail Runner ansprechen würde. Im Trend liegen derzeit immer noch stark die Schweizer Runningschmiede On, ebenso wie Brooks. On-Modelle seien vor allem auch als Life­style-Schuh gefragt, im Winter zum Laufen jedoch ungeeignet. „Wir sind ein Spezialist und sehen unsere Kernkompetenz in der Beratung, deswegen verkaufen wir auch in erster Linie keine Marken, sondern Schuhe, individuell angepasst an den Kunden. Dabei kommen auch wir nicht an aktuellen Trends vorbei, aber diese stehen einfach nicht im Mittelpunkt. Das wissen unsere Partner aus der Industrie, das wissen auch unsere Kunden. Wie populär am Ende eine Marke ist, spielt keine Rolle“, so die Bilanz von Ziplinsky.

Laufsport Bunert
Die Laufanalyse zählt zu einem wichtigen Tool im Sportfachhandel.
© Laufsport Bunert

Ähnlich sehen das auch andere Spezialisten, wie z.B. Jörg Giesen: „Ganz klar, auch wir haben Kunden, die explizit nach bestimmten Marken fragen, vielleicht aber auch gerade deswegen, weil wir als Laufexperte extrem gut sortiert sind – neben den gängigen Marken findet man bei uns auch „Exoten“ wie Hoka One One oder Scott. Wer als Kunde auf eine bestimmte Marke fixiert ist, lernt bei uns, dass der Fuß samt Bewegungsapparat im Fokus steht. Unser Fachpersonal ist hier sehr überzeugend, so kann es schon mal passieren, dass ein markenfixierter Kunde am Ende mit Schuhen eines komplett anderen Herstellers und nicht mit seinem Favoritenmodell den Laden verlässt.“

Bewegungsanalyse, Sohlenanpassung & Co.

Wichtig ist und bleibt als Tool für den stationären Handel – ganz gleich, ob Sommer oder Wintersaison – die Laufschuh-Beratung, samt Bewegungsanalyse am Laufband. Sport Hartke setzt seit Jahren auf die Unterstützung durch den Schuhcoach von Intersport „Oft müsste man gar nicht erst eine Analyse durchführen, weil im Gespräch oder bei näherer Betrachtung des Fuß-Aufsetzverhaltens in Verbindung mit dem gesamten Bewegungsablauf der Laufstil schon – zumindest für ein geschultes Auge – zuvor erkennbar ist“, so Rita Gärtner von Sport Hartke. „Beim Kunden sorgt der Einsatz des Schuh Coachs jedoch für Vertrauen, mit Hilfe des angezeigten Fußprofils auf dem Bildschirm lässt sich schnell der passende Schuh finden. Je nach Bedarf kann sich der Kunde zum Schluss noch individuell angepasste Einlegesohlen anfertigen lassen.“

Laufstile sind individuell, oft gibt es kein Ideal. Und wo früher Pronation noch als schädlich galt, weiß man heute, dass das eigentlich totaler Quatsch ist. Ebenso bevorzugen manche Läufer eben ein gut gedämpftes Modell für das tägliche Lauftraining, andere wiederum setzen auf Natural Running-Modelle. Ganz klar, wenn hier der Händler gut beratend zur Seite steht, wird er sich für die Zukunft beim Kunden nur Vorteile verschaffen. So sieht das auch Stephan Weinreich, Filialleiter und Einkäufer bei Lauf Lunge in Hamburg: „Beratung ist das A und O, um langfristig Kunden an sich zu binden. In diesem Zusammenhang ist die Laufanalyse immer noch ein Muss. Die Vor-Ort-Messung schafft Vertrauen, man bezieht den Kunden mit ein und bestätigt am Bildschirm anhand von speziellen Grafiken, wo im wahrsten Sinne des Wortes der Schuh drückt.“ Dass man Schuhe probieren muss, schon allein in puncto Größe, Schnitt und Passform sehen Spezialisten als absoluten Bonus gegenüber dem wachsenden Onlinebusiness.

„Seien wir mal ehrlich, Hose, Jacke und Zubehör wie Mützen oder Socken können generell leicht im Internet bestellt werden. Das sehen wir jedoch nicht bei erklärungsbedürftigen Laufgadgets und vor allem nicht bei Laufschuhmodellen.“ Auch beim Laufspezialisten Bunert in Essen steht die Bewegungsanalyse im Fokus, „ganz klar hier kann man sich von der Konkurrenz und vom Onlinebusiness abheben. Unserer Ansicht nach macht es keinen Sinn den Laufstil komplett zu verändern. Viel zu groß ist hierbei das Verletzungsrisiko. Vielmehr versuchen wir den bestehenden Laufstil so zu optimieren, dass ein möglichst ökonomisches Laufen erzielt wird. Wo sonst soll der Kunde diesen Service erhalten als vor Ort beim Fachmann.“ Der Rundum-Service ist es also, der einen Laden auch in Zukunft zum Rollen bringt – Rundum-Service bei Bunert bedeutet Kurse, Reisen, Leistungsdiagnostik und Bewegungsanalyse sowie eine ansprechende Warenpräsentation und moderner Ladenbau.

Astrid Schlüchter

Schlüchter

Autor: Astrid Schlüchter

Redaktion Süd sportFACHHANDEL