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Tourenski: Keine Angst vor dem Gelände

  • Andreas Mayer
  • Dienstag | 12. November 2019  |  12:53 Uhr
Mittlerweile vergeht kaum mehr ein Gespräch über Wintersport ohne dass die Begriffe Tourengehen oder Tourenski fallen. Selbst im Flachland, wo der Handel nach wie vor eher zögerlich an das Thema herangeht, hat das einstige Spezialistensortiment seine Liebhaber. Kein Wunder, denn Naturgenuss und „sanfter“ Wintersport sind Zeitgeist geworden. Und das hat auch Auswirkungen auf den Wintersport...

Der Markt für Skitourenausrüstung startet meist später im Jahr als der für die etablierten Alpinsportarten. Auch im vergangenen Winter haben die schneereichen Monate Januar und Februar für gute Umsätze gesorgt. Bei der Sport 2000 in Österreich wurden 15 Prozent mehr Tourenski und Schneeschuhe verkauft als im Vorjahr. Der Alpinskiverkauf stieg im gleichen Zeitraum um fünf Prozent, wofür allerdings größtenteils Mehrumsätze bei höherpreisigen Skis verantwortlich waren.

Auch Hilmar Bolle, Country Manager von ­Rossignol und Dynastar erklärt: „Im Gegensatz zum Bereich Pistenski, der sich von Jahr zu Jahr schwieriger gestaltet, entwickelt sich der Bereich Tourenski bei unseren Marken Rossignol und Dynastar positiv. Tourenski sind bei uns stabil, sogar mit einem leichten Plus. Der Trend geht hier zu etwas breiteren Skiern und zu abfahrtsorientierten Ski mit einer Mittelbreite von 80 bis 85 Millimetern.“

Der Saisonstart war im letzten Jahr größtenteils durch warme Temperaturen und Regen gekennzeichnet. Viele Händler kompensierten aber Ende Februar das Minus aus den Monaten November bis Dezember. Aufgrund der guten Schneelage waren Januar und Februar besonders erfolgreich. „Der späte Ostertermin verlängerte zudem die Saison bis Ende April“, analysierte Dr. Holger Schwarting, Vorstand Sport 2000 Österreich, im vergangenen Frühjahr. Speziell von Salzburg ostwärts nehme der Bike-Bereich dann allerdings schon einen Anteil von 60 Prozent am Frühjahrgeschäftes ein, Das zeigt, wie groß das Nord-Süd-Gefälle (bzw. in Österreich das West-Ost-Gefälle) beim Thema Tourenski ist. Wie es scheint, brauchen Handel und Endverbraucher immer noch die Berge vor der Haustür, um sich dem Wachstumsthema wirklich zu widmen.

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Dynastar profitiert von der steigenden Nachfrage bei Tourenski.
© Alpinschule Rocknroll

Dabei gibt es Recherchen zufolge in ganz Deutschland rund 500.000 Skitourengeher. Dass die Saison für Skitourengeher erst zu einem späteren Zeitpunkt startet, lässt Benedikt Böhm, CEO von Dynafit, nur eingeschränkt gelten. „Aus unserer Sicht öffnet das auch neue Möglichkeiten. Denn der Skitourensportler und Bergausdauersportler trainiert das ganze Jahr. Und wir werben dafür, dass die Wintersaison später beginnen darf und denken, dass sich der Handel in der Nische Skitour auf einen Start im Januar einstellen und Flexibilität mitbringen sollte.“

„Zunächst gilt es zu klären, ob der Kunde einen eher aufstiegs- oder mehr abfahrtsorientierten Ski bevorzugt“, rät Hilmar Bolle. „Die Bindungen sollten nicht zu leicht sein, gerade bei breiteren Skiern wirken im Gelände große Kräfte auf die Bindung ein. Schließlich sollten die Felle genau passen und die richtige Länge haben, daher ist es ratsam seine Tourenski im Fachhandel zu kaufen.“

Dass dies selbst tiefsten Preußen funktioniert, beweist seit mehr als 30 Jahren Der Berg Ruft in Berlin. Norbert Broda, Bernd Habermann und Holger Wagenfeldt haben in der Schlesischen Straße einen Skiladen, wie man ihn selbst in den Bergen nur selten findet. Auf über 700 Quadratmetern präsentieren sie Ausrüstung aller führenden Ski-, Skischuh- und Bindungshersteller, darunter auch Tourenski und Lawinenausrüstungen. Dazu gibt es einen eigenen Skiverleih – ebenfalls auch für Tourenski. „Unsere Fachverkäufer, die selbst sehr erfahrene Schneesportler sind, nehmen sich Zeit für eine fachgerechte und ausführliche Beratung. Wesentlicher Bestandteil unserer Philosophie ist ein umfangreiches Serviceangebot, wie zum Beispiel der Sofort-Skiservice und das individuelle Anpassen von Skischuhen“, erklären die Berliner.

Im Sauerland zwischen Köln und Dortmund verlegt Thomas Brinkmann Deutschlands einziges Kioskmagazin, das sich ausschließlich mit Tourengehen beschäftigt. „SNOW“-Chefredakteur Christian Riedel kennt den Markt, und kann regelmäßig mit über 40.000 verkauften Exemplaren rechnen.

Bekleidungsspezialist Löffler investiert für diesen Winter in eine komplett neue Skitouren-Kollektion, die bereits Anfang November feierlich und inklusive Modenschau in München gezeigt wird. „Wir haben zwar schon seit einigen Jahren eine kleine, feine Kollektion im Programm, für diesen Winter haben wir aber noch mehr an ihr geschärft und besondere Bedürfnisse des Skitourengehers berücksichtigt,“ erklärt Dominique Roshard, Head of Product Management bei Löffler in Ried am Innkreis (Österreich). „Wir sehen einfach, dass die Skisportler in den letzten Jahren immer häufiger von der Piste weg ins Gelände gehen. Und unsere Recherchen zeigen, dass der Boom noch lange nicht zu Ende ist.“

Besondere Bedürfnisse eines Skitourengehers, das sind beispielsweise die völlig unterschiedlichen Anforderungen, die an die Bekleidung während des Aufstiegs im Vergleich zur Abfahrt gestellt werden müssen. „Das Ziel sollte sein, mit nur einer Ausstattung von Base- und Firstlayer, über Midlayer bis hin zur Isolation und Wetterschutz, gut abgedeckt zu sein“, erklärt Roshardt. „Unser Portfolio bietet für jede Wetterbedingung das richtige Produkt. Je nach Bedarf und äußeren Umständen kann man sich die Ausstattung zusammenstellen sowie schnell und einfach ergänzen, falls die Ansprüche größer sind.“

Bei Löffler heißt das Zauberwort dafür „Hybrid“ – verschiedene Materialkompositionen an ein und demselben Kleidungsstück. „Die unterschiedlichen Materialien werden dort eingesetzt, wo sie Sinn machen. Das heißt zum Beispiel Windschutz nur dort wo er benötigt wird. Elastic-Zonen für eine perfekte Passform und Ventilation funktionell optimal platziert“, erklärt Roshardt. „Vom Wetterschutz, wo wir Gore-Tex Active nutzen, über Windstopper bis hin zu Softshells ohne Membrane arbeiten wir mit allen Produktgruppen, die man braucht, um eine wirklich kompetente Skitourenkollektion präsentieren zu können.“

Ansonsten würden Skitourengeher Wert legen auf besonders leichte, atmungsaktive und schnell trocknende Bekleidung, weiß der Produktexperte. „Leichte, kompakte Jacken kann man auch gut im Rucksack mitnehmen und oben schnell anziehen, bevor es wieder runtergeht“. Und auch spezifische Details wie die Größe der Taschen oder leichte Bedienbarkeit der Reißverschlüsse seien wichtig. „Neben den kompromisslosen Ansprüchen an Funktion und Qualität ist es uns seit jeher ein Anliegen dass unsere Produkte auch verantwortungsvoll produziert werden. Daher haben wir uns schon vor vielen Jahren zu einer regionalen, nachhaltigen Produktion in Europa committed, bei der Teile vor der Benutzung eben nicht um den halben Erdball transportiert werden müssen.“

Der Fachhandel wird von Löffler am POS mit Plakat- und Schaufensteraktionen sowie entsprechenden Kampagnen unterstützt. Darüber hinaus werden auch für Händler die Sozialen Medien immer wichtiger, weiß Roshardt. „Hier können wir sehr schnell mit individuell auf den Händler abgestimmten Kampagnen helfen.“

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN