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„Die Sensibilität für das Thema ,Made in Germany‘ wächst im positiven Sinne.“

  • Freitag | 23. April 2021  |  11:46 Uhr
Uvex produziert überwiegend in Deutschland. Über die Hintergründe der strategischen Ausrichtung und warum sich eine Produktion in der Heimat lohnt, sprachen wir mit Uvex Sports Group CEO Christophe Weissenberger.
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Für Christophe Weissenberger bleibt die größte Herausforderung die Entwicklung der Arbeitslöhne in Deutschland.
© Uvex

sportFACHHANDEL: Was ist das Gütesiegel „Made in Germany“ heute noch wert? Wie hat sich der Wert im Laufe der Zeit verändert, auch im Hinblick auf die aktuelle Lage?

Weissenberger: Man muss zunächst einmal bei der Uvex Group und dem Uvex Sports Group Bereich, den ich selbst als Geschäftsführer der Marken Uvex und Alpina verantworte, sehen, dass bei uns der Arbeitsschutz zwei Drittel des Umsatzes macht. Es war schon immer ein USP von uns, dass wir in der Wertschöpfungskette eigene Produktionsstätten haben und diese steuern und fördern. Insbesondere Produktionsstätten „Made in Germany“ und „Made in Europe“. Das gehört zu unserer Marken-DNA. Unser Ziel ist es möglichst autark unsere Innovationen, Entwicklungen und Produkte am Markt anzubieten. Um speziell auf „Made in Germany“ sprechen zu kommen: Wir haben seit unserer Firmengründung vor über 95 Jahren Produktionsstätten in Deutschland und Europa und sind darauf auch sehr stolz.

Selbstverständlich muss man sich als Marke „Made in Germany“ auch leisten können. Vor allem in den letzten zehn bis 20 Jahren gab es hier große Herausforderungen. Wenn ich da beispielsweise an die Abwanderung der Textilindustrie nach Asien denke, wird schnell klar, dass damit auch ein Know-how Transfer erfolgt ist, was mitunter auch zu neuen Problemen geführt hat.

Wie hoch ist der tatsächliche Anteil „Made in Germany“ bei Uvex-Produkten?

Wir haben bereits einen Anteil von 70 Prozent „Made in Germany“. Über alle Produktgruppen gesehen haben wir beim Radsport, der gerade einen absoluten Hype erlebt, und bei unseren Helmen, die in Passau hergestellt werden, sogar eine Tendenz zu 80 Prozent Eigenfertigung. Trotz dieser hohen Quote ist Asien auch für uns ein wichtiger Partner, vor allem wenn es darum geht höhere Kapazitäten zu bedienen, als wir mit den eigenen Produktionsstätten abbilden können. Unser Geschäft wird jedoch durch „Made in Germany“ getragen. In der aktuellen Corona-Situation kommt uns das zugute, gerade auch in Hinblick auf die Sensibilisierung der Gesellschaft in puncto Nachhaltigkeit. Obwohl wir das Thema aktuell noch nicht proaktiv nach außen tragen, ist es so, dass Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung schon immer ein fester Bestandteil unserer Marken-DNA ist. Es gehört zu unserer unternehmerischen Sorgfaltspflicht, dass wir z.B. wissen, wer unsere Zulieferer und wie die Arbeitsbedingungen vor Ort sind. Hinzu kommt, dass wir durch unsere Art zu produzieren, den CO2-Abdruck deutlich reduzieren. Zusammengefasst muss ich sagen, dass wir die neue Sensibilität für das Thema „Made in Germany“ sehr begrüßen und auch als positives Signal für die Zukunft verstehen.

Wie bedeutend ist in diesem Zusammenhang die Innovationskraft eines Unternehmens?

Viele Produkte sind heute zu ähnlich und austauschbar. Deswegen kommt der Innovationskraft eines Unternehmens auch ein besonderer Stellenwert zu. Um ein aktuelles Beispiel zu geben: Wenn wir bei Helmen verschiedener Hersteller die Logos entfernen, stellen wir fest, dass sich die Produkte augenscheinlich nur sehr schwer voneinander unterscheiden lassen. Hier kann man als Marke dann wieder ansetzen und neue Wege gehen. Das beginnt schon bei der Produktidee und geht über die Gestaltung bis hin zur Fertigung. Wir verfolgen die Strategie, diesen Prozess so abzubilden, dass wir in der Lage sind, schnell auf die Bedürfnisse der Endverbraucher und des Marktes zu reagieren. Genau hier hat „Made in Germany“ auch deutliche Vorteile im Vergleich zu Asien, z.B. durch kürzere Lieferwege etc. Aber: Innovation ist auch keine Einbahnstraße und dessen sollten wir uns bewusst sein. Seit einigen Jahren hört man vieles über mangelnde Innovation aus Europa und Amerika. Andererseits verschließen manche aber auch die Augen, davor, dass Asien längst zu einem eigenen Innovationstreiber geworden ist. Mir ist wichtig, dass wir immer auch das Gesamtbild betrachten.

Wofür benötigen Sie den asiatischen Markt rein aus Produktionssicht? Wäre das strategisch logische Ziel nicht 100 Prozent „Made in Germany“?

Aktuell bewegen wir uns als Unternehmen bei 70 bis 80 Prozent Produktionsanteil in Deutschland. Natürlich könnten wir eine Strategie definieren, die als Ziel die 100 Prozent autarke Produktion festlegt, das sehe ich derzeit allerdings nicht als realistisch umsetzbar. Wir benötigen eine gewisse Flexibilität neben „Made in Germany“, um im Bedarfsfall entsprechend reagieren zu können. Einerseits haben wir Produkte, die zu 100 Prozent in Deutschland hergestellt werden. Andererseits werden unsere Sportbrillen in Asien gefertigt, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass sich momentan die Preis-Leistungsfunktion dieser Produkte in Deutschland leider nicht darstellen lässt. Sportbrillen sind für uns einer der Wachstumsbereiche. Es ist durchaus ein strategisches Ziel, die Sportbrillenproduktion auch wieder nach Deutschland zu bringen, wo sie historisch gesehen auch schon einmal angesiedelt war. Inwiefern uns das in den nächsten Jahren gelingt, werden wir sehen.

Wie ist es denn um die Label „Made in Germany“ und „Made in Europe“ als gemeinschaftliches Bündnis gegenüber dem Weltmarkt und anderen Bündnissen bestellt? Gibt es gar Zusammenschlüsse unter den Firmen, um sich zu positionieren oder agiert jeder für sich allein?

Wir müssen hier einzelne Bereiche unterscheiden. Im Textilbereich gibt es solche Bündnisse, um sich beispielsweise bei den Punkten Menschenrechte und Arbeitsbedingungen zusammenzuschließen. Das ist dort schon relativ früh organisiert worden. In unserer Branche ist das eher die Ausnahme. Bei „Made in Germany“ und „Made in Europe“ entsteht die Herausforderung vor allem beim Thema „Nachhaltigkeit“. Hier sind wir sehr nah am Markt, beispielsweise bei recycelbaren oder biobasierten Materialien. Insgesamt betrachtet, halte ich in unserem Bereich Bündnisse für deutlich schwieriger. Unser Fokus liegt, anders als in anderen Branchen, nicht darauf die Produktion in Asien weiterzuentwickeln, sondern unser Level zu halten. Bei zukünftigen Produkten muss für uns klar sein, wer liefert das Know-how, wer entwickelt die Technologien und wer hat den Endkunden mit seinen Bedürfnissen im Blick. Denn das ist der entscheidende Faktor: Die Erwartungen an ein Produkt und wie diese erfüllt werden.

Welche Unterstützung könnte es vonseiten der Politik geben, um den Standort Deutschland entsprechend zu fördern und zu stützen?

Aus meiner Sicht bleibt die größte Herausforderung die Entwicklung der Arbeitslöhne in Deutschland. Bei allen anderen Themen sind wir absolut auf Augenhöhe und wettbewerbsfähig. Natürlich ist die aktuelle Situation für den Handel und insbesondere den Einzelhandel aufgrund ihrer Kapitaldecke extrem angespannt. Hier ist Unterstützung gefragt. Auch die Industrie muss kämpfen. Es gibt so viele Marken auf dem Weltmarkt, doch nur wenige sind wirklich relevant. Auch die Themen Bürokratieabbau, Lieferkettengesetz und Digitalisierung müssten noch mehr auf die Agenda der öffentlichen Diskussion.

Haben wir Europäer in der Vergangenheit zu viel an Know-how und Technologien abgegeben?

Ich denke, dass in der Vergangenheit sicher Fehler gemacht wurden. Wenn wir uns beispielsweise noch einmal den Textilmarkt anschauen, dann sehen wir, dass vor 20 bis 30 Jahren die gesamten Technologien und Maschinen nach Asien abgewandert sind. Selbst wenn heute eine Firma ausschließlich in Europa produzieren lässt, so wird beim Thema Kapazitätsauslastung die Grenze sehr schnell erreicht, was sich nicht so schnell durch den Aufbau neuer Produktionskapazitäten wieder beheben lässt. Das gesamte Know-how der Technologien ist im Bereich Textil meiner Meinung nach nicht mehr hier in Europa und deswegen auch nicht innerhalb von kurzer Zeit wieder reaktivierbar. Bei uns im Helmbereich ist das Thema aus den bereits genannten Gründen nie so groß gewesen, spielt aber natürlich auch eine Rolle. Asiatische Marken leisten inzwischen gute Produktentwicklung und drängen nun ihrerseits sehr eigenständig in den Markt. Dadurch sind auch wir mit mehr Wettbewerbern im Winter- und Radsport konfrontiert.

Sie haben eben das Thema Recycling angesprochen. Das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt, Stichwort: Kreislaufwirtschaft. An welcher Stelle steht Uvex derzeit und wo möchte Uvex in welchem Zeitraum hin?

Wir haben ein klares Ziel, bei dem wir uns aber zeitlich nicht festlegen wollen. Ich kann allerdings verraten, dass wir schon sehr weit sind und die Rückmeldungen aus der Entwicklung uns positiv stimmen. Wir sind derzeit an dem Punkt der Bestandsaufnahme. Etwa, welche Materialien können verwendet werden? Auch sind bestimmte Kriterien per Gesetz vorgegeben. Materialien müssen beispielsweise eine gewisse Form der Sicherheit und Stabilität bieten. Im Rahmen unserer Qualitätsversprechen haben wir eine Verpflichtung, dem nachzukommen. Wir werden also daran gemessen, ob auch die Funktion sowie die Qualität eines Produktes gewährleistet sind. Selbstverständlich wollen wir das Maximale möglich machen, was auf die Nachhaltigkeit einzahlt, solange wir die Funktionalität und Sicherheit garantieren können. Denn am Ende des Tages interessiert es keinen Verbraucher, ob der Helm besonders nachhaltig ist, wenn dieser seine Funktion nicht erfüllt. Es wäre fatal, Sicherheit zu suggerieren, wo keine Sicherheit ist. Um einen Ausblick zu geben, arbeiten wir unter anderem daran, einen Skihelm mit biobasierten, recycelbaren Stoffen herzustellen. Hier stoßen wir immer wieder auch an Grenzen, wie beispielsweise unserem EPS- Sicherheitssystem für das es aktuell noch keine zuverlässige Alternative gibt. Für andere Bestandteile testen wir hingegen schon sehr konkrete Lösungen.

Vielen Dank, Herr Weissenberger.

Interview: Ralf Kerkeling

Das Interview ist Teil unserer Serie "Made in Germany/Made In Europe"

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