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Winter 2015/16: Multifunktion ist bei Bekleidung Trumpf

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 16. März 2016  |  11:29 Uhr
Wenn der Winter kommt, kommt auch der Umsatz. Doch oftmals bleibt er aus – das bringt Veränderungen im Sortiment. Das große Thema bei Bekleidung heißt Multifunktion, darüber hinaus bleiben bleiben Accessoires wie Handschuh, Mütze und Schal stärkstes Zusatzgeschäft.

Text: Astrid Schlücher

Man will nicht immer vom Wetter sprechen – doch das Hauptgeschäft im Sportfachhandel läuft nun mal im Winter. Wenn jedoch in der dritten Saison in Folge kaum Kälte und Schnee in Sicht sind, kann der ein oder andere Einzelhändler schon mal den Kopf in den Sand stecken. Zu Recht, schließlich gab es laut des Verbands Deutscher Sportfachhandel bereits 2014 eine Stagnation der Umsätze, klare Sieger waren die Segmente Running, Fitness und Outdoor. Gerade im Süden der Republik macht das Geschäft mit Skiern, Winterjacken und warmen Stiefeln jedoch aufgrund der hohen Einzelbeträge bis zu einem Drittel des Jahresumsatzes eines Ladens aus. Hinzu kommen die Rabattaktionen, die manche Warenhäuser und Modeketten bereits Anfang Dezember durchgeführt haben. Dementsprechend zurückhaltend verlief teilweise auch die Vororder für das diesjährige Sortiment. „Ein Grund dafür ist bestimmt der flaue, vergangene Winter (außerhalb der schneesicheren Gebirgsgegenden!) in ganz Europa“, Reinhard Hetzeneder von Löffler. Das bestätigt auch Christophe Weissenberger, Division Manager Brand & Product bei Schöffel: „Aufgrund des sehr spät beginnenden Winters und des leicht fallenden Marktes blieben sowohl der Bereich Ski wie auch das Segment Outdoor unter den Erwartungen. Das langanhaltende warme Wetter machte nicht unbedingt Lust auf Wintereinkäufe. Das hat sich in der Vororder bemerkbar gemacht. Im Frühherbst haben sich die Frequenzen auf der digitalen und der stationären Fläche aber deutlich gesteigert.“ Wenigstens bescherte laut Intersport der einsetzende Winter zu Beginn des Jahres 2015 den Händlern von Januar bis März zweistellige Wintersport-Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr. Besonders gefragt waren Ski-Schuhe (+27 Prozent), Ski Alpin (+20 Prozent) und Langlauf-Artikel (+115 Prozent), die mehr als verdoppeln konnten.

Da man den Wettergott nicht beeinflussen kann, müssen sich Handel und Industrie in punkto Sortiment neu aufstellen. Das bedeutet unter anderem, dass man verstärkt mit übergreifenden Modellen arbeitet, sprich Übergangsjacken und Multifunktion in den Vordergrund rücken. „Das zentrale Thema heißt Multifunktion. Das gilt immer stärker auch für den Skibereich. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Jacke Lupus aus der Ski-Linie Classic. Ausgestattet mit allen wichtigen Features einer Ski-Jacke, setzen wir hier auf ein cleanes Styling in maskulinem Schnitt. Die Jacke ist aber nicht nur eine hervorragende Wahl zum Skifahren, sondern kommt auch in der Freizeit gut an. Daher wird das Modell neben schönen kräftigen Farben wie Fire und Classic Green auch in alltagstauglichen Farbtönen wie Medieval Blue angeboten. Damit treffen wir derzeit voll den Nerv der Kunden“, heißt es von Lothar Baisch, Geschäftsführung Marketing und Vertrieb bei Maier Sports. Edgar Tremmel (Houdini & Mons Royale) bestätigt diesen Trend: „Produkte, die für den Outdoor-Bereich konzipiert sind, aber auch im Lifestyle-Segment eine gute Figur machen, setzen sich aufgrund der vielfältigen Einsatzzwecke durch. Vor allem dünne und leichte Bekleidungsteile kommen gut an. Wir sehen großes Potenzial in der Kombination aus Funktion und Style. Die besonderen Eigenschaften der Merinowolle in Verbindung mit technischen Features und einer auf den jeweiligen Einsatzzweck abgestimmten Passform sind besonders gefragt.“ Und auch bei Ziener richtet sich der Fokus auf Modelle, die sowohl auf bzw. abseits der Piste getragen werden können. Als wichtigstes Segment gelte zudem das Thema Kinder und der Handschuhsektor. „Es setzten sich immer mehr die 3-Lagen Jacken durch. Die passenden Accessoires sind ebenfalls ein großes Thema. Dies zeigt sich anhand der Vororderzahlen und der Trend wird durch die Abverkäufe noch gestärkt.“

Generell geben modische, alltagstaugliche Lifestylekollektionen mit warmen und wetterfesten Jacken, Hosen und Accessoires, den Ton an. Mike Naujokat, Bergans of Norway erklärt: „Diesen Winter profitieren wir davon, dass wir in der Kollektion den Fokus auf unser Lifestyle-Sortiment gelegt haben. Stark sind derzeit Mäntel (3-in-1 Kombinationen wie auch Wollmäntel) und auch unsere Produkte aus Merino-Wolle (Sweater, Jacken wie auch Unterwäsche).“ Auch das aktuelle „ZipIn!“ Konzept von Schöffel profitiert von dieser Richtung. Eine wind- und wasserdichte Außenjacke lässt sich den Wetterverhältnissen und den sportlichen Aktivitäten entsprechend mit passender Steppjacke, -weste oder Fleece per Reißverschluss verbinden und trägt damit unterschiedlichen Wettersituationen Rechnung. Generell stellt sich wieder mehr Ruhe in den Kollektionen ein – dezente, gedeckte Farben punkten. „Die Zeiten von knalligen Outfits in Neonfarben sind zum Glück Geschichte. Ein Großteil unserer Kunden sucht Bekleidungstücke mit hoher Funktionalität, auf die er sich am Berg verlassen kann ohne aber Style einzubüßen, wenn er die Jacke auch einmal abends in der Stadt trägt. Trotzdem wird es weiter hin echte Hingucker geben“, so die Prognose von Jörg Schramm, Ride Snowboards. Dass jedoch noch Platz für bunte Signalfarben ist, sieht man bei Picture Organic Clothing: „Wir haben zwei Tendenzen. Die „Friends-Linie“ verlangt eher nach klaren und dezenten Farben mit Details aus der urbanen Mode. Die „Expedition-Linie“ dagegen ist deutlich farbenfroher.“ Bei Haglöfs kommen Signalfarben im Skitourenbereich als Sicherheitsfaktor zum Tragen.

Wie sieht es mit dem Thema Nachhaltigkeit aus? Fragt der Kunde tatsächlich nach und ist er vor allem auch bereit dafür tiefer in die Tasche zu greifen? Protest hatte bereits 2007 Funktionsjacken aus recycelten PET-Flaschen vorgestellt und 2008 gab es die „green is the new black“ Kollektion aus 100 Prozent biologischer Baumwolle. Laut dem Unternehmen sei jedoch nur ein geringer Teil von Konsumenten bereit für diese nachhaltigen Materialien und Produktionsmethoden etwas mehr Geld auszugeben. „Nachhaltigkeit ist ein kontinuierlich wachsendes Thema, das aber bei vielen Endverbrauchern noch nicht zu 100 Prozent angekommen ist. Deshalb verwendet Haglöfs das Take Care-Logo: Es kennzeichnet Produkte, die entweder bluesign-zertifiziert sind, aus recycelten Materialien bestehen oder aus Bio-Baumwolle sind. In der aktuellen Winterkollektion trifft das auf 72 Prozent der Kollektion zu, im Sommer 2016 werden wir bei 76 Prozent liegen“, so Herbert Horelt von Haglöfs.

Sherpa hat als nepalesische Marke mit einem hohen Produktionsanteil in Nepal sogar einen eigenen Nachhaltigkeitsmanager im Unternehmen, der sich um wichtige Werte wie Transparenz, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit kümmert. „Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Der Stellenwert steigt bei den Kaufentscheidungen des Handels und der Konsumenten, worüber wir sehr glücklich sind. Wir machen die Erfahrung, dass alle Marken bzw. Produkte, hinter denen eine glaubwürdige Geschichte steckt, sich derzeit gut verkaufen. Vorausgesetzt die Qualität stimmt. Die Konsumenten haben dabei gar nicht mal so sehr den Preis im Fokus“, erklärt Wolfgang Jahn, Sales Manager Europa bei Sherpa. Auch bei Schöffel, die Mitglied in der Fair Wear Foundation, des Textilbündnisses, der European Outdoor Conservation Association (EOCA) sowie Bluesignsystem-Partner sind, zeigt sich der Endverbraucher sehr interessiert, wo und unter welchen Umständen produziert wird oder welche Materialien eingesetzt werden. Das beweisen Anfragen direkt am POS, direkt im Haus beim Kundendienst und in den sozialen Medien. „Ja, das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger für Handel und Konsumenten. Wir spüren, dass unsere PFC-frei imprägnierten Funktionsjacken und -hosen deutlich stärker nachgefragt werden. Sehr gut kommt darüber hinaus unser Reparaturservice an, den wir in unserer hauseigenen Näherei in Köngen anbieten“, erläutert Lothar Baisch von Maier Sports. Konkurrent Vaude setzt schon lange auf Nachhaltigkeit, soziales und ökologisches Engagement. Gleichzeitig trägt die Unternehmenskommunikation von Vaude aber auch zur Sensibilisierung der Konsumenten für das Thema bei. Verkaufsleiter Mountain Sports Markus Schelkle erklärt: „Für uns ist die Differenzierung im Handel wichtig. Aus Endverbrauchersicht ist das Thema sicher nicht das wichtigste Argument in der Kaufentscheidung, aber oft entscheidend für den Sprung zur Kasse. Und dann verlässt der Kunde das Geschäft mit einem guten Gewissen. Für den Handel bietet das Thema eine gute Möglichkeit, um sich hier zu positionieren. Wir bieten hierzu eine breite Palette an Unterstützung und Services, von speziellen Schulungen bis zur Kommunikation der Verkaufsargumente am POS.“

Wichtigstes Zusatzsegment ist und bleibt der Accessoires-Sektor. Mützen, Schals und Handschuhe bringen Frequenz in den Laden, und sind eine Belebung und Abrundung des Sortiments. Für manche hat das Geschäft mit den Zusatzartikeln inzwischen einen nicht mehr wegzudenkenden Umsatzanteil eingenommen. Entsprechend gut lief in puncto Accessoires wohl auch die Vororder: „Nachdem der Winter in der ersten Halbzeit zunächst nicht wirklich „in die Gänge“ kam, war die zweite Hälfte dann umso erstaunlicher. Für uns war auch die erste Phase des Winters durchaus positiv, da wir im Bereich der qualitativ hochwertigen Handschuhe führend im Markt vertreten sind und diese auch unabhängig vom Bedarfskauf eher zu einem frühen Zeitpunkt unabhängig vom Wetter geplant gekauft werden. Durch diese Kombination sind wir in Bezug auf die Umsätze während der Saison sowie bei den Vororderaufträgen sehr zufrieden“, so Martin Hannemann vom Spezialisten Reusch. „Die Accessoires laufen in guten Stückzahlen und werden auch in den Nachorders stark verlangt“, so auch Reinhard Hetzeneder von Löffler. Zudem sei im Bereich der Handschuhe in den vergangenen Wintern eine klare Zuwendung zum Thema Wärme erkennbar. Das Thema „wasserdicht“ wird von den Segmenten „Isolation“ und „Funktionalität“ abgelöst. „Hoch im Kurs steht unser beheizter Handschuh“, so Markus Zanier. Und auch bei Ziener stehen Wärme und Isolation im Vordergrund. Das Modell „Gallin AS PR DCS“ besticht mit wärmender Prima Loft Gold Fütterung. Der herausklappbare Fingerüberzug verwandelt die Fingerhandschuhe zum Fäustling, bietet somit zusätzliche Wärme an besonders kalten Tagen und verschwindet sonst in einer kleinen Tasche am Handrücken.

„Es wird kaum eine Kategorie geben, welche in Bezug auf den Flächenumsatz, die erzielte Marge und das sehr geringe Maß an Abschriften ähnlich herausragende Möglichkeiten bietet wie das eben Handschuhe tun. Viele Händler haben daher in den letzten Jahren verstärkt auf dieses Segment gesetzt und besetzten freie Flächen zusehends mit Accessoires", resümiert Martin Hannemann.

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2015