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Schwimmsport krault mit Innovation und Design

  • Nicolas Kellner
  • Freitag | 03. Juni 2016  |  12:18 Uhr
Schwimmen ist Trendsport. Klamm-heimlich hat sich das Thema vom reinen Bade- und Schulsport-Image befreit und begeistert im Handel. Viele Sportfachhändler haben das erkannt und investieren in Fläche, Marke und Ladenbau. Aber auch die Hersteller unterstützen kräftig und sorgen mit Innovationen für deutlich mehr Frequenz im Geschäft.
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Schwimmer Marco Koch steht für Arenas neue Kompressionsbekleidung auch im Handel gerade
© Arena

Text: Nicolas Kellner

Der Fachhandel schwimmt nicht mehr nur mit, sondern engagiert sich derzeit mit zunehmendem Erfolg. Schwimmen war immer schon aktuell im Sporthandel, auch wenn die Flächen über den Winter vielleicht ein bißchen zusammenschmolzen. Allerdings fristete das Segment bislang oft ein eher liebloses Dasein. Bis vor nicht allzu langer Zeit galt es einmal, möglichst viele Schwimmanzüge auf eine Stange zu hängen: Gedrängt, unübersichtlich und ohne Charme für den Kunden. Discounter, Tchibo und Co. hatten leichtes Spiel und schöpften viel vom Potenzial im Markt ab: Mit saisonalen Dumpingangeboten rund ums Baden und Schwimmen, egal ob Billig-Bikinis, Billig-Schnorchel oder -Flossen. Das ist vorbei. Billiganbieter haben kaum mehr eine Chance, mit solchen Artikeln zu punkten. Die Anbieter von Sets beispielsweise (Schnorchel, Tauch-Brille, Flossen) haben sich mit 79 Euro und darüber feste Plätze im Fachhandel erobert, weil sie beste Materialien und hochwertige Verarbeitung bieten. Trotzdem bleibt der Regalplatz umkämpft, allerdings halten in der Regel die Preise, weil Schwimmausrüstung, wozu auch Schwimmhilfen oder Paddelflossen zählen, durchaus beratungswürdig ist und individuell ausgesucht werden will. Da lasse sich die Stärke des Fachhandels ausspielen, bestätigen viele Händler.

Schwimmbrillen sind beratungsintensiv: In ganz besonderen Maße trifft das auf Schwimmbrillen zu. Hochwertige Schwimmbrillen kosten gut und gerne bis zu 30 Euro (VK) und mehr und sind mittlerweile hochtechnische Ausrüstungsteile: Dazu gehören die Dichtung, verstellbare Kopfbänder aus Silikon oder auch die Anti-Fog-Beschichtung. Immer mehr Endverbraucher kämen ins Fachgeschäft, weil sie online falsch gekauft haben, erzählen Händler. Das Produkt sei sehr beratungsintensiv, berichtet auch eine Verkäuferin bei Sport Schuster in München. Vor der Brillenwand in der Schwimmabteilung herrscht am Wochenende Gedränge. Der Grund: Jeder will in den dort ebenfalls angebrachten Spiegel schauen. „Schwimmbrillen sollen nicht nur gut aussehen, sondern dürfen vor allem nicht drücken und kein Wasser durchlassen“, erzählt die Verkäuferin. Die Auswahl ist groß, die Preisrange auch und die Kunden lassen sich gerne beraten und kaufen.

Schwimmen ist ein Ganzjahresthema. Das Potenzial wächst. Hoch interessant ist dabei das Ergebnis einer Befragung in Deutschland zum Interesse an der Sportart Schwimmen von 2012 bis 2015, welches das weltweit operierende Marktforschungsunternehmen Statista präsentiert. Im Jahr 2014 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre über 69 Millionen Personen, denen Schwimmsport bekannt war. Davon interessierten sich rund 7,28 Millionen ganz besonders für diese Sportart. In diesem Frühjahr wird die Fläche, die bei vielen Händlern wächst, sowieso noch ausgeweitet. „Wir haben dieses Jahr eine sehr attraktive und abwechslungsreiche Fläche im Bereich Schwimmen und Badesport aufgebaut“, freut sich etwa Michael Enste, Abteilungsleiter bei Karstadt Sports in der Münchner City. Die Grenze zum Bereich „Bade und Beach“ verläuft dabei fließend. Ein besonderer Schwerpunkt wird diesmal bei der Damenwelt gesetzt, unterstreicht Enste. Inzwischen wird dazu viel stärker über Optik und Präsentation an Puppen und mit großzügen Ladenbauelementen sowie ansprechenden Bildern und Postern gerarbeitet. Besonders auffällig sind momentan die Wand-gestaltungen von Speedo: „Das kommt bei den Kunden auch an, weil es auffällt“, erzählt eine langjährige Verkäuferin aus der Schwimmabteilung von Karstadt Sports. Sie bemerkt immer stärker, dass Käufer gezielt und bewusst kommen, weil sie gerade im Textilbereich beraten werden, aussuchen und ausprobieren wollen. Deswegen kämen sie in den stationären Handel. „Dazu bieten wir natürlich Umkleidekabinen an, das ist für die Kunden sehr wichtig“, sagt die Verkäuferin. Auf jeden Fall boomt die Nachfrage, zu Beginn der Ferien um so stärker. Die Pentland-Tochter landete aber auch einen Coup in der neuen Zusammenarbeit mit Skiprofi Felix Neureuther, mit dem bereits Bild- und Videomaterial für die neue Markenkampagne von Speedo produziert wurde. Die Installationen sind auffällig und in vielen Shops mittlerweile installiert. Diese läuft in Deutschland unter dem Slogan „Felix ist Speedo Fit! Und Du?“

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Aqua Sphere bietet wahre Hingucker für Fitness-, Active-, Recreation- und Competitive-Swimming an.

Aber auch der jüngst neu eröffnete Adidas Flagshipstore „Home Court“ (1.200 Quadratmeter) in Berlin schwimmt mit. Und im Sporthaus Krumholz in Mühlheim-Kärlich hat man das Potenzial in Sachen Schwimmen ebenfalls früh erkannt. Das Thema ist dort besten aufgestellt, Schwimmen und Badesport erfreut sich steigender Nachfrage. Die Nachorder würde nahezu explodieren, freut sich zum Beispiel Speedo-Sprecher Nikolaus Przemek. Das Konzept der Marke scheint aufzugehen. Merchandiser von Speedo sorgen sich mehrmals im Jahr um die Gestaltung in den verschiedenen Läden, wechseln Motive und Poster auf eigene Kosten, berichten Händler. Davon profitiert letztendlich der gesamte Sortimentsbereich. Das heißt also auch andere führende Marke von Adidas über Arena bis zum britischen Anbieter Zoggs. Die Auswahl von Badekappen, Brillen, Latschen und Schwimmhilfen wächst, mit ihnen die Preis-Punkte. Marken wie Balzer, Beco und Aqualung sind auf dem Vormarsch. Die Tochtermarke von Aqualung aus Italien Aqua Shpere mischt zum Beispiel gerade die Szene in Sachen Schwimmbrillen auf. Dazu ist Hightech im Wasser angesagt: Mit 100 Prozent UVA/ UVB Schutz, flachem Profil und anatomisch geformtem Rahmen für geringen Widerstand und einer einfachen, schnellen Quick-Fit-Verstellung des Maskenbandes. Mittlerweile präsentiert Aqua Sphere eine breite Produktpallette in den Bereichen von Fitness-, Active-, Recreation- und Competitve Swim bis hin zum Triathlon an. Die Sichtscheibe ist umlaufend für ein 180-Grad-Sichtfeld und mit Anti-Beschlag- und Kratz-Schutz ausgestattet. Bei Sport Schuster erfordert das eine längere und ausführlichere Beratung. Auch in den Sportabteilungen von Kaufhof läuft der Verkauf von Schwimmartikeln auf Hochtouren, auch dort sind aufwendige Ladenbauartikel der Anbieter im Einsatz.

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Adidas eröffnete soeben seinen mordernsten Swimshop in Marseille (Frankreich).
© Adidas

Adidas und die einstige Tochter Arena (jetzt in Italien angesiedelt) wollen dem in Nichts nachstehen und bauen ihr Ladenbauengagement aus. Dabei fühlt sich der Swimwear-Spezialist aus dem italienischen Tolentino dem Fachhandel verpflichtet, wie der für den deutschen und österreichischen Markt verantwortliche Arena-Verkaufsleiter Sören Geetz immer wieder unterstreicht. Dabei geht es nicht nur um attraktive Konditionsmodelle, mit denen dem Handel unter die Arme gegriffen wird, sondern ebenfalls auch um überzeugende Flächenkonzepte, wodurch eine verbesserte Warenpräsentation die Profilierung des Segments der sportiven Bademode am POS stärken soll. Davon sollen sowohl der Handel als auch die Marke profitieren. Wechselnde Warenbilder und Farbthemen sorgen für neue Impulse auf der Fläche und forcieren einen stärkeren Abverkauf.

Bleibt als wichtiger und mitentscheidendes Verkaufsargument noch das Thema Innovation: Alle Hersteller investieren hohe Beträge in „Research and Development“ von High-Tech-Schwimmausrüstung, die den Sportler – ob Olympia-Profi, Hobby-Profi oder reiner Freizeitschwimmer – unterstützen soll. So verspricht Arena gerade, das Schwimmtraining mit seiner neuartigen Compression Apparel auf ein höheres Level setzen zu wollen. Adidas wiederum verspricht mit neuen Technolgien wie Xtranergy und Xtraflow die „korrekte Unterstützung der muskulären kinetischen Kette zur Verbesserung der Wasserlage und des Vortriebs“ sowie neuartige Schnitte, die auf zahlreichen Ganzkörper-Scans basieren. Xtrafit bedeutet laut Hersteller „intelligente Materialien und eine extrem leichte Konstruktion für weniger Wasserwiderstand“. Die bevorstehende Olympiade dürfte für alle großen Marken zur Herausforderung werden und dem neue Fachhandel einiges an Verkaufschancen bieten. Auch schon vor der Medaillenvergabe hat dieser jedenfalls gute Verkaufsargumente von den Anbietern erhalten.

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 07 / 2016