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Rental: Service, Business, Nachhaltigkeit?

  • , Ralf Stefan Beppler
  • Dienstag | 15. Juni 2021  |  10:51 Uhr
Sharing Economy ist ein Schlagwort unserer Zeit. Auch in der Outdoor Branche werden immer mehr Verleihkonzepte vorgestellt. Die Hoffnung dahinter: Rental soll Nachhaltigkeit fördern. Kann es das?
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Leihequipment soll den Nachhaltigkeitsgedanken unterstützen.
© privat

Verleih-, Miet-, Abo- oder Sharingkonzepte werden als Ausdruck einer neuen Consumer Awareness gefeiert und zu Heilsbringern einer neuen Nachhaltigkeit stilisiert. Da ist aus gegenwärtiger Sicht der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. So erfolgversprechend sich viele Konzepte anhören, noch muss man sagen, existieren kaum Daten und Studien über deren Wirkungen. Das muss nicht heißen, dass sie schlecht sind, aber zum Feiern ist es zu früh.

Neu denken, statt nur Re-agieren

Greenpeace hat einen Re-Think Kreislauf aufgestellt: Refuse, Reduce, Re-Use, Repair, Re-Gift, Recover und Recycle. Dabei geht es um „bewussteren Konsum“ und eine „Neudefinition von Beziehungen - zu Dingen und zum Planeten“. Das sei notwendig, da Teile der Fast-Fashion-Industrie Recycling bereits nutzten, um Konsum anzustacheln. Man müsse deshalb die Kreislaufwirtschaft um das Attribut „langsam“ zu einer Slow Circular Economy erweitern: „Wir müssen beides tun: Den Fluss verlangsamen und den Kreislauf schließen indem Produktion und Verbrauch reduziert werden.“ Greenpeace ist nicht die einzige Organisation, die das Konsummodell eines unbegrenzten Wachstums in Frage stellt. Das tun im Grunde alle, die nicht leugnen, dass die Klimakrise menschengemacht ist.

Is sharing caring?

Der jungen Generation wird nachgesagt, dass Besitz für sie eine andere Bedeutung habe. Spotify, Netflix, Airbnb oder Uber zeigen, dass Sharing der Lebensstil der Zukunft sei. Wirklich? „Der Begriff der Sharing Economy meint das systematische Ausleihen von Gegenständen und gegenseitiges Bereitstellen von Gegenständen, Räumen und Flächen, insbesondere durch Privatpersonen und Interessengruppen“, definiert Prof. Dr. Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Nordwestschweiz den Begriff. Ein „gegenseitiges Bereitstellen von Gegenständen“, ist aber nichts Neues. Tauschbörsen, sich in gegenseitiger Nachbarschaftshilfe Gegenstände leihen und ausleihen, hat es schon immer gegeben. Was macht also den Sharing-Hype aus? Das neue Sharing ist vor allem Geschäftsmodell. Vermittler verdienen sich an Sharing-Plattformen dumm und dämlich. Sascha Lobo, Blogger und Spiegel-Kolumnist spricht deshalb von „Plattformkapitalismus“.

Schafft die neue Sharing Economy zumindest einen bewussteren und sozialeren Verbraucher? Und wird damit die Umwelt geschont? Schwer zu sagen. Fakt ist, dass einzelne Produkte durch Verleih häufiger genutzt werden könnten. Das klassische Beispiel ist die Bohrmaschine, die es in fast jedem Haushalt gibt, aber einen statistisch errechneten Jahresnutzungszeitraum von etwa 5 Minuten hat. Sharing würde hier bedeuten, dass weniger Bohrmaschinen gebraucht und Ressourcen geschont würden. Befürworter von Sharing führen an, dass Sharing sich auch auf die Kundenvorstellung eines „guten“ Produktes auswirke. Weil Kunden Waren länger und intensiver nutzen würden, verlören Einmal-Produkte an Attraktivität.

Kritiker sehen das als Wunschdenken. Schon heute sei das Wirtschaftssystem nicht logisch nach Wertig- und Langlebigkeit, sondern nach Verbrauch und Ersatz gepolt. Geplante Obsoleszenz sei ein „Designelement“ bei der Entwicklung vieler Konsumgüter, um die Nachfrage hoch zu halten.

Ebenso hätte der Sharing-Hype zu einer Kommerzialisierung geführt. Wenn früher „Dienste“ kostenlos angeboten wurden, werden sie heute zum Geschäftsmodell.

Es könnte sein, dass es bei der Sharing Economy mehr um das Erschließen neuer Wirtschaftsfelder und das Erreichen neuer Endkunden geht als um Nachhaltigkeit.

Serviceleistung und Kundenbindung

Auch Verleihgeschäfte sind ein alter Hut und Ausrüstungsverleih gab es schon immer im Outdoorbusiness. Im Supertramp Katalog 1997 (vormals ein führendes Outdoor-Fachgeschäft in Frankfurt) hieß es zum Thema Ausrüstungsverleih: „Lohnt sich die Anschaffung für eine kurze Reise nicht oder wollen Sie vor einer Kaufentscheidung erst einmal testen? Kein Problem!“ Der Mietpreis werde sogar bis zu vier Wochen nach Rückgabe noch mit einem Kauf verrechnet.

Die Sine-Gruppe (ebenfalls alte Outdoor Fachgeschäfte) boten in den 80er Jahren bereits Ausrüstungsverleih. Rucksäcke und Zelte konnte Kunden vor dem Kauf bedarfsgerecht ausleihen und testen. Verleih war ein Serviceangebot und eine Maßnahme der Kundenbindung. Von Nachhaltigkeit war damals nirgends die Rede.

Beide Kriterien darf man auch heute als eigentliche Motive für Verleih annehmen. Ähnliches gilt für Testcenter. Auch sie sind Marketingmaßnahmen zur Kundenbindung für die Industrie und für Verbraucher Angebote, um sich teure Anschaffungen zu ersparen.

Verleih als Big Business

Wo die Outdoor Branche noch zögert, ist Fashion schon mitten im Big Business. Verleih-Labels wie Rent the Runway, StyleLend, Le Tote oder Overall sind im amerikanischen Fashion Markt fest etablierte Größen. Und weil das Geschäft boomt, ziehen die Modemarken mit eigenen Angeboten nach. Auf Social Media und in Fashionmagazine wird Rental gefeiert. Der Begriff Capsule Wardrobe wurde von der „Unfancy“-Bloggerin Caroline geprägt und gilt als „der“ Ausstattungshype, um den Inhalt des Kleiderschranks auf maximal 37 Teile zu begrenzen. „Grundsätzlich ist dein Kleiderschrank begrenzt, aber nicht auf eine super verrückte Menge. Außerdem aktualisierst Du alle drei Monate, was Dir erlaubt, für die nächste Saison shoppen zu gehen“, erklärt Caroline. Nachhaltigkeit ist bei knapp150 wechselnden Bekleidungsteilen im Jahr kaum das oberste Gebot.

Im „State of Fashion“-Report von ‚McKinsey & Company‘ wird Verleih als “fundamentale Evolution im Konsumentenverhalten“ beschrieben, der auf das Modegeschäft der kommenden Jahre starke Auswirkungen haben werde. „Einerseits möchte niemand zweimal in den selben Sachen fotografiert werden, und die Nachfrage nach einem sich ständig ändernden Kleiderschrank war noch nie so groß. Auf der anderen Seite sind die Verbraucher offener als je zuvor gegenüber den ökologischen und ethischen Auswirkungen der Branche.“ Hakt da nicht was?

„Die Social-Media-Gewohnheiten der Verbraucher in Verbindung mit dem Wunsch nach positiven sozialen Auswirkungen führen zu einem Einkaufsparadoxon,“ so McKinsey. Zahlen untermauern diesen „Einkaufsparadoxon.“ Der durchschnittliche Kunde kauft heute 60% mehr Bekleidung als vor 15 Jahren, behält sie aber nur halb so lange. Sind Rental-Konzepte und Weiterverkauf vielleicht nur Ausdruck dieses Dilemmas?

Wie viel Nachhaltigkeit steckt in Verleih?

Das ist eine gute Frage, denn die Datenlage ist dünn und die Unwägbarkeiten sind groß, da einzelne Faktoren die ganze Nachhaltigkeitsrechnung auf den Kopf stellen können. McKinsey schreibt: „Obwohl sich einige Vermietungsplattformen als „grün“ bewerben, muss noch eine eingehende Umweltstudie über ihren Betrieb durchgeführt werden.“ Zwei Umweltprobleme nennt die Studie 1. Die Reinigung der Produkte sowie 2. Der CO2-aufwendige Versand. Beispiel Jeans: Eine stationär gekaufte Jeans verursacht mit Produktion und einer durchschnittlichen Tragezeit etwa 33,4 Kilo CO2. Bei einer Leihjeans mache der Versand im Durchschnittsfall bereits 40 Kilo aus und könne bei Expressversand auf 50 Kilo hochschnellen. Auch bei der Energie- und Umweltbelastung einer Reinigung stellt McKinsey deutliche Nachteile einer industriellen Reinigung gegenüber Haushaltwäschen fest. Der McKinsey Report zitiert Steve Whittaker, Toxikologe des Seattle Hazardous Waste Management Programm: “Es gibt keine ungefährliche chemische Reinigung.“

Eine der wenigen Studien zu Bekleidungsverleih kommt von der Universität Lund „Product-Service Systems and Sustainability: Analysing the environmental impacts of rental clothing“, in Sustainability 4/2021. Dort heißt es im Abstract: „Geschäftsmodelle wie Product-Service-Systeme (PSS) erkennen häufig unterschiedliche Nachhaltigkeitsziele an und werden als Lösungen für die Auswirkungen von Konsum und Fast Fashion angesehen. Es fehlen jedoch Belege für die Umweltaussagen solcher Geschäftsmodelle für Kleidung.“ Die Universität hat dabei in einer Lebenszyklusbewertung 14 Szenarien untersucht und kommt zum Ergebnis, dass „die Art und Weise, wie Benutzer sich für PSS mit Kleidung entscheiden, bestimmt das Einsparpotenzial für die Umwelt.“ Ferner sei entscheidend „wie Verbraucher Kleidungsstücke tragen, ob sie die Mietsachen nutzen, um ihre Kauf- oder Nutzungsbedürfnisse zu ersetzen und wie Verbraucher zum Mietgeschäft reisen.“

Dazu warnt die McKinsey Studie: „Mietmode birgt das Umweltrisiko, dass sie unseren Appetit auf Kleidung erhöht.“ Das größte Problem liege weiterhin in der enormen Überproduktion und der damit verbundenen Notwendigkeit, dem Verbraucher die „emotionale Bindung zu seiner Bekleidung zu nehmen, so dass dieser sie möglichst schnell austauscht.“

Was passiert bei Outdoor?

Trotzdem verändert sich gerade die Narrative hinter Testangeboten. „Neben unserem Standard ‚Eine grünere Wahl‘, unserem Second Hand-Angebot und Take-Back für verbessertes Recycling, ist der Verleih von Produkten ein wichtiger Bestandteil unserer Nachhaltigkeitsstrategie und ein Beitrag für die Circular Economy“, so Globetrotter Sustainability Manager Florian Nendza. Auch Vaude ist überzeugt: „Vor dem Hintergrund des zunehmenden Bewusstseins unserer Kunden für Alternativen zum „Besitzen,“ möchten wir die Vermietung von Produkten als weiteren Service bieten“, so Hilke Patzwall, Sustainability Managerin bei Vaude, die überzeugt ist, dass „in der Zukunft (…) sich die Erkenntnis, dass man Produkte auch mieten statt kaufen kann, sicher noch stärker durchsetzen (wird).“ Reicht das für den Nachhaltigkeitshype um den Verleih?

Houdini organisiert ihr Verleihangebot in eigenen Shops “als Teil eines Ökosystems, in dem die Produkte im Rahmen des Wiederverwendungsprogramms zwischen Vermietung, Eigentum und Verkauf und Kauf aus zweiter Hand verteilt werden“, so Gustav Hedström. Houdini ist dabei der einzige Hersteller, der den Nachhaltigkeitsaspekt versucht, transparent zu machen. „Im Vergleich zum Kauf eines Houdini-Kleidungsstücks kann der Miet- oder Abonnement-Service den CO2-Ausstoß um bis zu 56% reduzieren,“ argumentiert Hedström. Allerdings gibt er zu, dass es „jedoch kein garantiertes Ergebnis“ ist.

Das Schweizer Start-up Muntagnard sieht Verleih als Möglichkeit für Verbraucher auch exquisitere Funktionsbekleidung zu nutzen. CEO Dario Grünenfelder spricht von zwei Vorteilen für den Nutzer: 1.„Zugang zu hochwertigen Kleidungsstücken, ohne den vollen Preis dafür bezahlen zu müssen,“ und 2. „Risikominimierung, falls das Produkt doch nicht vollumfänglich den Erwartungen entspricht.“

Ganz anders die Herangehensweise bei Bergans. Die Norweger testen gerade das Abo-System ‚Parkdress-Avtale’ mit ungefütterten Sommer- bzw. gefütterten Winter-Coveralls. „Alle norwegischen Kinder brauchen diese Anzüge, da Kindergärten oder Schulen unabhängig vom Wetter immer auch draußen stattfinden“, so Christoph Centmeyer, Sustainability Manager bei Bergans. „Ursprünglich war das Konzept aus dem Nachhaltigkeits-Gedanken entsprungen,“ erzählt Centmeyer. „Wir stellen bei der Vermarktung verstärkt den Komfortgewinn für gestresste Familien in den Vordergrund, die für einen geringen monatlichen Betrag die Garantie bekommen, dass ihre Kinder trocken und warm bleiben – ohne sich ständig um teure Neuanschaffungen zu kümmern, oder den zu klein gewordenen Anzug wieder weiterzuverkaufen.“ Bergans sieht das Abo-System als „Experiment, um Erfahrungen zu sammeln und um uns als Unternehmen für kommende Realitäten und veränderte Konsumgewohnheiten aufzustellen“, so Centmeyer.

Ralf Stefan Beppler

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