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Reisegepäck: Multifunktion, Organisation & Komfort

  • Astrid Schlüchter
  • Dienstag | 25. Juni 2019  |  11:27 Uhr
... darauf kommt es an, wenn Reisende auf Gepäcksuche gehen. Früher wurden Kunden noch im gut sortierten Lederwarenfachgeschäft fündig. Heute findet man das Sortiment immer öfter in den Regalen des Sportfachhandels. Warum? Weil viele Hersteller aus der Sportartikelbranche verstärkt auf Reisegepäck setzen.
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Reisegepäck soll immer höheren Ansprüchen genügen. Sportler, Abenteurer, Städtereisender oder Business-Menschen suchen ihr Gepäck deshalb immer häufiger im Sportfachhandel.
© Gregory

Heute ist Reisen und das Dokumentieren davon nicht mehr nur Hobby, sondern Lifestyle. Das ist auch den Herstellern nicht entgangen, die inzwischen Gepäck für jeden Reisetyp im Portfolio haben. Trolley, Hartschalenkoffer, Dufflebag oder Rucksack – Sportler, Abenteurer, Städtereisender oder Businesstrip, noch nie war die Auswahl an passendem Sortiment größer. In den Fokus rückt jedoch noch eine andere Entwicklung. Das Segment wird zunehmend im Sportfachhandel angeboten und immer weniger im gut sortierten Lederwaren- bzw. Taschenfachhandel. Laut einer Presseerklärung des Handelsverband für Lederwaren (BLE) sei 2017 der Markt für Lederwaren in Deutschland zwar weiter gewachsen, dennoch sei eine unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Vertriebswege spürbar.

Und die Zahl der Lederwarengeschäfte, immerhin bis vor kurzem noch die wichtigste Anlaufstelle für Koffer, Taschen und andere Lederwarenartikel, würde kontinuierlich weiter schrumpfen. Gegenüber 2015 hätten 60 Unternehmen den Markt verlassen (müssen). 2010 hätte es sogar noch 1.673 Unternehmen in der Lederwarenbranche gegeben. Ansonsten müsste sich der Lederwarenhandel mit den typischen Herausforderungen fast aller innenstädtischen Handelsformate auseinander setzen. Laut einer aktuellen Umfrage seien dies vor allem Frequenzrückgänge sowie die wachsende Konkurrenz durch (preisaggressive) Online-Formate und Shops der eigenen Lieferanten.

Rimowas Ausfräumaktion

Bestes Beispiel: die Aufräumaktion des Kofferriesen Rimowa Ende 2018. Viele Fachhändler, die jahrelang Rimowa-Koffer verkauften, zeigten sich frustriert. Verständlich, denn sie hatten sich die künftige Ausrichtung der Kölner Traditionsfirma unter dem neuen französischen Eigentümer LVMH sicherlich anders vorgestellt. Mitte März letzten Jahres kündigte der weltgrößte Luxuskonzern allen 550 Rimowa-Händlern in Deutschland für Ende September den Vertrag. Pro Laden hätten Fachhändler jährlich einen Mindesteinkaufswert von 200.000 Euro erwirtschaften müssen. Außerdem verlangen die Franzosen, dass sie mindestens 20 Quadratmeter Platz im Laden für die Koffer bereitstellen und zwei weitere Top-Marken führen. Ein Schock, der manch einem Händler nicht nur schlecht bekam, sondern am Ende sogar die Existenz kostete.

„Klassisch wird immer noch das meiste Reisegepäck in den Warenhäusern und bei den Lederwarenhändlern verkauft. Der Sportfachhandel bedient sich hier mehr dem multifunktionalen Reisegepäck, welches mit den klassischen Themen besetzt wird, aber auch die sogenannten Daypack´s finden ihren Platz in den Regalen“, so die Meinung von Thomas Syring, Sales Director Central Europe bei Thule. Der Weltmarktführer für den Transport von Sportartikeln im PKW-Bereich startete 2015 zur OutDoor-Messe mit Thule 2.0, einer Auswahl an Transporttaschen fürs Bike und Technical Backpacks für die aktive Familie, den Sportler oder den reinen Freizeitaktivisten. Schon damals wusste man, worauf aktive Reisende in Sachen Gepäck Wert legen, „Passgenauigkeit und eine hohe Qualität sind der Erfolgshebel, um bei den Endkonsumenten zu punkten. Beide Attribute beherrschen wir seit vielen Jahren im Bereich von Automotive und setzten diese sehr konsequent in allen neuen Produktbereichen um. Gerade bei den Technical Backpacks gibt es nichts Schlimmeres, wenn der lang ersehnte Outdoor-Trip durch schlecht passendes Equipment zum Ärgernis wird.“

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Viele praktische Verstaulösungen und Raum für kleine Accessoires – Thule setzt bei seinen Gepäckmodellen auf Multifunktion.
© Thule

Sportartikelhersteller sorgen für spannende Reisetaschen-Kollektionen

Sportfachhändler wiederum passen ihr Sortiment entsprechend an. Sportmarken scheinen inzwischen vielen renommierten Reisekoffer-Herstellern die Stirn zu bieten. Nicht nur, weil wie im Fall Rimowa Taschen generell fast nur noch Online, in Kaufhäusern, aber generell so gut wie gar nicht mehr im Fachhandel erhältlich sind, sondern auch, weil sie die Bedürfnisse der zunehmend aktiven, sportlichen Zielgruppe viel besser verstehen. Schließlich wissen Sportmarken, wo-rauf es beim aktiven Reisen ankommt und setzen dementsprechend die „Wünsche“ des Kunden um, „ein sehr spannendes Thema, einerseits boomen Reiserucksäcke mit hoher Einsetzbarkeit; hier können und wollen wir mit dem Komfort unserer Tragesysteme punkten. Das ist spätestens dann wichtig, wenn man mehr als 15 kg auf dem Rücken trägt. Auf der anderen Seite sind wir auch in der Lage, innovative Rollkoffer anzubieten, da wir natürlich das ganze Wissen von der Konzernmutter Samsonite nutzen“, erklärt Lars Föll, General Manager Europe bei Gregory.

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Die Qual der Wahl haben Kunden bei Gregory, mit einer enormen Auswahl an Reisegepäck.
© Gregory

Ähnlich sieht man das auch bei Ortlieb, die Reisegepäck als wichtiges Feld, vor allem auch im Sportfachhandel, sehen, schon allein, „um neue Kunden zu gewinnen, die sonst eher keinen direkten Bezug zum Sportfachhandel hätten. Gerade im Hinblick auf jüngere Zielgruppen ist diese Positionierung von Interesse, da die Kombination von Reise und Aktivität hier sicherlich auch am ausgeprägtesten ist“ erklärt Martin Esslinger, Director Sales bei Ortlieb. Wenn Sportmarken auf den Zug aufspringen, ziehen Händler natürlich nach. Angefangen bei Globetrotter, der sich von Anfang an der Reise-Zielgruppe verschrieben hat, bis hin zu Intersport- und Sport 2000-Händlern oder kleineren Shops, die sich damit ein Zusatzgeschäft versprechen. Kein Wunder also, dass viele Händler ihr Sortiment entsprechend anpassen.

Planet Sports spricht mit Surf- und Snowboardbags Actionsports-Kunden an, Trolleys, Daypacks und Taschen von Burton, Dakine oder Roxy, werden jedoch zunehmend von der jüngeren Zielgruppe anvisiert. Mit Erfolg, so zählt Gepäck zu den Umsatzbringern. Für die Outdoormarke Jack Wolfskin spielt das Thema schon immer eine entscheidende Rolle. „Das Reiseverhalten hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die Menschen möchten heute viele kleine individuelle Abenteuer erleben und benötigen dafür mehr als einen klassischen Trolley im Koffer-Design. Für den aktiven Urlaub oder „Work & Travel“ muss ein Koffer mehr können. Hier kommt unsere Outdoor-Kompetenz ins Spiel.
Mit der Einführung der Frontier-Serie haben wir 2017 den Trend nach Flexibilität auf längeren Reisen aufgegriffen“, Dirk Hondrich, Director Equipment bei Jack Wolfskin.

Haltbar, robust, vielseitig einsetzbar und nachhaltig.

Tatsächlich setzen sich immer mehr Hersteller sogar im Taschenbereich mit dem Thema Umweltschutz auseinander. Neben der Produktion in Europa kommen recycelte Materialien ins Spiel und das Thema Haltbarkeit. „Für Eagle Creek hat das Thema Reisegepäck höchsten Stellenwert, weil wir uns komplett auf das Segment spezialisiert haben. Wir legen bei der Produktentwicklung Wert auf die Verwendung nachhaltiger Materialien, setzen auf Haltbarkeit, einfache Organisation des Gepäcks und auf vielseitige Einsatzmöglichkeiten“, so Benjamin Rex, Marketing Manager Eagle Creek. Und weiter: „Das Bewusstsein der Kunden für nachhaltige Produkte nimmt zu. Sie sind bereit für Produkte mit nachhaltigen Materialien mehr Geld auszugeben.
Das Thema Gepäckorganisation wird immer wichtiger. Leute verreisen vermehrt mit Handgepäck und investieren in möglichst vielseitig einsetzbares Reisegepäck. Durch Kompressions- und Packtaschen lässt sich der begrenzte Stauraum optimal ausnutzen und organisieren.
Ich habe den Eindruck, dass Pack-It-Systeme aktuell besonders gefragt sind, da es durch Serien wie „Aufräumen mit Marie Kondo“ plötzlich angesagt ist, seine Kleidung akkurat zu ordnen und zu organisieren.“

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Mit dem Pack-it-System hat Eagle Creek den Nerv der Zeit getroffen. Mittels verschiedener Taschensysteme lassen sich Sachen fürs Reisen perfekt verstauen, vom Sportschuh bis hin zu Socken.
© Eagle Creek

Kleine Details, wie Taschen und praktische Lösungen für bessere Organisation und einfacheres Handling stehen beim Kunden also hoch im Kurs. Ganz nebenbei geht es dann noch um den maximalen Schutz vor Stürzen und bei grobem Handling. Wasserabweisendes Material sorgt dafür, dass innen alles schön trocken bleibt. Der aktive Reisende von heute passt seine komplette Ausrüstung, vom Outfit bis hin zum Koffer oder Daypack, an seine Bedürfnisse an. Deswegen wird er sich zunehmend dort mit Ware eindecken, wo er generell sowieso unterwegs ist. Seitdem Gepäck im Sportfachhandel nicht mehr nur die Wünsche extrem sportlicher Kunden abdeckt, sondern generell aktive Menschen ansprechen möchte, wird das Thema auch zunehmend dort besprochen. „Ich weiß auch durch konkrete Zahlen, dass die Anzahl der Fachhändler für Reisegepäck runtergeht, gleichzeitig wächst der Markt für das Segment. Somit wird sich die Nachfrage in andere Kanäle verlagern und einer der Gewinner wird der Sport- und Outdoor-Fachhandel sein. In Großbritannien z.B. ist die Kategorie Reisegepäck bereits das zweit-stärkste Segment innerhalb des Rucksack/Taschen-Angebots im dortigen Handel“, so Lars Föll, General Manager Europe bei Gregory.

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Leihen statt kaufen: iRent it von Vaude. Angeboten wird dieser Service online sowie in allen Vaude Stores bundesweit als auch im Vaude Fabrikverkauf am Firmensitz in Tettnang.
© Vaude

Welche Trends sind momentan gefragt?

„Multifunktionale Rucksäcke mit Komfort und viel Organisation sind weiter sehr gefragt. Zudem sollte der Handel sich verstärkt mit konkurrenzfähigen Rollkoffern beschäftigen, d.h. insbesondere leichte wie aber auch gut manövrierbare Modelle. Dies muss um Sport- und Outdoor-spezifische Funktionalitäten ergänzt werden. Ein Beispiel dafür ist das ActiveShield-Fach, worin die dreckige Ausrüstung von sauberen Sachen getrennt transportiert werden kann“, so Föll.

Generell suchen Kunden nach Produkten, die sich auch nach dem Verlassen des Flughafen-Terminals oder des Bahnhofsvorplatzes komfortabel nutzen lassen. Vielseitigkeit, Komfort, Leichtigkeit, Stabilität, kombiniert mit sinnvollen, praktischen Details – wie z.B. Laptop-Fach oder Anti-Diebstahl-Funktionen, wie sie von Pacsafe angeboten werden. Ähnlich sieht man diesen Trend auch bei Deuter: „Es wird so viel gereist wie noch nie. Hier hat sich das Verhalten der Kunden in den letzten Jahren radikal verändert. Ob nun ein dreitägiger Businesstrip, eine Städtereise oder eine Weltreise. Für alles brauchen wir intelligente und funktionale Reisebegleiter – und genau darüber haben wir uns Gedanken gemacht. Ob nun der Manager, der Arzt, der Student oder der Athlet – alle sind ständig unterwegs in ihrem beruflichen Alltag. Und viele davon leben privat den Outdoor Lifestyle und schätzen funktionelle Produkte, welche sie oft nur von technischen Outdoormarken geboten bekommen. Outdoorspezialisten sind die Einkaufsquelle dieser Zielgruppen, denn sie wissen, dass sie dort Produkte finden, die eben nicht von der Stange sind, sondern Produktdesigner und Entwickler sich genau mit den Bedürfnissen auseinandergesetzt haben. Deshalb sind wir uns sicher, dass wir mit unserer Serie dem Sport – und Outdoorfachhandel neue Potentiale eröffnen,“ so Deuter-Geschäftsführer Martin Riebel.

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Pacsafe setzt beim Thema Reisegepack auf verschiedene Sicherheitssysteme.
© Pacsafe

Für Thomas Ryll von Pacsafe fällt auch die passende Inszenierung auf der Fläche ins Gewicht. Zum Beispiel die Ausstellung eines City-Outfits kombiniert mit einem stylischen Pacsafe-Rucksack, weil die intelligenten Sicherheits-Features nicht nur auf Reisen, sondern auch im städtischen Alltag Handy und Portemonnaie schützen, beispielweise in der überfüllten U-Bahn oder in einem gut besuchten Café. Dazu sollten die Reisebegleiter nach Möglichkeit leicht und stabil sein sowie Spielraum beim Packen bieten, damit sie sowohl für den Gebrauch in der Stadt als auch für Aktivitäten und kleine Abenteuer zwischendurch einsetzbar sind. „Wir erkennen, dass die Nachfrage nach Soft Bags bzw. Hybriden Modellen beim rollenden Gepäck steigt.
Außerdem sind wieder deutlich mehr Rucksäcke auf den Gepäckbändern zu sehen“, fügt Hondrich hinzu.

Astrid Schlüchter

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Autor: Astrid Schlüchter

Redaktion Süd sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 08 / 2019