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Wie viel PFC verträgt der Outdoor-Markt?

  • Andreas Mayer
  • Montag | 23. Mai 2016  |  11:30 Uhr
Und wie kommt vor allem hochwertige extrem wind- und wasserabweisende Outdoor-Bekleidung in Zukunft ohne die schädlichen Chemikalien aus? Greenpeace legte anlässlich der ISPO einen neuen Test vor, der wieder einmal für viel Aufsehen sorgte …..

Für Outdoorfans gibt es nichts Besseres, als seine Freizeit in der Natur zu verbringen – sei es beim Skifahren, Wandern, Bergsteigen oder Klettern. Mit dem passenden Outfit können selbst Wind und Wetter den Spaß an der frischen Luft nicht trüben. Der vielseitigen Funktionsbekleidung großer Outdoormarken haben wir es schließlich zu verdanken, dass wir draußen immer schön trocken bleiben. Doch leider beinhalten die wasser-, wind- und schmutzabweisenden Kombis mehr als nur natürliche Stoffe – ganz im Gegenteil: Um die Outfits für den Einsatz im Freien zu rüsten, kommt zum Teil sogar giftige Chemie zum Einsatz. Wie viele giftige Substanzen die jeweiligen Jacken, Hosen, Rucksäcke, Schlafsäcke und Schuhe enthalten, hat Greenpeace in einem neuen Test aufgedeckt. Pünktlich zur ISPO zeigte die Umweltorganisation nun die meist doch sehr nüchternen Ergebnisse – 40 Produkte bekannter Outdoor-Marken aus 19 Ländern kamen auf den Prüfstand, im Fokus standen per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC). Es ist der insgesamt dritte Outdoor-Bekleidungstest von Greenpeace seit 2012. Diesmal wurden zusätzlich auch Camping- und Wander-ausrüstung mit unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis: Nur in vier von 40 Artikeln wurden keine PFC festgestellt. PFC wurden in allen Schuhen, Hosen, Zelten und Schlafsäcken, in neun der elf Jacken sowie sieben der acht Rucksäcke festgestellt. In allen Jacken, Hosen, Schuhen und Schlafsäcken sowie dem Kletterseil dominierten flüchtige PFC. Ionische PFC wurden in sämtlichen Schuhen, Schlafsäcken, Zelten, der Kletterseilprobe sowie in neun von elf Jacken, sieben von acht Hosen und sieben von acht Rucksäcken gefunden. Elf Produkte enthielten die gesundheitsschädliche Perfluoroktansäure (PFOA). Die höchsten PFOA-Werte wurden in einem Schlafsack von The North Face, einer Hose von Jack Wolfskin, Schuhen von Haglöfs und Mammut und einem Mammut-Rucksack ermittelt. Ohne PFC kommen hingegen zwei Jacken von Vaude sowie eine von Jack Wolfskin aus, ein Rucksack von Haglöfs sowie die insgesamt einzige Handschuhprobe von The North Face. Diese Ergebnisse zeigen also auch, dass Jacken, Rucksäcke und Handschuhe trotz hoher Anforderungen auch ohne PFC hergestellt werden können.

Warum ist es dann so schwierig auf die polyfluorierte Chemikalien zu verzichten? Die Forderung von Greenpeace werde von Mammut sogar unterstützt, heißt es, könne aber zum jetzigen Zeitpunkt mangels geeigneter Alternativen nicht vollumfänglich erfüllt werden. Laut Mammut werden PFC-Ausrüstungen vor allem deswegen produziert, um den von den Kunden geschätzten wasserabweisenden Effekt (Durable Water Reppelency/DWR) zu erzielen. Man setze die PFC-Imprägnierung deswegen auch nur in Produkten ein, die im hochalpinen Bereich zum Einsatz kommen und für die diese schützenden Eigenschaften unabdingbar sind. Für den Endkonsumenten bestehe bei diesen High-Performance Produkten kein Gesundheitsrisiko und auch der intensive Gebrauch sei absolut unbedenklich, da Mammut Produkte alle gesetzlich festgelegten Grenzwerte erfüllten. Es sind also, zumindest was den Extremeinsatz von Produkten und deren Langlebigkeit betrifft, noch keine nachhaltigen Alternativen verfügbar. Diesbezüglich konnte laut Mammut auch der Greenpeace-Report keine neuen Ergebnisse liefern. Zudem würden laut Gore-Tex PFC-freie Produkte nicht wirklich einen besseren ökologischen Fußabdruck aufweisen, da Neu-Produkte zwar vergleichbare Leistungswerte erreichen, jedoch aufgrund verminderten Schutzes über eine kürzere Lebensdauer verfügen würden.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch The North Face. Kein Einsatz von DWR-Verfahren mit Fluorchemie in der Kleidung nach 2020. Die verantwortliche Nutzung chemischer Verbindungen ist für The North Face schon immer eine Priorität. Seit der Frühjahrskollektion 2015 setzt das Unternehmen keine langkettigen PFC mehr in technischer Bekleidung ein. Derzeit setze man kurzkettige PFC-basierte und dauerhaft wasserabweisende (Durable Water Repellency, kurz: DWR) Verfahren mit identischen Leistungsmerkmalen ein. Auch, wenn bei diesen Verfahren fluorierte Chemikalien zum Einsatz kämen, seien kurzkettige DWR-Verfahren derzeit die beste praktikable Alternative zu langkettigen PFC am Markt. Für The North Face sei dieses Verfahren der erste Schritt weg von PFC und nur ein Teil des Gesamtprogramms des verantwortungsbewussten Einsatzes von Chemikalien.

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Wasser- und winddicht sollen sie sein, die Funktionskombis der Outdoorhersteller. Doch lässt sich in Zukunft dieses Ergebnis auch erzielen, indem man auf die Verwendung von chemischen Substanzen verzichtet?
© The North Face

Die meisten großen Outdoor-Marken arbeiten an alternativen Lösungen. Haglöfs stellte bereits 2014 in seinem Nachhaltigkeitsbericht eine neue C8-Technologie vor – eine wasserabweisende Behandlung, die komplett ohne PFOA und PFOS auskommt. Zudem verwende man per- und polyfluorierte Chemikalien nur dann, wenn es tatsächlich notwendig ist, sprich bei Funktionsbekleidung, die extremen Witterungsbedingungen stand halten muss. Auch Salewa will die Anzahl von PFC-freien Produkten in der Kollektion bedeutend erhöhen und Produkte mit alternativen Veredlungsmethoden en anbieten, ohne jedoch bei dem Leistungsvermögen in technischer Hinsicht Kompromisse eingehen zu müssen. „Im Rahmen der Detox-Kampagne hat Greenpeace drei unserer Produkte getestet, das Resultat ist auf ihrer Webseite aufgeführt. Alle drei Produkte stammen aus unserer technischen Mountaineering-Kollektion, die für Gletschertouren und Ski-Bergsteigen ausgelegt ist. Dabei muss das höchste Niveau an Leistungsfähigkeit und Schutzfunktion gegeben sein. Daher verwenden wir dort die beste verfügbare Technologie, um höchste Atmungsaktivität bei gleichzeitiger Wasserdichtigkeit zu gewährleisten. Das Ergebnis des Tests bei der Jacke und der Hose zeigt lediglich Spuren von langkettigen PFCs. Beide Produkte sind mit Gore-Tex Material, der besten verfügbaren Technologie in diesem Bereich, die über eine C6 Ausrüstung verfügt, gefertigt. Bei den Schuhen wurde wiederum eine höhere Konzentration dieser Chemikalie gefunden. Dies ist verwunderlich, da wir bei eigenen Tests mit diesem Modell in einem unabhängigen Labor ein gegenteiliges Ergebnis vorliegen haben, bei denen nur geringe Spuren dieser Chemikalie gefunden wurden. Zudem wurde der von Greenpeace getestete Schuh wahrscheinlich 2013 oder 2014 produziert und entspricht somit nicht unserem heutigen Standard.“

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Reiner Gerstner, Oberalp Gruppe

Ähnlich argumentiert auch Norröna: „Wir sind uns bewusst, dass sowohl PFC als auch FTOH in der Gore-Tex Pro Jacke „Lofoten“ enthalten sind. Es ist also kein Geheimnis, dass unsere Shell-Produkte mit chemischen Substanzen behandelt wurden, die die Modelle extrem wasserfest machen. Jedoch sind wir etwas erstaunt, dass die Werte, die man beim Test vorgelegt hat, nicht mit den Testergebnissen übereinstimmen, die Gore Tex zuvor in einem unabhängigen Labor ermittelt hatte. Der Anteil an PFC und FTHO waren deutlich geringer als die, die Greenpeace in der Studie bekannt gegeben hatte“, so Torbjørn Rodt, CSR Responsible Norrøna Sport AS. Reiner Gerstner, Brand & Marketing Direktor der Oberalp Gruppe zu der die Marken Salewa, Dynafit, Pomoca und Wild Country gehören, begrüßt dennoch die Initiative: „Kampagnen von nichtstaatlichen, unabhängigen Organisationen, wie Greenpeace mit ihrer „Detox-Bewegung“ helfen, wichtigen Aufgaben Aufmerksamkeit zu verschaffen, um damit sowohl die politische, als auch die allgemeine Marktentwicklung voran zu treiben.”

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Melanie Kuntnawitz, Jack Wolfskin
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Mihela Hladin, Patagonia

Für Melanie Kuntnawitz, Head of Vendor Control bei Jack Wolfskin, gibt es keine einfache Lösung: „Wir fokussieren uns nicht nur auf die Eliminierung der Fluorchemie. Uns ist es ein besonderes Anliegen, dass ein umfangreiches Chemikalien-Managementsystem bei unseren Zulieferern etabliert wird. Ressourcenschonung sowie der Einsatz von unbedenklicher Chemie in geschlossenen Prozessen sind elementarer Bestandteil unserer Nachhaltigkeits-Ziele. Daher haben wir uns für das bluesign System entschieden und uns dazu verpflichtet, bis 2020 nicht nur komplett PFC-frei zu sein, sondern auch alle unsere Stoffhersteller und 75 Prozent unserer Zutatenhersteller in das bluesign System zu integrieren.“ Mihela Hladin, Environmental & Social Initiatives Manager Europe bei Patagonia, ergänzt: „Unser Ziel war es, bis 2015 alle Textilien von Patagonia bluesign zertifizieren zu lassen – leider ist uns das nicht gelungen. Bis dato sind 56 Prozent unseres jährlichen Gesamtvolumens an Materialien mit dem bluesign Zertifikat versehen. Das bedeutet, dass wir in unseren anfänglichen Bemühungen nur einen Teil des Problems in den Griff bekommen haben. Ziel ist es jetzt, eine ganzheitliche Lösung zu finden, mit er wir einerseits Rohstoffe sparen und andererseits den Einsatz von Chemikalien verringern können – und zwar auf allen Ebenen der Liefer- und Produktuionskette.“

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Vaude: Re-Cycle Tour im Fachhandel

Mit seiner aktuellen Fachhandelsaktion bringt Vaude das Thema Recycling für umweltfreundliche Sportbekleidung in den Sportfachhandel. Im Vordergrund steht das Recycling von alten Fischernetzen im Rahmen der Produktion neuer Radhosen und Performance-Jacken sowie die Wiederverwertung gebrauchter PET-Flaschen für funktionelles Reisegepäck. Die „Vaude Re-Cycle Tour“ läuft mit Aktionstagen von Ende März bis Juni bei vielen Key Accounts in Bike- und Outdoor-Fachgeschäften sowie den eigenen Franchise-Stores. Ein Promotion-Team betreut ein speziell gestaltetes Setup mit Fahrradsimulation, bei dem von den Kunden gleichermaßen Einsatz und Umweltwissen gefragt sind. Begleitend dazu bietet Vaude ein umfangreiches Paket an Marketingmöglichkeiten, das die Händler dann individuell umsetzen können. Dazu gehören unter anderem die passende Flächendekoration, Online-Marketing-Support für Social Media und die Händler-Website sowie Flyer und Anzeigen zur Aktion – alles inklusive der Strahlkraft der jüngsten Auszeichnung für das Tettnanger Familienunternehmen: "Deutschlands nachhaltigste Marke 2015".

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Nikwax: Und waschen bringt’s doch

Schmutz und nutzungsbedingter Abrieb, aber auch die Verwendung normaler Haushaltswaschmittel für Outdoor-Bekleidung, beeinträchtigen bzw. zerstören die DWR-Eigenschaften auf jeder Art von Outdoor-Bekleidung. Der britische Pflegemittelhersteller Nikwax widerspricht aber einem Testergebnis, das Gore-Tex auf der ISPO 2016 in München präsentierte: „PFC-freie DWR-Ausrüstungen können mehr Chemikalien absondern, da der Endverbraucher beim Versuch, eine zufriedenstellende Wasser abweisende Wirkung zu erzielen, seine Outdoor-Jacke mit PFC-freier Imprägnierung wesentlich öfter waschen und nachimprägnieren muss.“ Das neue Nikwax Tech Wash V16.1 bewahre die wasserabweisende DWR-Imprägnierung über doppelt so viele Waschgänge hinweg im Vergleich zur vorherigen Version und erhöhe damit die Anzahl der Waschungen ohne die Notwendigkeit einer Nachimprägnierung von zwei bis fünf auf vier bis zehn (je nach Verschmutzungsgrad).

Die Kombination mit dem PFC-freien Imprägniermittel Nikwax TX.Direct sorge für eine gründliche, dauerhafte Reinigung und Imprägnierung und bewahre die DWR sowie die Atmungsaktivität des Materials über einen langen Zeitraum hinweg, heißt es. Nikwax hat sich von Anfang an gegen die Verwendung von PFC-haltigen Imprägnierformeln entschieden und vertritt immer wieder aufs Neue die Position, dass eine leistungsstarke DWR auch mit minimaler Umweltauswirkung erzielt werden kann.

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 05 / 2016